Nr. 39: Gutstreck nach Pommern, Zusammentreffen mit den Russen im Kreis Lauenburg.

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Erlebnisbericht der Gutsbesitzersfrau Bertha von Bieter aus Lindenau, Kreis Graudenz i. Westpr.

Original, 1. Februar 1951, 5 Seiten. Teilabdruck.

Als am 22. Januar 1945 der Kanonendonner von der ostpreußischen Grenze her die Fenster erklirren ließ, mußte man die leise Hoffnung aufgeben, vielleicht doch um das Verlassen der Heimat herumzukommen. Fieberhaft wurden die letzten Vorbereitungen für den Treck getroffen, der von unserem Beamten Gdanietz als Treckführer gut vorbereitet war. 42 Pferde, ein Trecker und 16 Wagen für Menschen, Gepäck und Vorräte, darunter ein geschlossener Wohnwagen für Alte und Kinder, bildeten den Gutstreck Lindenau, der mit dem Treck des Bauerndorfes Königlich-Lindenau abends um 22 Uhr zusammen aufbrach. Die Frauen und Kinder der polnischen Gutsleute blieben zuhause; die Scharwerkerinnen wanderten schon von Graudenz aus wieder zurück. Nur von den zwei deutschen Familien kamen alle mit. Zurückmarschierende Truppen des Volkssturms, versprengte Flieger, durchgetriebene Viehherden und Flüchtlinge schufen ein tolles Kommen und Gehen, so daß man keine Zeit


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für ein trauriges Abschiednehmen von der geliebten Heimat fand, in die wir vor genau 25 Jahren gleichzeitig mit der polnischen Besetzung eingezogen waren, als wir das Gut nach dem Tode meines Schwiegervaters übernommen hatten.

In Melno war der erste kurze Stop; überall, wohin wir kamen, die gleiche traurige Aufbruchstimmung und -unruhe. In Graudenz trafen wir am frühen Morgen des 23. Januar ein; vor dem Übergang über die zugefrorene Weichsel stundenlanger Aufenthalt, da erst Truppen herübergeschleust wurden. Doch kamen wir dank der Hilfsbereitschaft des Graudenzer Kommandanten verhältnismäßig schnell weiter. Eisige Winde machten das langsame Vorwärtskommen zur Qual; da bewährte sich unsere selbstgebaute kleine Gulaschkanone mit heißem Kaffee, die sonst kaum in Benutzung genommen werden konnte. Abends spät fand sich auch unser Treck zum Nachtquartier in Rohlau zusammen. Mein Mann und ich waren schon gegen 18 Uhr dort eingetroffen. Trotz des auch dort herrschenden Aufbruchs wurden wir rührend aufgenommen und versorgt.

Der 24., ein strahlender, sonniger Wintertag, führte uns bis Osche, wo wir abends notdürftig in leeren Ausbauten Quartier fanden; am nächsten Morgen fehlten drei unserer Honoratioren, der Schmied, Stellmacher und ein Wirt. Dann ging es durch die Tucheler Heide, die mit ihren Partisanengerüchten unseren Beamten schreckten; aber unsere bewaffneten Volkssturmmänner und zwei Polizeibeamte, die denselben Weg hatten, sahen nichts Beunruhigendes. Von Rohlau aus hatten sich noch Herr Osman, Salno und Frau Wanno, Annaberg, mit leichtem Gepäck dem Treck angeschlossen. Sie blieben einige Tage dabei, bis wir südlich Bütow an eine Bahnlinie kamen, so daß sie von dort mit der Bahn weiterfuhren. Wir konnten dort leider wegen gesperrter Wege nicht, wie beabsichtigt, nach Bütow weiterfahren, so daß der Beamte den Weitermarsch südlich nach Konitz zu erzwang. Ein Höllenmarsch für Pferde und Menschen bei eisiger Kälte. Die geplanten Nachtquartiere alle überfüllt, teilweise mit betrunkenen Hiwis1), die von Russen nicht zu unterscheiden waren. Endlich gelang es meinem Mann, auf flehentliches Bitten hin auf einem Gut abends um 21 Uhr noch notdürftig Quartier für alle Menschen und die Pferde zu bekommen. Es wurde ein Ruhetag eingelegt, um neue Kraftreserven zu schaffen, Wäsche zu waschen und gutes, warmes Essen zu kochen.

Da die Russen hier schon in bedrohlicher Nähe waren, wurde am darauffolgenden Tage wieder Nordrichtung eingeschlagen. Bei dem Abmarsch fehlten 14 von unseren Leuten, doch konnten die notwendigen Wagen mit dem Rest gerade noch besetzt werden. Den Trecker mußten wir stehen lassen, da auch sein Fahrer, der Chauffeur, fehlte. In einem Gewaltmarsch kamen wir bis zu einem Dorf dicht vor Bütow; dank der Geschicklichkeit unseres Beamten, der es auch in den aussichtslosesten Fällen immer noch verstand, Quartier zu bekommen, kamen wir unter. Schnell zubereitete Hühner, die wir abgeschlachtet mitgenommen hatten, erquickten die müden Fahrer. Am nächsten Morgen, dem 30. Januar, ging es durch Bütow in den Stolper Kreis. Mein Mann und ich fuhren in unserem Landauer vor, um bei von Zitzewitz, Mut-


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trin, Quartier zu machen, was auch glückte. Unsere Leute kamen auf ein Nebengut, der Bauerntreck kam sehr gut in der Nachbarschaft unter. Als wir am nächsten Morgen weiterziehen wollten, waren unsere Leute sehr unglücklich: „Noch weiter von zuhause weg, bis wohin soll es noch gehen?” Aber auf einiges Zureden hin spannten sie doch an. Da kam Treckverbot für drei Tage, — und das war unser Verderben! Denn inzwischen hatten wir uns in Muttrin so schön eingelebt, daß wir beschlossen, dort zu bleiben. Wenn die Pommern blieben, warum sollten wir es nicht auch tun? Die Nachrichten dafür lauteten günstig, und das überfüllte Deutschland, in dem wir kein richtiges Ziel für unsern Treck hatten, lockte so wenig. So verlebten wir vier fast friedensmäßig anmutende Wochen in dem gastfreundlichen Muttrin. Unsere Leute wurden dem Gutsbetrieb eingegliedert, und unser Beamter holte sogar noch den damals zurückgelassenen Trecker wieder,

Ende Februar wurden die Nachrichten immer bedrohlicher, und am 1. März überredete uns der Beamte, noch einen Treckversuch von zwei Wagen und Trecker gegen allseitiges Abreden zu machen. Nach großen Strapazen kehrten wir am dritten Tage mit erledigten Pferden und festgefahrenem Trecker, der zurückblieb, reumütig wieder nach Muttrin zurück, denn vor Rügenwalde wurden alle Trecks wieder zurückgeschickt, da die Russen westlich durchgebrochen waren. Inzwischen war auch in Muttrin wieder Militär eingetroffen und alles überfüllt, so daß mein Mann und ich nach einem Ruhetag in unserem Landauer und einem Gummiwagen mit Gepäck in den Lauenburger Kreis weiterzogen. Wir fanden bei Fließbachs, Kurow, auf dem Nebengut Goten Quartier, das der schwerkriegsbeschädigte Sohn bewirtschaftete. Unser Beamter blieb mit den dazu notwendigen Pferden und Wagen für unsere Leute in Muttrin und sollte sich dem dortigen Treck anschließen. Wie ich Jahre später von ihm aus Venezuela hörte, ist er auch mit unseren Leuten bis in die Danziger Niederung gekommen. Diese sind nach Lindenau zurückgegangen, er mit seiner Frau mit Schiff noch nach Dänemark entkommen.

Wir trafen am 7. März in Goten ein; ich übernahm den Haushalt in Vertretung der abwesenden jungen Frau. Am 9. feierten wir schon recht trübselig und voller trüber Ahnungen den 69. Geburtstag meines Mannes und versprachen Fließbachs, zu bleiben. Am Sonntag, dem 11. März, standen die ersten Russen mit vorgehaltener Maschinenpistole vor uns, aber als wir ihnen unsere Waffen und „Urren” abgeliefert hatten, waren sie ganz friedlich. Abends folgte das übliche Freudenfest mit viel Schnaps, Weibern und Geschieße. Der Gärtner verwundete einen Russen und beging dann mit seiner ganzen Familie Selbstmord. Der junge Fließbach mußte an dem Feste teilnehmen, während mein Mann und ich ungestört in unserem Fremdenzimmer schliefen.

Nachmittags war ein Kommissar dagewesen, der uns nach Ablieferung unserer letzten Uhren und Goldketten darüber eine Bescheinigung ausgestellt hatte. Er hatte auch die Leute vernommen, und unser Maurer, der wohl freie Bahn zum Auskneifen mit unseren Pferden nach Hause haben wollte, hatte schlecht über meinen Mann ausgesagt, wie mir später ein russisches Mädchen erzählte, obgleich er uns das Gegenteil versicherte. Am nächsten Morgen war er mit drei Pferden, Wagen und seinen zwei Söhnen verschwunden, dafür kamen am Nachmittag zwei GPU.-Offiziere, von denen der eine


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Deutschsprechende nett und freundlich war. Zuerst wurde unser Radio zerschossen, dann plünderte der zweite Garderobe usw., und alles wurde in dem Rohrplattenkoffer meines Mannes verstaut. Dann wurde mir mitgeteilt, daß ich für Fließbach und meinen Mann etwas Wäsche und Lebensmittel für ein paar Tage einpacken solle, da sie zu einem Verhör mitkommen müßten, ein schrecklicher Moment. Auf meine Bitte, mich zu erschießen, sagte er: „Wozu? Man ist in 4 bis 5 Tagen wieder zurück, nur „pisac”,1) was uns etwas beruhigte; wir hatten noch keine Erfahrung mit der russischen Unaufrichtigkeit. Der schmerzliche Augenblick, als er wehmütig mit dem Taschentuch winkend um die Ecke bog, gehört zu dem Schwersten in meinem Leben. Bei dem Versuch, ihm den schweren Plünderkoffer tragen zu helfen, was ihm bei seinere Angina pectoris so schwer fiel, wurde ich zurückgejagt.

Fließbach kam noch am nächsten Morgen zu seinen Eltern, um Abschied zu nehmen, erzählte, sie wären gut behandelt worden, hätten auch Decken, Licht und Zigaretten bekommen, sein Verhör wäre ganz oberflächlich gewesen, doch er müsse sich in Stolp zurückmelden. Mein Mann wäre noch im Verhör gewesen; das war das Letzte, was ich von ihm hörte. Nach über einem Jahr, als ich schon in Westdeutschland war, teilte mir Frau Klettner aus dem Graudenzer Kreis mit, daß mein Mann im März—April im Graudenzer Barackenlager, später evtl. im Zuchthaus in Graudenz gewesen sei, ihr Mann sei dann von Graudenz fortgekommen und später heimgekehrt, so daß er nicht wisse, was weiter aus meinem Manne geworden sei. Trotz größter Bemühungen ist es mir nicht gelungen, noch irgend jemand ausfindig zu machen, der etwas über meinen Mann weiß, und da die Graudenzer Lager verrufen schlecht waren und nie ein persönliches Lebenszeichen von ihm an mich gelangte, muß ich hoffen, daß er in seinem Alter möglichst bald von den unmenschlichen Qualen erlöst worden ist.

Es folgen noch einige weitere Erlebnisse der Vfn. während der russischen Besatzungszeit.