Nr. 38: Fluchtvorbereitung und Dorftreck über Konitz, Schlawe, Greifenberg nach Niedersachsen.

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Bericht des Landwirts Karl Siebert aus Roggen hausen, Kreis G r a u d e n z i. Westpr.

Original, 9. März 1952.

Einige Tage vor der Flucht hatte unser Amtskommissar Erich Damerau, wohnhaft als Bauer in Kl. Schönbrück, Kreis Graudenz, die ihm unterstellten Ortsvorsteher vorgeladen und mit ihnen die Evakuierung der Zivilbevölkerung aus der Gegend besprochen, falls die militärische Lage es erfordern sollte. Getreckt sollte nur auf Befehl werden. Strenge Geheimhaltung der ganzen Angelegenheit wurde befohlen. Als Autnahmekreis wurde der Kreis Konitz genannt. Trecken sollte alles, auch die eingedeutschten Polen. Der polnischen Bevölkerung wurde ihr Verhalten freigestellt. Die meisten Bauern gehörten dem Volkssturm an, sie sollten nach Erreichung des Aufnahmekreises zurückgeführt werden. Ich selber als Bataillonskommandeur des Volkssturm erhielt den Auftrag, dazubleiben und aus den wieder Zurückgeführten das Bataillon neu aufzustellen. Inzwischen überstürzten sich die Ereignisse.

In der Nacht vom 23./24. Januar 1945 erhielt die Gegend Treckbefehl. Am 24. gegen 11 Uhr verließ der Treck des Dorfes geschlossen das Dorf. Für die Bewohner, die keine Pferde besaßen, hatte ich meine Pferde zur Verfügung gestellt und nur 2 Pferde meiner Familie gegeben und 2 Pferde für mich zurückgehalten. Am Nachmittag desselben Tages hatte ich Einquartierung der ersten zurückgehenden Truppen. Die eingedeutschten Polen kehrten bereits am Abend und in der Nacht zurück und hielten sich und ihre Gespanne verborgen. Auch die fortgetriebenen Rindviehherden der Gegend waren am nächsten Tage wieder da; sie wurden mit Hilfe von Soldaten, die ich von dem Divisionskommandeur der bei Schloß Roggenhausen kämpfenden Panzerdivision erbat, wieder in Marsch hinter die Weichsel gesetzt.


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Am 25. gegen 16 Uhr gingen die Panzer durch das Dorf in Richtung Norden. Beim Dunkelwerden ging die Infantrie zurück. Ich sprach mit einigen Offizieren und sagte ihnen meinen Auftrag. Sie schüttelten nur die Köpfe und fuhren schweigend weiter.

Am Nachmittag des 26., als mein Gehöft bereits mit Granaten beschossen wurde, hielt ich meinen Auftrag als nicht mehr ausführbar und fuhr über Skurjew, Burg Belchau zur Weichsel, wo zwischen Graudenz und Marienwerder bei Gr. Wolz der Übergang über das Eis möglich sein sollte. Als ich kurz vor Einbruch der Dunkelheit dort eintraf, standen dort eine große Anzahl Wagen, manche schon seit Tagen, die darauf warteten, beim Übergang an die Reihe zu kommen. Bei der strengen Kälte litten besonders Frauen und Kinder. Den Übergang leitete ein Amtskommissar. Als er mich sah, sagte er: „Ich stehe bereits seit 5 Uhr früh hier, ich kann nicht mehr, übernehmen Sie meine Aufgabe.” Damit war er verschwunden, und mir blieb nichts anderes übrig, als wieder Ordnung in den Haufen der schon Verzweifelnden zu bringen. Vom hohen Weichselufer steil hinab ging die tollkühne Fahrt eines jeden Wagens auf das Eis. Am jenseitigen Ufer war dann das mit Strauchweidenstubben bestandene Vorgelände zu überwinden, bevor man auf einem schräg angelegten schmalen Fahrweg auf die Dammkrone gelangen konnte, auf der dann mit großer Vorsicht die Fahrt weitergehen konnte. Da sie glatt und vereist war wurde diese schräge Anfahrt zum Damm vielen Wagen zum Verhängnis; ein Umkippen den Damm hinunter war oft nicht zu verhindern. Durch Vorlegen half einer dem anderen, über die Weichsel die Dammkrone zu erreichen. Nach einer Rast von wenigen Stunden in einem überfüllten Bauerngehöft ging es dann in Richtung Neuenburg weiter, doch mußte vor Neuenburg kehrt gemacht werden, da die Straße gesperrt war. Inzwischen hatte sich ein kleiner Treck mir angeschlossen, und wir nächtigten nach Dunkelwerden in Gr. Kommorsk. Dann trat starkes Schneegestöber ein, auch hatte sich der Frost verstärkt.

Am 28. brachte uns unsere Fahrt über Warlubien, Plochotschin durch die Tucheier Heide bis Osche, wo wir in der Nacht eintrafen. Osche war durch Flüchtlingsströme und zurückgehende Truppen vollgepfropft, doch fanden wir irgendwo auf dem Fußboden noch ein Lager. Unseren Treck hatte ich auf der Chaussee über Tuchel nach Konitz geplant, doch war dieser Weg wegen nie abreißender Kolonnen zurückziehender Truppen blockiert und für Flüchtlingstrecks verboten. Da sich diese Sachlage nicht änderte, nahmen wir nach ein oder zwei Tagen unseren Weg durch die nie abreißende Forst nach Gr. Schliewitz. Hier kamen wir kurz vor dem Ort auf einem verlassenen Sägewerk zur Nacht unter. Am nächsten Tage ging es bei starker Kälte und Schneetreiben nach Heiderode (Czersk) weiter. Wir hatten gehofft, dort zur Nacht bleiben zu können, mußten aber weiter, da alles überfüllt war. Auch in den nächsten Dörfern konnten wir keinen Unterschlupf finden, alles war mit Militär belegt. So sahen wir endlich das Vergebliche unseres Bemühens ein und hielten auf der Nebenstraße eines Dorfes an. Die Pferde blieben vor den Wagen stehen, während die Menschen ruhelos umherstapften, um nicht zu erfrieren. In den nächsten Tagen kamen wir dann auf Umwegen über Karschen nach Friedrichsbruch bei Bruß. Hier sollten wir vorderhand bleiben.


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Vf. beschreibt dann seine nochmalige Rückkehr nach Graudenz, die er als Volkssturmführer in einer dienstlichen Angelegenheit unternahm.

In Friedrichsbruch wieder angekommen, erhielten wir den Räumungsbefehl. Die Front war inzwischen recht nahe gekommen, auch machten sich feindliche Tiefflieger unangenehm bemerkbar. Sie beschossen auch aus nächster Nähe mit Verwundeten belegte Lazarettwagen, trotzdem diese als solche deutlich bezeichnet waren. Die Fetzen des Wagens flogen nur so herum. Ich befand mich dicht daneben und mußte in Deckung gehen.

Wir gedachten nach Bütow weiterzufahren, und zwar über den Truppenübungsplatz. Den einzuschlagenden Weg hatte ich kurz zuvor mit noch einigen anderen zu Pferde bei starkem Schneetreiben erkundet. Als wir uns gegen Dunkelwerden wegen der Flieger auf die Reise begaben, fanden wir die von Bruß führende Chaussee, deren erste Strecke wir zum Erreichen des Übungsplatzes benötigten, wegen zurückgehender Truppen gesperrt. Es wurde uns anheimgestellt, unseren Weg über Schwornigatz zu nehmen, was immerhin 25 km Umweg bedeutete. Auch war mir Schwornigatz kein Begriff, und von Bruß führten nur Landstraßen dorthin. In stockdunkler Nacht vor meinem Treck zu Fuß gehend, mehrmals von Patrouillen sogenannter landeseigener Verbände angehalten, die über den Weg aber auch keine Auskunft geben konnten, erreichte ich mit meinem Treck bei Hellwerden Schwornigatz, welches wir allerdings um Mittag schon verlassen mußten, da der Russe weiter vorrückte. In der Nacht fanden wir dann Obdach in einem weit von der Straße Konitz — Bütow abgelegenen kleinen Walddorfe. An der Straße selber war alles mit Truppen belegt.

Von Bütow ab machte sich Fürsorge deutscher Stellen, der NSV., bemerkbar, wenn auch ihre Hilfe bei der Unzahl der Flüchtlinge für den Einzelnen nur gering sein konnte. Bis Bütow waren wir ohne spezielle Leitungsbefehle gefahren. Wir hatten als Richtschnur nur die noch in der Heimat von unserem Amtskommissar ausgegebene Parole, den Kreis Konitz aufzusuchen. Nun erhielten wir von der Treckleitung für jeden Tag ein zu erreichendes Ziel. An dieses Ziel wurden wir dadurch gebunden, daß wir nur hier das für unsere Pferde notwendige Futter kaufen konnten. Wenn diese Ration auch nur sehr gering war — sie bewegte sich je Pferd und Tag zwischen l—6 Pfund Hafer und manchmal auch etwas Heu — so waren wir doch darauf angewiesen. Lebensmittel für uns gab es von nun ab auch hin und wieder etwas zu kaufen. Wer noch Vorräte auf seinem Wagen hatte, war besser dran als die vielen, bei denen es nicht mehr der Fall war.

Unser weiterer Weg führte uns über Reinfeld, Zuckers, Schlawe, Köslin, Greifenberg, Gollnow, Altdamm bis zur Oder, die wir hier überschritten. Die Überlastung der Straße durch die endlosen Trecks erschwerte das Vorwärtskommen sehr. Aneinander vorbei konnte natürlich niemand, und der Treckzug selber geriet fortwährend ins Stocken. So bestand die ganze Angelegenheit aus ewigem Anfahren und Anhalten.

Um den Russen zu entkommen, fuhren wir einmal 3 Tage und Nächte hintereinander, ohne auszuspannen, doch war trotz dieser Anstrengung der zurückgelegte Weg recht gering. Als wir im Morgengrauen durch Gollnow kamen,


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gab es erhöhten Panzeralarm, und die ganze Bevölkerung des Städtchens flüchtete in Richtung Oder, nur mitführend, was sie eben schleppen konnte. In der folgenden Nacht — wir mußten mehrere Stunden vor einer Brücke der Ost-Oder halten — wurden wir von feindlichen Flugzeugen mit Bomben beworfen, doch waren die Verluste der Trecks nur gering. Doch furchtbar wurden die mitgenommen, die bei Hellwerden über die Brücke der West-Oder gingen. In Haufen lagen die zu einem Knäuel verstrickten Wagen, von Fliegerbomben zu einer wüsten Masse zusammengeschlagen. Sie fuhren sich bei dem herrschenden Glatteis fest, als sie der Vernichtung durch einen unerbittlichen Feind durch Schnelligkeit entrinnen wollten. Im Anschluß daran lag in langer Reihe ein Gefährt hinter dem anderen. Pferde und Menschen tot, wie zersägt von dem Maschinengewehrfeuer der Tiefflieger.

Diesem Schicksal waren wir nur dadurch entgangen, weil nicht weit davon unsere Fahrt durch steckengebliebene Wagen ins Stocken geraten war. Jenseits der Oder führte unser Weg über Penkun, Grabow, Dömitz, zur Elbe, die wir überschritten. Die hier angeführten Orte von Vorpommern und die beiden von Mecklenburg geben nur die allgemeine Richtung unseres Trecks an. Unseren Treckbefehlen und den allgemeinen Notwendigkeiten, verstopfte Straßen und Suche nach Unterkunft, folgend, ging unsere Fahrt oft hin und her und weit vom Wege ab. An dem Tage, an dem wir die Elbe bei Dömitz überschritten, waren wir in Bockup in Mecklenburg aufgebrochen, zur Nacht kamen wir dann in Gülden im Kreise Uelzen ins Quartier. Unsere weitere Wegstrecke wurde dann durch die Ortsnamen Uelzen, Eschede, Gelle, Schillerslage, Oldhorst, Großburgwedel, Mellendorf in großen Zügen bezeichnet. In Negenborn fand unser Treck am 2. April 1945 sein vorläufiges Ende.