Nr. 27: Evakuierung aus Gumbinnen im August 1944, Flucht im Januar 1945 aus Braunsberg über das Haff und durch Pommern nach Schleswig-Holstein.

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Erlebnisbericht von Frau I. K. aus Gu m binnen i. Ostpr.

Original, 14. Juni 1948. Aus einem Dankschreiben an ausländische Hilfsorganisationen.

Wir sind Flüchtlinge aus der Grenzstadt Gumbinnen in Ostpreußen. Nachdem im Juli 1944 die Luftgefahr sehr zugenommen hatte, wir oft stundenlang im Luftschutzkeller zubringen mußten und größere Luftopera-


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tionen erwartet wurden, evakuierte man Frauen, Kinder und gebrechliche Personen vorsorglicherweise in die nähere Umgebung der Stadt. Nach drei Tagen, am 1. August 1944 in den Abendstunden, wurden wir wieder nach Gumbinnen zurückgeholt, um uns für einen Weitertransport am nächsten Tage vorzubereiten. Einen Teil der Nacht verbrachten wir im Luftschutzkeller. In den Zwischenpausen packte ich das Notwendigste an Wäsche, Kleidungsstücken, Betten, Gebrauchsgegenständen zusammen. Es durften nur 5—6 größere Gepäckstücke mitgenommen werden. In den Morgenstunden stellten wir dann die gepackten Sachen, mit Namen versehen, vor die Haustür. Zum Abtransport wurden Lastkraftwagen zur Verfügung gestellt. Straßenweise wurden die Gepäckstücke abgeholt und zur Bahn gefahren. Mit Bekannten begaben wir uns zur Bahn, ohne zu ahnen, daß wir unsere Stadt, unsere Wohnung, unser Hab und Gut und alles, was uns lieb und teuer war, was wir uns in jahrelanger Arbeit beschafft hatten, nie mehr sehen würden.

Um 11 Uhr vormittags fuhr der Transportzug ab. Wir kamen in die Stadt Braunsberg, etwa 100 km von der ostpreußischen Grenze entfernt, hin. Der Zug benötigte zur Überbrückung dieser an sich kurzen Entfernung ca. 15 Stunden, so daß wir erst um ca. 4 Uhr morgens am Bestimmungsort eintrafen. Luftalarme, Wehrmachtstransporte usw. waren die Ursache der Störungen. Von meinem Mann, der im Brückenkopf Memel-Ostpreußen eingesetzt und eingeschlossen war, hatten wir schon lange keine Nachricht. Bis Mitte Januar 1945 wußten wir noch nicht, in welcher Gefahr wir uns befanden, da alle diesbezüglichen Gerüchte durch Presse und Rundfunk dementiert oder zumindest abgeschwächt wurden. Groß war unsere Freude, als uns mein Mann, der als Kurier eingesetzt war, am 20. Januar auf einen Tag besuchte.

Am 21. Januar ließ uns unser Quartiergeber sagen, daß wir uns für Dienstag, den 23. Januar, zum Abtransport nach der Stadt bereit halten sollten. Mein Mann mußte uns, trotz der großen Gefahr, in der wir schwebten, verlassen, ohne uns helfen zu können. Am Tage, noch besser in den Abendstunden, war der Kanonendonner von der Kampffront zu hören. In der Stadt Braunsberg herrschte eine nervöse Unruhe; es war ein Hasten und Jagen, niemand wußte, was er beginnen sollte. Die Nacht verbrachten wir schlaflos, weil der Kanonendonner immer näher rückte. Am Morgen sollte ein Transportzug nach der Provinz Sachsen abgehen. Vorsorglicherweise ließ ich mein Gepäck zur Bahn bringen, aber es wurde nicht mehr angenommen. Es wurde uns erklärt, daß der Flüchtlingszug seit Sonntag zur Abfahrt bereit stände, aber nicht ausfahren könne, weil die einzige Ausfahrtstraße nach dem Reich, Braunsberg— Elbing, unter feindlichem Artilleriebeschuß liege. Wir blieben bei meiner Schwester, die ebenfalls in Braunsberg untergebracht war. In der Stadt selbst begann es unheimlich zu werden, etwas Furchtbares schwebte über der Stadt. Wir legten uns in Kleidern zur Ruhe, aber Kanonendonner ließ uns nicht zur Ruhe kommen. Die Flüchtlinge wurden durch Lautsprecherwagen immer wieder zur Ruhe gemahnt, es hieß, es bestände keine unmittelbare Gefahr für die Einwohner. In den Morgenstunden hörten wir dann Maschinengewehrfeuer. Erst später erfuhren wir, daß russische Panzerspitzen bis an den Stadtwald herangekommen, aber von unsern Truppen zurückgeschlagen worden waren.


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In den Vormittagsstunden des 27. Januar begab ich mich zur Stadtmitte, um Lebensmittel einzukaufen. Es war ein bitterkalter Wintertag. Über der Stadt lag ein Alpdruck, man glaubte, in dem nächsten Augenblick müsse Schreckliches passieren. Ohne etwas eingekauft zu haben, wollte ich nach Hause gehen, als ein Lautsprecherwagen auf dem Marktplatz Anweisungen für Frauen, Kinder und gebrechliche Personen zur Flucht gab. Schnell begab ich mich zur Wohnung meiner Schwester, die mit meinen beiden Mädeln, 16 und 3 1/2 Jahre alt, voll Unruhe auf mich wartete. In meiner Abwesenheit gingen Helfer der Volkswohlfahrt von Haus zu Haus und forderten Frauen und Kinder zur sofortigen Flucht auf. Es wurden Trecks zusammengestellt, die in Richtung Heiligenbeil in Marsch gesetzt wurden. In der Straße stand ein Trecker mit Anhänger. Da ich annehmen mußte, daß auch diese Menschen flüchten wollten, stieg ich mit meiner großen Tochter in den Anhänger ein; meine Schwester reichte mir mein kleines Mädel zu und warf schnell noch eine Steppdecke auf den Wagen. Insgesamt befanden sich 30 Personen in diesem Lastzug. Es herrschte eine grimmige Kälte, dazu noch Schneegestöber, es zog von allen Seiten, bald spürten wir unsere Füße nicht mehr. Am meisten hatte mein kleines Mädel unter der schneidenden Kälte zu leiden. Eine Mitfahrerin schenkte dann jedem von uns ein Paar wollene Socken, wir selbst waren auf diesen harten Fluchtweg nicht vorbereitet und konnten nur ein kleines Köfferchen mit den allernotwendigsten Sachen mitnehmen.

Als wir ca. 500 m vor dem Ort Leysuhnen am Frischen Haff waren, versagte der Trecker infolge der hohen Schneewehen, auch 4 Pferde, die herangeholt wurden, konnten die Zugmaschine nicht fahrbereit bekommen. Es blieb uns nichts anderes übrig, als den Weg zur nächsten menschlichen Ansiedlung zu Fuß zurückzulegen. Meine kleine Tochter mußte ich tragen. Es war kein Gehen, sondern nur noch ein Humpeln. Es dunkelte bereits, als wir im Gasthof der Ortschaft landeten. Die Räume waren schon von Flüchtlingen überbelegt. Ich versuchte, die Füße meiner kleinen Tochter zu erwärmen. Auch das offene Herdfeuer vermochte es nicht. Erst nach ca. l 1/2 Tagen erwärmten sie sich langsam. Zum Schlafen wurde Stroh hereingeschafft, und verpflegt wurden wir aus der Wehrmachtsküche.

Nachdem wir drei Tage lang in diesem Quartier zugebracht hatten, die Lage immer kritischer wurde,keine Aussicht bestand, aus diesem Dorf herauszukommen, schloß ich mich einem ostpreußischen Bauern an, der am Dienstag, den 30. Januar, auf eigene Verantwortung den Übergang über das kaum vereiste Frische Haff wagte. Er hatte noch vier Polenfamilien, die ebenfalls vor den Russen Angst hatten, bei sich. Um 9 Uhr morgens setzte sich der Treck in Bewegung! Im ersten Wagen saßen die 18-jährige Tochter des Bauern und mein kleines Mädel, schön warm in Decken eingepackt. Die Bauersfrau, ihr 12-jähriger Sohn, meine große Tochter und ich hatten uns Wolldecken über den Kopf gehängt, um uns vor der schneidenden Kälte zu schützen, und gingen hinterher. Da der Schnee sehr hoch auf Eis lag, war es nur ein mühsames Vorwärtsbewegen, bald blieben wir ca. 100 m von den Fahrzeugen zurück, aus der Richtung von Königsberg her grollte unheilvoll der Kanonendonner über das Haff. Wir hatten etwa 5 km zurückgelegt, als ich vor Schreck gelähmt stehenblieb und nicht einmal schreien konnte. Ich sah die Pferde und die Vorderräder des Wagens, auf dem sich mein kleines Mädel und die Bau-


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erntochter befand, versinken. Der Bauer hatte die Fahrtrichtung verloren, und der Wagen war in eine Eisspalte geraten. Wie die Bauerntochter mein kleines Mädel so schnell aus dem sinkenden Fahrzeug herausbekommen hat, ist mir heute noch ein Rätsel. Das kleine Kind, aus den wärmenden Decken gerissen, konnte sich nicht mehr erwärmen, aber es half alles nichts, wir mußten zurück, um nicht zu erfrieren. Vollkommen erschöpft kamen wir wieder im Gasthaus an. Jetzt erst wurden die Pioniere der Wehrmacht eingesetzt, die Bohlen und Pontons über die Eisspalten legten. Am Mittwoch setzte Frostmilderung ein. Am Donnerstag wurde das Haff zum Übergang freigegeben. Da setzte Tauwetter ein, und auf dem Haff bildete sich eine ca. 20 cm tiefe Wasserschicht an. Ein Übergang zu Fuß über das Haff war also vollkommen unmöglich.

Am Freitag wurde unser Quartierort Leysuhnen zur Hauptkampflinie erklärt, und alle Zivilpersonen sollten den Ort verlassen. Das Gasthaus wurde zum Lazarett umgewandelt. Ein weiteres Verbleiben in diesem Ort war also unmöglich. Wo sollten wir nun aber bleiben? Nach Braunsberg durften wir auch nicht mehr zurück, weil die Stadt mit Flüchtlingen überfüllt war. Der Weg über das Frische Haff und der 95 km lange Nehrungsweg bedeuteten den sicheren Tod, erklärten uns Offiziere der Wehrmacht. Es blieb uns nichts anderes übrig, als mit dem Treckerzug, der inzwischen flott gemacht worden war, nach Braunsberg zurückzufahren (etwa 20 Personen). Wir mußten uns im Fahrzeug ganz ruhig verhalten, um bei den Wehrmachtskontrollen nicht aufzufallen, die keine Zivilpersonen nach Braunsberg zurückließen. Der Fahrer erklärte den Kontrollen, daß er Munition für die Wehrmacht hole. So landeten wir am 2. Februar nach mehreren vergeblichen Versuchen, über das Haff zu kommen, wieder in Braunsberg. Inzwischen hatte sich meine Schwester, die uns in Sicherheit glaubte, zu Fuß auf die Flucht gemacht. Die Wohnung war von anderen Flüchtlingen belegt worden. Das Zimmer meiner Schwester wurde uns aber zur Verfügung gestellt. Die Bevölkerungszahl in der Stadt war durch den andauernden Zuzug von Flüchtlingen auf das 4- bis 5-fache angestiegen. Elektrisches Licht gab es nicht mehr. Es war fast ein Ding der Unmöglichkeit, Brot zu bekommen. Man konnte von Glück sagen, nach 2-stündigem Anstehen ein heißes Brot erwischt zu haben. Während dieser Wartezeiten gab es Bombenangriffe und Bordwaffenbeschuß. Nachdem wir nachts 6 mal den Luftschutzkeller aufsuchen mußten, sind wir beim 7. Alarm nicht mehr in den Keller gegangen. Durch all die Ereignisse so zermürbt, öffnete ich den Gashahn. Leider oder Gott sei Dank war nur noch so viel Gas in der Leitung, um kaum eine Tasse Tee wärmen zu können.

Am Montag, den 5. Februar 1945, einem herrlichen sonnigen Wintertag, wurden wir durch Bombenabwurf eines feindlichen Flugzeuges erschreckt. Das Flugzeug verschwand dann wieder, und wir beruhigten uns. Da wir unsere Lebensmittelkarten, die während der Zeit unserer ersten Fluchtversuche ausgegeben worden waren, noch nicht hatten, begaben sich zwei Flüchtlingsfrauen und meine größere Tochter zur Ausgabestelle, um die Karten in Empfang zu nehmen. Die drei hatten sich kaum aus dem Hause entfernt, als Bombenabwurf auf Bombenabwurf erfolgte. In einer kleinen Atempause wurden auch schon die ersten Verletzten in unsèrn Keller gebracht. Auch unsere drei, die auf dem Wege zur Kartenstelle waren, kamen verstaubt und erschreckt zurück.


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Die Bombenabwürfe dauerten, mit geringen Unterbrechungen, bis in die Mittagsstunden hinein; selbstverständlich durften wir während dieser Zeit den Keller nicht verlassen. Es folgte dann eine größere Pause, in der wir frische Luft schöpfen konnten.

Während dieser Pause wurden die Flüchtlinge durch Lautsprecherwagen aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Wie ein Ertrinkender klammerte man sich an jeden Strohhalm, um aus der Stadt herauszukommen. Um Näheres zu erfahren, eilte ich im Laufschritt über Glas- und Bombentrümmer hinweg zur nächsten, etwa 10 Minuten von unserm Quartier entfernten NSV.-Stelle. Hier brachte ich in Erfahrung, daß Lastkraftwagen und Trecks an der Frauenburger Chaussee bereitständen und Anweisung hatten, uns mitzunehmen. Auf dem Rückweg, ich hatte etwa den dreiviertel Teil des Weges zurückgelegt, vernahm ich Flugzeuggeräusche. Unter einer Linde stehenbleibend überlegte ich blitzschnell, ob ich stehenbleiben oder weiterlaufen sollte. Schließlich rannte ich, um mein Leben kämpf end, 20 m weiter zum nächsten Haus. Ich hatte nicht mehr die Zeit und die Kraft, die Türe schließen zu können, da setzte auch schon der Bombenhagel ein; gleichzeitig wurde jeder, der sich auf der Straße sehen ließ, mit Bordwaffen beschossen. Nach dem Abflug der Flugzeuge wurden die Verwundeten aus den Kellern in unbeschädigte Häuser gebracht. Vor der Linde, unter der ich ursprünglich Schutz gesucht hatte, sah ich einen Kraftwagen lichterloh brennen. Bis zu meinem Quartier war es nicht mehr weit. Ich sah dieses Haus in eine große Staubwolke eingehüllt. Gott sei Dank fand ich meine Kinder unverletzt vor. Sie hatten nur einen ordentlichen Schreck bekommen, und sie waren über und über mit Schutt und Ziegelstaub bedeckt. Eine Bombe war 3 m vom Hause entfernt in den Garten gefallen und hatte die Insassen des Luftschutzkellers ordentlich durcheinander gewirbelt. Dann setzten wieder bis in die Abendstunden hinein Bombenabwürfe und Bordwaffenbeschüsse ein.

Kein Flüchtling war in der Lage, dem Aufruf, die Stadt zu verlassen, zu folgen. Schon während der Bekanntmachung lag auch die Frauenburger Chaussee unter feindlichem Artilleriefener. An diesem Tage sind viele ostpreußische Kleinstädte wie Zinten, Mehlsack fast dem Erdboden gleichgemacht worden. Während der Nacht saßen wir im Luftschutzkeller, ohne ein Auge zuzumachen, niemand konnte uns helfen. Flakoffiziere, die ihre Kanonen auf dem Hof eingebaut hatten, rieten uns, in den Morgenstunden die Stadt zu verlassen. Sie beschafften auch zwei Fuhrwerke und brachten uns zum Stadtrand. Aber schon auf dem Hinwege kamen uns Soldaten und Flüchtlinge entgegen, die nicht weiter kamen. Wir sahen das Sinnlose unseres Unternehmens ein und ließen uns wieder in unser Quartier zurückfahren. Ich packte mein kleines Mädel warm in Decken ein, setzte es in einen Sportkinderwagen, packte weiter ein kleines Köfferchen mit den allernotwendigsten Sachen, und dann wollten wir, zusammen mit einer Flüchtlingsfrau aus Osterode, zum letzten Male versuchen, aus Braunsberg herauszukommen. Meine große Tochter war schon so erschöpft und verzagt, daß sie an keine Rettung mehr glaubte. In der Mitte der Stadt entdeckte die Osteroder Flüchtlingsfrau in einem Wehrmachts-Lastkraftwagen einen Bekannten aus ihrer Heimatstadt. Obwohl dieser Kraftwagen bis oben hin voll mit Reis für die Truppen in Heiligenbeil beladen war, durften wir mit, hatten allerdings kaum Platz, uns flach auf die Reissäcke zu legen.


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Auf diese Art kamen wir bis nach Heiligenbeil und später mit viel Mühe und Not zum zweiten Male zum Haff Übergangsort Leysuhnen. Durch Vermittlung eines Wehrmachtsarztes erhielten wir bei Fischersleuten ein Notquartier. Am nächsten Morgen wurden uns am Haffufer Plätze auf Bauernwagen zugewiesen. Leider wurde ich für eine Zeit von meinen Kindern getrennt. So begann unsere Reise durch einen Teil unseres Vaterlandes, leider anders, als wir es uns je erträumt hatten. Schauerlich spiegelten sich die hell brennenden Städte Braunsberg und Frauenburg auf dem Eise wider. Das erste Dorf, das wir nach gelungenem Haffübergang passierten, war Neukrug, ein kleines Fischerdorf. Da der Ort vollkommen mit Flüchtlingen, Verwundeten und Wehrmacht überbelegt war, fanden wir, zusammen mit 30 anderen Leidensgenossen, nur noch in einer Räucherkate Unterschlupf. Der enormen Kälte wegen waren wir gezwungen, ein wärmendes Feuer zu halten; leider hatte die Kate keinen Rauchabzug, so daß wir den beißenden Qualm in die Augen bekamen. Ein öffnen der Eingangstür war unmöglich, da Flugzeuge überall da, wo sich Licht zeigte, unweigerlich ihre Bomben abwarfen. Nachts hörten wir die Hilferufe der auf dem Eise beim Übergang eingebrochenen Personen. Es war nicht möglich, ihnen Hilfe zu bringen, denn erstens war des Nachts nichts zu sehen, und wenn zweitens mit Laternen gearbeitet wurde, waren sofort feindliche Flugzeuge zur Stelle. So ging auch diese Nacht, die wir stehend zubrachten, weil der Raum zu klein für die große Personenzahl war, vorüber.

Dann ging die Reise dem Ostseebad Kahlberg zu. Über unsere Köpfe hinweg bahnten sich die Artilleriegeschosse der Marineartillerie ihren Weg. In Kahlberg fanden wir am Strande, auf Decken liegend, erschöpfte Greise und Greisinnen, die nicht weiterkonnten, weil sie nicht mehr die Kraft dazu hatten.

An diesem Tage hatte ich noch ein erschütterndes Erlebnis. In der Nähe der Strandhalle Steegen stand einsam und verlassen ein Kinderwagen mit einem toten Kind. Die Mutter mußte es wohl zurücklassen, weil sie ihm nicht mehr helfen konnte. In der Strandhalle fanden wir noch notdürftig Unterkunft. Hunger und Durst quälten uns, es gab dort keine Verpflegungsstelle. Der Durst wurde mit Schneewasser gelöscht.

Von Kahlberg ging es weiter nach Schönbaum an der Weichsel. Unterwegs hörten wir, daß man mit der Bahn besser und müheloser weiterkäme. Wir konnten uns durch die tagelange Treckfahrt kaum noch aufrechthalten, und ich begab mich zur NSV.-Stelle in Karthaus, um erschöpfende Auskunft einzuholen. Unser Treck hatte Anweisung zum Essenempfang, und diese Pause nahm gewöhnlich 2 Stunden in Anspruch. Als ich zum Treck zurückkehrte, war von der Wagenkolonne nichts mehr zu sehen. Da ich aber die Reiseroute kannte (Stolp/Pommern), kam ich einigermaßen auf den Weg. Leider nahm das Nachfragen eine geraume Zeit in Anspruch, und ich verlor so wertvolle Zeit. Erwähnen möchte ich hierbei noch, daß meine beiden Mädels mit dem Treck mitgefahren waren und nicht wußten, daß ich abwesend war. Daß ich den Treck doch noch einholte, hatte ich dem Umstand zu verdanken, daß sich der Eisenreifen eines Rades löste und der Schaden erst behoben werden mußte, ehe die Weiterreise angetreten wurde. Nach den Auskünften in Stutthof,


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Karthaus hatte ich kein Verlangen mehr, mittels Bahntransport weiterbefördert zu werden. Die Züge waren in den meisten Fällen überfüllt, gingen mit unberechenbaren Verspätungen oder überhaupt nicht mehr ab, da auch diese Städte und Orte im Aktionsbereich der feindlichen Flugzeuge lagen. Auch die Kampffront — es waren schon mehrere Kessel gebildet worden — hatte sich bis nach Pommern verlagert.

So ging es Tag für Tag durch viele Orte weiter bis nach Langenberg an der Oder. Hier sollten wir übergesetzt werden. Wir warteten an einem Tage vom frühen Morgen bis Mitternacht darauf. Auch hier gab es noch einen Fliegergroßalarm. Die Übergangsstelle wurde nicht angegriffen, dafür gab es einen Großangriff auf Stettin. Tag für Tag, Woche für Woche ging es so weiter bei Eis und Schnee, bei Sturm und Regen, bei kristallklarem Frost und manchmal auch Sonnenschein. So manches Mal waren wir bis auf die Haut durchnäßt, die Kleider mußten am Leibe trocknen, es blieb nichts anderes übrig. Nur des Nachts gab es wenige Ruhestunden zur Entspannung. Verpflegt wurden wir in einzelnen Ortschaften, aber infolge der unregelmäßigen Mahlzeiten revoltierten Magen und Darm oft, und die Widerstandskraft der Körper erlahmte zusehends. Hervorheben möchte ich die Hilfsbereitschaft der Wehrmachtsangehörigen. Sie taten ihr Möglichstes, um den Flüchtlingen zu helfen. Auch in einzelnen Dörfern der durchfahrenen Provinzen gab es hilfsbereite und gute Menschen, die uns gut aufnahmen und verpflegten, und hier wiederum waren es gerade die Schichten der ärmeren Bevölkerung, die sich unser hilfreich annahmen. Unsere Flucht im Pferdetreck führte uns durch das restliche Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Mecklenburg, Herzogtum Lauenburg nach Schleswig-Holstein, wo wir am 28. März 1945 körperlich und seelisch vollkommen erledigt eintrafen. Es folgen einige abschließende allgemeine Betrachtungen.


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5. Die Vorgänge in Königsberg und im Samland von Januar

bis April 1945.