Nr. 63: Die letzten Tage in Kolberg.

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Erlebnisbericht des W. G. aus Kolberg i. Pom.

Original, 4. März 1946, 10 Seiten. Teilabdruck.

Am 3. März gegen 17 Uhr begab sich meine Frau nach ganz kurzem Entschluß, da die Lage in Kolberg immer ernster wurde, auf die Flucht. Mit ihr gingen Frau Ibsch und Frau Ihlenfeld mit ihren drei Kindern. Sie wurden durch einen Lastzug von unserem Hause abgeholt und bestiegen den zweiten


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Anhänger. Als ich bei der Abfahrt dem fürchterlich schleudernden Anhänger nachsah, hatte ich das Gefühl, daß meine Frau die Fahrt nach Stettin nicht überstehen würde. Ich blieb mit meinem Hunde traurigen Herzens in der Wohnung zurück.

Am Abend kamen meine Schwägerin Ida mit ihrer Tochter, um sich zu verabschieden, da sie die Absicht hatten, mit einem Treck zu flüchten. Einige Zeit später kamen etwa 20 bis 25 Flüchtlinge mit Kleinstkindern aus Köslin und baten mich um Unterkunft. Ich habe sie alle die Nacht in meiner Wohnung aufgenommen. Am Sonntag, den 4., kamen meine beiden Schwestern Rosa und Trude, die die Nacht auf dem Bahnhof in einem offenen Waggon zugebracht hatten, weinend bei mir an und fragten, was sie machen sollten, es ginge kein Zug mehr von Kolberg ab. Ich machte den Vorschlag, daß mein Vater und meine Schwestern zu mir in die Brunnenstraße übersiedeln sollten, da die Treptowerstraße schon geräumt werden mußte. Dieses geschah dann auch. Meine Schwestern brachten noch Frau Hörnig mit deren Kindern und Fräulein Erna Strelo mit. Kaum hatten sie das Haus betreten, da krachten auch schon die ersten Einschläge der feindlichen Panzer. Die Aufregung war groß, und ich hatte Mühe, alle Anwesenden in meinen Kellern unterzubringen. In der Nacht vom 4. zum 5. gab der Ortsgruppenleiter Grammersdorf bekannt, daß Kolberg unter starken Beschuß kommen würde und deshalb alle Zivilpersonen, Frauen und Kinder, sofort am Strand entlang in Richtung Maikuhle fliehen sollten. Kaum 10 Minuten später setzte schwerer Beschuß ein. Meine Schutzbefohlenen befolgten meinen Rat, den Weg durch die Maikuhle nicht zu nehmen, denn ich fürchtete das Ausbrechen einer Panik. Wie gut dieser Rat war, zeigte sich später, denn die andern Flüchtenden waren in das feindliche Feuer geraten. Nun gab es nur noch den Seeweg, um die Stadt verlassen zu können.

Die Parteileitung hatte es untersagt, daß die Zivilbevölkerung die Stadt rechtzeitig auf dem Landwege verließ. . . . Meinen Verwandten gelang es erst, am 8. März Kolberg mit Genehmigung des Kreisleiters auf dem Seewege zu verlassen. Der Kreisleiter hatte meine Abreise ausdrücklich abgelehnt. Ich möchte an dieser Stelle bemerken, daß ich in der Stadt keinerlei Aufgabe hatte, die meiner Abreise im Wege gestanden hätte. Am 9. rückte das feindliche Feuer näher, so daß nun auch mehrere Treffer in der Brunnenstraße lagen; ein Einschlag erfolgte direkt vor unserem Hause, der unsere große Eichentür wie ein Sieb durchlöcherte und fast sämtliche Fensterscheiben des Hauses zertrümmerte. Am Abend kamen der Fleichermeister Gamradt mit Frau und Schwägerin sowie der Fleischermeister Fritz Groß mit Frau, die Ehefrau des Maklers Pagel und deren Tante, letztere kamen aus dem Deli-Haus, welches in Flammen stand. Außerdem befanden sich in meinem Luftschutzkeller Frau Janke, Herr und Frau Dräger, Frau Günther mit ihren Kindern, Mütter und Onkel. Ferner sechs ostpreußische Flüchtlinge. Am 12. gingen Familie Günther, Drägers, Frau Janke und die ostpreußischen Flüchtlinge zum Hafen. Nachdem mehrere Häuser in der Umgebung, teils durch Beschuß, teils durch Anzünden von seilen der Wehrmacht vernichtet worden waren, ging am 16. März auch unser Haus in Flammen auf. Wir suchten Schutz im Nachbarkeller, Brunnenstraße 4. Während der Zeit vom 9. bis zum 16. bin ich dreimal am Hafen gewesen, um zu versuchen, Kolberg auf dem Seewege zu


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verlassen. Leider ohne Erfolg. Männer bis zu 60 Jahren durften die Stadt nicht verlassen, sondern sollten sich dem Volkssturm zur Verfügung stellen.

Am 16. bezogen deutsche Truppen in unserem Keller Stellung und gaben bekannt, daß der allgemeine Räumungsbefehl ausgesprochen sei. Zu unserem großen Schrecken war es jedoch nun nicht mehr möglich, von der Ostseite auf die Westseite der Brunnenstraße zu gelangen. Ein feindliches MG.-Nest befand sich nämlich in Höhe der Pfannschmiede und bestrich die ganze Brunnenstraße. Die bei uns im Keller befindliche Gruppe der Wehrmacht versuchte einen Ausfall unter Feuerschutz, der aber im feindlichen Feuer unter Verlusten zusammenbrach. Es blieb uns nun nichts weiter übrig, als dem Schicksal einer Gefangennahme durch die Russen entgegenzusehen. Der Gedanke daran war sowohl für uns, als auch für die Soldaten grauenvoll.

Am 18. früh kamen die ersten polnischen Soldaten in den Keller und forderten mit vorgehaltener MP. die Herausgabe von Uhren, Ringen und sonstigen Wertsachen. Der polnische Soldat, der mit vorgehaltener MP. von mir die Uhr verlangte, wurde sofort von meinem treuen Hunde Kuno angesprungen, und ich hatte große Mühe, ihn zurückzuhalten. Die Polen forderten uns auf, den Keller zu verlassen. Man sagte uns, wir sollten in noch nicht zerstörten Häusern untergebracht werden. Aber es kam anders! Schwer beladen mit drei Koffern, Mantel und Pelz verließ ich den Keller. Dann begannen die ersten Schikanen der Polen. Wir durften nicht auf direktem Weg auf die Straße, sondern erreichten durch Mauerdurchbrüche und Kellerlöcher die Viktoriastraße. Dieser Weg dauerte eine ganze Stunde. Von hier aus wurden wir auf Umwegen durch die zertrümmerte Stadt zur Waldenfelskaserne getrieben. Am Kaiserplatz, Ecke Friedrichstraße, wurde mir von polnischen Soldaten mein großer Koffer entrissen. Mein Kuno, der noch immer bei mir war, sprang auf diese Soldaten los. Am Tor der Waldenfelskaserne angekommen, sagte ich zu Kuno: „Du mußt dableiben!” Der Hund blieb zurück, seitdem habe ich nichts mehr von ihm gesehen und erfahren.

In der Waldenfelskaserne wurden wir im Stabsgebäude in die einzelnen Zimmer untergebracht. Dort zog man mir meine langen Stiefel aus. Von dem Fleischermeister Fritz Groß bekam ich ein Paar Schuhe. Ich sah dort folgende mir bekannte Kolberger: Baumeister Max Wendorff und Frau, Eduard Scholz, Vertreter Schmidt und Frau, Frau Henning und Bruder, Frau Pakulla und Sohn, Julius Kosecki und älteste Tochter, Kosecki sen. und Frau, Tischlermeister Fischer, Friseur Semmrow sen., Kern und Frau (Schwager von Koralwski), Frau Pirwitz, Frau Volge, Frau Pagel, Lehrer Gust, Gärtnereibesitzer Schmeling, Schuhmachermeister Buchweitz u. a. Am späten Nachmittag wurden wir in Richtung Belgarder Chaussee abgeführt, es sollte nach Damgard gehen. Es stand jetzt für mich fest, daß das Ziel unseres Marsches die Gefangenschaft sein würde.

Vf. schildert des weiteren, wie er mit mehreren Zwischenaufenthalten nach dem Lager Posen transportiert und im November 1945 nach Kolberg entlassen wurde, von wo er im Dezember 1945 über die Oder floh.


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