Nr. 36: Fluchtvorbereitungen, Treck nach Pommern, Zusammentreffen mit den Russen und Rückkehr in die Heimat.

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Bericht des Bauern Paul Ewert aus Montauerweide, Kreis Stuhm i. Westpr.

Original, 8. Juni 1952, 6 Seiten. Teilabdruck.

Nachdem die Lage der Front Anfang Januar 1945 immer schwieriger wurde, wurden wir Bürgermeister, Bezirks- und Ortsbauernführer von dem zuständigen Ortsgruppenleiter Gehrmann, Rehhof, zusammengerufen. Uns wurde ein Plan vorgelegt, in dem bei einer evtl. erforderlich werdenden Räumung die täglichen Marschstrecken, Quartiere etc. festgelegt waren. Treckführer wurden bestimmt, desgleichen Leute, die für die Rückführung des Viehs verantwortlich sein sollten. Die Ortschaften sollten geschlossen trecken, keine wilden Trecks. Wenn diese Maßnahme auch gut gemeint war, hatte sie doch den Nachteil, daß der Bevölkerung der wirkliche Ernst der Lage verschleiert wurde. Ich hatte sofort meine Einwohner entsprechend informiert und darauf hingewiesen, daß alle Vorbereitungen schleunigst getroffen werden müßten, Wagen beladen etc. Da in meiner Ortschaft viele nichtgespannbesitzende Einwohner waren, sollten die Bauern für diese Fuhrwerke bereitstellen, damit keiner zurückblieb, diesen wurde mitgeteilt, von wem sie Fuhrwerk erhalten würden. Leider konnte nur für 2 Familien ein Wagen bereitgestellt werden. Mit dem Ortsgruppenleiter stand ich in ständiger telefonischer Verbindung, der auch den Räumungsbefehl übermitteln sollte. Am Abend des 23. Januar teilte er mir mit, daß er trotz vieler Versuche keine Verbindung mit der Kreisleitung mehr erhalten könne, allem Anschein nach wäre sie bereits geflüchtet. Auf meine Frage, ob er jetzt die Verantwortung übernähme, lehnte er es ab, riet aber zur sofortigen Abfahrt. Noch während der


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Nacht wurden alle Bewohner mit Unterstützung des Ortsbauernführers Otto Reimer entsprechend benachrichtigt und als Zeitpunkt der Räumung und Abfahrt der 24. Januar, 10 Uhr vormittags, festgesetzt.

Die Abfahrt ging planmäßig geschlossen vonstatten, sämtliches Vieh blieb im Stalle stehen. Die Gemeinde wurde auch schon am 25. Januar von den Russen besetzt. Die Nogat sollte bei Weißenberg passiert werden, leider kamen wir nur bis vor die Schleusenbrücke, da dieselbe vollständig durch Trecks versperrt war, da die Brücke alle Wagen von 3 Zufuhrstraßen fassen mußte. Die Polizei regelte den Übergang in der Weise, daß von jeder Zufuhrstraße nur 20 Wagen passieren durften, und so wurden die einzelnen Gemeinden schon auseinandergerissen.

Am Morgen, den 26. konnten wir die Brücke passieren, fuhren über Pieckel bis Mühlbanz ins Quartier, am 27. Januar . . . bis Kl.Trampken b. Praust. Durch das starke Schneetreiben und vereiste Straßen waren Menschen und Pferde vollständig erschöpft. Trotzdem nach mehreren Tagen Tauwetter die Straßen passierbar waren, durften wir nicht weiterfahren. In der Ortschaft selbst wurde sogar noch eine Bestandsaufnahme von Saatkartoffeln und Saatgetreide durchgeführt. Die Bevölkerung wurde dadurch leider in Sicherheit gewiegt und keine Vorbereitungen für eine evtl. Räumung getroffen. Die Abgabe von Hafer an die Pferde der Flüchtlinge wurde verboten, so daß wir gezwungen waren, uns Getreide aus den Ortschaften kurz vor der russischen Front, z. B. Heuboden, Altmünsterberg/W., des Nachts zu besorgen.

Am 23. Februar erhielten wir endlich Erlaubnis zurWeiterf ahrt, leider ohne Angaben über die einzuschlagende Marschrichtung. Über Karthaus passierten wir den ehemaligen Korridor. In Pommern berührten bzw. übernachteten wir in den Ortschaften Kose, Langeböse, Kamelow und kamen am 10. März nach Polzin1). Uns wurde von der Polizei geraten, möglichst schnell die Küste zu erreichen, um dann per Schiff noch den Russen entkommen zu können. Es war zu spät, am 11. März morgens rollten die ersten russischen Panzer in Polzin ein. Die Wagen wurden auf einen Gutshof gefahren, die Pferde in eine Scheune gestellt, die Menschen, ca. 48 Personen einschließlich Kinder, in ein Zimmer eingesperrt und durch Posten bewacht, keiner durfte das Zimmer verlassen. Ständig kamen russische Soldaten mit dem üblichen „Uhr — Uhr” und des Nachts das schreckliche „Frau komm!” Erwähnt muß aber werden, daß die Russen wenigstens so viel Taktgefühl besaßen und ihre Opfer in andere Zimmer nahmen. Hier wurde auch gleich am ersten Tage der Bauer Wilhelm Nehring von seinem eigenen Polen erschossen.

Hunger, Durst und Kälte quälte uns, hauptsächlich die kleinen Kinder, so daß ich mich entschloß, von der auf dem Nachbarhof stehenden russischen Feldküche eine Axt und Wasser zu erbitten, um wenigstens zu heizen und Kaffee kochen zu können. Auch konnte ich dem Koch verständlich machen, daß wir eine Anzahl kleiner Kinder bei uns hatten, die nichts zu essen hätten. Es dauerte nicht lange, so kam er mit einem Behälter mit Essen und verteilte es. Bekanntlich hat der Russe für kleine Kinder viel übrig. Am 14. März zogen die Russen weiter, und wir konnten das Zimmer verlassen, um nach


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unsern Pferden und Wagen zu sehen. Die Wagen waren vollständig ausgeräubert, die Pferde gegen ihre eigenen abgetriebenen und jetzt frei herumlaufenden umgetauscht. Wir konnten davon soviel eingreifen, daß wir 4 Wagen bespannen konnten, um wenigstens für die kleinen Kinder und alten Leute Fahrgelegenheit zu haben, und fuhren den gleichen Weg zurück. In einer Ortschaft wurden uns, weil noch jünger und arbeitsfähig, folgende Personen von den Russen abgenommen: Otto Reimer, Johann Flink, Fritz Nickel und Gustav Schulz. Alle sind früher oder später zurückgekommen, nur über das Schicksal von Fritz Nickel ist mir nichts bekannt geworden.

Am 16. März kamen wir auf das Gut Gr. Wunneschin im Kreise Lauenburg. Da keine Möglichkeit bestand, weiter zu kommen, beschlossen wir, hier zu bleiben und das weitere abzuwarten. Lebensmittel wie Kartoffeln und Roggen zu Brot waren reichlich vorhanden, außerdem richteten die Russen hier ein Viehkommando ein, die Frauen haben gemolken, die Männer Futter aus der Umgegend besorgt. Auch hier wurden alle noch arbeitsfähigen Männer von den Russen kassiert, ebenso am 14. April sämtliche Mädchen nach Lauenburg geholt und nach Stolp ins Gefängnis gebracht. Am 27. April kehrten sie aber alle wohlbehalten zurück, angeblich weil ein Transport nach Rußland bereits untersagt war. Belästigt sind die Mädchen nicht worden, auch ist die Verpflegung ausreichend gewesen.

Mitte Mai wurde uns mitgeteilt, daß Güterzüge über Lauenburg, Neustadt, Danzig, Thorn nach Rußland führen und Flüchtlinge in die Heimat mitnähmen. Nähere Erkundigungen bei der russischen Kommandantur in Lauenburg bestätigten dies. Nach Entrichtung von 10 RM pro Erwachsener bekamen wir einen Ausweis in russischer und polnischer Sprache und fuhren am 29. Mai von Lauenburg ab. Der Güterzug hatte Eisenbahnschienen geladen, auch waren bereits auf einem freien Platz in Lauenburg eine Unzahl von landwirtschaftlichen Maschinen zusammengeschleppt, die für einen Abtransport nach Rußland bereitstanden. Von dieser Gelegenheit nahmen ca. 100 Flüchtlinge, zum großen Teil aus dem Danziger Werder, Gebrauch, die in Danzig den Zug verließen. Wir fuhren bis Schmentau, gegenüber von Marienwerder, und wurden am 30. Mai von einer Maschine über die Notbrücke nach Marienwerder gebracht. Das Bahngleis von Marienwerder bis nach Stuhm war bereits aufgerissen, auf einem Bauernwagen schafften wir unser Gepäck nach Hause. In Mareese wurden wir noch von der Miliz kontrolliert, d. h. alle irgend noch brauchbaren Bekleidungsstücke wurden uns fortgenommen. Am 31. Mai trafen wir, 26 Personen, in Montauerweide ein. In der Gemeinde waren ein Bauerngehöft und zwei Insthäuser abgebrannt, aus der Molkerei bereits alle Maschinen ausgebaut und entfernt, der Schornstein umgelegt. Von Polen waren nur vereinzelte Grundstücke bereits besetzt. Bei unserer Ankunft waren bereits zurückgekehrt bzw. kehrten im Laufe des Sommers 97 Personen zurück1). Soweit mir bekannt geworden, sind 18 Personen während der Flucht bzw. an den Folgen derselben umgekommen, davon 2 von den Polen, l von den Russen erschossen worden. Abschließend macht Vf. noch einige Bemerkungen über die russische Besatzung und die Ausweisung.


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