Nr. 51: Planlose Flucht in Richtung Kolberg, Überrollung durch die Russen in Beigard und die spätere Rückkehr in die Heimatstadt.

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Bericht des früheren Superintendenten von Dramburg i. Pom., Gerhard Scheske.

Original, 5. Oktober 1949.

Mitte Januar 1945, wenige Tage nach dem Zusammenbruch der Ostfront, plante der Kreisbauernführer, die gesamte Bevölkerung des Kreises durch. Treck zu evakuieren, und zwar in der Weise, daß jedem Wagen zwölf Personen zugeteilt wurden. Da es ein Fußmarsch hätte sein müssen, gelangte der Plan infolge ungünstiger Witterung nicht zur Ausführung. Am 24. Januar hörte der planmäßige Zugverkehr auf. Am 25. wurde das Artilleriefeuer der Front hörbar, und Flüchtlingszüge kamen aus dem Osten, die Leute ohne Gepäck. Nach einigen Tagen war die Strecke Ruhnow-Neustettin, obgleich zweigleisig, vollkommen verstopft. Am 24. hörte ich aus zuverlässiger Quelle, daß die Festung Deutsch Krone, 40 km südlich Dramburg, kampflos genommen war. In der Nacht zum 28. fuhren meine Frau und meine vier Kinder im Auto eines Arztes nach Pyritz. Sie erreichten am 30. Demmin in Vorpommern. Am Morgen des 28. brachte die Motorsportschule ihre Familien gleichfalls nach Demmin.

An diesem Sonntag hatte viele Dramburger eine Panik ergriffen. Wer irgendeine Fahrgelegenheit fand, Wagen, Schlitten, Wehrmachtautos, Lazarettzüge, floh nach Westen. Dies setzte sich in den folgenden Wochen fort, so daß bis Anfang März etwa die Hälfte der Bevölkerung Dramburg verlassen hatte. Dafür rückten Flüchtlinge aus dem Osten und auch aus dem Süden des Kreises nach. In der Woche vom 28. Januar bis 4. Februar zogen viele Trecks aus der Bromberger Gegend durch die Stadt. Anfang Februar wurde bei Kailies gekämpft, 30 km südlich von Dramburg. Bis Mitte Februar rückte die Front auf etwa 15 km heran. Dramburg wurde Etappenort. Am 1. März wurde die Front bei Wangerin nordwestlich Dramburg durchbrochen. In der Nacht gab es Panzeralarm. Am 2. März abends wurden drei überfüllte Züge mit Zivilpersonen über Falkenburg nach Kolberg geschickt. Sie haben es nicht mehr erreicht.

Am Morgen des 3. März sollten LKW.-Transporte nach Labes gehen. Der Markt war von wartenden Leuten überfüllt. Doch der Weg nach Norden war auch schon abgeschnitten. Um 11.30 Uhr vollzog ich die letzte Amtshandlung, eine Taufe. Gegen Mittag begannen die ersten Granaten von Westen in die Stadt zu fallen. Der Volkssturm hatte Anweisung erhalten, aufgelöst nach Plathe zu marschieren. Nur noch die Chaussee nach Bad Polzin war frei. Sie war bedeckt mit Trecks, Radfahrern und Fußgängern. Ich selbst versuchte, zu Rad durchzukommen. Bei Sarranzig gab es Tieffliegerbeschuß. Dann wurde ich von einem Lazarettauto aufgenommen und erreichte um


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4.15 Uhr Bad Polzin. Gerade gab es auch hier Panzeralarm. Ich fuhr weiter bis Buslar und ruhte einige Stunden bei einem bekannten Bauern. Die Buslarer rüsteten sich zum Treck, sind aber nicht mehr fortgekommen. Um 2 Uhr brach ich nach Beigard auf. Auch diese Chaussee war von langen Trecks erfüllt. Gegen 10 Uhr am 4. März erreichte ich Beigard. Ich mußte mich ausruhen, und am Nachmittag war der Weg nach Kolberg verstopft. Superintendent Zitzke war in Beigard geblieben. Bis zum Abend des 3. März war es auch Frauen und Kindern nicht gestattet gewesen, Beigard zu verlassen. An diesem Abend nun hatte ein Teil der Bevölkerung versucht, mit Treck nach Kolberg zu ziehen. Nach einigen Tagen kamen sie völlig ausgeplündert zurück.

Am 4. März gegen 18.30 Uhr begann die Wehrmacht, Beigard zu räumen, das heißt, sie floh nach Süden. Wir warteten im Keller auf die Beschießung und die Russen. Da die Stadt nicht verteidigt wurde, hörte die Beschießung bald auf. Am 5. März um 5.30 Uhr fuhren Panzer ein, blindlings mit Pistolen schießend. Die Kampftruppen zogen weiter, während nur eine kleine Besatzung in der Stadt blieb. Die Soldaten drangen in die Häuser, zerstörten, was ihnen paßte, und nahmen, was ihnen gefiel. So verlor ich selbst durch einen nächtlichen Besuch Uhr und Trauring. Die durchmarschierenden Truppen vergewaltigten wahllos die Frauen. Ein mir bekannter Kirchen ältester aus Quisbernow erzählte mir, er habe zusehen müssen, ohne seinen Töchtern helfen zu können. Polen und Belgarder selbst erbrachen und plünderten die Läden. Es wurde sofort eine polnische Stadtverwaltung eingesetzt. Die Kirche blieb unangetastet.

Superintendent Zitzke, Pastor Mühlenbeck und mir wurde erlaubt, weiter zu amtieren. Gottesdienste und Amtshandlungen wurden nicht gestört. Parteigenossen und Beamte wurden einer nach dem anderen verhaftet. Die gesamte männliche Bevölkerung von 14 bis 65 Jahren wurde zur Arbeit eingezogen und verschleppt. Ausgenommen waren nur die Eisenbahner und wir Pastoren.

Am 4. April brach ich mit einer Gruppe von Frauen und Kindern zu Fuß nach Dramburg auf. In Bad Polzin auf der Kommandantur wurden wir ausgeplündert. Wir kamen am 7. April bis Dolgen, 9 km vor Dramburg. Die Stadt war am Karfreitag zwangsweise geräumt worden. Ich mußte erst in Dolgen, als auch dieses geräumt wurde, in Born bleiben. Sehr häufig kamen Russen und Polen zum Plündern. Die Mädchen mußten sich ständig versteckt halten. — Anfang Mai durfte die Dramburger Bevölkerung zurückkehren. Am 12. Mai ging ich nach Dramburg, wo ich mein Haus in unbeschreiblichem Zustand vorfand. Aber es war unbewohnt. Die Stadt war in der Nacht vom 4. zum 5. März im Straßenkampf erobert worden. Dabei war etwa der 5. Teil niedergebrannt. Der polnische Bürgermeister gab mir einen Ausweis zur Aufnahme meiner pfarramtlichen Tätigkeit. Den ersten Gottesdienst hielt ich am 1. Pfingsttag in der nur wenig beschädigten Kirche. Am 3. Juni konfirmierte ich in Dramburg etwa 20 Kinder, am 10. Juni in Zülshagen etwa 12. Es waren allmählich gegen 4000 Dramburger zurückgekehrt. Die am besten erhaltenen Stadtteile aber blieben den Polen vorbehalten.

Anschließend skizziert Vf. die Lebensbedingungen der Deutschen unter den Russen und berichtet kurz über die Ausweisung.


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