Nr. 49: Flucht, Überrollung durch die Russen und Rückkehr.

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Erlebnisbericht von Frau Mechtild Mierendorff aus Zei11ow, Kreis Friedeberg i. Pom.

Original, 9. Februar 1951, 3 Seiten. Teilabdruck.

Der 20. Januar 1945 war für uns alle im Umkreis von Friedeberg Nm. der Tag des Treckbefehls. Nur widerstrebend konnte man sich entschließen, an die Ausführung zu gehen, sahen wir doch seit Tagen und Wochen die Unglücklichen von weiter östlich auf vereisten Straßen verzweifelt einer unsichren Zukunft entgegengehen, nicht nur unsicher, auch heimatlos, was das Schlimmste ist.

Unter Hangen und Bangen folgte dann ein Tag dem andern, bis der Kanonendonner immer näher kam und schließlich am 29. Januar sehr früh der Treckbefehl.

Um 7.30 Uhr war unser großer, schon in dieser verzweiflungsvollen Lage viel zu schwerfälliger Treck abmarschbereit. Dem Glatteis war hoher Schnee gefolgt, der Ausweichen auf den Straßen ohne Festfahren unmöglich machte. Sämtliche Deutschen des Dorfes, einige Ausländer nationaler Herkunft aus den Ostländern begannen den Marsch auf bald verstopften Straßen. Immer wieder mußten die Erwachsenen ermahnt werden, zu Fuß zu gehen, um die Wagen zu entlasten.

Etwa 10 km weit kamen wir, als uns der erste sowjetische Panzerspähwagen von vorne begegnete. Erkundung ergab, daß im nächsten Dorf das Weiterkommen durch sowjetische Truppen vereitelt wurde, also Entschluß: Dableiben! und zwar zunächst auf einem Nachbargut, da Zurückfahren auf diesen Straßen z. Zt. unmöglich war. Wir brachten uns also mit unseren Leuten in einem Schafstall unter.

Nachts nach wilder Schießerei kamen die ersten Sowjets. Vielleicht war es unser Glück, daß wir als Flüchtlinge im Schafstall ihnen gegenübertraten. In unsrem Gutshause wäre mein Mann zumindest sofort erschossen worden, wie fast alle andern Gutsbesitzer im Umkreis, was wir allerdings erst später bestätigt bekamen. So u. a. Graf Wedel aus Gerzlow

Franz Just v. Wedemeyer aus Schönrade Ernst v. Knobelsdorff aus Mansfelde.

Hier im Stall entspann sich ein heftiges Palaver mit einem der Ausländer, der für uns sprach und uns somit das Leben rettete. Trotzdem gehören diese ersten Stunden zu den fürchterlichsten, die wir noch erleben sollten. Immer


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neue Sowjets kamen in den Stall, erst wollten sie nur die Uhren, dann zogen sie die Stiefel aus, dann trieben sie alle Männer bis auf meinen aus dem Stall, dann umstellten sie die Frauen und Mädchen mit MG's. Wir glaubten, wir würden nun alle erschossen, aber sie schossen nur in die Stalldecke, da de überall noch deutsche Soldaten vermuteten.

Dann kamen sie und holten sich wahllos die Frauen und Mädchen. Immer neue Sowjets drangen in den Stall. Manche Frau, manches unglückliche Mädchen wurde in dieser Nacht, die kein Ende nehmen wollte, fünf-, manche sogar zehnmal geschändet.

Als endlich der Morgen anbrach, konnten wir sehen, wie die Polen des Dorfes sich unsrer Treckhabe bemächtigten. Große Bestürzung, da wir damals noch daran glaubten, wenigstens etwas retten zu können!

Mein 83-jähriger Schwiegervater, der die Nacht über im Gutshause unter ähnlichen Verhältnissen verbracht hatte, erhielt durch Bitten meines Mannes die Erlaubnis, weiterhin wegen seines hohen Alters im Gutshause zu verbleiben, da wir ja den Befehl erhalten hatten, zu Fuß wieder in unsre Heimatorte zurückzugehen. Unsre vierzig Pferde waren uns bereits genommen.

Mein Schwiegervater ging also nach Verabschiedung von uns zurück. Wie wir erst später erfuhren, schoß ihn ein Sowjet beim Überschreiten der Dorfstraße nieder. Er fand seine letzte Ruhestätte in einem Massengrab mit sieben andern Erschossenen.

Nach beschwerlichem Fußmarsch durch hohe Schneewehen — wir durften keine Straße benutzen — kamen wir mit einigem Handgepäck wieder zu Hause an. Alles stand noch, nichts war bisher abgebrannt. Im Dorf sah man Sowjets, einige verängstigte Polen, die sich aber offensichtlich von uns fernhalten wollten. Da unsre Leute sich nach der Schreckensnacht nicht von uns trennen wollten, unser Gutshaus mit Sowjets belegt war, zogen wir in einem andern Hause in einem leeren Raum nur auf Strohlager unter.

Im folgenden berichtet Vfn. über weitere schwere Erlebnisse unter Russen und Polen bis zur Flucht aus Pommern im Juni 1945.