Nr. 50: Erlebnisse nach dem Einbruch der Russen, Flucht der Dorfbewohner während eines deutschen Gegenstoßes.

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Erlebnisbericht des A. S. aus Schlagenthin, Kreis Arnswalde i. Pom.

Original, 12. Juli 1952.

Es war am 5. Februar 1945 abends um 8 Uhr! Wir waren uns zwei Mann und standen Wache. Um 7 Uhr abends hörten wir plötzlich in entgegengesetzter Richtung mehrere Schüsse fallen und außerdem ein ungewöhnliches Geräusch. Wir liefen zurück ins Dorf und machten unsere Angehörigen und die Dorfbewohner mobil, daß keiner schlafen gehen soll, wir werden die Nacht noch fliehen müssen. Nachdem zogen wir wieder auf unsre Wache, und im selben Augenblick erhielten wir schon Feuer. Wir liefen schnell zurück und versteckten unsre Waffen. Ich war kaum an meiner Wohnung,, da rief ich noch hinein: „Es ist zu spät, die Russen sind da!” und in dem Augenblick


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hatte mich schon ein Russe gefaßt. Kam aber zum Glück noch zu meiner Familie. Von Minute an ging die Qual los. Mein Haus war schon voll von auswärtigen Dorfbewohnern. Wir erstens vollkommen ausgeplündert, dann nach Waffen untersucht, fanden aber nichts. Ob deutsche Soldaten da sind, [wurde gefragt,] fanden auch keinen.

Dann wurden wir aus unserm Haus sofort entfernt, dann bei unserm Nachbarn an 40—50 Personen im Zimmer von gut 20 qm eingesperrt und tagelang bewacht. Mein Dienstmädchen und noch ein Mädchen wurden von erster Stunde an von den Russen in meiner Wohnung festgehalten und vergewaltigt. Noch in derselben Nacht, gegen 2 Uhr vielleicht, kamen die beiden Mädchen ganz verwildert bei uns wieder rein. Sie waren den Russen ausgerückt. Wir durften die Türen Tag und Nacht nicht abschließen, und so hatten die Russen immer freien Eingang und Ausgang. So suchten sich die Russen die Frauen und Mädchen heraus, um zu vergewaltigen. Wir Männer waren machtlos und harrten der Dinge weiter ab. Wir versuchten doch noch, [ob sich] unsre jungen Töchter verschonen ließen, und doch ist es wenigen gelungen. Die Mädchen haben wir mehrere Tage und Nächte versteckt. Den zweiten Tag wurden wir Männer zusammen geholt, und mit Schuppen, Spaten und Hacken mußten wir los, und unter Bewachung der Russen mußten wir vor der russischen Front Schützengräben auswerfen. Wenn wir fertig waren, mußten wir uns oben auf die Wälle stellen, und [sie] schossen sich nach den deutschen Stellungen ein. Die deutschen Truppen schossen aber nicht, weil sie wohl wußten, daß wir das waren. Als die Russen sich eingeschossen hatten, brachten sie uns wieder zurück ins Dorf. Inzwischen hatten sie die Zeit ausgenutzt bei den Frauen und Mädchen. Wir Männer waren schon ganz verzweifelt, aber wir immer noch froh, wieder mit unsrer Familie zu kommen. Ich hatte die Schmiede in Schlagenthin, mußte inzwischen für die Russen die Pferde beschlagen und Autos reparieren.

In der dritten Nacht sollten wir in den Häusern lebendig verbrannt werden. Angeblicher Grund war, der Gutsbesitzer Krüger und ein Hitler-junge sollten mehrere russische Soldaten verwundet haben. Der Gutsbesitzer Krüger wurde erschossen und in seinem Schloß verbrannt, welches bis auf die Grundmauern abbrannte. Jeden Abend wurde ein Gehöft angesteckt, auch am Tage brannten verschiedene Gehöfte bei den Kämpfen ab.Wir Männer mußten auch in die massiven Gebäude Löcher in die Wände einbauen, für ihre Maschinengewehre.

Am vierten Tag kam plötzlich ein Oberkommissar mit zwei Flintenweibern. Es war ein russisches Schnellkriegsgericht, wie mir der Dolmetscher nachher sagte. Ich kam als erster sofort zum Verhör. Der Oberkommissar hielt mir sofort seinen Revolver vor die Stirn und verhörte mich dabei durch einen Dolmetscher. Es war mein Pole, den ich mehrere Jahre beschäftigt habe. Die beiden Flintenweiber hielten ihre Maschinenpistole während des Verhörs dauernd auf mich. Er frug mich, seit wann ich in der Partei war und warum. Ob ich Soldat war. Als ich gesagt hatte, daß es uns ganz gut gegangen ist, bin ich in 37 zur Partei gegangen. Daß es zum Kriege kommen würde, damit hatten wir nicht gerechnet. Ob ich mein Soldbuch habe, [fragte er,] das hatte ich noch bei mir. Als der Oberkommissar es durchgesehen hatte, fragte er mich, ob ich U.K. gestellt war, „in Rußland so was nicht gibt”, sagte er. Und


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ob ich in 1918 auch Soldat war, darauf sagte ich ihm, er sollte im Soldbuch nachsehen. Als er festgestellt hatte, daß ich nicht Soldat gewesen bin, frug er den Dolmetscher, wie ich die Ausländer behandelt hätte. Darauf gab der Dolmetscher die Antwort, daß ich die Ausländer alle gut behandelt hätte. Sofort war mein Verhör zu Ende, und ich war frei gesprochen worden.

Die Frauen mußten nur für die russischen Flintenweiber die Stuben aufwischen, die Tische weiß decken und das beste Geschirr aufstellen, sowie die Betten weiß beziehen. Gekocht hat der russische Koch. Sodann mußten die Frauen von Bettlagern Beutels nähen, dann wurden die gute Wäsche, Kleider und Anzüge eingepackt und nach Rußland verschickt. Zu essen bekamen wir nichts, mußten sehen, wo wir was her bekamen. Wir waren immer froh, wenn wir für die Kinder was hatten. Dann mußte ich sehr oft ins Dorf und an Autos arbeiten, hierbei wurde ich oft von russischen Soldaten mißhandelt. Aber ich war immer wieder froh, daß ich wieder nach Hause kam.

Den fünften Tag mußte ich am Nachmittag wieder mit raus zum Stellungsbau in vorderster Stellung. Es war eine Panzerabwehrabteilung, dicht an den Gutsgebäuden. Ungefähr 300 m davon stand die große Gutsscheune, dieselbe war bis oben hin gefüllt mit Getreide. Hier schossen die Russen eine Leuchtkugel hinein, dieselbe ging sofort in Flammen auf. Zu meinem großen Schrecken kamen dort an 50—60 Frauen, Kinder und Männer herausgelaufen. Als die Russen das auch sahen, schossen sie mit Maschinengewehren dazwischen. Es war ein großer Jammer, was da alle liegen blieb, weiß vielleicht wohl keiner. Ich sagte zu den Russen, warum sie das machen, die sagten nur, deutsche Soldaten auch unsre Frauen und Kinder totgeschossen. Ich sagte darauf, das glaube ich nicht, ich als Soldat hätte das nicht fertig bekommen. Aber all das Unheil war im Kurzen geschehen.

Und soweit hatten die Russen die Stadt Arnswalde eingekesselt, und wir lagen soweit in der russischen Kampffront. Inzwischen war unsre deutsche Front verstärkt worden, wir merkten es an die regere Kämpfe, die Tag für Tag stärker wurden. Wir wunderten uns, daß die Russen uns noch immer da ließen. Mein Pole, der nun Dolmetscher bei dem Oberkommissar war, erzählte mir ein paar Tage nach meinem Verhör, daß er nach mehrere Dörfer mit mußte, es wurden viele Männer erschossen und verschleppt. Mein Nachbar, der Stellmachermeister B., wurde am 17. Februar erschossen. Laufend wurden Frauen und Mädchen vergewaltigt. Wir Männer haben nachts eine Bank quer durch die Stube gestellt, und hinter uns hatten wir die Frauen und Mädchen und kleinen Kinder. Vieles haben wir dadurch verhindern können, und vieles mußten wir noch über uns ergehen lassen. Es folgen einige Einzelerlebnisse des Vfs. mit Russen.

Es war am 14. Februar abends um 9 Uhr, da klopfte es plötzlich am Fenster, daß in fünf Minuten alles raus muß. Es war stockdunkel draußen, und wir wußten nicht, was los war. Wir nahmen unsre Kinder an die Hand, damit wir nicht auseinander kamen. In der Dorfstraße war alles voll von Menschen und russischen Soldaten. Dann hieß es plötzlich, wir sollten Richtung Stargard gehen. Sollten aber erst durch das Dorf Reichenbach gehen, welches 2 km von uns ab lag. Reichenbach brannte lichterloh, und wir weigerten uns, dorthin zu gehen. Da nutzten wir die Dunkelheit aus und flohen in ein Schlagenthiner Ausbau, bei den Bauern Schlieske. Dort waren schon viele


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Flüchtlinge aus unserm Dorfe, aber der Russe war noch nicht auf dem Gehöfte gewesen, das ganze Vieh und Pferde war noch alles da. Und wir waren sehr froh, aber nicht lange. Den nächsten Tag, am 15. Februar im Vormittag, kamen plötzlich sechs Mongolen angeritten, die wir noch nicht kannten. Sie zogen die Revolver, hielten den Frauen und Mädchen die Revolver vor die Brust, rissen ihnen die kleinen Kinder vom Schoß und schleppten sie mit raus und vergewaltigten sie. Auch hier waren wir Männer wieder machtlos. Nachdem plünderten uns die Mongolen noch das letzte weg und zogen dann ab. In der folgenden Nacht hatten wir einen Russen zwischen uns mit seinem Gewehr, der legte sich bei uns ins Zimmer und hat die ganze Nacht geschlafen. Gegen Morgen zog er wieder ab. Gegen 10 Uhr morgens am 16. Februar setzten plötzlich die schweren Kämpfe wieder ein. Wir lagen sozusagen jetzt im Niemandsland. Unsre Frauen und Kinder mußten sich lang in die Zimmer legen, damit sie mehr Schutz hatten vor den Kugeln. Wir Männer beobachteten in Deckung die Kämpfe. Plötzlich rückten die Russen aus, ließen alles stehen und liegen. Wir wußten aber noch nicht, was los war. Auf einmal tauchten vier Panzerspähwagen auf, ob es deutsche oder russische waren, konnten wir noch nicht erkennen. Dann hielten sie plötzlich 50 m vor dem Gehöft an, wir waren nun gespannt, was nun geschieht. Auf einmal zeigten sich ein paar Hände. Wir meldeten uns aber nicht, es war uns allen noch im unklaren. Dann zeigten sich deutsche Stahlhelme mit SS. Nun wußten wir, daß es deutsche Soldaten waren. Dann war kein Halten mehr. Die Frauen und Kinder konnten wir nicht mehr halten, die Freude war zu groß. Als der Ruf erscholl, es sind unsre deutschen Soldaten, trotz Kugelregen ging es im Sturm auf die deutschen Panzerspähwagen und wurden stürmisch begrüßt, zum Glück wurde dabei niemand verletzt. In diesem Moment war aller Jammer und Elend vergessen. Wir waren gerettet. Es war eine Abteilung von der SS-Division Wiking. Nun mußten wir uns schnell Pferde und Wagen von Reichenbach holen, wo unsre viel erbeutet hatten. Wir waren kaum dort, dann hieß es, der Russe greift wieder an. Ich hatte schon ein Pferd und Wagen und fuhr im vollen Galopp zurück, um die Familie zu holen. Es war die höchste Zeit, denn wir mußten wieder unter Gewehr- und Granatfeuer flüchten. Kamen aber wieder glücklich davon, und nun ging es über tote Russen hinweg. Unser Dorf Schlagenthin brannte in allen Ecken, es ist bis zu 70 % abgebrannt. Endlich abends gegen 9 Uhr waren wir in der deutschen Front und fühlten uns wie neu geboren. Es waren uns an 150 Personen, die das Glück hatten, raus zu kommen, von 900 Personen. Die übrigen wurden den nächsten Tag von den Russen verschleppt, viele sind nicht mehr zurückgekommen, wir in den vergangenen Jahren erfahren haben. — Dann fuhr ich mit meiner Familie zu unsern Eltern und Geschwistern nach Kempendorf, die wohnten in einem Dorfe. Die hatten uns schon für tot gehalten, denn sie hatten durch Flüchtlinge erfahren, die noch rausgekommen waren, daß es in Schlagenthin schwer hergegangen sei. In Kempendorf waren wir noch vierzehn Tage, inzwischen habe ich einen Treckwagen fertig gemacht, und am 1. März, nachts um 3 Uhr, mußten wir auch von hier flüchten. Nach vier Wochen Treckfahrt, wo wir auch noch viel Jammer und Elend erfahren haben, waren wir am 1. Osterfeiertag hier in Guntz. Hier völlig erschöpft von Menschen und Pferde blieben wir hier.


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