Nr. 61: Flucht der Bewohner Belgards; mißglückte Flucht mit der Eisenbahn, Rückkehr.

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Erlebnisbericht von Kurt Kath aus Belgard i. Pom.

Original, 14. November 1952, 7 Seiten. Teilabdruck.

Am Sonabend, dem 3. März 1945, war es soweit. Tagelang hatte man es schon gemerkt, aber das Leben ging immer noch normal seinen Gang. Am 2. März 1945 war die Belgarder Kleinbahn schon mit ihrem ganzen Wagenpark in Richtung Bublitz gefahren, weil die Bevölkerung der Stadt in voller Flucht war, da dort schon russische Panzer eingedrungen waren, und Bublitz ist noch 55 km von Beigard weg. Sonnabendvormittag wurde es dann auch bei uns unruhig. Die Überlandzentrale hatte sämtliche Kraftwagen einge-


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setzt, um Frauen und Kinder wegzubringen. Aber wo sollten die anderen alle hin? Dann hieß es schon, daß die russischen Panzer bei Schivelbein wären, was auch tatsächlich der Fall war. Trotzdem ließen die beiden Belgarder Ortsgruppenleiter Pescheke und Aschbrenner noch am Vormittag des Sonabend Plakate ankleben mit dem folgenden Wortlaut: Für Beigard besteht kein Räumungsbefehl; alle dem widersprechenden Gerüchte werden mit den härtesten Strafen geahndet; die Ortsgruppenleiter!

Im Laufe des Tages sickerte dann auch schon allerhand Gesindel in die Stadt ein, sehr viele Fremdarbeiter usw. Sonst merkte man noch nichts. Tagelang waren lange leere Militärzüge nach Stettin hochgefahren, niemand durfte mit. Es war eben ein Skandal sondergleichen. Warum ließ man nicht Frauen und Kinder mitfahren, wenn die Männer auch dablieben; aber Frauen und Kinder wären den östlichen Bestien nicht in die Hände gefallen. Die Hauptschuld hieran trägt die Kreisleitung und die Ortsgruppenleitung.

Jedenfalls abends gegen 6 Uhr ging es dann los. Es gab Panzeralarm, die Sirenen gingen ununterbrochen. Da wurde die Bevölkerung der Stadt zu Fuß mit dem tragbaren Gepäck auf die Straße geschickt. Wo sollten disse gehetzten Massen jetzt hin. Ich hatte gerade für unsere Gemeinde Vorwerk in der B.-Station das Licht eingeschaltet, als der Alarm kam. Nun ging ich zurück, da ich erst mal wissen wollte, was los war. Da sah ich schon in der Umgebung, Latzig brannte, auch in anderen Dörfern brannte es. Nun brachte ich meine Familie runter in den Keller, ebenso Lebensmittel und Betten, damit, wenn irgend Beschuß kam, die Gefahr nicht ganz so groß wäre für Frau und Kinder. So ging es bis gegen 9 Uhr abends. Da war auf der Straße solch Leben. Ich ging noch mal raus, um zu sehen, was da los war, da waren Soldaten, aber alles Waffen-SS, Fremde, Litauer und allerhand andere, alles fremde Laute. Im ersten Augenblick dachte ich, die Russen wären schon da. Etwas später kommt ein Oberleutnant und zwei Mann zu uns und sagte uns: „Diese Häuser müssen geräumt werden, wir sprengen die Persante-Brücke”, worauf ich ihm sagte: „Warum wollt Ihr die Brücke sprengen, drüben ist der Russe doch auch.” Na, man hat davon dann auch abgesehen.

Sicherheitshalber habe ich dann aber doch meine Familie auf die Belgarder Seite gebracht, und zwar, da es kalt war, in den Wartesaal am Kleinbahnhof, wo schon viele andere waren, ungefähr 400 m von meinem Hause. Dort blieben wir die Nacht, überall war Unruhe und hilflose Angst. Frauen liefen umher wie halb Irre und wußten nicht, wohin. Mehrmals war ich in der Nacht noch zurück und habe noch mit den uns bekannten Bauern gesprochen, die sich schon fertiggemacht hatten zum Trecken, aber sie blieben dann doch dort, weil ja alles nutzlos war. Gegen Morgen hieß es dann, es ginge noch ein Zug vom Bahnhof Beigard über Kolberg nach Rügen. Um Frau und Kinder vor dem Elend zu retten, habe ich es noch geschafft und kam auch noch durch und nach vielen Schwierigkeiten auch noch mit. Er fuhr auch ab. Aber man hatte uns erst 19 km gefahren, da ließ man uns halten. 19 Züge waren noch vor uns, bis Kolberg hin alles voll von Menschen.

Viele versuchten nun, zu Fuß nach Kolberg zu kommen, was ihnen auch gelungen ist, und sie sind dann auch noch unter unsäglichen Mühen mit den Schiffen rausgekommen. Ich hatte noch damals zwei kleine Kinder und wollte diese nicht in das Chaos bringen, also blieben wir im Zuge mit vielen Tau-


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senden anderen und warteten, was kommen würde. Am dritten Tage morgens um 6 Uhr war dann der Russe an den Zügen. Die Uhren wurden abgenommen, und das unsägliche Leid für viele Frauen begann; dann mußten wir die Züge räumen und alle wieder an den Ort zurück, wo wir herkamen. Wir kamen aber erst nur in das Dorf Jaasde bei einem Bauern Motzehn. Weiter konnten wir uns in dem Schnee und Kälte nicht mit den Kindern wagen. Dort waren schon gegen 90 Menschen, meistens Frauen. Von Zeit zu Zeit kamen dann Russen und suchten sich die einzelnen Frauen raus und vergewaltigten sie. Ein Mädelchen von 14 Jahren, ihr Vater war bei ihr, holten diese Bestien ihm weg. Der Mann war zusammengebrochen. Schneeweiß kam das Kind nachher wieder rein. Es kamen einem direkt die Tränen, wie man das sah.

Am nächsten Tag ging es weiter über Körlin nach Hause. Überall lagen tote Soldaten und Zivilisten, von Panzern breitgefahren bis zur Unkenntlichkeit. So kamen wir wieder nach Beigard und konnten nun erfahren, was da los war und wie alles abgelaufen ist. In meine Wohnung konnte ich nicht, und so blieb ich mit meiner Familie bei meiner Mutter. Auf dem Friedhof hatte man Massengräber angelegt, da es sonst unmöglich war, die Leichen zu begraben. Viele hatten selbst Hand an sich gelegt. Einzelne kann ich noch aus Beigard nennen.

Anschließend schildert Vf. seine Verschleppung und den Aufenthalt im Sammellager Schneidemühl1).