Nr. 37: Flucht durch Pommern nach Holstein.

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Erlebnisbericht der Pfarrersfrau Ella Schwarz aus Losendorf, Kreis S t u h m i. Westpr.

Photokopie, 28. Juli 1949. Der Bericht wurde vom Ehemann der Vfn. dem Synodalausschuß der evgl. Kirche in Kiel eingereicht.

Bis zum Januar 1945 wohnten wir in Losendorf, Kreis Stuhm, Westpr. Wir haben drei Kinder, die damals, im Jahre 1945, sieben, vier und eineinhalb Jahre alt waren. Mit uns wohnte im Pfarrhaus des kleinen Dörfchens meine Schwiegermutter, damals 62 Jahre alt. Mein Mann, seit 1937 Pfarrer der Gemeinde, befand sich seit 1940 bei der Wehrmacht.

Weihnachten 1944 hatte mein Mann einen kurzen Urlaub von wenigen Tagen. Da der Russe noch fern in Polen stand, im Westen aber die mit vielen Erwartungen begonnene Offensive stattfand, dachte niemand an eine mögliche Flucht, wenn auch erhebliche Bedenken über den Ausgang dieses Krieges heimlich hier und da geäußert wurden. Am 20. Januar 1945 erschien noch im Dorf ein Beauftragter der Partei, hielt eine Versammlung und erklärte, zu irgendwelchen Befürchtungen bestände keine Veranlassung, denn der Russe stünde noch weit in Polen, vor Marienburg wären drei starke Verteidigungsgürtel der deutschen Wehrmacht, die vom Feinde nicht zu durchbrechen wären. In der Nacht zum 23. Januar jedoch erschien ein Reiter, vom Bürgermeister des Dorfes geschickt, und gab den Befehl zum sofortigen Packen und Fertigmachen des Flüchtlingstrecks. Noch in der Nacht begann das Beladen der Wagen, auch wir wurden mit unserer Habe einem Wagen zugeteilt, und mittags am 23. Januar setzte sich der Treck in Bewegung.

Während meine Kinder und meine Schwiegermutter auf dem Wagen sitzen durften, gingen meine Hausgehilfin und ich bis Pr. Stargard zu Fuß hinterher. Da der Fluchtbefehl von unserem Stuhmer Landrat und Kreisleiter Franz viel zu spät gegeben war1), sind wir dicht vor dem Russen Tag und Nacht marschiert, das Trommeln der Artillerie in den Ohren und den von den brennenden Dörfern blutroten Himmel vor Augen. Es war bitterkalt, unsere mitgenommenen Lebensmittel waren bald gefroren, nun kam noch der Hunger hinzu. Überall waren die Ortschaften und Häuser geräumt und geplündert. Die Windeln meiner Kleinsten konnte ich nirgends waschen, nirgends trocknen, keine Milch für sie war aufzutreiben, etwas Schnee mußte zunächst den Durst löschen. Das Herz wollte mir brechen, wenn ich daran zurückdachte, wie wohlbehütet und gepflegt die Kinder in unserem schönen Pfarrhaus erzogen worden waren.

Vollständig entkräftet und krank kamen wir Ende Januar erst in Pr. Stargard, einer Stadt in der Nähe Dirschaus, an. Viele Kinder sind unterwegs gestorben, die wir nur schnell in den Chausseegraben, in ein Tuch gewickelt, legen konnten. Hier in dieser Stadt bekamen wir nach Wochen die erste warme Mahlzeit aus einer Soldatenküche. In einem schönen Zimmer wurden wir untergebracht. Da der Russe inzwischen wieder zurückgeschlagen war, hatten wir gerade noch drei Wochen Zeit, um die Kinder und unsere Oma vom Arzt behandeln zu lassen, da sie angefrorene Hände und Füße hatten und unter schwerem Darmkatarrh zu leiden hatten.


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Auf diesem Wege schon, von Marienburg bis Pr. Stargard, der 14 Tage dauerte — der Treck konnte infolge der verstopften Brücken nicht über die Weichsel und irrte auf vielen Umwegen nordwärts — hatte sich die Treckgemeinschaft völlig aufgelöst, so daß nur wenige Wagen Pr. Stargard erreichten. Schon unterwegs hatte der Kutscher unseres Wagens völlig die Nerven verloren, war zeitweise mit seinem Wagen vom Treck abgekommen, vor Angst oft in sinnlose Wut geraten und war nun in Pr. Stargard völlig mutlos geworden, wollte nicht mehr weiter, sondern zurück in das Heimatdorf zum Russen. Da nahm ich kurzentschlossen meine Habe vom Wagen, brachte sie in das dortige Pfarramt und stellte sie auf dem Hausboden unter, wo dann auch alles geblieben ist.

Nach dreiwöchigem Aufenthalt fuhren wir mit leichtem Handgepäck mit einer Nachrichtenabteilung weiter bis Köslin in Pommern, wo wir am 17. Februar anlangten. Meine Kleinste hatte inzwischen Keuchhusten bekommen, und wieder gelang es mit Gottes Hilfe, sie innerhalb von acht Tagen vom Arzt soweit behandeln zu lassen, daß sie die Flucht weiter durchhalten konnte.

Ungefähr Ende Februar schoß der Russe bereits nach Köslin hinein, so daß wir wieder zusehen mußten, wer uns nun weiter mitnehmen würde. Ich brachte meine Familie zur Kaserne, die gerade geräumt wurde. Stundenlang lief ich von einer Dienststelle zur andern, von einer Einheit zur andern, von einem LKW. zum andern, aber niemand nahm uns mit. Der Russe schoß wie wild, und als ich nun schon fast vorhatte, in Köslin zu bleiben, da wurde mir im letzten Augenblick ein LKW. zugewiesen, den ein Franzose steuerte. Wie glücklich bestiegen wir den Wagen, aber die Freude war nicht von langer Dauer, denn der Motor war nicht in Ordnung, und nach 10 km rührte er sich nicht mehr. Wir blieben mitten auf der Landstraße bei einem gewaltigen Schneesturm zwei Tage und Nächte liegen. Niemand kümmerte sich um uns, niemand wollte uns abschleppen. Endlich am dritten Tag erbarmte sich unser eine Menschenseele und schleppte uns nach Körlin (Pom.). Dort ließ man den Wagen auf dem Marktplatz einfach stehen.

Ich brachte die Kinder und unsere Oma in einen geheizten Raum, damit sie ein bischen auftauten und war dann Tag und Nacht draußen, um zu erkunden, wer uns weiter westwärts mitnehmen könnte und wollte. Das Militär brauste durch die Stadt, aber niemand achtete auf die Flüchtlinge. Partei und NSV. waren schon lange in Sicherheit, immer dasselbe Bild auf der ganzen Flucht. Endlich erspähte ich einen Omnibus mit Flüchtlingen, und nach langem Bitten ließ sich der Fahrer erweichen, uns mitzunehmen, aber ohne Handgepäck. So ließen wir dann auch unsere letzte Habe auf dem Marktplatz stehen, um unser nacktes Leben zu retten. Um 4 Uhr morgens fuhren wir so in Richtung Kolberg weiter. Hier empfing uns schon der Russe mit gewaltigem Artilleriefeuer, so daß wir gezwungen wurden, um die Stadt herumzufahren über einen Friedhof und durch ein kleines Wäldchen. Ab und zu mußte alles raus, um Bäume zu fällen, die den Durchweg versperrten. Inzwischen hatte sich der Hauptmann, der für den Transport verantwortlich war, in einem Volkswagen auf und davon gemacht, da die Stadt Kolberg schon an allen Ecken und Enden brannte und der Russe uns gewaltig auf den Fersen saß. Schließlich gerieten wir mit unserm Omnibus in einen Sumpf,


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und die Fahrt war zu Ende. Es wurde uns empfohlen, wieder zurück nach Kolberg zu gehen und dort alles weitere abzuwarten.

Viele taten es, aber ich nicht. Wir wanderten zu Fuß weiter durch den Sumpf, immer bis zur halben Wade im Morast, bis uns endlich eine Zugmaschine aufnahm, die Munition geladen hatte. Unterwegs stieg noch ein schwerverwundeter Offizier zu uns, der uns aber bald wieder verließ, weil er meinte, wir führen gerade in die Russenlinie hinein. Nachts kamen wir aber doch auf dem Truppenübungsplatz in Deep an und wurden hier wieder unserm Schicksal überlassen, saßen nun hier fest, denn die Wehrmacht hatte den Ort schon verlassen. Mit meinen drei kleinen Kindern und der alten Schwiegermutter konnte ich unmöglich zu Fuß weiter. Als ich nun gar nicht mehr aus noch ein wußte, blieb mir nur noch die Hilfe Gottes, die ich dann auch von Herzen erflehte. Da wurde ich ganz ruhig und gefaßt. Plötzlich steht ein Major vor mir, und er gibt mir einen gefährlichen Rat, ich sollte mit einem Fahrzeug bis zum Wasserflughafen Kamp fahren, der allerdings schon unter Beschuß lag, und dort versuchen, mit einem Flugzeug nach Dievenow zu gelangen. Wir versuchten es. In Kamp aber lagen schon Tausende von Menschen, die auf Weiterbeförderung warteten und nicht über den Strom kamen. Ich springe aus dem Wagen, laufe an den Planken entlang zu dem Wasserflugzeug, das gerade starten will. Dort bitte ich den Hauptmann dringend, uns mitzunehmen — und er tut es. Wir fliegen glücklich hinüber nach Dievenow, das Flugzeug aber nach uns ging infolge Überbelastung unter.

In Dievenow konnten wir uns zwei Tage ausruhen, bekamen aus der Feldküche warmes Essen, nach langer Zeit das erste Mal. Eines Morgens gelang es uns, in eine Maschine zu kommen, die nach Stralsund mit Flüchtlingen startete. Plötzlich aber wurden wir von Artillerie beschossen. Die Besatzung türmte. Wir stiegen nun auch umständlich wieder aus. Ich trug erst meine Kinder über einen vereisten Laufsteg, dann half ich meiner Schwiegermutter, aber inzwischen schlugen die Granaten links und rechts von uns ein. Wir versuchten ebenfalls, die Gebäude zu erreichen, und dabei wurde unsere Oma am Bein leicht verwundet.

Ein PKW. von der Kommandantur nahm uns dann mit nach Kolzow, nach zwei Tagen Rast ein LKW. bis Swinemünde. Am nächsten Tag steckte uns die Partei in einen Zug, in dem wir Tag und Nacht immer hin und her fuhren, bis wir in Anklam aussteigen durften und ohne Verpflegung und todmüde dort landeten. Meine Kleinste wurde sehr krank, auch wir andern waren völlig erschöpft, aber wir mußten weiter. Wir wurden mit andern in einen LKW. verladen und nach Friedland in Mecklenburg transportiert. Hier fanden wir bei einer sehr netten Familie liebevolle Aufnahme, und am nächsten Tag holte ich dann auf Empfehlung unserer Wirtsleute einen sehr tüchtigen Arzt, der mit Gottes Hilfe alle wieder auf die Beine brachte.

Nach siebenwöchigem Aufenthalt in dem kleinen Städtchen ging es mit einem Sprengkommando wieder westwärts, denn der Russe fing an, die Stadt zu beschießen. Wer flüchten konnte, flüchtete. Wir fuhren zunächst bis Wismar, dort mußten wir von den Fahrzeugen, da Tieffliegergefahr bestand. Gegen Abend nahm uns ein Fahrzeug mit bis Lischow, aber als wir endlich todmüde dort ankamen, war dort alles beim Packen und Aufbruch, denn der


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Russe näherte sich von Rostock der Stadt Wismar, und Lischow liegt zwischen den beiden Städten. Also wieder weiter.

Am nächsten Morgen nahm uns ein Gutstreck bis kurz vor Wismar mit, aber dann zog ich es doch vor, wieder mit der Wehrmacht zu flüchten. Wir hatten auch Glück, nach zwei Stunden Wartezeit kam ein großer LKW, der uns sofort mitnahm. Bis Lübeck war es dann noch sehr gefährlich, weil uns die Tiefflieger dauernd beschossen. Die Straße von Wismar nach Lübeck war links und rechts mit zerschossenen Fahrzeugen übersät. Wir kamen aber, gottlob, wohlbehalten in Travemünde an, und von hier ging's die Bäderstraße entlang bis Rantzau hinter Plön. Hier wurden wir nochmals umgeladen, und da Tieffliegergefahr bestand, fuhr uns der Fahrer in rasendem Tempo nach Lütjenburg in Ostholstein. Genau am 1. Mai 1945 kamen wir dort an, und unser Fluchtweg war damit zu Ende. Viele Enttäuschungen, aber auch viel beglückende Barmherzigkeit haben wir durch Menschen erlebt, das größte Erlebnis aber ist uns die bewahrende Durchhilfe unseres himmlischen Vaters gewesen. Ihm sei die Ehre und Lob und Dank!