Nr. 53: Räumung der Stadt, Überrollung auf der Flucht und Rückkehr, Zustände in der Heimatstadt nach der Besetzung.

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Erlebnisbericht des K. W. aus Tempelburg, Kreis Neustettin i. Pom.

Original, 28. November 1951, 13 Seiten. Teilabdruck.

Einleitend werden allgemeine Angaben über den Kreis Neustettin und die Stadt Tempelburg gemacht,

Schon seit Ende Januar 1945 lag der Russe vor Deutsch-Krone, einer Stadt, dre sich tapfer verteidigt hat, dafür aber auch, wie ich mich später persönlich überzeugen konnte, zu 60—70% kaputtgeschossen war. Zwischen Deutsch-Krone und Tempelburg, 12 km südlich von Tempelburg, liegt das Dorf Machlin, schon zum Kreis Deutsch-Krone gehörig, und das Rittergut Haugsdorf. Hier hat der Russe ungefähr vier Wochen gelegen. Täglich fanden in dieser Gegend Artilleriekämpfe statt, die deutlich in Tempelburg zu hören waren. Ein jeder rechnete täglich mit der behördlichen Anordnung der Flucht der Einwohnerschaft. Gespannbesitzer waren verpflichtet, sich bei der bevorstehenden Flucht im Treck zusammenzuschließen, Geschäftsleute, insonderheit die Lebensmittelhändler, durften vor der allgemeinen Flucht die Stadt nicht verlassen. Die allgemeine Evakuierung der Einwohner begann dann Mitte Februar. Beispielsweise hatten viele von den Beamten und Angestellten der Ordensburg Crössinsee ihren Wohnsitz in den benachbarten Städten


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Falkenburg und Tempelburg. Die Evakuierung dieser Familien — die Männer waren ja alle draußen — begann am 12. Februar in Autobussen. Die Evakuierung der sonstigen Bevölkerung begann um den 20. Februar herum. Planmäßige Züge gab es nicht mehr. Manche Familie hat, um mit dem Zuge herauszukommen, auf dem 3 km entfernten Bahnhofe nicht nur stunden-, sondern sogar tagelang auf Fahrgelegenheit warten müssen.

Die letzte Bahn verließ Tempelburg am letzten Februar und hat das Ziel — Mecklenburg —, wenn auch z. T. schon unter Beschuß, noch erreicht. Wer Kraftwagen hatte oder sonst Gelegenheit fand, verließ in den letzten Februartagen die Stadt. Auch Wehrmachtswagen, PKWs, und LKWs. nahmen Flüchtende bereitwillig mit. Die Postbehörde verließ am 1. März in Postkraftwagen und -bussen die Stadt. Endlich wurde am Vormittag des 1. März dann auch die Flucht der Gespannbesitzer im Treck für 4 Uhr nachmittags angeordnet. Da ich Gespannbesitzer war, mußte auch ich mit meiner Frau mich dem Treck anschließen. Unsere Reise sollte gehen über Schivelbein und Beigard an die Ostseeküste. Am 3. März lagen wir vor dem Rittergut Reinfeld ca. 10 km vor Schivelbein und konnten beobachten, wie Schivelbein schon beschossen wurde. Nachmittags um 4 Uhr ordnete die Feldgendarmerie ein möglichst ruhiges und geordnetes Kehrtmachen der einzelnen Gespanne an, um zu versuchen, über Bad Polzin nach Beigard zu gelangen. In Polzin erfuhren wir, daß die Persantebrücke vor Beigard schon gesprengt sei.

Am 4. März nachmittags 2 Uhr hatten wir Polzin erreicht. Ein kleiner Bauer von 30 Morgen Land nahm uns mit unserem Gespann freundlich auf. Abends um 9.30 Uhr begann die Beschießung der Stadt. Um 11 Uhr war der Russe schon mit einer Panzereinheit vor unserer Türe. Am folgenden Morgen wurde vom Hauswirt um 8 Uhr Haus und Torweg geöffnet, 5 Minuten darauf hatten die Russen schon mein Pferd abgeführt. Andere hockten auf dem Wagen, um zu plündern. Alle 10 Minuten öffnete sich die Stubentüre. Es erschienen Russen, einzeln und in kleineren Trupps, die MPs. immer auf unsere Heldenbrust gerichtet, um uns immer wieder erneut von oben bis unten abzutasten nach Uhren, Messern und sonstigen Wertgegenständen. Die letzten mitgenommenen Sachen wurden vom Wagen geraubt. Bald erfuhr man auch Einzelheiten aus der Stadt. Im Laufe des Vormittags kam der Hauswirt aus seinem Garten zurück ins Zimmer und erzählte, daß im Garten unter einem Baume vier Leichen (Männer und Frauen) lägen, während drei Leichen im Baum hingen. In dieser Nacht hatte es in Polzin zwischen 200 - 300 Leichen gegeben. Genaues war nicht zu erfahren.

Erschießungen fanden während der ersten Zeit täglich statt. Eine ganze Arztfamilie wurde erschossen, weil der Arzt bei der Behandlung der Kranken die Deutschen bevorzugt behandelt haben soll. Der Vater einer Hauseinwohnerin bei uns wurde erschossen, weil er nachts heimlicherweise im Keller den Rundfunk gehört haben soll. Gleich in den ersten Tagen nach dem Russeneinbruch erkrankte ich an Lungenentzündung, die ich ohne Arzt auskurieren mußte. Dieser Umstand hielt mich mit meiner Frau noch fünf Wochen in Polzin fest. Erst nach Ostern konnten wir an den 28 km langen Rückmarsch denken. Hier schiebt Vf. die Schilderung des Schicksals einer Försterfamilie ein.


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Den Sonnabend nach Ostern marschierten dann meine Frau und ich zurück nach Tempelburg. Am Sonntagnachmittag langten wir dort an. Dank der liebevollen Behandlung und der guten Pflege durch unsere Wirtsleute in Polzin ging der Rückmarsch glatt vonstatten. ...

Als wir nach Tempelburg zurückkamen, erfuhren wir dann auch bald, daß der russische Kommandant nach Einnahme der Stadt geäußert habe, die Deutschen sollten keine Angst haben, es würde ihnen nichts geschehen, sofern sie die Verordnungen befolgten. Es würde keinem ein Leid angetan werden. Und diesen Eindruck habe ich auch gewonnen, im Gegensatz zu dem Verhalten der Russen in Polzin. Wenigstens sind strenge Maßnahmen von Seiten der Russen nicht vorgekommen. Die Morde und Untaten, die sonst geschehen sind, sind von einzelnen verbrecherischen Elementen begangen worden. Namentlich ereigneten sich derartige Fälle bei Vergewaltigungen der Frauen, sofern Männer dazwischentraten oder auch die Frauen bei Männern Schutz suchten. Wiederholt ist es geschehen, daß bei Vergewaltigungen die Frauen dabei umkamen. Für die ersten fünf Tage waren die deutschen Frauen jeweils nach dem Einbruch der Russen Freiwild für die Russen, selbst nach dem Ausspruch der Russen. Dann erst flauten diese Art Verbrechen etwas ab, haben jedoch während des ganzen Jahres 1945 nie ganz aufgehört. Überall, wo der Russe hinkam, folgten ihm nach einigen Tagen polnische Truppen, und wiederum 10 - 14 Tage später folgte das polnische Zivilvolk, das von den Häusern, Geschäften und Landwirtschaften Besitz ergriff. Dies war in den Städten der Fall wie auch auf dem platten Lande.

Abschließend werden Maßnahmen der Russen und die Ausweisung durch die Polen beschrieben.