Nr. 52: Erlebnisse auf der Flucht vor den Russen bis Rostock; Rückkehr bis Ziegenort bei Stettin.

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Bericht der Frau E. K. aus Gr. Küdde , Kreis Neustettin i. Pom.

Original, 4. Januar 1952, 5 Seiten. Teilabdruck.

Am Sonntag, dem 21. Januar 1945, schickte der Ortsgruppenleiter in den Morgenstunden von Haus zu Haus Packbefehl. Daraufhin verließ zunächst jeder, der einen bestimmten Zufluchtsort wußte und abkömmlich war, mit dem Zuge das Dorf. Anfang Februar wurden dann Frauen mit kleinen Kindern und alte Leute, die keine eigene Fahrgelegenheit besaßen, mit Omnibussen nach der Jugendherberge Wuhrberg gebracht. Von dort sollten sie dann rechtzeitig weitergeleitet werden. Über deren Schicksal ist mir nur noch bekannt geworden, daß viele von ihnen bei dem Großangriff auf Swinemünde durch Bomben ums Leben gekommen sind. Die zusammengestellten Trecks mußten auf Abruf warten. Die Gesamtleitung und Organisation lag in den Händen des Ortsgruppenleiters und Bürgermeisters.

Am Sonntag, dem 25. Februar 1945, abends, kam dann der Befehl: „Bereithalten und bei Läuten der Glocken abfahren!” Die Trecks von den Abbauten kamen noch am gleichen Abend in das Dorf gefahren. Gleichzeitig wurden einige Autobusse für Frauen mit Kindern und gebrechliche Leute bereitgestellt, zunächst bis Bärwalde. Die Glocken zum Aufbruch haben dann am Montag früh gegen 7 Uhr geläutet, nachdem in Klein Küdde der erste Artilleriebeschuß einsetzte. Ich selbst bin mit meinen Kindern am Sonntagabend mit dem Autobus mitgefahren und habe in Bärwalde auf den Treck meiner Eltern gewartet. Wir wurden zunächst in einer Schule untergebracht und am anderen Tage auf umliegende Rittergüter verteilt. Das Städtchen Bärwalde war übervölkert. Am Dienstagabend traf ich nach vielem Suchen meine Eltern, und am Mittwoch früh 6 Uhr fuhren wir Richtung Schivelbein weiter. Die ersten zwei Tage fuhr der Treck, bestehend aus etwa 10 Fuhrwerken, geordnet über Schivelbein, Greifenberg, Gülzow. Von dort waren die Straßen Richtung Wollin verstopft. Es wurde nachts nicht mehr ausgespannt. Wir sind von dort drei Tage und Nächte nur schrittweise Richtung Wollin vorwärts gekommen. Nachts war der Himmel in allen Richtungen blutrot, und eiskalter Wind pfiff über die Straßen. Mein alter Vater versagte (Durchfall, wirre Reden), da übernahm ich die Führung des Gespanns. Als ich vor Wollin mit dem Fahrrade unsere Nachbarn aufsuchen wollte, die ca. 2 km hinter uns fuhren, konnte ich sie nicht mehr erreichen. Der Russe war zwischen uns durchgebrochen und hatte die Trecks abgeschnitten,

Am 5. März 1945 früh fuhren wir endlich über die Dievenow-Brücke und durch Wollin. Wir waren etwa l km hinter Wollin, als hinter uns in dieser Stadt ein Munitionslager durch Artillerie-Volltreffer explodierte. Die Straßen und Landwege auf der Insel in Richtung Swinemünde waren vollkommen verstopft. Unser Treck wurde in einen Waldweg gelenkt, wo wir sieben Tage gestanden haben und ca. nur ½ km vorwärtsgekommen sind. Am zweiten Morgen bei ca. 17° Kälte drohte hier mein kleiner Junge den Strapazen zu erliegen. Mit blauen Lippen hob ich ihn nach der eiskalten Nacht aus dem


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Wagen. Er konnte nicht mehr stehen noch sprechen. Da habe ich ihn in Tücher gewickelt und etwa 5 km weit getragen bis zur nächsten Försterei. Dort überließ mir die freundliche Hausfrau das geheizte Herrenzimmer und gab mir auch warme Milch. Solche Angst verleiht Bärenkräfte, ich wurde nicht lahm und müde! Auch holte ich meine Mutter und meine Tochter dorthin, und wir durften dort solange bleiben, bis mein Vater nach sechs Tagen diese Stelle mit dem Treck passierte.

Von hier aus ging es die letzten 14 km vor Swinemünde dann pausenlos weiter. Wir kamen nachts um 12 ½ Uhr dann mit unserem Gefährt über die Notbrücke in Swinemünde. Die Stadt war lückenlos von Trecks und Menschen ausgefüllt, und wir mußten, vollständig erschöpft und immer nach einem freien Eckchen schauend, weiterfahren und konnten erst in dem Bansiner Wald rasten. Dies war unser Glück! Denn am Morgen gegen 7 Uhr erzitterte die Erde von furchtbaren Detonationen. Es war der Großangriff auf Swinemünde. Wir fuhren sofort weiter bis Ückeritz, übernachteten dort in einer Militärbaracke, mußten aber schon wieder sehr früh weiterfahren, weil die Baracke für Verletzte aus Swinemünde freigemacht werden mußte. Mein Mädchen war selbst fieberhaft krank, und wir dachten, hier l—2 Tage von den Schrecken der letzten Tage auszuruhen, aber wir mußten weiter.

Am 17. März 1945 langten wir endlich in Greifswald an. Von dort wurden wir in das kleine Dörfchen C. eingewiesen. Wir bekamen Quartier in einem alten Hause bei der freundlichen Familie Möller. Dort fühlten wir uns nach den überstandenen Strapazen recht wohl und erholten uns schnell. Auch die Pferde, die hart angeschlagen waren, wurden durch die Pflege wieder munterer. So fiel es uns dann nicht schwer, als in der Nacht zum 26. April 1945 alarmiert wurde, Richtung Rostock weiterzufahren. Leider war es zu spät gewesen! 2 km vor Rostock überholten uns die russischen Panzer. Unser Schicksal war besiegelt. Ein schweres Artilleriefeuer auf die Panzer setzte ein. Die Pferde wurden scheu und rasten ab, gerade als ich meinen kleinen Sohn vom Wagen nehmen wollte. Meine Mutter, mein kleines Mädchen, meine Schwester und ich warfen uns in ein Luzernefeld mitten zwischen deutsche Soldaten. Mein Vater und Junge waren auf dem rasenden Gefährt geblieben. Panzer rollten unaufhörlich, um uns Einschlag auf Einschlag und Kugelsausen über den Köpfen. Nach etwa einer Stunde beruhigte sich das Bild. Mit erhobenen Händen begaben wir uns an die Straße. Ein Russe band uns weiße Tücher um den Arm und forderte von uns „Uhra”. Ein freundlicher Pole kam mit uns, nach meinem Vater und meinem Kind zu suchen. An der Landstraße lagen tote Soldaten, nach etwa 3 km fand ich das Gefährt. Mein Vater hatte das Gespann geistesgegenwärtig zwischen den rollenden Panzern hindurch auf den Hof einer Gärtnerei gelenkt. Der Wagen war bereits ausgeplündert, und mein 2-jähriger Sohn kam mir mit einer leeren Patronenhülse entgegen: „Mammi — pu, pu.” Mit unsagbarem Glücksgefühl drückte ich unter Tränen mein Kind ans Herz.

Der Pole nahm uns mit auf den Bauernhof in einem Dorf, wo er als Kriegsgefangener bisher gearbeitet hatte. Er gab uns zu essen und versprach, uns zu schützen. Er erzählte uns, daß sein Bauer nicht gut sei, und zeigte uns die Zähne, die ihm hier ausgeschlagen worden seien. Er bat uns trotzdem, uns nichts von den vorhandenen Sachen anzueignen, damit sein Bauer ihn nicht bei


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seiner Rückkehr beschuldigen könne. — Es war auf Mittag am 1. Mai 1945. Die ersten Russen, die dort hereinkamen, waren freundlich. Sie bedauerten unser Schicksal mit den Worten: „Rußland hat den Krieg nicht gewollt. Nach Hause!” Vor den nächsten vier Mongolen gelang es dem Polen gerade noch, uns jüngere Frauen und Mädchen zu schützen. Er sagte uns aber, wir müßten sofort aus dem Hause. Wir schlichen durch Haus, Stall und Scheune und warfen uns auf dem nahen Friedhof zwischen die Gräber, als wir merkten, daß die Mongolen uns verfolgten und Schüsse in unsere Richtung abgaben.

Nach einiger Zeit kamen meine Eltern und Kinder mit dem Wagen den Landweg feldein gefahren, und wir fuhren weiter auf einen größeren abgelegenen Bauernhof. Dort waren noch etwa 50 bewaffnete deutsche Soldaten. Am nächsten Morgen kam auch dort der Russe hin, entwaffnete alle. Dabei hatte er auch die jungen Frauen und Mädchen, etwa 30, entdeckt, die dort Schutz suchten. Es begann eine furchtbare Zeit der Frauenverfolgung. Jede Nacht erschienen besoffene Russen und durchsuchten das Haus. Ich hatte mich mit meiner Schwester und einem jungen Mädchen gleich am ersten Tage auf die Decke eines Taubenschlages1) versteckt. Die Russen aber kamen in der Nacht, zerschlugen die Fensterscheiben, schossen über unser Dach, durchsuchten auch den Boden, wo wir zitternd kauerten und nicht zu atmen wagten. Meine Schwester wollte sich die Pulsadern öffnen. Ich hielt sie ab. Sie hatten zwei andere Frauen gefunden und waren nun zufrieden. Am nächsten Tage bauten wir uns eine Höhle auf dem Heustall zwischen vermodertem Stroh und zwischen Rattennestern. Aber besser Ratten als Russen! Meine Eltern schliefen mit den Kindern im Kuhstall.

Nach 14 Tagen wollte der Dolmetscher, ein zurückgebliebener Soldat aus Oberschlesien, nicht mehr die Verantwortung für die gesamten Frauen auf dem Hofe übernehmen. Ein Russe hatte ihm erklärt, falls sie doch Frauen fänden, würde er erschossen. Die Polen von dem Hof und der nächsten Umgebung waren bereits mit unserem Treck so Richtung Osten gefahren, wie wir angekommen waren. Einige Betten und Sachen, die gerade im Gebrauch waren, waren zurückgeblieben. Meinem Vater war es nach 14 Tagen gelungen, ein herrenloses Soldatenpferd auf dem Felde einzufangen. Auch fand er einen Soldatenwagen dazu. Wir luden unsere Habseligkeiten darauf und fuhren nach Gnoien, nachdem auch meine Nerven auf diesem Hofe zum Zerreißen gespannt waren.

Eine Episode noch: zwei alte Männer waren täglich aufgestellt, die Wege zu dem Hofe zu beobachten und zu trillern, falls Russen gesichtet wurden. Wir verschwanden dann in unsere Höhlen und zogen die Leiter hoch. Eines Tages hatten meine Schwester und ich das Warnungssignal überhört, flüchteten durch den Gartenzaun auf eine Wiese. Der grasende Bulle kam wütend brüllend auf uns zugelaufen. Wir krochen eilends durch den Stacheldrahtzaun und versteckten uns in einem der vier Strohschober. Schon nach kurzer Zeit kommt einer von den Russen, ein älteres Väterchen, nimmt geradenwegs unsere Bunde vor uns fort und fordert: „Uhra!” Ich sage: „Uhra schon Kamerad.” Da packt er uns genau wieder so zu und geht. Wir taten ihm sichtbar leid.


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In Gnoien durften wir 14 Tage sehr ruhig in einem Heim unmittelbar neben der Kommandantur wohnen. Dort wurden wir nicht belästigt und atmeten auf. Leider bekamen wir nicht länger Lebensmittelmarken und mußten weiter - nach Hause! Wir schlossen uns mit einem Treck aus Ziegenort bei Stettin zusammen. Der Besitzer war Baltendeutscher und sprach fließend russisch. Dadurch hatten wir wieder etwas Schutz. Von Gnoien bis Ziegenort sind dann unsere Wagen wohl noch viermal durchgeplündert worden. Sie fanden immer noch etwas Brauchbares heraus. Eine fürchterliche Fahrt! Zweimal forderte man uns auf, abzusteigen und die Sachen in den Straßengraben zu werfen. Das Weinen und Schreien der Kinder und meiner alten Mutter hielt sie dann immer von dem Vorhaben zurück. Wir waren heilfroh, als wir nach einer Woche in Ziegenort ankamen und bei unserem Fahrtgenossen gute Unterkunft fanden. Es war am 1. Juni 1945. Der dortige Bürgermeister gab uns befristete Lebensmittelmarken. Nach drei Wochen sollten wir unbedingt den Ort verlassen. Das furchtbare Elend und das Massensterben unter den Flüchtlingen auf der Hakenterrasse in Stettin hielt uns von der Weiterfahrt ab. Da wir noch einige Lebensmittel bei uns hatten und mein Vater mit dem Pferde auch noch etwas verdiente, blieben wir noch einige Wochen ohne Genehmigung in Ziegenort. Da setzten dann auch die ersten Ausweisungen von jenseits der Oder ein.

Abschließend geht Vfn. auf ihre Flucht aus dem polnischen Verwaltungsgebiet und auf Erlebnisse in der Ostzone ein.