Nr. 35: Flucht eines organisierten Gutstrecks durch Pommern nach Holstein.

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Erlebnisbericht des Gutsbesitzers Franz Adalbert Frhr. Ton Rosenberg aus Kloetzen, Kreis Marienwerder in Westpr.

Original, April 1951.

Am 20. Januar 1945 erhielt ich den Befehl zum Packen, am 21. Januar um 20.08 Uhr vom Ortsgruppenleiter den Befehl zum Einfinden am Sammelplatz am 22. früh, wodurch ich den Abmarsch auf 5 Uhr ansetzen mußte.

Über die Nähe des vordringenden Feindes waren viele Gerüchte im Umlauf, daß die Russen bei Dt. Eylau (ca. 35 km), daß sie schon bei Freystadt (8 km) ständen und dergl. Von den Parteistellen war die Weisung ergangen, daß alle Menschen, auch die polnischen Saisonarbeiter, das Land zu räumen hätten. Notfalls wäre Gewalt anzuwenden. Nur die Kriegsgefangenen blieben mit ihren Wachleuten zurück. Seit einiger Zeit war der Treck vorbereitet, waren alle Wagen zweispännig gemacht und, soweit möglich, mit Verdecks versehen, die Pferde und die Fahrer für jeden Wagen bestimmt und die auf jedem Wagen mit ihrem Gepäck Platz findenden Familien eingeteilt. Nach Eingang des Räumungsbefehls wurden die Wagen vor die Wohnungen gefahren. In der Nacht mußten sie in großer Eile beladen werden. Auf 64 Wagen wurden die 525 Menschen mit ihrer nötigsten Habe (Betten, Küchengeschirr, Kleidung und Eßwaren) untergebracht. Ein ganz altes Ehepaar Krumrey und die geistig beschränkte Frau Templin waren zum Trecken nicht zu bewegen und blieben zurück. Die Stalltüren wurden, wie es behördlich angeordnet war, geöffnet, und brüllend liefen Vieh und Schafe und Fohlen auf den Höfen herum und suchten sich ihr Futter in den Scheunen. Ein grausiger Anblick! Es war nicht zu verstehen, daß von den Tieren und von der Ernte nicht wenigstens ein Teil vorher fortgeschafft werden durfte.

In musterhafter Ordnung war der Treck in der dunklen Winternacht aufgefahren. Die Wagenlaternen gaben ein kümmerliches Licht. Die mit dem Abmarsch verbundene Aufregung verdeckte zunächst die Gefühle, die wir beim Verlassen unserer schönen Heimat hatten. Nicht nur bei mir war es so, sondern bei den meisten meiner Leute, daß wir einen Boden verlassen mußten, auf dem schon Generationen unserer Familien geboren waren, gelebt hatten und gestorben waren, den sie geliebt und bearbeitet, ja auch verteidigt hatten gegen manchen Feind. Diese schöne Heimat war auf unsere Generation übergegangen, die Verpflichtung, sie zu pflegen, sie weiter zu verbessern saß tief im Herzen. Wars das liebe Haus der Väter, wars das fruchtbare Land, wars der schöne Wald, wars der See, wars die mehr als 700-jährige Kirche — ja, die Liebe zu all diesem brach zusammen in einer Nacht!


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Die 3 Güter waren auf 3 Trecks verteilt, die von 3 Ortsbauernführern geführt werden sollten. Bereits am 2. Trecktage erwies es sich, daß diese Art der Führung nicht möglich war. Ich zog daher meine Trecks aus den 3 Trecks heraus, bildete einen eigenen großen Treck und übernahm selbst die Führung.

Am 23. Januar gingen wir über die zugefrorene Weichsel. Die Vorbereitung war mangelhaft, es fehlte an Übergangsstellen, so daß nur das langsame Tempo des Vordringens der Russen ein großes Unglück verhinderte. Gedanken an Napoleons Rückzug 1812 kamen auf. Die Stimmung war gedrückt, zumal viele auch nicht mehr wehrpflichtige Männer in den letzten Tagen noch zum Volkssturm geholt worden waren, die uns jetzt als Fahrer fehlten. Überall sahen wir in der Weichselniederung die ersten Bilder von Plünderungen, auch durch deutsche Soldaten und Flüchtlinge. Am 24. Januar in Neuenburg, am 25. in Martensdorf, am 26. in Borkau und Neukirch, bis wir auf dem Gut Owitz bei Pr. Stargard einige Ruhetage vom 28. 1. — 3. 2. einlegen konnten. In Stargard lag das AOK. der 2. Armee (Generaloberst Weiß), von dem der Rat erging, nicht zu schnell und zu weit nach Westen zu trecken, da die Weichsellinie unbedingt gehalten und wir bald wieder auf unseren Betrieben eingesetzt werden würden. In dieser Gegend sahen wir zum ersten Mal plündernde, fahnenflüchtige Soldaten, und den Älteren unter uns stieg die Erinnerung an 1918 auf. Da der Kreis Pr. Stargard auch geräumt werden mußte, mußten wir weiter und zogen in die Gegend von Berent, wo wir vom 5.—14. Februar in einem kleinen ärmlichen Dorf Funkelkau in der Tucheier Heide Ruhetag hatten.

Die amtliche Propaganda versuchte die Stimmung zu heben, aber das glückte nicht. Vor allem die in der Mehrzahl vorhandenen Frauen wurden nervös und wollten wieder nach Hause zurück. Um die Kinder zu beschäftigen und die Mütter zu entlasten, ließ ich durch unsere drei Lehrerinnen Schulunterricht abhalten. Auf den Straßen sah man Trecks ohne Führer und Führer ohne Trecks. Das beunruhigte, und da erklärte ich meinen Leuten, daß ich sie nicht verlassen würde; entweder, wir würden alle gemeinsam von den Russen überrannt, oder wir kämen alle zusammen heraus. Ich forderte, daß meine Anordnungen während des ganzen Trecks unbedingt befolgt würden, da sonst eine Rettung nicht möglich wäre. Seit dieser Aussprache habe ich auf dem noch 3 Monate dauernden, oft sehr schweren und auch gefahrvollen Treck keinen Widerspruch erlebt, sondern immer wieder dankbar das Vertrauen empfunden, das meine Leute in mich und meine Führung setzten.

Es fehlte sehr an Männern zum Fahren der Wege, so daß oft Frauen fahren mußten, es fehlte aber vor allem an überlegten Unterführern. Mit tiefer Dankbarkeit gedenke ich der nie erlahmenden, immer energisch helfenden Unterstützung des Oberinspektors Marklewitz, des alten Hegemeisters Arndt, des Schmiedenleisters Henfler, des Spitzenfahrers Krumrey und einiger tapferer Frauen. Es gibt in solchen Augenblicken immer nur verhältnismäßig wenige, die zunächst nicht um die eigene Rettung besorgt sind, sondern die Pflicht auf sich nehmen, andere zu retten. Ich denke dabei auch an das oft sehr schwere gerechte Verteilen der meist unzureichenden Lebensmittel und des Pferdefutters, an das Quartiermachen und Quartiereinweisen in dunklen Winternächten auf weit auseinanderliegenden Bauernhöfen, an die Hilfe für die vielen Alten, an die Pflege der Erkrankten und Sterbenden, an die Sorge


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für die kleinen Kinder. 186 Kleinstkinder führten wir mit uns, für die oft unter großen Schwierigkeiten Milch beschafft werden mußte. Der Treck war bald zu einer Notgerneinschaft geworden, die sich nicht trennte und in der man sich gegenseitig half. So, und nur so, war es möglich, immer wieder rechtzeitig herauszukommen, wenn die Russen einen ihrer vielen Kessel bildeten.

Nach den Wartetagen in Funkelkau, wo durch Pferdeappelle und Umpacken der Wagen die Marschfähigkeit des Trecks immer wieder überprüft wurde, ging der Marsch weiter über Stendsitz nach Pommern hinein. An der westpreußisch-pommerschen Grenze in Sullenschin wurde ich am 16. Februar mit den übrigen 11 im wehrpflichtigen Alter stehenden Männern durch einen höheren SS- und SD-Führer aus dem Treck geholt. Wir sollten sofort Soldat werden, der Treck könne auch ohne uns weiterziehen. Unsere allgemeine Entgegnung, daß ein so großer Treck von über 500 Menschen, seiner Führung beraubt, der Vernichtung durch die heranrückenden Russen nicht entgehen könne, und die flehentlichen Bitten der Frauen, dem Treck nicht noch die letzten tatkräftigen Männer zu nehmen, blieben erfolglos. So nahm ich meine Uniform aus dem Koffer, fuhr mit meinen 11 Wehrpflichtigen als ihr Transportführer zur nächsten Feldkommandantur nach Bütow und erhielt dort den Befehl, beim Treck zu bleiben und ihn an sein Endziel zu führen. Alsdann sollten wir uns der Wehrmacht zur Verfügung stellen.

Als wir zu unserm Treck zurückkehrten, herrschte große Freude, und in der bisher geübten Disziplin ging der Marsch weiter über Buchenfelde und Neuendorf und Bahrenbruch, über Gr. Rakitt, Varzmin und Zechlin, über Ramnitz und Rambow, über Karstnitz, Stolp. Hier hieß es wieder, alle wehrpflichtigen Männer würden aus dem Treck herausgezogen, aber wir kamen unbehelligt durch. Auf dem Gut Pustamin wurden wir sehr freundlich aufgenommen und verlebten dort einen Ruhetag, der zum Beschlagen der Pferde, Waschen der Wäsche und Verbinden der Kranken, die vor allem Erfrierungserscheinungen aufwiesen, sehr nötig war.

Weiter ging es über Palzwitz und Drosedow und Kopahn nach Beelkow und Wandhagen, am 27. Februar durch die Stadt Köslin nach der Domäne Kasemirsburg. Hier waren uns die Russen, von Süden her zu einem neuen Kessel ausholend, unangenehm nahe gekommen, so daß ein früher Aufbruch am nächsten Morgen ratsam erschien. Abends gingen wir in einer Kaserne in Kolberg, am Tage danach in Treptow (Rega) ins Quartier. Dann weiter nach Gr. Justin und am 3. März in Revenow. Die Russen rückten weiter vor. Obwohl ein Ruhetag für die Pferde wieder sehr nötig war, mußten wir am nächsten Tage weiter marschieren, um über die Oder zu kommen. Für unsern Treck war der Oder-Übergang bei Pölitz (nördlich Stettin) vorgesehen. Da aber die Russen von Süden her rasch vorrückten, Plathe schon brannte, mußten wir den Weg ändern und über Wollin-Swinemünde marschieren. Diese Märsche stellten wegen des auf den Chausseen herrschenden Glatteises vor allem an die Pferde ungeheure Anforderungen. Immer wieder fielen die überanstrengten Pferde hin und mußten durch untergelegte Decken aufgehoben werden. Das alles bei überfüllten und verstopften Straßen. Wir durften nur auf der rechten Straßenseite fahren, um die linke für die Wehrmacht freizuhalten. Truppen, die gegen den Feind marschierten, sah man hier nicht mehr. Auch sie waren


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auf der Flucht in westlicher Richtung. Ein aufgeregter Offizier schrie mich an, die Wehrmacht hätte die Vorfahrt, worauf ich ihm entgegnete, das wäre richtig, wenn es gegen den Feind ginge, aber nicht auf dem Rückzug!

Die Beschaffung von Verpflegung und Futter war schwierig, da die NSV.-Stationen, denen die Versorgung oblag, meist ausverkauft waren, wenn unser großer Treck zum Empfang erschien. Wenn ich an den Zug durch Hinterpommern zurückdenke, so muß ich feststellen, daß die Versorgung des Trecks im Kreise Stolp am besten organisiert war. Als einen sehr großen Mangel für die Führung des Trecks empfand ich immer wieder das Fehlen jeglicher Orientierung über das Vorrücken der Russen. Die Treckleitstellen waren in dieser Beziehung schimmerlos.

Drei Nächte mußten wir auf der Landstraße bleiben, bis wir in der Frühe des 7. März bei Swinemünde auf einer Pontonbrücke die Swine überschreiten konnten. Der großen Anstrengung der letzten Marschtage und Nächte folgten zwei herrliche Ruhetage in Karlsburg und Züssow.

Vf. beendet seinen Bericht mit der Schilderung des Trecks durch Mecklenburg und Holstein.