Nr. 46: Die Verwirrung vor der Flucht, der Treck nach Vorpommern, Überrollung durch die Russen. Rückkehr und Zustände in der Heimat.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Bericht des ehemaligen Bürgermeisters von Trebbin, Kreis Dt. Krone i. Pom.

Original, 12. September 1950, 6 Seiten. Teilabdruck.

Am 21. Januar 1945, 4 Uhr nachts, erhielten wir von dem Ortsgruppenleiter den Befehl, uns auf die Flucht für 8 Uhr vorzubereiten. Dieser Befehl wurde gegen 6 Uhr widerrufen, da angeblich an der Front Ruhe eingetreten und der Russe zurückgeworfen sei. Sämtliche Männer bis zu 60 Jahren einschließlich der Arm- und Beinamputierten wurden zu mittags 12 Uhr zum Bahnhof Schleppe zum Volkssturm einberufen und nach Sagemühl abtransportiert. Ich selbst erreichte es bereits am 22. Januar, als Bürgermeister der Gemeinde Trebbin durch das Landratsamt Deutsch-Krone freigestellt zu werden, und es gelang mir auch, einige ältere Betriebsführer und Melker von den größeren Höfen freizubekommen. Im Laufe der Woche bekamen wir den Befehl, die Treckwagen zu entladen, da keine Gefahr mehr vorhanden sei, obwohl unser Dorf ständig von langen Trecks aus dem Warthegau durchzogen wurde, wir auch ständig nachts Flüchtlinge beherbergten, die wahre Schauer- und Greuelgeschichten von den Russen, die sie zum Teil überrollt hatten, erzählten.

Am 26. Januar 1945 13 Uhr hielt Gauleiter Schwede auf dem Marktplatz in Schleppe eine flammende Rede, die ich selbst gehört habe. Er wies darauf hin, daß keine Gefahr bestehe und nur einige russische Panzerspitzen durchgebrochen wären, die man aber abgeschossen hätte. In der Tat standen die Dörfer um Schönlanke und Kreuz, ca. 15 bis 20 km entfernt, schon in Flammen, und eine Front bestand nicht mehr. Wir hatten hohe Schneelage, Schneesturm und 20° Kälte. Am 26. Januar abends gegen 8 Uhr bekam ich den Befehl,


190

Panzerspäher aufzustellen, und gegen 8.30 Uhr den Befehl zur Flucht. Am 27. Januar 1945 gegen 2 Uhr nachts setzte sich das Dorf auf Treckern und Pferdewagen in Richtung Schloppe-Hochzeit in Bewegung. Es war äußerst schwierig, den Treck geschlossen weiterzubringen, da die Wagen stark überladen waren und die hohe Schneelage ungeheuer hinderte. Gegen 12 Uhr hatten wir die Dragebrücke bei Hochzeit überschritten und befanden uns nun jenseits der Pommernstellung, die aber keineswegs besetzt war. Ich bog rechts ab über Marzelle in Richtung Zatten, wo wir die erste Nacht verbrachten. Alle Trecks, die in Richtung Woldenberg und Regenthin zogen, wurden von den Russen überrollt und grausam zugerichtet. Der Weg führte dann über Neuwedell, Reetz, Zachan, wo wir eine Woche liegen mußten, da der Landrat von Saatzig Treckverbot erlassen hatte. Der Russe rückte dann von Pyritz aus plötzlich nach Norden, und wir kamen kurz vor dem Beschuß noch durch Stargard über Pützerlin durch den Kreis Naugard, dort auf die Reichsautobahn (Bäderstraße) über Stettin, Kolbitzow, mußten vor Prenzlau i. d. Uckermark die Autobahn verlassen und zogen über Prenzlau, Woldeck, Neubrandenburg nach Altentreptow. Hier wurde der Treck aufgelöst, da der Kreis Demmin Aufnahmekreis für Deutsch Krone war, und auf mehrere Orte verteilt.

Ich habe diesen Treck von ca. 500 Menschen ohne Verluste geschlossen durchgebracht, und es war mir auch gelungen, alle laufend mit Milch, Butter und Fleisch aus Schlachtungen zu versorgen. Brot bekamen wir unterwegs noch reichlich. Ich selbst kam mit meiner Familie und einigen Nachbarn nach Pensin, 4 km von Demmin, zu dem Gutspächter Walter Levermann, der ebenso wie seine Frau gereifte, prächtige, lebenserfahrene Menschen waren und es an nichts fehlen ließen, um uns das Leben angenehm zu macheu. In Pensin blieben wir bis zum Einmarsch der Russen, der am 30. April 1945 erfolgte. Ein Weitertrecken war von der Kreisleitung in Demmin verboten worden, auch war die Peenebrücke dortselbst bereits gesprengt und nur der Landweg über Loitz offen. Der Ortsgruppenleiter, Lehrer von Pensin, wachte eifrig darüber, daß kein Fahrzeug den Ort verließ. Die Russen rückten am 30. April 1945 gegen 10 Uhr vormittags in Pensin ein, kurz zuvor hatten sich 29 Einheimische, darunter viele Mütter mit Kindern, in der Peene ertränkt.

Es begann ein furchtbarer Jammer, alle Uhren wurden uns unter Bedrohung mit der Waffe abgenommen. Frauen und Mädchen von ganzen Trupps hintereinander vergewaltigt und geschlagen. Die plötzlich freigewordenen polnischen Landarbeiter plünderten wie die Raben, luden alles auf Wagen, nahmen sich die besten Pferde und fuhren ostwärts. Gegen Abend war der Gutshof derart von Truppen überschwemmt, daß wir um unsere Frauen und Töchter bangten und alle in den Wald flüchteten, wo wir zwei Tage und Nächte unter freiem Himmel kampierten, dann auf den Gutshof zurückgingen und feststellen mußten, daß unsere sämtliche Habe geraubt war. Mein PKW.,der im Spritzenhaus stand, wurde ebenfalls weggenommen. Nun zog auf den Gutshof eine Transportkolonne ein, die das Gutshaus beschlagnahmte und uns nichts anderes übrig blieb, als in der Scheune zu kampieren. Die jungen Frauen und Mädchen wurden dauernd im Stroh versteckt gehalten, um Vergewaltigungen zu entgehen. Jetzt begannen auch bereits die Erhebungen von selten


191

der Russen über Maschinen und Vieh, und es dauerte nicht lange, da wurden sämtliche Viehherden nach Osten abgetrieben. Pferde waren längst abgenommen.

Nach ca. zwei Wochen kam plötzlich das Gerücht auf, es müsse alles nach Hause. Da ich noch zwei Pferde, die in der Scheune versteckt waren, und einen Gummiwagen hatte, fuhr ich mit einigen Nachbarn auch heimwärts. Am 14. Mai 1945 setzten wir uns in Richtung Jarmen in Bewegung. Schon nach kurzer Strecke wurden uns die Pferde ausgespannt und gegen lahmere von Russen umgetauscht. In Jarmen wurde der Wagen von Polen durchsucht und alles Brauchbare abgenommen. Der Weg führte dann über Anklam-Pasewalk. Überall wurden wir wieder geplündert und beraubt, die Stiefel und Anzüge ausgezogen. Überall an den Straßen saßen russische Soldaten und polnische Horden, um sich auf die unglücklichen Opfer zu stürzen. Frauen und Mädchen konnten sich manchmal kaum retten vor den . . . Bestien.

In Greifenhagen, wo wir die Oder überschritten, wurden einige Landsleute und auch ich verhaftet, nachdem mau alle Wagen getrennt hatte. Meine Frau und Tochter mußten nun den Weg mit sehr lahmen Pferden, diese hatte man uns schon mehrmals umgetauscht und den Gummiwageu abgenommen, alleine fortsetzen. Wir wurden in Greifenhagen in einen Ziegenstall gesperrt, der nur ein Luftloch von 20 mal 20 cm hatte, ca. 6 qm groß war und 20 Menschen beherbergte, alles mußte stehen, ich selbst stand im Türrahmen, hinter mir wurde die Tür zugepreßt. Dadurch hatte ich Glück, während die Letzten, die schon einige Tage darin saßen, hinten blieben, wurde ich am nächsten Morgen von einem russischen Dolmetscher und Oberleutnant unter Ohrfeigen vernommen und wurde entlassen. Auf der Oderbrücke wurde mir dann die Hose ausgezogen und mir zwei goldene Armbänder meiner Tochter, die ich in der Unterhose hängen hatte, weggenommen. Als ich am Bahnhof in Greifenhagen vorbei kam, hatte ich einen Güterwagen Steinkohlen zu entladen, die Russen gaben mir nicht mal Wasser. Dann traf ich zwei Dörfer weiter meinen Treck und meine Familie, die aber auch schon wieder von den Russen stark bedrängt wurden, und es au der Zeit war, weiterzuziehen. Dann ging es unter denselben Gefahren weiter, ewig in Angst, überall Russen und Horden und wir Freiwild. Über Pyritz, das wie Greifenhagen völlig zerschossen war, in Richtung Kallies, Märkisch-Friedland.

In Marzdorf, Kreis Deutsch-Krone, wurden wir am 28. Mai angehalten. Dieses 8000 Morgen große Gut wurde von den Polen verwaltet. Wir mußten eine Woche Kartoffeln pflanzen und traten dann am 5. Juni 1945 früh die Heimfahrt über Tütz—Schloppe an und waren gegen Mittag in Trebbin. östlich der Oder bestanden schon in allen Orten polnische Verwaltungen, die Straßen wimmelten von polnischer Miliz, die halb Zivil, halb Soldat, schwer bewaffnet ein wahres Räuberleben führte und oft mit den Russen schwere Zusammenstöße hatte, die selten ohne Schießerei abgingen. Während Märkisch-Friedland wenig zerstört war, sind Tütz und Schloppe bis auf einige Häuser der Randgebiete völlig ausgebrannt, Trebbin zu 80% ausgebrannt. Bei mir selbst war das Wohnhaus, ein abseits des Hofes gelegenes Vierfamiliendeputantenhaus sowie ein mir gehöriges Villengrundstück in Schleppe, Bahnhofstraße, abgebrannt. ... Sämtliche Gebäude wurden 8 bis 10 Tage nach der Besetzung, die am 29. Januar 1945 erfolgte, systematisch in Brand gesteckt. Kämpfe haben


192

um Schleppe noch stattgefunden, jedoch waren sie belanglos, da unsere Truppe über keinerlei schwere Waffen mehr verfügte und es sich auch nur noch um versprengte Trupps handelte.

Einige Familien, die sich zur Flucht nicht entschließen konnten, haben Grausiges erlebt. ... Die Familie Bauer Adolf Wendland wurde mit vier Kindern erschossen. Die ersten Rückwanderer fanden sie im Mai 1945 am Giebel ihres Hauses in verwestem Zustande vor und bestatteten sie. Auch aus den Nachbardörfern, vor allem Hansfelde, Schönow, Drahnow, Eichfier usw., könnte ich berichten. Gleich nach der Besetzung durch die Russen wurden sämtliche männlichen Einwohner zusammengezogen und nach Osten abtransportiert. Umgekommen sind dort der Bauer Arthur Schulz aus Drahnow, der Bauer Richard Schleuder II und der Bauer Bruno Finger, beide aus Bevilsthal. Der Jungbauer Rudolf Schulz aus Trebbin war wegen Verlust der rechten Hand 1944 entlassen worden, er wurde Mitte Februar 1945 von einer durchziehenden Kolonne als Wegweiser mitgenommen, man fand ihn später mit zerschlagenem Schädel in einem Stall des Nachbardorfes Buchholz tot auf.

Im Anschluß wird von der Verhaftung und Freilassung durch die Polen und über den Vorgang der Ausweisung im Oktober 1945 berichtet.