Nr. 48: Räumung der Stadt Woldenberg, Überrollung auf dem Treck in Berlindien und die ersten Tage nach dem Russeneinfall.

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Erlebnisbericht des früheren Bürgermeisters von Woldenberg, Kreis Friedeberg i. Pom., Otto Hemp.

Original, 16. Januar 1950, 2 Seiten. Teilabdruck.

In der Nacht vom 26. zum 27. Januar 1945 bekam die Stadt Woldenberg, Kreis Friedeberg, Neumark, den Räumungsbefehl. Der Bevölkerung von Woldenberg hatte ich am Tage vorher schon bekannt gegeben, daß als Alarm und gleichzeitig zum Abschied die Glocken läuten würden. Es standen am 27. Januar morgens drei Züge für den Abtransport bereit. Alle Bauern und Pferdehalter wurden zu Trecks zusammengestellt und rückten im Laufe des Tages in Richtung Arnswalde - Berlinchen ab mit dem Endziel Anklam. In der Nacht vom 28. zum 29. Januar rückte der Treck in Berlinchen ein. Am nächsten Morgen sollte es weitergehen. Es schneite und war glatt; die Kolonnen fuhren in Viererreihe, die Straßen waren verstopft, und wir beschlossen daher, noch eine Nacht in Berlinchen zu bleiben. Am Abend gegen 12 Uhr erschienen die ersten russischen Panzer am Eingang der Stadt. Ich lag mit einem Teil des Trecks ganz in der Nähe des Stadteingangs. Nach etwa 25 bis 30 Minuten brannte die Hauptstraße; die Russen hatten die Häuser in Brand gesteckt. Ein Teil des Trecks spannte in der Nacht an, und wir rückten in nordöstlicher Richtung ab nach dem Gut Siede, wo wir vier Tage blieben, bis der Russe auch nach dort kam. Wir zogen nochmals weiter in nördlicher Richtung nach dem Dorf Hohengrape. Als wir dort ankamen, war alles ruhig, doch in der Nacht erschienen die ersten russischen Kolonnen. Am andern Morgen fuhr ein Teil der Polen, die die Bauern mit auf die Flucht genommen hatten, mit den beladenen Wagen in östlicher Richtung davon, ohne daß wir es hindern konnten. Am Nachmittag nahm uns der Russe sämtliche Pferde weg.


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Wir erlebten nun die erste schreckliche Nacht. Meine Nichte wurde von vierzehn russischen Offizieren im Nebenzimmer vergewaltigt. Meine Frau wurde von einem Russen in die Scheune geschleppt und ebenfalls vergewaltigt. Nachdem wurde sie in einen Pferdestall gesperrt und am nächsten Morgen 5 Uhr mit vorgehaltener Pistole nochmals vergewaltigt. Als die Kolonne weg war, fanden wir meine Frau unter einem Strohhaufen, wohin sie in ihrer Angst geflüchtet war. Alle in der Wohnung verbliebenen Flüchtlinge erlebten in der Nacht ebenfalls schreckliche Stunden. Es erschien ein Russe und suchte sich ein Mädchen von 13 Jahren aus. Das Kind schrie und sträubte sich, mitzugehen. Er lud seine Pistole, ließ alle antreten und drohte, uns zu erschießen, wenn wir das Mädchen nicht innerhalb von 5 Minuten in das Nebenzimmer brächten. Wir wußten genau, daß er von der Waffe Gebrauch machen würde, und mußten unter diesem Zwang sein Ansinnen erfüllen. Als sich erwies, daß das Mädchen zu schwach war, gab er es einem andern Kameraden. Er selbst erschien wieder im Zimmer, wir mußten wieder antreten, und er holte sich jetzt die Mutter, die die Jüngste von den Frauen war. Die Mutter selbst wurde im Bett vergewaltigt, während die Tochter von dem andern Russen vor dem Bett auf dem Fußboden Gewalttaten über sich ergehen lassen mußte. Die Mutter war außerdem schwanger. Der Bauer, bei dem wir in Quartier lagen, wurde mit seiner Nichte abgeholt und beide in Berlinchen erschossen, angeblich weil sie die Polen schlecht behandelt hatten.

In derselben Nacht erschienen drei russische Offiziere, darunter ein Jude, der deutsch sprach. Sie nahmen alles, was wir an Wäsche und Bekleidung hatten, in Besitz. Es war die Wäsche und Bekleidung von drei Familien. In der Zeit, wo die Russen unsere Wäsche und Bekleidung sortierten und neu verpackten, mußten unsere Frauen einen Gänsebraten herrichten. Als die Russen gegessen hatten, mußten wir die von ihnen gestohlenen Sachen auf ein Lastauto schaffen. Nach vollendeter Mahlzeit legten sie die Hand an die Mütze und sagten: „Danke schön!”

Das von uns bewohnte Haus wurde jetzt von Russen belegt, und wir selbst wurden in eine abgelegene Scheune getrieben. Täglich kam die GPU. und holte die Männer ab. Unsere Rettung war die abgelegene Scheune. Gegenüber von uns lag das frühere Gutsschloß, welches bei der Aufsiedelung zur Schule, Kirche, Lehrer- und Pastorwohnung umgebaut war. Mißhandlungen und Vergewaltigungen steigerten sich von Tag zu Tag, so daß nun jeden Abend Einheimische und Flüchtlinge in dem früheren Gutsschloß Schutz suchten. Jede Nacht erschienen auch dort die Russen, schossen durch die Fenster und Türen, schlugen die verriegelten Türen ein und vergewaltigten Frauen und Mädchen im Beisein der Kinder. Wir, die wir in der Scheune lagen, hörten die Schreckensrufe von 500 bis 600 Menschen: „Hilfe, Hilfe, Kommandant!” Es war aber alles vergebens. In einer Nacht wurde ein Mann und eine Frau, als sie die Tür öffnen wollten, sofort erdolcht. Eine andere Frau, die sich nicht ergeben wollte, wurde nackt an den Haaren über das Eis im Gutspark geschleift und blutüberströmt später aufgefunden.

Unsere Frauen, die mit uns in der Scheune lagen, durchweg über 60 Jahre alt, wurden weiter vergewaltigt. Es kam oft vor, daß Autos vor das Gutshaus fuhren und Frauen und Mädchen dort hinholten, wo sie nicht ausreichten. Am andern Morgen kamen sie dann gewöhnlich 20 bis 25 km zu Fuß zurück.


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Eines Nachts wurde ich aus der Scheune geholt und gezwungen, im Schloß an die Fenster zu klopfen und 20 Frauen aufzufordern, ein angebliches Auto, das vor dem Schloß hielt, anschieben zu helfen. Die von mir aufgeforderten Frauen öffneten zu meiner Freude jedoch nicht, und die Russen fuhren diesmal unverrichteter Sache wieder ab.

Ende Februar wurde es ruhiger. Abschließend wird die folgende Zeit unter Russen und Polen und die Ausweisung kurz zusammengefaßt.