Nr. 47: Der Einmarsch der Russen.

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Bericht der Bäuerin I. K. aus Eichfier, Kreis Deutsch Krone i. Pom.

Original, 21. Juni 1950, 6 Seiten. Teilabdruck.

Es war am 22. Januar 1945, als wir den Befehl erhielten, unsere Heimat zu verlassen. Es war für uns alle kaum glaubhaft, sollten wir unser stattliches Vieh, die gefüllten Scheunen und unser schönes Heim zurücklassen? Schon am selben Abend übernachteten bei uns Flüchtlinge, die aus dem Warthegau kamen. Mit zwei Gespann Pferden und einem Trecker sollten wir zehn Familien fortschaffen. Wir ließen uns noch einige Tage Zeit, unser Bürgermeister drängte auch nicht zur Abfahrt. Dann, am 28. Januar 1945, als höherer Befehl kam, das Dorf zu räumen, überraschten uns russische Panzer und besetzten das Dorf.

Kanonenschüsse donnerten. Meine Schwägerin und ich als einzige Deutsche auf unserem Hof flüchteten in den Keller, ebenfalls auch andere Bewohner des Dorfes; sogar der Bürgermeister, der mir die Abfahrt mitteilen wollte, konnte nicht mehr zu seinem Gehöft zurück, und so saßen wir alle ängstlich im Keller beisammen. Wir vernahmen deutlich die Einschläge. Nach ungefähr einer Stunde kam unser Mädchen Anna Zutauska, eine Ukrainerin, zu mir in den Keller und sagte: „Frau K., kommen Sie, Sie brauchen keine Angst zu haben, die Russen tun ihnen nichts.” Ich zitterte am ganzen Körper, sie nahm meinen Arm, wir gingen auf die Straße. Es kam ein Panzer, ich sah zum ersten Mal Russen. Anna Z. winkte, der Panzer hielt, sie begrüßten sich händeschüttelnd. Anna Z. meinte zu mir: „Nun ist alles, alles vorbei, nun ist alles gut.”


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Ich war etwas ruhiger geworden und dachte an mein Kind, das bei meinen Eltern war, die 3 km vom Dorfe entfernt wohnten. Anna Z. war bereit, nach einer kurzen Unterredung mit einem russischen Vorgesetzten, der die Erlaubnis gab, auf meinen Wunsch zu meinen Eltern zu fahren, um zu sehen, ob sie wohl alles gut überstanden hatten. Anna Z. fuhr mit Pferd und Schlitten dem Dorf ende zu. Bald darauf brachte ein Dorfbewohner mir unser Pferd und Schlitten zurück. Unser Mädchen Anna Z. aber war von Russen erschossen worden.

Im Dorf sah man hier und da Rauchwolken aufsteigen. Es brannte das Gehöft des Bauern Magalowski, das Wohnhaus des Arbeiters Villegalla, der Stall des Bauern Eltern und noch einige Gebäude. Wir waren in unserem Haus wohl schon so 20 Mann beisammen. Da kam noch der Nachbar Johann Mielke mit zwei Töchtern zu uns, sie weinten. Die Frau Mielke war auf der Ofenbank sitzend von einer Gewehrkugel tödlich getroffen worden. Dann kamen zwei, drei Russen, gingen durch alle Stuben, nahmen ein paar Würste und meine Pelzhandschuhe, die ich auf den Tisch gelegt hatte. Andre kamen, fragten nach „Urre”, einige gaben ihre Uhr. Ein Russe stellte das Radio an, um es dann mit dem Gewehrkolben vom Tisch zu schlagen. Nach einigen Stunden erschreckte uns erneut das anhaltende Rollen russischer Panzer, und schließlich hörten wir mit großem Getöse die russische Infanterie auch in unser Haus dringen. Es wurde Brot verlangt. Ich gab einem, noch einem zweiten und dritten ein ganzes Brot. Noch mehr wurde gefordert. Ich ging fort, und sie nahmen selbst, bis der Vorrat aufgebraucht war.

Danach wurden wir alle in einem Zimmer sozusagen abgeschlossen. Die Russen kochten und aßen. Zum Morgen wurden wir drei, meine Schwägerin, eine junge Frau und ich, von russischen Offizieren eingeladen, mit ihnen zu feiern. Durch energischen Befehl mußten wir teilnehmen. Wir sollten trinken und essen, aber uns war elend zumute. Wir ahnten nichts Gutes, doch ließen sie uns unbehelligt.

Es war inzwischen Tag geworden, und wir alle mußten in zwei Minuten unser Haus verlassen. Wir gingen zum Nachbarn Kastner, dort hatten sich auch schon andere Bewohner des Dorfes eingefunden und erzählten, daß der Bauer Gustav Redemann, als er am Abend seine Pferde füttern wollte, von Russen erschossen worden sei. Ebenfalls seinen ledigen Bruder Otto fand man erschossen am Dorfende. Überall lagen Tote. Es waren Dorfbewohner und Flüchtlinge. Auf der Straße vor unserem Hause lag eine Leiche, die aber von den vielen vorüberfahrenden Panzern und Lastwagen zerquetscht war. Wir sahen, daß nun auch noch das Jordansche Haus, das Pfarrhaus und die alte Schule abgebrannt waren. Kühe, Schafe und Schweine liefen herrenlos umher. Uns gruselte, wir blieben den Tag im Hause, das Dorf war von Russen überfüllt.

Mehrmals am Tage visitierten uns Russen und ließen Uhren und Ringe und dergleichen Schmucksachen mitgehen. Ich hatte nur noch meine Handtasche mit Geld und Wertpapieren. Die Russen musterten uns genau, und schon am Abend kamen einige zu uns ins Zimmer, visitierten aufs neue und schoben [uns] einzeln, ob Mann oder Frau, zur Tür hinaus. Hinter mir wurde die Tür zugeknallt. Zwei junge Mädchen und eine junge Frau, hochschwanger, Flüchtlinge aus dem Wartheland, mußten zurückbleiben. Ein Schuß fiel im


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Zimmer, ein Mädchen schrie auf. Wir andern, wohl so 15 Personen, wurden durch ein dunkles Zimmer bis auf die Straße gedrängt, wo ein russischer Posten mit gehobener Maschinenpistole vor uns Wache hielt. Wir alle glaubten, daß jetzt wohl unser Ende gekommen sei. Aber nach ungefähr 30 Minuten durften wir wieder in das Zimmer zurück. Ich staunte sehr, als ich außer den Russen auch die zwei jungen Mädchen und die junge Frau im Zimmer sitzen sah. Eines der Mädchen kam zu mir und sagte: „Wir haben für Euch gelitten. Ich hatte in dieser Zeit drei Russen.” Ich konnte zuerst nicht recht verstehen. Aber als ich nach geraumer Zeit bemerkte, wie ein Russe eines der Mädchen aufforderte „Komm mit” und mit ihr in der Nebenkammer verschwand, wußte ich, was los war.

So ging es dann die ganze Nacht. Die beiden jungen Mädchen und die junge Frau hatten besonders unter den Vergewaltigungen der Russen zu leiden. Die junge, schwangere Frau stand schon keuchend auf einen Sessel gestützt, eine Haarsträhne hing ihr ins Gesicht. Wer sollte sie schützen, ein jeder fürchtete dann die Brutalität der Russen. Folgte man nicht ihrer Aufforderung, zögerten diese auch nicht, das Gewehr auf einen zu richten.

Des Morgens zog dann dieser Trupp Russen ab. Da nun etwas Ruhe auf den Straßen war, benutzten wir schnell die Gelegenheit, um zu sehen, wie es wohl den anderen ergangen war. Bei meiner Schwägerin Erna Redemann hatte ein Russe ein Mädchen, das aus dem Warthegau zu ihr geflüchtet war, erschossen, da es nicht der Aufforderung des Russen gefolgt war. Meine Freundin Margarete Redemann, die Tochter des erschossenen Gustav Redemann, hatte sich vergiftet. Man hatte die Leiche in Tücher gewickelt auf die Scheunentenne gelegt. Die Mutter aber und die beiden Schwestern, Liselotte 20 Jahre alt und Ruth 17 Jahre alt, sowie die Tante Ottilie Redemann, Frau Neugebauer mit drei kleinen Kindern, Frau Patoneck mit Schwiegertochter und Enkel und andere, insgesamt 17 Personen, verbrannten mit dem Haus. Die Ursache und der Vorgang dieses Schicksals ist uns allen noch heute unbekannt. Auch den etwas schwachsinnigen Arbeiter des Bauern G. Redemann, Paul Krause, fand man im Kuhstall unter der Kuhkrippe tot mit aufgeschnittenem Bauch.

Viele Bewohner verließen das Dorf, und so flüchteten auch meine Schwägerin und ich zu meinen Eltern, die 3 km vom Dorf eine Landwirtschaft besaßen. Wir fanden alles gesund vor. Die Russen waren auch bei ihnen gewesen, hatten unter Mitnahme von Schmucksachen und einigen Kleidungsstücken nichts angerichtet. In der Nachbarschaft waren sieben Mann erschossen worden. Da lag hinter dem Stall der Bauer Paul Reetz und Sohn'Leo sowie der Bauer Walter Manthei und Degner. In seinem Garten lag der Bauer Georg Nowack mit abgesägtem Kopf. Zu der Familie Seck kamen angeblich des Abends Russen und der bei dem Nachbarn arbeitende Pole ins Zimmer, erschossen die Frau und nahmen Herrn Seck bis zum Dorf mit und erschossen ihn. Auch der Bürgermeister Willi Tarn aus Eichfier lag dort tot.

Am Abend kamen zu meinen Eltern wieder 50 Mann in Quartier. Meine Tante, die Schneiderin war, mußte einem russischen Vorgesetzten eine Bluse nähen, und so verlief die Nacht für uns ruhig. Nur zum Morgen waren ein paar betrunkene Kerle darunter, die die Lampen von der Decke rissen, die Stühle durchs Fenster stießen, mit dem Gewehrkolben in den Spiegel schlugen, der zersprang. Sie drangen auch in unser Zimmer und trieben ihr Unheil


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weiter. Sie warfen mit Schüsseln, aus denen sie gegessen hatten. Eine Schüssel flog an das Kinderbett, und die Scherben verletzten mein fünf Monate altes Kind im Gesicht durch drei Schnittwunden. Da das Gehöft der Eltern nur 100 m von der Aufmarschstraße der Russen entfernt lag, war bald wieder mit einem neuen Trupp zu rechnen. Um uns vor den Gewalttaten der Russen zu schützen, suchten wir unser 20 Mann, darunter auch Flüchtlinge, den Bunker auf, den mein Vater 200 m vom Gehöft entfernt in einem Wäldchen gebaut hatte. Einen kleinen Kochherd und Lebensmittel hatten wir dorthin gebracht. Wir lebten in aller Ruhe, besonders einige junge Mädchen fühlten sich dort geborgen. Ich beschloß aber, da es doch in dem Bunker an Reinlichkeit fehlte, zu der Witwe Kluck und Tochter zu gehen, die am Waldesrand ein bescheidenes Häuschen besaßen und das nicht oft von Russen aufgesucht wurde.

Im Anschluß berichtet Vfn. über ihre Erlebnisse während der Zeit der polnischen Verwaltung bis zur Ausreise im September 1945.