Nr. 45: Die Räumung des Kreises Dt. Krone und des Netzekreises.

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Tätigkeitsbericht von Dr. Knabe, ehemaliger Landrat des Kreises Dt. Krone und kommissarischer Landrat des Netzekreises.

Beglaubigte Abschrift, 14. April 1945, 8 Seiten. Amtlicher Bericht an den Regierungspräsidenten in Schneidemühl.

Der Kreis Deutsch Krone war nur zur Räumung vorgesehen, soweit er vor oder in der Pommernstellung lag. Insgesamt sollten etwa 70 Gemeinden geräumt werden. Der Rest des Kreises, insbesondere die Gegend um Märk.-Friedland mit ca. 23 Gemeinden, sollte nicht geräumt werden.

Der Netzekreis dagegen war ganz zu räumen.

Aufnahmekreis war für den Kreis Deutsch Krone der Kreis Demmin, für den Netzekreis der Kreis Grimmen.

Durch Erlaß des Reichsverteidigungskommissars vom 12. Dezember 1944 war die Vorbereitung aller Räumungs- und Bergungsmaßnahmen den Kreisleitern übertragen. Dem Landrat war nur die Räumung der ihm unterstellten Behörden übertragen, und auch hier war er dem Kreisleiter unterstellt. Ein ausdrücklicher Unterstellungsbefehl erging noch einmal mündlich durch den Reichsverteidigungskommissar auf der Tagung in Falkenburg am Montag, den 22. Januar 1945.

Die Ereignisse rollten wie folgt ab:

Am Sonnabend, den 20. Januar 1945, abends gegen 22 Uhr, wurde von der Kreisleitung Deutsch Krone das Stichwort „Regen„ ausgelöst. Damit war die Anordnung getroffen, alles für eine mögliche Räumung vorzubereiten. Der Netzekreis erhielt zur gleichen Zeit den gleichen Alarmbefehl.

Das Stichwort wurde den in Frage kommenden Behörden durchgegeben, der Zivilbevölkerung vorschriftsmäßig jedoch nicht bekanntgegeben.

Am Montag, den 22. Januar 1945, fand in Falkenburg bei dem Herrn Reichsverteidigungskommissar eine Besprechung wegen der Räumung statt, die bis zum späten Nachmittag währte. In der Sitzung wurde eine Räumung nur als theoretisch möglich, nicht aber als unmittelbar bevorstehend behandelt. Trotzdem war von der Kreisleitung bereits vormittags um 11 Uhr an meine Behörde der Räumungsbefehl durch Auslösung des Stichwortes „Hage1„ gegeben worden.

Der Kreisleiter gab dem Sachbearbeiter folgende schriftliche Weisung:

„Dt.-Krone, den 22. Januar 1945. An alle Ortsgruppenleiter. 1. Stichwort „Hagel”.


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2. Die befohlene Räumungsaktion beschränkt sich zunächst auf die Rückführung der Umquartierten und auf die einheimischen Frauen und Kinder. Aufnahmekreis ist für uns Kreis Demmin/Vorpommern.

Ortsgruppenleiter sind verantworlich, daß die obengenannten Trecks auf dem kürzesten Wege sich westlich der Pommernstellung einfinden. Alles sofort in Marsch setzen.

Die Treckführer sind anzuweisen, sich in Demmin einzufinden.

Der Kreisleiter gez. Quast.”

Diese Anordnung wurde nach 10 Minuten zurückgezogen. Kurz darauf wurde von der Kreisleitung am gleichen Tag die Räumung von Umquartierten mit Müttern und Kindern bis 6 Jahren angeordnet und gleichfalls wieder zurückgenommen.

Die betreffende 2. Weisung lautet wie folgt:

„D urchsage von der Befehlsstelle des Gauleiters.

Montag, den 22. Januar 1945. 2. Weisung.

An alle Kreisleiter, Kreisamtsleiter der NSV., Kreisfrauenschaftsleiterin, Bannmädelführerin und den Herrn Landräten und Kreisbauernführern zur Kenntnisnahme. Auf Befehl des Gauleiters und Reichsverteidigungskommissars sind sofort folgende Gebiete von Umquartierten und Müttern mit Kindern der bodenständigen Bevölkerung zu räumen und in die entsprechenden Bergungskreise zu leiten. Alle Gebiete östlich der Pommernstellung und zwar in den Kreisen Arnswalde, Friedeberg, Netzekreis, Schneidemühl, Dt. Krone, Neustettin und Flatow.

Bei den Bergungsstellen auf den Bahnhöfen und an den Durchgangsstraßen sind neben ausreichender Verpflegung für Erwachsene, Kleinkinder und Säuglinge auch Heißgetränke bereitzustellen.

gez. Hube, Oberbereichsleiter.”

Beide Befehle kamen über den Kreis meiner Behörden nicht hinaus. Inwieweit die Befehle von der Kreisleitung an andere Stellen gegeben wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls machte sich von Tag zu Tag eine wachsende Nervosität bemerkbar.

Als ich abends von der Tagung in Falkenburg nach Deutsch Krone kam, wurde mir gemeldet, daß der Reichsführer-SS mit seinem Sonderzug in Dt. Krone sei und mich zu sprechen wünsche. Ich meldete mich und wurde von dem persönlichen Referenten, SS-Brigadeführer, Ministerialrat Dr. Brandt, empfangen. Er teilte mir mit, daß der Reichsführer-SS den Befehl über die Weichselarmee übernommen habe, daß die entsprechenden Truppen bereits


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mit ihren Spitzen einträfen, und daß eine Räumung unseres Gebietes wohl kaum in Frage käme. Im übrigen habe der Reichsführer-SS sich vorbehalten, jeden Räumungsbefehl persönlich zu geben. Keine andere Stelle sei daher mehr berechtigt, in Bezug auf die Räumung etwas anzuordnen.

Ministerialrat Dr. Brandt suchte mich zusammen mit dem Ministerialrat Bode am nächsten Morgen in meinem Dienstzimmer auf und gab gleichfalls nochmals beruhigende Erklärungen ab.

Ab Mittwoch, den 24. Januar 1945, ca. 21 Uhr, erfolgte die Anordnung zum Abtransport Umquartierter und Mütter mit Kindern bis 6 Jahren aus frontnahen Orten, d. h. vor der Pommernstellung und in der Pommernstellung sollten diese Bevölkerungskreise fortgeschafft werden. Der Abtransport ging am Donnerstag, Freitag und Sonnabend weiter vor sich.

In der Nacht von Donnerstag zu Freitag hatte das Postamt in Schleppe geräumt. Es war also an diesem Tag nicht mehr möglich, von Schleppe aus Postverbindung zu bekommen. Die Sparkassennebenstelle in Schleppe war ohne Geld und konnte keine Auszahlungen mehr vornehmen. Ich fuhr selbst mit einer entsprechenden Geldsendung nach Schloppe. Als ich ankam, wurde mir berichtet, daß der Gauleiter da gewesen sei und befohlen habe, daß das Postamt Schloppe sofort wieder besetzt würde. Er habe im übrigen eine öffentliche Versammlung auf dem Markt in Schloppe abgehalten, die Bevölkerung beruhigt und erklärt, sie solle wieder auspacken, an eine Räumung dächte niemand. Freitagnachmittag waren aber bereits russische Panzer in Schönlanke. Die Netze war in breiter Front überschritten und abends um 22 Uhr wurde das Stichwort „Hagel” ausgelöst und damit die Räumung befohlen.

Ich erhielt den Räumungsbefehl von dem stellvertretenden Gauleiter Pg. Simon persönlich. Er rief mich an und sagte etwa wie folgt:

„Der Reichsführer-SS hat mich beauftragt, die Räumung für ein Gebiet, welches 30 km von der Gaugrenze entfernt liegt, zu befehlen. Ich tue das hiermit. Für weitere 30 km wird die „Auflockerung” angeordnet.”

Ich nahm die Karte zur Hand und stellte fest, daß der Kreis, soweit er in und vor der Pommernstellung liegt, zu räumen und daß der Rest des Kreises aufzulockern sei. Ich begab mich zum Kreisleiter, um mit ihm die Sache zu besprechen. Wir waren uns einig, daß unter anderem sämtliche Städte des Kreises Deutsch Krone mit Ausnahme von Mark.-Friedland zu räumen seien. Der Netzekreis war ganz zu räumen. Da der Abtransport der Bevölkerung erst am nächsten Morgen erfolgen konnte, da erst dann der 1. Zug zu erwarten sei, wurde der Räumungsbefehl an die Städte erst in den Morgenstunden gegeben, um eine unnötige Beunruhigung in der Bevölkerung zu vermeiden. Die ländlichen Gemeinden wurden sofort benachrichtigt. Eine Verbindung mit SchÖnlanke und Kreuz, die sofort versucht wurde, kam nicht mehr zustande.

Die befohlene Räumung des Kreises Deutsch Krone wurde von Sonnabend ab ordnungsgemäß durchgeführt. Besonders gefährdete Gebiete haben die


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Räumung bereits in der Freitagnacht durchgeführt. Nur vereinzelt wurde die Räumung der Gemeinden durch feindliche Einwirkung gestört1).

Die Räumung der mir unterstellten Behörden erfolgte ordnungsgemäß im Laufe des Sonnabends und Sonntags. Für die Behörden in Deutsch Krone gelang es, 6 Waggons von der Eisenbahn gestellt zu erhalten, mit denen das Landratsamt mit den unterstellten Behörden und die Stadtverwaltung ihre Akten bergen konnten. So wurden insbesondere das wertvolle Material der Sparkasse, der Reichsbahn und die wichtigsten Akten der sonstigen Behörden gerettet. Leider wurde ein Waggon später in Dramburg ausgeladen. Dadurch haben die Krankenkassen und die Volksbank etc. ihre Sachen nicht herausbekommen. Die entbehrlichen Gefolgschaftsmitglieder benutzten ebenfalls diese Waggons zur Fahrt in das Bergungsgebiet. Der Rest des Bergungsgutes der Verwaltung wurde auf einen Lastkraftwagen gepackt und verließ am Sonntagmittag Dt. Krone, nachdem die Panzer 5 km vor Dt. Krone standen. Der Rest der Gefolgschaft (12 Personen) mit ihren Familienangehörigen (ca. 30 Personen) fanden gleichfalls auf dem Wagen Platz Ich schloß mich diesen Lastkraftwagen an, nachdem ich mich vorher mit dem Kreisleiter entsprechend in Verbindung gesetzt hatte.

Es war zuerst beabsichtigt, für die Gemeinden um Märk.-Friedland, die nicht geräumt werden sollten, eine Restverwaltung in Alt Lobitz einzurichten. Nachdem aber dieser Teil des Kreises auch geräumt wurde und die Panzer bei Hochzeit durchgebrochen waren und eine Umfassung drohte, wurde dieser Plan als zwecklos aufgegeben. Nach fünftägiger Fahrt bei eisigem Wetter und starkem Schneesturm kam der mit dem Lastkraftwagen beförderte Teil der Verwaltung im Bergungsort Demmin an. Der mit der Bahn beförderte Teil war bereits am 30. Januar 1945 eingetroffen. Damit hatte der Kreis Dt. Krone als einziger ostpommerscher Kreis die Räumung nahezu vorschriftsmäßig durchgeführt.

Die militärischen Ereignisse hatten sich inzwischen wie folgt entwickelt:

Am Mittwoch und Donnerstag lag Kreuz unter Artilleriebeschuß.

Am Freitag waren Panzer in Schönlanke und Borkendorf. Die Russen waren in Usch und überschritten die Netze in breiter Front. Schneidemühl lag unter Artilleriebeschuß. Sonnabend waren Panzer in Arnsfelde, Eichfier2) und Rose. Die Panzer standen damit 10 km westlich von Dt. Krone.

Wesentlich anders spielte sich die Absetzung im Netzekreis ab. Der Netzekreis wurde völlig unvorbereitet von den Russen überrascht. Er hat nur teilweise räumen können. Zum großen Teil ist die Bevölkerung nicht mehr herausgekommen. Soweit sie fliehen konnte, ist sie zu Fuß geflüchtet. Russische Panzer fuhren bereits am Freitag, während noch die Zivilbevölkerung da war, in die Stadt Schönlanke ein, und nur dem Umstand, daß ein Panzer abgeschossen wurde, ist es zu verdanken, daß ein großer Teil von der Bevölkerung aus Schönlanke noch herausgekommen ist. Denn die Russen drehten nach dem Abschuß des Panzers ab und kamen erst am nächsten Tage wieder nach Schönlanke. Inzwischen konnte die Bevölkerung, allerdings zu Fuß, flüchten.


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Ich selbst war zuletzt am Donnerstag in Schönlanke und hatte von Freitag ab keine Verbindung mehr mit dem Netzekreis. Denn das Telefon versagte, weil die Postverwaltung bereits geräumt hatte. Dagegen wurde ich von Schönlanke in der Nacht angerufen — der Anruf erfolgte wahrscheinlich über die Bahnverwaltung — und um Hilfe für das Säuglingsheim gebeten. Die Säuglinge waren bei dem Panzerbeschuß in die Keller gebracht worden. Eine Möglichkeit zum Abtransport bestand nicht. Ich wandte mich an den Reichsführer-SS, der es möglich machte, einen Autobus am nächsten Morgen nach Schönlanke zu schicken. Die Kinder wurden in dem Autobus untergebracht und abtransportiert. Leider starben auf dem Transport von etwa über 100 Kindern 41.

Im einzelnen berichtet Kreisoberinspektor Marcks wie folgt: „Nachdem am 20. Januar ds. Js. das Stichwort „Regen” mitgeteilt worden war, wurden die Räumungsvorbereitungen getroffen und das Behördengut, das zur Ausweichstelle mitgenommen werden sollte, gepackt und zum Abtransport bereitgestellt. Die erforderlichen Waggons für die Beförderung zur Ausweichstelle wurden bei der Ortsguppenleitung angemeldet. Die Gestellung von Wagen zur Beförderung zur Bahn wurde vom Fahrbereitschaftsleiter zugesagt. Die Maßnahmen, die für die Zurückführung der Bevölkerung erforderlich waren, wurden mit der Kreisbauernschaft und der Ortsgruppenleitung besprochen und von dieser Stelle vorbereitet. Am Dienstag, den 23. Januar, wurde bekannt, daß in den Kreis Scharnikau, im Gau Wartheland, dem Nachbarkreis des Netzekreises, feindliche Panzer eingedrungen waren. Am Mittwoch, den 24. Januar, wurde bereits die Brücke in Scharnikau, die über die Netze in den Netzekreis führte, gesprengt. Die Nähe der Feindpanzer verursachte größte Beunruhigung unter der Bevölkerung und hatte zur Folge, daß sie, insbesondere die in dem Netzekreis Umquartierten, die Kreisstadt und den Kreis massenweise räumte, um mit den wenigen Zügen, die noch verkehrten, westwärts zu kommen.

Am Donnerstag, den 25. Januar, kam der Gauleiter nach Schönlanke und fand sich zu einer Besprechung im Rathaus ein, zu der täglich die Ortsgruppenleitung mit den Vertretern des Kreises und der Stadtverwaltung zusammenkamen. Dem Gauleiter wurde berichtet, daß die Bevölkerung fluchtartig den Kreis verlasse, worauf er sagte, daß kein Anlaß zur Beunruhigung vorliege und der Netzekreis nicht geräumt werde. Das Bekanntwerden dieser Anordnung wirkte beruhigend. Die Umquartierten versuchten aber nach wir vor, nach ihrer Heimat zu kommen. Auch viele Kreiseingesessene, besonders Mütter mit kleinen oder kranken Kindern, benutzten die westwärts fahrenden Züge zur Flucht.

Am Freitag, den 26. Januar, kurz nach Mittag, wurde durch die Sirenen das Signal „Panzerwarnung” gegeben, und zwischen 15 und 16 Uhr drangen sechs russische Panzer auf der Chaussee von Scharnikau in die Stadt ein. Nachdem der erste von ihnen durch Panzerfaust getroffen wurde und brannte, machten die übrigen fünf Panzer kehrt und verließen die Stadt. Vorher war es den Panzern gelungen, das Stellwerk des Bahnhofs so zu beschießen, daß die Bahnstrecke von Schneidemühl blockiert war. Auch ein zur Abfahrt bereitstehender Zug wurde beschossen. Dieser fuhr trotzdem noch ab, kam aber nur


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bis Stieglitz, da auch dort die Bahnstrecke durch von Putzig vorgedrungene Panzer gesprengt war. Der Zug wurde hier von Panzern beschossen. Ein Teil der Flüchtlinge verließ den Zug in Stieglitz und versuchte zu Fuß nordwärts weiterzukommen. Der größte Teil blieb im Zuge, der gegen 24 Uhr nach Schönlanke zurückkehrte. Hier schlossen sich die Flüchtlinge der die Stadt verlassenden Bevölkerung an. Diese versuchte, auf Rodelschlitten und Handwagen das Notwendigste mitführend zu Fuß nordwärts zu entkommen, da inzwischen bekannt geworden war, daß der Bahnverkehr unterbunden war. Auf diese Weise haben Tausende von Flüchtlingen die Stadt verlassen.

Auf der Kreisverwaltung wurde der Dienst am Freitag, den 26. Januar, bis Dienstschluß aufrecht erhalten. Als der Anmarsch der feindlichen Panzer gemeldet wurde, wurden die Geheimsachen verbrannt.

Ein Teil der Gefolgschaft wurde schon vorher beurlaubt, um den eigenen Familien beim Abtransport behilflich zu sein. Ich blieb im Büro. Gegen 8 Uhr ging ich in das Rathaus zu der üblichen Besprechung. Diese fiel jedoch aus. Ich traf dort aber den Ortsgruppenleiter und den Beauftragten der Ortsgruppe, dem der Fahrbereitschaftsdienst übertragen war, Pg. Sachs. Dieser sagte mir in Gegenwart des Ortsgruppenleiters zu, das Behördengut mit seinem Trecker abzutransportieren. Er kam aber nicht mehr. Als ich ihn in Grimmen nach dem Grund dafür fragte, sagte er mir, daß sein Trecker von einem russischen Panzer beschossen und nicht mehr fahrfähig war.

Ein Räumungsbefehl war noch nicht ergangen. Es mußte aber nach Lage der Sache und weil die Postverwaltung bereits am Nachmittag Schönlanke verlassen hatte, mit einem solchen gerechnet werden. Telefonisch war nichts festzustellen, da das Postamt nicht mehr besetzt war und deshalb Ferngespräche nicht geführt werden konnten. Ich schickte deshalb um 22 Uhr zwei Beamte mit dem Kraftwagen nach Dt. Krone, um dort festzustellen, ob die Alarmstufe 2 bereits angeordnet sei. Infolge starker Schneeverwehungen kam das Auto nur bis 2 km hinter Niekosken und blieb dort im Schnee liegen. Ein Beamter ging nach Arnsfelde und erfuhr durch Telefonanruf von einer Wehrmachtsdienststelle aus von Herrn Landrat Dr. Knabe, daß die Alarmstufe 2 für den Netzekreis bereits angeordnet war.

Inzwischen war in Schönlanke durch die Wehrmacht bekannt geworden, daß mit feindlichem Artilleriebeschuß zu rechnen sei. Darauf hatte die Ortskommandantur die Räumung angeordnet, was durch die Ortsgruppenleitung telefonisch gegen 24 Uhr mitgeteilt wurde. Ich beabsichtigte, die Rückkehr der beiden nach Dt. Krone gesandten Beamten abzuwarten. Als aber später noch ein Wehrmachtsangehöriger im Kreishaus erschien und mitteilte, daß die Bevölkerung in Scharen Schönlanke verlasse, sagte ich dem Hausmeister und der Familie des Kraftfahrers, die auf dem Kreisgrundstück wohnten, daß wir gemeinsam nach Niekosken, nördlich von Schönlanke, wollten. Dort wollte ich die Mitteilung von Dt. Krone abwarten.

Am Sonnabend, den 27. Januar, gegen 4 Uhr morgens, verließ ich Schönlanke und traf unterwegs die beiden oben erwähnten Beamten, die mir mitteilten, daß die Alarmstufe 2 für den Netzekreis bereits angeordnet war. Wir zogen nun gemeinsam nach Dt. Krone weiter, wurden zwischen Niekosken und Arnsfelde von einem feindlichen Tiefflieger beschossen und in Arnsfelde


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von russischen Panzern überholt. Am Sonntag, den 28. Januar, vormittags trafen wir in Dt. Krone ein. Von hier wurden wir von dem Lastkraftwagen der Kreisverwaltung Dt. Krone bis Neubrandenburg mitgenommen und fuhren von hier mit der Bahn nach Grimmen, wo wir am 1. Februar abends eintrafen. Am 2. Februar meldete ich mich beim Landratsamt Grimmen und wurde sofort zur Bearbeitung von Flüchtlingssachen eingestellt.

Der größte Teil der Gefolgschaft hat sich nicht gemeldet. Es ist anzunehmen, daß ein großer Teil infolge der rasch vorgedrungenen Panzer nicht mehr fortkam. So ging es auch dem größten Teil der ländlichen Bevölkerung, von der schätzungsweise nur 25 % entkommen sind. Aus einigen Dörfern haben sich Flüchtlinge überhaupt nicht gemeldet, weder hier noch bei der Kreisbauernschaft. Eine Ausnahme bildet die Stadt Kreuz. Infolge rechtzeitiger und ausreichender Waggongestellung hat die städtische Bevölkerung, bis auf einige Hundert, Kreuz rechtzeitig verlassen. Die bäuerliche Bevölkerung hat in Trecks Kreuz ebenfalls rechtzeitig verlassen können.”

Besonders erschwerend war bei der Räumung, daß außerordentliche Kälte und ein sehr starker Schneesturm herrschte. Viele Dörfer waren völlig von der Außenwelt abgeschlossen und hatten bei den starken Schneeverwehungen keine Möglichkeit herauszukommen. So fehlt u. a. von den Dörfern Knackendorf, Marthe und Dolfusbruch jede Spur.

Aus den Vorgängen ergeben sich folgende Erfahrungen:

Vf. behauptet zunächst, daß die Räumung von den Behörden der Provinzialverwaltung sorgfältiger geplant und vorbereitet worden wäre. Aber:

Die Räumung lag nicht in den Händen der staatlichen Behörden sondern in den Händen der Partei. Ein genauer Räumungskalender fehlte. Nur ganz allgemein wurde gesagt, daß z. B. für den Kreis Dt. Krone zur Räumung des Getreides 1700 Waggons und zur Räumung der Kartoffeln 10 000 Waggons nötig seien. Ob die Eisenbahn derartige Waggons stellen konnte,war mit ihr nicht verabredet. Auch standen die Verladestellen nicht fest. Die Räumung kam auch mitten in die Vorbereitungen hinein. Der von der Kreisleitung aufgestellte sogenannte „Räumungskalender” wurde mir am 20. Januar 1945 abends 18 Uhr zur Weitergabe an den Reichsverteidigungskommissar übergeben. Ich habe den Kalender auftragsgemäß in der Tagung am 22. Januar 1945 an Oberregierungsrat Bischof abgegeben.

Wie bereits erwähnt, fand noch am Montag, den 22. Januar, eine entsprechende Besprechung in Falkenburg statt. Auswirkungen konnte diese Besprechung nicht mehr haben, da sich alles überstürzte.

Auch die Wirtschaftsräumung war nicht genügend vorbereitet. So verlangte die Firma Merseburger aus Jastrow noch während der Räumung Waggons, um 1/2 Million Zigarillos und 30 000 kg Rohtabak zu verladen. Es forderte auch die Militärverwaltung Gr. Born noch während der Räumung 440 Waggons an, um militärisches Gut zu bergen.

Es ist weiter festzustellen, daß im Ernstfalle die Verbindungen zwischen der Kreisverwaltung und den unterstellten Behörden nicht mehr aufrecht zu erhalten waren.


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Die Post schnitt rücksichtslos die Telefonverbindungen ab, um für das Militär Leitungen frei zu haben. Hierbei ist allerdings zu bemerken, daß in Dt. Krone sehr viel Stäbe waren, die viele Leitungen brauchten. Es befand sich hier der Gauführungsstab, der Führungsstab des Reichsführers-SS und der Stäbe von anderen höheren militärischen Stellen. Von Tag zu Tag nahm die Möglichkeit, mit den Bürgermeistern auf dem Lande, der Gendarmerie etc. und sogar mit den Bürgermeistern in den Städten telefonische Verbindung zu erhalten, ab, bis etwa von Freitag ab überhaupt keine Möglichkeit zu telefonieren bestand. Ich war im wesentlichen auf die Verbindungen augewiesen, die auf der Kreisleitung noch vorhanden waren.

Auch jede weitere Verbindung versagte mehr und mehr. Der Zugverkehr fiel aus. Das gleiche galt für den Autoverkehr. Benzin war nicht vorhanden, so daß man nicht mehr fahren konnte, und im übrigen verhinderten auch die starken Schneeverwehungen die Benutzung von Autos.

Abschließend geht Vf. auf verwaltungstechnische Schwierigkeiten während der Räumung ein.