Nr. 29: Erlebnisse und Zustände in Königsberg vom Januar 1945 bis nach der Einnahme der Stadt durch die Russen im April 1945.

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Erlebnisbericht der Hausfrau A. F. aus Königsberg i. Ostpr.

Original, 25. November 1952, 36 Seiten. Abdruck des 1. Teiles.

Mitte Januar 1945. Erneuter Einbruch der Russen in Ostpreußen. Fliegerangriffe und Bombenabwürfe über Königsberg nehmen zu. Größte Gefahr für Königsberg. Die Personenzüge haben stundenlange Verspätungen. Truppentransporte gehen vor. Die Stadt ist voll von Zivilbevölkerung. Ein großer Teil der Menschen aus der Provinz ist in die Stadt geflüchtet. Von hier aus wollen sie weiter ins Reich. Ein aufregendes Leben und Treiben in den Straßen der Stadt. Die Menschen laufen von einem zum andern, um zu hören, was der einzelne zu tun gedenkt. Wer Telephon hat, erledigt dieses telephonisch.

Es folgen mehrere vorgreifende Reflexionen über das bevorstehende Schicksal, danach fährt Vfn. in der Schilderung fort:

Die Menschen, die zur Flucht die Eisenbahn noch benutzen konnten und ins Reich kamen, sind vielem aus dem Wege gegangen. Nicht alle Züge erreichten in den letzten Tagen des Januar noch das Reich. Eine kurze Strecke, und die Züge kamen nicht mehr weiter. Sie fuhren wieder nach Königsberg zurück. Wer will beschreiben, was sich auf den Bahnhöfen abspielte. Unzählige versuchten nun zu Fuß über das zugefrorene Frische Haff zu gehen. Die Menschen mit ihren Trecks fuhren gleichfalls über das Haff. Die Belastung der Eisdecke war zu groß. Viele fanden in der eiskalten Flut den Tod. Andere gingen über die Nehrung. Trotz Tiefflieger und Bordwaffenbeschuß. Wer kann die Opfer zählen, die allein schon diese Flucht erforderte. In Pillau stauten sich die Menschen, um per Schiff rauszukommen. Auch hier waren die


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Gefahren und Schwierigkeiten groß. Doch wer kümmerte sich darum, ob das Schiff auf Minen läuft oder nicht. Auch hier hatte der nasse Tod eine reiche Ernte.

Ich selbst konnte mich zu einer Flucht nicht entschließen, obwohl ich allein war. Meine 12 und 17 Jahre alten Töchter waren schon seit Anfang November 1944 aus Königsberg draußen. Die älteste Tochter, 20 Jahre alt, verließ Ende Januar 1945 mit ihrer Dienststelle die Stadt. Sie konnte mich auch nicht überreden, doch noch nach Berlin zu fahren. Mein Mann war tot. Ich zog es vor, in der Heimat auszuharren, als Hüter und Wächter unseres Hab und Gutes für meine Kinder, da ich bis jetzt noch mein Heim hatte.

In 14 Tagen hatte der Feind Ostpreußen überrannt, um vor Königsberg nun aufgehalten zu werden. In den letzten Tagen des Januar setzte nun auch die Beschießung der Stadt ein. Tag und Nacht ging das so. Meine Bekannten, die mir gegenüber wohnten, wollten schon nach 2 Nächten dem Beschuß aus dem Wege gehen und bei Bekannten in Metgethen eine Nacht sich ausschlafen. Ich sollte mit, doch an der Straßenbahnhaltestelle angekommen, entschloß ich mich doch, umzukehren, um nicht bewußt in eine drohende Gefahr zu laufen. Tiefflieger, Aufklärer kreisten unaufhörlich über der Stadt bei dem frostklaren Wetter (20 bis 22 Grad). Mein Entschluß, zurückzugehen, war richtig. Die Bekannten kamen nicht mehr zurück, sondern wurden in Metgethen von den Russen überrascht und mußten dort Schlimmes erleben. Der Hund kam nach 14 Tagen zurück. Sie selbst wurden verschleppt, der Mann erhängte sich unterwegs.

Ich wohnte am Oberteich. Unsere Straße war durch den ersten Angriff im August 1944 schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Unser Haus ein Doppelhaus mit je zwei Familien, war verschont geblieben und stand zwischen ausgebrannten Ruinen. Die Einwohner waren alle fort, und ich habe dann ohne Furcht paar Nächte ganz allein in meinem Keller geschlafen. Die mir angebotene Gastfreundschaft von Herrn Dr. K. wollte ich noch nicht in Anspruch nehmen. Der Kriegslärm kam immer näher. Das Einschlagen der Geschosse wurde aufdringlicher. Ob nun das alleinstehende Haus oder die in den Anlagen untergebrachten Geschütze durch Aufklärer ausgemacht waren, kann ich nicht beurteilen. In einer Nacht war ein besonders starker Beschuß. Es hörte sich so an, als ob jedes Geschoß über meinem Dach explodierte. Mit einem Male ein furchtbarer Krach. Ich überzeugte mich, ob unser Haus etwas abbekommen hatte. Es war nicht der Fall. Ich blieb bis zum Morgen liegen und stellte dann bei einem Rundgang draußen fest, daß der andere Eingang durch Einschlagen eines schweren Geschosses mit dem Treppenhaus abgerissen war. Jetzt entschloß ich mich doch, die angebotene Gastfreundschaft anzunehmen, und siedelte zu Herrn Dr. K. zunächst mit meinen Betten über. Dieses Haus hatte wunderbare Kellerräume, in denen schon mehrere Personen Unterkunft gefunden hatten, die in ihrem Haus nicht mehr allein sein wollten. Unser ganzes Leben spielte sich in diesen Kellerräumen ab.

Der Ring um Königsberg schloß sich immer enger. Die große Zahl an Zivilbevölkerung in der Stadt war einer großen Gefahr ausgesetzt. Die Partei entschloß sich zu Zwangsevakuierungen, und zwar mit allen Mitteln. Auch


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die sich weigerten, wurden mit Gewalt gezwungen. Die Aktion in letzter Minute . . . hat vielen das Leben gekostet. In den kleinen Fischerdörfern am Frischen Haff zusammengeballt, harrten die Menschen auf den Weitertransport, der nur schleppend unter großen Gefahren und Schwierigkeiten durchgeführt werden konnte. Diese Menschenmassen waren jedem Fliegerangriff, jedem Bordwaffenbeschuß ausgesetzt. Furchtbar war das Elend dieser Menschen.

In der Stadt wurden noch immer Laufgräben ausgehoben, und in den Ruinen die Keller von der Zivilbevölkerung (Mann und Frau) zur Verteidigung ausgeräumt. Die Lebensmittel gab es weiter auf Karten, was bis zum Schluß beibehalten wurde. Die Rationeu wurden nicht höher, aber der Druck der Partei... Es wurde auch am Tage immer lebensgefährlicher, die notwendigen Gänge und Besorgungen zu erledigen. In den Straßen sah man Soldaten der Division „Großdeutschland”, die auch in den verlassenen Wohnungen Quartier bezogen hatten. Sie glaubten anscheinend noch an Deutschlands Sieg, wenigstens sagten sie uns das. In den Nähstuben versuchte man Kleider und Wäsche für Flüchtlinge und Ausgebombte zu nähen sowie Strümpfe zu strikken. Durch die Zwangsevakuierung kam eine produktive Arbeit kaum zustande. Die Bevölkerung wurde blockweise weiter betreut. Jeder war zur Mitarbeit verpflichtet. Da M. durch Fliegerangriff im August 1944 zum Teil zerstört war und M. sich bis Rothenstein hinzieht, war eine Betreuung der Bevölkerung sehr schwierig. In den einzelnen kleinen Häusern waren besonders alte Leute nicht zu bewegen, mit den Nachbarn zusammeuzuwohnen. So mußte Haus für Haus und Keller für Keller durchgegangen werden, um die noch verbliebenen Menschen zu erfassen. Dagegen spielte sich das Leben auf den Hufen ganz anders ab. Die Straßen waren noch ziemlich erhalten geblieben. Die geschlossene Bauweise erforderte nicht die gefahrvolle Betreuung wie in den weitauseinanderliegenden Außenbezirken. Selbst das Einkaufen der Lebensmittel erforderte hier nicht den Weg von einer Viertelstunde und mehr wie bei uns. [Aber] die Art und Größe der Gefahr war überall die gleiche. Wie oft ging es an einem vorbei oder über den Kopf mit sissssss und klatsch — es war wieder mal gut abgegangen. Der Volkssturm kam auch zum Einsatz. Daß diese alten Männer, die auch jetzt ihre Pflicht kannten und taten, trotzdem versagen mußten, weiß der, der selbst dabei war oder diese Männer gesehen hat, in was für einem kraftlosen körperlichen und seelischen Zustand sie nach Hause kamen. Jede Anstrengung dieser Männer angesichts des anstürmenden und vorwärtsdrängenden Feindes mußte vergeblich sein. Ebenso jedes Opfer an Leben und Gesundheit.

Immer energischer wurde die Evakuierung durchgeführt. Die Menschen wollten nicht mehr raus, weil ein Abtransport ins Reich aussichtslos war. Sie hielten sich tagelang versteckt, um nicht erfaßt zu werden. Den Blockleitern wurde die Durchführung dieses Befehls nicht leicht gemacht. Ich selbst stand auch unter diesem Druck. Die Versicherung des Ortsgruppenleiters, daß man nur mein Bestes will und ich bestimmt zu meinen Kindern ins Reich komme, konnte mich nicht überzeugen. Es gelang mir, meinen Entschluß, nicht rauszugehen, durchzusetzen. Man verschonte mich mit weiteren Aufforderungen dieserhalb. Der Kampf um Königsberg wurde immer dramatischer. Tag und Nacht Fliegerangriffe. Sirenen gingen schon lange keine mehr. Am Brummen


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der Motore hörten wir schon den nahen Anflug der Flugzeuge. Am Tage Aufklärer und Tiefflieger mit ihren Bordwaffen, die auch in die Fenster der Wohnungen schossen. Das Sausen und Einschlagen großer und kleiner Geschosse gefährdeten das Leben von Menschen und Tier. Wohl waren schon viele Menschen aus Königsberg draußen. Ein oder der andere ist doch noch mit dem Schiff rausgekommen. Wieviel aber das Meer als Tribut von diesen Menschen gefordert hat, ist unfeststellbar.

Durch die Evakuierung war auch unsere Gemeinschaft kleiner geworden. Dank der Gastfreundschaft von Dr. K. und seiner Frau lebten wir in einer wohltuenden kameradschaftlichen Verbundenheit. Am Abend saßen wir um unser warmes Öfchen, strickten und nähten und erzählten dabei unsere Erlebnisse des Tages. Die Männer debattierten über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, bis uns Motorengeräusch in den Luftschutzraum trieb. Schon krachten die Einschläge der Bomben, so daß oft der Boden unter den Füßen erzitterte. Die Nerven waren aufs höchste angespannt, ob und wann das Schicksal uns ereilen würde. Abschuß und Einschuß der Geschosse waren schon deutlich hörbar. Das Knattern der Maschinengewehre ließ erkennen, daß der Feind immer näher kam. Leicht wurde es ihm nicht gemacht. Noch gaben unsere Soldaten ihr Bestes her.

Ende März mußte auch Dr. K. uns verlassen. Er hatte Befehl, mit seiner Praxis nach F. überzusiedeln. Der Abschied von ihm und seiner Frau fiel uns nicht leicht und war uns auch nicht gleichgültig. Wir konnten aber in seinem Haus bleiben. Am gleichen Abend wurde auch mein Haus von Bomben zerstört. Ich selbst war zufällig nicht in meiner Wohnung, auch nicht in der Küche von Dr. K., sonst wäre ich vielleicht heute nicht mehr am Leben. Ein Brand war nicht entstanden, so daß ich noch einige Sachen herausholen konnte. Diese Anstrengung war vergebens. Es ist anders gekommen. Doch bin ich zufrieden, daß Bomben alles vernichteten und nicht ruchlose Hände sich an meinen Sachen vergreifen konnten. Was ich vorher rübergebracht hatte, ist später allerdings restlos in die Hände des Feindes gefallen. — Wer kann schildern, als die Gefahr immer näher kam, wie man da lebte. Es erübrigt sich auch, da im Reich der Krieg genau so tobte. Die Aussichtslosigkeit einer Rettung und dadurch Wendung unseres Schicksals sah jeder. Trotzdem wollten wir dieses Ende bis zum letzten Augenblick nicht sehen, wie bei einem Sterbenden, der für uns erst dann verloren, wenn der letzte Atemzug getan ist.

In den letzten Tagen wurden auch Flugblätter vom Feinde abgeworfen. Man versprach uns die Zusammenführung der Familien, ein geordnetes Leben, die Soldaten sollten die Waffen niederlegen usw. Wie diese Propaganda gehalten worden ist, haben wir später erfahren. Die Partei tat ihr Letztes, sich der Zivilbevölkerung zu entledigen. In der Nacht vom 7. zum 8. April kam der Parteibefehl, daß die Zivilbevölkerung sofort in Richtung Westen (Juditten) die Stadt zu verlassen hat. Viele sind auch jetzt noch gegangen. Hofften sie doch noch, Rettung zu finden? In meinen Augen kam das einem Selbstmord gleich. Der Feind war im Anmarsch vom Westen auf die Stadt, und zwar in unmittelbarer Nähe. Der Kampf aller Waffengattungen hatte im höchsten Einsatz begonnen. Frau Sch. und ich gingen nicht mit. In unserer Straße war sonst kein Mensch mehr. Kurz entschlossen gingen wir zur Ortsgruppe, die in gutgesicherten Bunkern in Ruinen untergebracht war. Dort waren auch die


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Volkssturmmänner. Der Ortsgruppenleiter wollte uns zuerst nicht annehmen. Doch wir ließen uns nicht abweisen. Wo sollten zwei einzelne Frauen bleiben? In dieser Hauptverkehrsstraße war die Hölle los. Das ununterbrochene Dröhnen der Stalinorgel, das Sausen der Granaten und Geschosse und Einschlagen derselben, Flieger in der Luft, aufgeregtes Hin und Her der Volkssturmmänner, der Wehrmacht; doch sahen hier die Soldaten die Zwecklosigkeit ihres Kampfes schon ein. Sie waren erbittert über die Partei und deren verantwortliche Männer für unsere Stadt. Schon vor einiger Zeit hörte ich, daß der Gauleiter nicht mehr in der Stadt, sondern in Neutief bei Pillau ist. Es war uns klar, daß er bei größter Gefahr sich sofort in Sicherheit begibt, ohne sich über unser Schicksal Gewissensbisse zu machen. Uns fünf oder sechs Frauen, die in diesen Bunkern Schutz gesucht hatten, konnte auch dieses Erleben nicht mehr erschüttern. Wir waren mit den Männern dem gleichen Schicksal ausgesetzt, und das bindet und verpflichtet zugleich. Lange konnte es nicht mehr dauern, dann war auch unser Schicksal besiegelt. Am Sonntag, den 8. April, hieß es, die Ortsgruppe, der Volkssturm, wir alle setzen uns ab. Die Wehrmacht zog sich auch zurück. In dieser Stunde sagte man noch zu mir: „Es wird noch alles gut.” Doch zum Absetzen für uns alle kam es nicht. Der Ortsgruppenleiter mit seinen Getreuen zog vor, allein zu verschwinden. Der Volkssturm mit dem stellvertretenden Ortsgruppenleiter, der es abgelehnt hatte, mitzugehen, und wir Frauen blieben zurück. Ob diesen Prominenten die Absetzung noch gelungen ist, ist mir nicht bekannt. Man sprach von einem unterirdischen Gang, der noch erreicht werden sollte und den Weg zur Rettung sicher erscheinen ließ.

Der stellvertretende Ortsgruppenleiter war zunächst noch für weitere Verteidigung unserer Stellung. Die Volkssturmmänner waren nicht der gleichen Meinung, und so kam es zu Auseinandersetzungen. Der stellvertretende Ortsgrüppenleiter mußte zur Erkenntnis kommen, daß ein Widerstand von Seiten dieser paar Volkssturmmänner sinnlos war. Ebenso die eventuellen Opfer umsonst sein würden. Es konnte sich nur noch um wenige Stunden handeln, wo auch wir dem Russen in die Hände fielen. So war es auch. — Am Morgen des 9. April (Es war mein Hochzeitstag) erschienen bei uns die ersten Russen. Wieviel es waren, kann ich bis auf den heutigen Tag nicht sagen. Wir hatten unter uns Frauen auch eine Lettin, die den Russen erklären konnte, warum wir mit den Volkssturmmännern zusammen waren, um nicht als Flintenweiber angesehen zu werden. Als wir auf die Straße kamen, wurde aus den gegenüberliegenden Ruinen geschossen, was aber bald verstummte. Wir wurden abgeführt, nachdem die Männer auf Waffen untersucht waren, und zum Kommandanten gebracht. Über uns kreisende Flugzeuge wurden von den Russen verständigt, daß sie uns nicht beschossen. Beim Kommandanten angekommen, wurde Volkssturm und Zivil getrennt aufgestellt. Uns schickte man nach Hause, während die Volkssturmmänner behalten wurden. Was aus diesen geworden ist, habe ich bis heute nicht gehört.

Auf dem Wege' zu unserer Wohnung hörten wir „Uhri, Uhri” schreien. Ein Russe kam wild auf uns zu, führte uns in eine Seitenstraße und verlangte unsere Uhren, die wir aber nicht mehr hatten. Wir hatten Glück, daß er uns unbelästigt weitergehen ließ. In unsere Straße durften wir nicht rein. Wir gingen dann zu einem bekannten alten Herrn von mir, doch der Russen-


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posten am Garten ließ mich nicht durch. Ich sah mehrere Leichen im Gang liegen. Ein anderer Bekannter, der mit uns war, wohnte ein paar Häuser weiter. Hier wollten wir uns niederlassen. Wir Frauen kochten im Keller Mittag. Die Männer waren oben geblieben. Die Russen gingen ein und aus und suchten Frauen. Ich hörte später, daß es für uns Frauen nicht ungefährlich war, sich auf der Straße zu zeigen. Da wir die Gefahr noch nicht kannten, aßen wir unser Mittag gemeinsam oben im Eßzimmer. Wir waren gerade fertig, als wieder mehrere Russen erschienen und uns aufforderten, mitzukommen. Unsere Habseligkeiten im Rucksack und in der Tasche nahmen wir mit. In einer Villa wurden wir gesammelt. Hier sah die Sache schon bedrohlicher aus. Man hörte, was den Einzelnen passiert war, und daß auch Frauen schon vergewaltigt waren. Auch hörte ich, daß der bekannte alte Herr erschossen worden war. Man hatte ein kurzes Verhör mit ihm angestellt, dann mußte er zum Laufgraben in seinen Garten gehen und wurde dort durch Genickschuß erschossen. Was wird man mit uns machen? Stecken sie das Haus an und wir müssen alle dabei umkommen? Das Haus wimmelte von Russen. Endlich hieß es, alles raus. Wegen der starken Beschießung sollten wir in Sicherheit gebracht werden. Die Kapitulation von Königsberg erfolgte ja erst ein paar Tage später.1)

Der Weg in ein schweres Schicksal begann. Die erste Nacht verbrachten wir in einer zerstörten Kaserne. Nach einer mehr oder weniger aufregenden Nacht ging es weiter. Als wir durch die Fritzener Forst kamen, sahen wir am Wege erschöpfte Menschen, ihrem Schicksal überlassen, sitzen oder liegen. Wir konnten und durften ihnen nicht helfen. Immer weiter ging es, bis wir nach T. kamen, wo schon viele Deutsche zusammengetrieben waren. Hier erfolgte die erste Registrierung und Durchsuchung unseres Gepäcks. Nicht alles wanderte wieder in den Rucksack zurück. In verschiedene Gruppen waren wir eingeteilt. Unsere Gruppe wurde nach K. auf Umwegen zurückgeführt. Die nächste Nacht, als wir in einer Ortschaft, die voll von Russen war, verbringen mußten, war furchtbar für uns Frauen und Mädchen gleich jeden Alters. Was sich hier abgespielt hat, kann nur der erfassen, der Gleiches erlebt hat. Ich war froh, daß ich meine Töchter nicht bei mir hatte. Das Opfer, das so manche Mutter für ihr unschuldiges Kind (10 Jahre und noch jünger) bringen wollte, war ein vergebliches Bemühen. Die Verzweiflungsschreie dieser Kinder, der Mütter oder Eltern gellen mir noch heute in den Ohren. Unsere Männer standen diesen Gewalttaten machtlos gegenüber. — Am Morgen ging es weiter. Auch unterwegs kamen derlei Unruhen vor. Kommen wir tatsächlich nun nach Königsberg zurück? Noch konnten wir das nicht feststellen. Endlich war es doch so weit. Man führte uns in einen Kasernenkomplex in eine große Halle. Diese war schon gedrängt voll. Hier sahen wir Frauen und Mädchen, von uns getrennt, zusammenstehen, die einem besonderen Schicksal entgegengingen. Eine Mutter von mehreren kleinen Kindern umgeben, war keine Seltenheit. Aber diese Mütter waren nicht verzweifelt. Die Angst und die Sorge um ihr höchstes Gut ließ diese Verzweiflung nicht aufkommen. Wie mag ihr weiteres Schicksal verlaufen sein? Wieviel mag solch eine Mutter von ihren Kindern verhungern haben sehen? Nach einigen Stunden kamen wir


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aus diesen Hallen raus und lagen nun vor dem Kasernentor auf der Straße. Königsberg hatte kapituliert. Ein den ganzen Tag anhaltender Abzug der russischen Truppen aus der Stadt. Der Feind hat schweres und schwerstes Material und Menschen einsetzen müssen, um die Festung einzunehmen. Bedrückt mußten wir dieses Aufgebot an Feindeskraft an uns vorüberziehen lassen. Das Menschenmaterial waren nicht alte Männer oder Knaben, wie es hieß, sondern vielleicht die Elitetruppe des Feindes. Außer diesen Truppen sprengten im wildesten Galopp auf ihren Panjepferden die Soldaten durch die Straßen. Fuhrwerke desgleichen im rasenden Tempo.

Am Abend konnten wir nun in die leerstehenden, teilweise zerstörten Wohnungen einziehen. In der Nacht rückten die motorisierten Truppen aus Königsberg ab. Weiter ging es für den Feind in Richtung Pillau. Der Krieg war ja noch nicht zu Ende. Wir machten uns nun die Wohnungen zur Übernachtung fertig. Dichtgedrängt in einem Raum, ohne Unterschied des Geschlechts, mußten wir hier leben. Unsere Gemeinschaft wurde im Laufe der Zeit eine kameradschaftliche. Einer teilte mit dem andern das Stück Brot, denn Verpflegung gab es keine. Hier bekamen wir die ersten Besuche von russischen Soldaten. Die Nacht wurde sehr unruhig. Hilfeschreie gellten von Wohnung zu Wohnung, von Zimmer zu Zimmer. Auch vorbeifahrende Lastautos hielten, die Fahrer drangen in unsere Wohnungen und versetzten uns in Angst und Schrecken. Es kam vor, daß eine junge Mutter mitgenommen wurde ohne Rücksicht, daß das Kind allein blieb. Abgekocht wurde auf offenen Feuerstellen im Hof. Das „Organisieren” von Kartoffeln, Mehl und dergleichen aus den in der Nähe befindlichen Wohnungen und Kellern begann. Man holte uns zur Arbeit, doch niemand wollte gehen, die Furcht vor Gewalttaten war zu groß. Die Strapazen, die mangelnde Ernährung, die unruhigen Nächte schwächten die Widerstandskraft des Körpers sehr, so daß wir die ersten Toten zu beklagen hatten. Ruhr war auch ausgebrochen und erzwang sich einige Todesopfer. Ich selbst erkrankte auch, aber im letzten Augenblick erholte ich mich wieder. Nach 14 Tagen wurden wir aus diesen Wohnungen rausgetrieben. Und zwar schnell, schnell, damit nicht alles geschafft wurde mitzunehmen. Wieder lagen wir auf der Straße, ohne zunächst zu wissen, wohin.

Der 2. Teil des Berichts schildert die weiteren Erlebnisse in Königsberg bis zum Frühjahr 1948 und den Abtransport nach dem Westen.1)