Nr. 44: Flucht nach Pommern, im Kreis Dt. Krone von Russen überrollt.

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Bericht der Frau H. H. aus Nakel, Kreis Wirsitz i. Westpr.

Original, ohne Datum, 3 Seiten. Teilabdruck.

In der Nacht vom 20. zum 21. Januar 1945 kam ganz plötzlich der Befehl, in zwei Stunden müßten wir Nakel verlassen. Wir packten unser Allernotwendigstes ins Köfferchen, die Betten in den Sack, und zum letzten Mal traten wir aus unserm Häuschen. Mein Mann brachte mich mit unserer Tochter bis zu Jankowskis, wo wir uns noch bis zum nächsten Tag aufhielten, weil wir noch immer nicht glauben wollten, daß es tatsächlich zur Flucht kommen sollte. Mein Mann machte uns in der Zwischenzeit noch eine Zeltplane über unsern Pferdewagen, damit wir etwas Schutz hatten vor der grimmigen Kälte. Er brachte uns dann ab und zu eine Nachricht, wie und was sich draußen abspielt. Es zogen immer mehr Bewohner Nakels ab. Als es dann wieder Nacht wurde, vom 21. zum 22., und mein Mann gar nicht mehr wiederkam, wir aber schon ab und an einen Schuß fallen hörten, da hielten wir es auch für richtiger, loszufahren. So schrieb ich noch einen kleinen Abschiedsbrief an unsern Vati und legte ihn auf den Tisch. (Später ist mein Mann doch noch einmal kurz in die Wohnung gelaufen, um nach uns zu sehen, da fand er nur noch die wenigen Zeilen vor.) Meine Schwägerin mit ihren beiden Kindern, noch eine Schwägerin von mir und ich mit meiner Tochter bestiegen dann nachts 2 Uhr den Wagen und fuhren über Mrotschen - Vandsburg - Flatow -Jastrow.

8 km hinter Jastrow, das Dorf hieß Briesenitz, überholte uns dann der Russe. Wir hatten uns in Vandsburg fünf Tage aufgehalten, da es so furchtbar kalt war und die Pferde auch nicht recht fort wollten. Wir waren ja auch zu unkundig, mit Pferden umzugehen, und hatten wohl zu viel Mitleid mit ihnen. Außerdem hofften wir immer noch, der Russe würde wieder zurückgeschlagen. (Kurz nach unserm Fortfahren aus Nakel ist dann der Russe dort eingezogen.) In Vandsburg trafen wir dann mit Familie Arend aus Nakel zusammen und sind dann immer zusammengeblieben. Ebenso mit einer Frau Gertrud Wojahn mit ihrem 7-jährigen Sohn.

Am 30. bzw. 31. Januar war es dann wohl, wo wir den Überfall der Russen erlebten. Wir waren abends spät auf ein Gehöft aufgefahren, um die Nacht dort zuzubringen. Im Hause war alles voll belegt mit deutschen Soldaten und Flüchtlingen. Meine Schwägerin bekam dann noch ein Eckchen auf dem Fußboden mit den Kindern, ich blieb mit meiner Tochter und der anderen Schwägerin draußen auf dem Wagen. Natürlich haben wir nicht geschlafen, es war auch bitter kalt. Um Mitternacht wurde es plötzlich ringsum hell, überall brannte es. Das Schießen wurde auch immer heftiger und kam immer näher. Auf einmal pfiffen schon die Kugeln über unsere Köpfe. Da wurde auch im Hause alles lebendig, und alle bestiegen die Wagen, um weiterzufahren. Doch wir kamen keine 500 m, da wehten uns die Geschosse nur so um die Ohren. Unserm Vordermann seine Pferde wurden gleich getroffen, und der ganze Wagen kippte in den Graben. Beide Insassen, ein älteres Ehepaar (Karau), kamen noch mit knapper Mühe davon. Wir drehten


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gleich wieder um, so schnell es nur ging, denn es war ja sehr glatt und die Pferde von dem Schießen und dem Feuer wild geworden. Jedenfalls waren es furchtbare Minuten, wo wir buchstäblich Wunder Gottes erlebt haben. Die Russen hatten sich von beiden Seiten der Straße niedergelassen und verhinderten nun so das Weiterfahren. So warteten wir dann auf dem Gehöft alles weitere ab. Das Haus wurde erst noch unter Feuer genommen, ist aber nichts verbrannt.

Mit dem Tagwerden kamen dann die ersten Russen herein, in jeder Hand eine Pistole. Einer ritt auf dem Pferd sogar bis ins Zimmer. Dann haben sie alles durchsucht, unsere Personalien x-mal aufgenommen, draußen uns einige Male aufgestellt, angeblich zum Erschießen, dann aber nur, um Uhren und Schmuck abzunehmen. Ich habe meinen Trauring eingebüßt. So haben sie es dann tagelang mit uns getrieben, auch das, soweit wir noch was hatten, fortgenommen. Nach den russischen Vorposten kamen dann polnische Soldaten, wohl die kämpfende Truppe. Und weil die Front dort gerade in Briesenitz 14 Tage andauerte, kamen immer mehr Soldaten hinzu und wir, ungefähr 40 deutsche Menschen, mitten drin. Es waren furchtbare Tage, aber es sollte noch schlimmer kommen. Hin und wieder gab es auch mal einen vernünftigen polnischen Soldaten, der uns dann etwas Essen brachte oder den Kindern mal ein Brot zusteckte. So ein Soldat riet uns dann auch, von dort fortzumachen, da wir doch dicht an der Straße lagen und es immer gefährlicher wurde.

Sind dann 2 km weiter seitlich gegangen. Zamborst hieß das Dorf und lag etwas weiter ab von der Schußlinie. Unsere Betten hatten wir inzwischen auch schon eingebüßt und so nahmen wir nur unsere Kinder und ich noch mein Köfferchen und machten uns voller Angst auf den Weg. Wurden auch öfter angehalten und bedroht, aber wir kamen doch hin. Mußten uns dann erst in einem Haus ein Zimmer etwas wohnbar machen, den vielen Dreck rausschaffen und waren doch froh, hier mehr Ruhe zu haben. Aber da hatten wir uns sehr getäuscht. Dort ging dann erst das Herzeleid an. Bald kamen die ersten Russen, machten auf dem Gehöft Rast, und dann wurde gesoffen. Die verschlossenen Türen erbrochen, die Fenster schlugen sie ein, und dann suchten sie sich ihre Beute. So ging es Tag und Nacht, und immer mußten welche dran glauben. Auch ich bin nicht verschont geblieben, trotz Bitten und Flehen. Ich war ja bereit, mich erschießen zu lassen, was sie auch tun wollten, aber ohne mein Kind. Das konnte ich nicht übers Herz bringen, sie allein in der fremden Welt zu lassen, und so mußte ich diese allerfurchtbarste Erniedrigung über mich ergehen lassen. Es war manchmal zum Verzweifeln, aber da hat dann unser Herrgott eingegriffen. Eines Tages hat ein Russe (Mongole) den andern in unserem Zimmer erschossen. Wohl nicht absichtlich, aber es hat wohl sein müssen. Nach diesem Ereignis bekamen wir Ruhe, denn die Kommission kam dann raus, und es wurde schärfer durchgegriffen. Wir konnten nur danken. — Inzwischen kamen polnische Verwalter auf die umliegenden Güter und holten sich dann die jüngeren Kräfte zur Arbeit. So haben wir dann auf dem Gut in Briesenitz genau l Jahr gearbeitet.

Vfn. macht noch einige Bemerkungen über die Lebensverhältnisse, unter denen sie dort zu arbeiten hatte und schließt ihren Bericht mit einer kurzen Schilderung ihrer Ausweisung im März 1946.


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