Nr. 41: Räumungsvorgang im Kreis Zempelburg.

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Berieht des ehemaligen Kreisbauernführers G. P. aus Crünlinde, Kreis Zempelburg i. Westpr.

Original, 13. September 1952. 2. Teil eines Gesamtberichts von 5 Seiten über Planung und Durchführung der Räumungsaktion im Kreisgebiet.

Es war am 18. oder 19. Januar 1945, als die ersten russischen Panzer in die Nähe unserer Kreisgrenze bei Mrocza (Immenheim) kamen und diesen Teil des Kreises in helle Aufregung und Fluchtstimmung versetzten. Eine Anzahl von Bauernfamilien setzte sich gleich in Bewegung, zumal die Bewohner des Kreises Wirsitz zum Teil schon aufgebrochen waren und der Flüchtlingsstrom von jenseits der Weichsel schon seit einigen Tagen auch unsern Kreis überflutete. Dies alles veranlaßte den Kreisleiter Bütow, eine Versammlung auf Sonntag, den 21. Januar 1945, einzuberufen, zu welcher die Führer der Formationen und der Gliederungen der Partei sowie die Zellenleiter, Bürgermeister, Polizeiführer und Bezirksbauernführer des ganzen Kreises befohlen wurden. Er sprach zu diesem Gremium als Verteidigungskommissar und beruhigte die Versammelten mit optimistischen Worten und Plänen. Eine Division der Waffen-SS wäre unterwegs, um Bromberg und Umgebung wieder vom Feinde zu säubern. Ein Räumungsbefehl käme vorerst gar nicht in Frage, da bisher nur erst drei Kreise hinter der Weichsel Befehl zur Räumung erhalten hätten. Grund zur Beunruhigung sei noch nicht gegeben, er stände in fast ständiger Verbindung mit dem Gauleiter, und der würde, wenn es überhaupt soweit kommen sollte, schon rechtzeitig den Räumungsbefehl erteilen. Außerdem wolle er in den nächsten Tagen einen starken Stoßtrupp von besonders zuverlässigen Volkssturmleuten aufstellen, die, mit Panzerfäusten bewaffnet, auch stärkere Panzereinheiten abzuschlagen in der Lage wären.

Der Kreisbaueruführer erwähnte, daß man trotzdem auch zunächst mit einer Evakuierung von Frauen und Kindern rechnen müsse (die Männer sollten laut Befehl restlos zur Verteidigung eingesetzt werden) und ruhig Vorbereitungen treffen sollte; wenn sie umsonst wären, wäre es umso besser. Aus eigner Verantwortung empfahl er dann den Bürgermeistern und Orts-


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bauernführern, die Genehmigungen von Hausschlachtungen nunmehr örtlich zu regeln und dabei großzügig zu verfahren, damit jeder bei evtl. Flucht nicht mit leeren Topfen auf die Reise ginge. Die Regelung fand bei allen Beteiligten wie auch die volle Zustimmung des Kreisleiters. Wie mir bekannt geworden, ist davon reichlich Gebrauch gemacht worden.

Am 23. Januar fuhr ich mit dem Schlitten zur Kreisstadt und begegnete einer Menge Truppen (Lettische Waffen-SS), die neu eingekleidet und gut ausgerüstet in Richtung Osten in Bewegung war. Beim Kreisleiter angekommen, fand ich diesen in sehr guter Stimmung, dessen Optimismus soweit ging, daß er fast an einen Stillstand der Russenfront, ja, sogar an deren Zurückwerfung über die Weichsel glaubte. Er war empört über diejenigen, die sich bereits aus unserem Kreise auf der Flucht befanden, und besonders über den Arbeitsdienst, der in der Nacht zum 23. die Baracken in Zempelburg verlassen hatte und sich durchziehenden Arbeitsdienstabteilungen anschloß, die in Richtung Westen zogen, dabei Munition und Waffen in die Straßengräben warfen und eine ganze Anzahl von Gespannen aus dem Kreise mitführten, die sie gegen ihr Versprechen nicht am nächsten Tage zurückschickten und somit einigen Familien die Fluchtmöglichkeiten nahmen. Auf den mitgeführten Wagen wurden fast ausschließlich Privatgüter der RAD.-Führer befördert.

Ich empfahl dem Kreisleiter, trotzdem eine Räumung vorbereiten zu lassen, was er kurz und bestimmt mit der Bemerkung ablehnte, daß dies zunächst Unsinn wäre und zudem der Mißstimmung und Beunruhigung der Bevölkerung nur förderlich wäre. Er denke nicht daran, dem Defaitismus Vorschub zu leisten. Er werde im Gegenteil sofort Maßnahmen treffen, um jede weitere Flucht zu verhindern, und zudem auch die bereits geflohenen Familien, soweit sie noch erreichbar, zurückholen lassen. Tatsächlich hat er dann auch Volkssturmmänner an die Kreisgrenze bei Lutau beordert, die jeden Wagen aus dem Kreise anhalten und zurückschicken sollten.

Am 26. Januar brachen dann erneut Panzer, vom Nordosten kommend, in unseren Kreis bei Sassenau (Soßnow) ein1). Die Nachricht verbreitete sich schnell, und telephonisch bat ich den Kreisleiter, nunmehr doch den Räumungsbefehl zu geben. Nach erregter Debatte sagte er dann wörtlich zu mir: „Wer denn durchaus fliehen will, den will ich nicht mehr halten, der soll abhauen.” Aber mit vaterländischem Pflichtbewußtsein und Treue zum Führer könne er das nicht mehr vereinbaren. Den Räumungsbefehl gebe er jetzt noch nicht. Er werde den einzelnen eingebrochenen Panzern (denn um solche handele es sich nur) sofort einige Volkssturmmänner entgegenstellen, um dieselben kurzerhand abzuschießen.

Um 18.00 Uhr rief die Polizei aus Zempelburg an und befahl kurz und bündig die Räumung, da Frauen und Kinder hier an der nun eingetretenen Front nichts mehr zu suchen hätten. Dies teilte ich sofort dem Kreisleiter mit und unterstützte die Anordnung der Polizei. Derselbe wurde wütend und sagte, die Polizei hätte keine Ermächtigung von ihm, in dieser Hinsicht Befehle zu erteilen, er werde die Schuldigen sofort zur Verantwortung ziehen und diese Anordnung rückgängig machen.


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Ich versuchte dann auf eigne Faust, einige Ortsbauernführer zu verständigen und ihnen eine sofortige Flucht nahezulegen, was mir auch in sechs Fällen gelang. Um 18.30 schnitt mir ein Trupp Letten-SS die Telephonleitung ab und legte ihr Feldkabel an, wobei sie mir erklärten, daß hier vorderste Frontlinie wäre. Daraufhin verständigte ich unser und das Nachbardorf Hohenfelde, beluden in den späten Abendstunden die vorbereiteten Wagen und brachen um 22.00 Uhr zur Flucht im Treck auf. Am nächsten Tage, also am 27. Januar, wurde Zempelburg in den frühen Morgenstunden von den Russen besetzt.

Von einer organisierten Vorbereitung zur Flucht kann keine Rede sein1). Jeder war sich selbst überlassen. Am 22. Januar hat der Kreisleiter lediglich die Landwacht und den Volkssturm für einige Tage beurlaubt, damit sie zu Hause einiges für die Flucht vorbereiten sollten. Ein Teil der Bevölkerung blieb zurück, weil sie sich zu Fuß nicht auf den Fluchtweg begeben wollte. Andere glaubten, ihnen geschehe nichts, wenn sie zu Hause blieben. Etliche blieben gleich in der ersten Nacht im Schneegestöber stecken, und wiederum ein Teil kehrte nach einigen Tagen Fluchtweg aus Verzweiflung über die Strapazen wieder zurück. Das Gros jedoch konnte sich absetzen. (Die Umgebung von Vandsburg floh am Sonnabend, dem 27.) Von dem Geschick, nicht fliehen zu können, wurden wegen Transportmangels die Städte mehr betroffen als das Land. Einen Räumungsbefehl hat es für unseren Kreis nie gegeben.

Angesichts der Vielzahl der russischen Panzer verließ auch der letzte Stoßtrupp des Volkssturmes, der am Stadtrande von Zempelburg Stellung bezogen hatte, ohne Schuß auf den Feind in den frühen Morgenstunden des 27. Januar 1945 die Kreisstadt.

Der Kreis ist dann später von der Letten-SS-Division bei Camin verteidigt worden, wo es auch zu Kämpfen gekommen ist.