Nr. 54: Flucht bis vor Treptow, Überrollung des Trecks und Erlebnisse auf dem Rückmarsch.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Erlebnisbericht des Landwirts E. H. auf Rittergut Linz, Kreis Neustettin i. Pom.

Original, 3. April 1951, 10 Seiten. Teilabdruck.

Am 1. März 1945 hörte ich von Leuten aus Osterfelde, daß die Panzer der Russen bereits durch ihr Dorf, 7 km hinter Bärwalde, gefahren seien. Von Neulucknitz aus sah ich selbst Panzer nach Bärwalde fahren. Am Nachmittag verließ ich dann mit meiner Frau mein Rittergut Linz, um zunächst nach Wedellshof zu fahren. Nachdem wir unterwegs von Tieffliegern mit Mg. beschossen worden waren, kamen wir abends in Wedellshof an, von wo aus die Reise am nächsten Morgen weiter über Labes - Regenwalde - Cammin gehen sollte. Leider kamen wir erst nachmittags mit insgesamt sechs Wagen und außer 43 Deutschen mit 2 Franzosen, 3 Polen und einem Volksdeutschen Hausmädchen weg, eine Verzögerung, die uns sehr zum Verhängnis werden sollte. Da die Straßen völlig verstopft waren, kamen wir nur sehr langsam vorwärts. Der Treck wurde mehrmals durch Flieger beschossen, es soll Tote und Verwundete gegeben haben. In der Nacht sah man die Stadt Labes und Umgebung brennen, der Russe war also nicht mehr weit. Ich fuhr durch bis


210

Sehivelbein, wo ich in der Nacht ausspannte. Am nächsten Tage ging es weiter Richtung Stolzenberg - Moitzelfitz, wo wir am Spätnachmittag eintrafen und Unterkunft suchten. Kurz darauf fuhr mein Schwager Keske mit Familie und Arbeitern aus Zarnekow auf den Hof, fuhr aber kurz entschlossen weiter, als kein Platz mehr für seine Unterbringung war. Ich habe diese Verwandtschaft das letzte Mal gesehen. Mein Schwager ist gesund über die Oder gekommen, aber später bei dem Russeneinfall mit seiner Frau und drei Enkelkindern glatt verhungert. Als wir Kanonendonner und das Gerassel von Panzern hörten, fuhr auch ich über Petershagen weiter.

In rabenschwarzer Nacht fuhren wir auf einer Nebenstraße bis zum Morgen hindurch. Schon waren die Kirchtürme von Treptow zu sehen. Das Gedränge war furchtbar, Zivil und Militär bunt durcheinander, die Straße völlig verstopft. Ich sah die russischen Panzer kommen und fuhr mit meinen Wagen auf einen Kleeschlag. Die Polen und Franzosen sowie das Volksdeutsche Hausmädchen rannten den Russen entgegen, die Hände hoch erhoben. Auch ich ging näher. Ein Offizier auf dem vordersten Tiger fragte in reinstem Deutsch, ob zwischen den aufgefahrenen Wagen Militär sei, was ich verneinte. Dann fragte er, woher wir seien, und befahl umzukehren. Es dunkelte bereits. Wir gruben uns frei und fuhren bis zu dem Gute Jarchow, wo wir Quartier machten. Der Hof wimmelte voller Flüchtlinge, der Besitzer war fort. Die ganze Nacht wurde in Richtung Treptow geschossen.

Beim Morgengrauen ließ ich anspannen und fuhr gerade vom Hof, als eine große Anzahl Panzer von Treptow zurückkam, um auf dem Gutshofe aufzufahren. Davor habe ich mich gefürchtet, und die armen Flüchtlingsfrauen und Mädchen haben gewiß entsetzliche Stunden erleben müssen. Kurz vor Einbiegen in die Chaussee nach Petershagen bot sich uns das erste schreckliche Kriegsbild. Es lagen Tote, Pferde, Hausrat und umgestürzte Flüchtlingswagen, zerschnittene Betten, viele vornehme, zerstörte Verdeckwagen bunt durcheinander. Waffen aller Art, von Panzern zerschmetterte Pferde gaben ein grauenvolles Bild. ... Die Russen hielten uns an. Der Franzose sprach mit ihnen, und da er schon seine Uhr abgegeben hatte und ich meine angeblich auch einem Russen gegeben hatte, ließ man uns passieren. Die folgenden Leute aus Wedellshof kamen nicht ganz ohne Plünderung durch.

Auf dem Vorwerk von Schlenzig in Wedderwill fand ich einen guten Stall und Unterkunft. Hier sind wir drei Tage geblieben, die Frauen backten sogar Brot. Ich selbst schlief im Wagen. Auf dem Gut war auch ein Bauer, der mir riet, mit ihm in sein Dorf im Regenwalder Kreis zu fahren und dort vorläufig zu warten. Als große Kolonnen polnischer Infanterie erschienen, fielen diese gleich über unsere Pferde her, nahmen Pferde und Geschirr und ließen ihre eigenen, abgetriebenen Pferde zurück. Durch einen Litauer ließ ich mir drei andere schlechte Pferde gegen Schnaps verschaffen. Die Franzosen und Polen verließen uns. Die 43 deutschen Personen mußten sich auf zwei Wagen verteilen.

Als ich in Schlenzig auf den oben erwähnten Bauern wartete, kam eine polnische Schwadron Kavallerie auf uns zu. Der Rittmeister, schwer angetrunken, verlangte von mir Zigaretten. Als ich erwiderte, daß ich als Nichtraucher keine Zigaretten hätte, griff er nach der Pistole und wollte mich er-


211

schießen. Die Frauen schrien auf, darauf zog er seinen Degen und hätte mich damit geschlagen, wenn ihm eine Frau ans Wedellshof nicht für mich Zigaretten gegeben hätte. Wir sollten unsere Wagen zur Seite fahren und bleiben, ich fuhr aber schleunigst fort und kam in der Nacht in einen großen Wald. Wir mußten auf der Landstraße übernachten. Die Durchfahrt der Truppen riß nicht ab.

Bei der Weiterfahrt kamen wir vor ein anderes Dorf, das total ausgeplündert war, und wo man mir noch ein Pferd nahm. Wegen des Aufmarsches der Polen kamen wir die Chaussee nicht weiter und nahmen in dem Jagdschloß Neuhof Quartier. Im Schloß sollten noch deutsche Soldaten sein. Plötzlich stand ein polnischer Offizier vor mir und beauftragte mich, die Soldaten zu veranlassen, sich zu ergeben. Auf meine Bitte versprach er mir, daß meine Wagen nicht geplündert würden. Kurz darauf waren aber schon einige Polen im Wagen und plünderten. Ich ging sofort zum Hauptmann, der veranlaßte, daß mir das Gestohlene wiedergegeben wurde. Sobald er aber im Hause war, ging die Plünderei erneut los. Ich fing nun an zu schimpfen, da sprangen gleich fünf bis sechs Kerle mit Maschinenpistolen auf mich los. Ich schlug auf meine Brust und brüllte: „Hier sitzt das deutsche Herz!” Da stutzten sie, und nun drehte ein alter Feldwebel das Gewehr um, mit dem er heftig auf mich einschlug. Ich sollte laufen, ging aber nur schrittweise zurück und bekam mörderliche Prügel. Ich meldete dies sofort dem Hauptmann, der sich daraufhin drückte und bald mit den Gefangenen abzog.

Am nächsten Morgen fuhren wir durch das Kampfgebiet bis nach Stargordt. Als ich auf einen angehaltenen Wagen wartete, holten Soldaten auch mich zurück und drohten, sonst zu schießen. An der ausgebrannten Brennerei wurden zuerst die Wagen völlig ausgeplündert. Die Koffer usw. wurden einfach mit dem Seitengewehr aufgeschlitzt. Die Räuber fanden reiche Beute, und herrschte große Heiterkeit. Dann kamen wir Menschen dran. „Hände hoch!” Von oben bis unten wurde Jung und Alt untersucht. Der Anführer war ein hoher polnischer Offizier, der mir meine Brieftasche, meine Brille und meine Taschentücher wiedergab, während er bei fast allen anderen diese Gegenstände abnahm oder vernichtete. Ganz besonders den beiden Arbeitern nahm er das Geld weg, um es auf die Straße zu werfen. Eine große Summe Papiergeld, die ich im Fahrmantel versteckt hatte, fand er nicht.

Nachdem wir jeder einzeln durchsucht waren, mußten wir etwas abseits niederknien, ich kam zuerst dran, dann meine Frau. Da diese nicht knien konnte, flüsterte ich ihr zu, sich neben mich auf einen Stein zu setzen. Ein großer Russe der GPU. mit Zipfelmütze und großem Stern, Sichel und Hammer schlug meine Frau, und diese mußte sich auch auf die Knie setzen. Der finstere Russe hatte einen schweren Revolver und musterte uns einzeln, die Waffe schußbereit haltend. Ich sah ihn gelassen an und dachte nur, er solle mich nur zuerst totschießen, dann brauche ich die anderen nicht sterben zu sehen. Zwei Lumpen von meinen Arbeitern gaben sich als Kommunisten aus. Inzwischen war die Durchsuchung der 43 Personen erfolgt. Der Russe ging immer von neuem die Reihe mit seinem Revolver entlang, und wir hatten alle mit dem Leben abgeschlossen. Plötzlich schien die Sonne, und die kleine Margot wurde gerade so hell angestrahlt, als der Russe vor ihr stand. Das


212

Kind sah in seiner Angst so allerliebst aus, daß der Russe ihm unters Kinn faßte, „my darling” sagte und den Revolver fortsteckte. Es war, als ob die Macht Gottes uns zu Hilfe kam.

Die Offiziere berieten sich mit dem Russen der GPU. Wir mußten aufstehen und um einige elende Arbeiterhäuser gehen. Hier mußten wir abermals niederknien. Ich dachte, jetzt komme das MG. Nach kurzer Beratung nahmen sich die Banditen Frauen und Mädchen und verschwanden. Wir anderen durften nicht aufstehen. Endlich führte man uns ab. Es kam ein jüdischer Kommissar, der uns befahl, das zugewiesene Quartier, ein elendes leeres Stübchen, nicht vor morgens 8 Uhr zu verlassen. Vor der Tür wurden ein MG. und drei Soldaten aufgestellt. In der Nacht regnete es stark, die Soldaten ließen das MG. allein, und im frühen Morgengrauen machten wir uns ganz still auf den Weg nach Labes. Der Magen knurrte, und besonders die Kinder litten unter dem Hunger. Die Chaussee von Stargordt bis Labes war zu beiden Seiten mit Kriegsausrüstungsgegenständen besät.

Wir kamen durch das Kampfgebiet und machten einige Kilometer vor Labes, in Heinrichsfelde, in einer Polenwohnung Quartier. Hier hatte man am Tag vorher Herrn von Borke, einen 84-jährigen Invaliden, drei alte Gutsarbeiter und 6 Flüchtlinge erschossen. Diese elf Männer waren gerade im Park beerdigt worden.

Kaum hatten wir uns hingelegt, um von dem großen Fußmarsch auszuruhen, als zwei Kosaken erschienen, gleich durch die Decke schossen, die zwei anderen Männer herausholten, um für ihre Pferde Futter zu beschaffen, und sich dann zwei Frauen holten. Während der Feldwebel bald wiederkam, war weder von dem anderen Kosaken noch von der Frau etwas zu erblicken. Der Feldwebel hatte die beiden Wedellshofer Männer beauftragt, den Kosaken zu suchen, und diese hatten sich, da sie ihn nicht fanden, versteckt. Ich hatte hiervon keine Kenntnis und war daher erstaunt, als mich der Feldwebel holte, mir befahl, die Hände hochzuhalten und zu suchen, indem er mit dem Karabiner hinter mir herging. Da auch ich nicht auf dem Gute Bescheid wußte und den Russen nicht fand, behauptete er, wir hätten ihn umgebracht. Er wollte ein Kommando Kosaken von Labes holen und die ganze Gesellschaft erschießen lassen.

Inzwischen ging ich in das Gutshaus zu Frau von Borke, die dann auch den Russen fand. Die Frau war in ihrer Angst mit dem Kosaken in den Keller des Gutshauses gegangen. Hier hatte Frau von Borke 62 Frauen und Mädchen versammelt. Der Kosak hatte sich ein Mädel ausgesucht und die Frau laufen lassen. Der Feldwebel kam wutschnaubend zurück, drohte mit Erschießen, und als ich ihm bedeutete, den Mann gefunden zu haben, wollte er es nicht glauben. Er ritt mit schußbereiter Waffe hinter mir her, ängstlich jede Ecke meidend. Als er seinen Untergebenen sah, ließ er mich freundlichst gehen und schalt den Mann ganz furchtbar aus.

Am nächsten Tage gingen wir über Labes, das fast völlig ausgebrannt war, um über Saagen den Landweg nach Wedellshof zu benutzen. Kurz vor Saagen mußten wir umkehren, weil dort noch ein Gefecht im vollen Gange war. Da meine Frau am Ende ihrer Kräfte war, suchten wir ein etwas abseits gelegenes Bauernhaus auf. Hier sah es so wüst aus, daß ich trotz Hungers


213

weder essen noch ruhen konnte. Drei tote Bauern lagen hinter Stall und Scheune und tote Pferde auf dem Hof. Die andern waren nach Dramburg vorausgegangen. Vor Schönwalde war die Kraft meiner Frau zu Ende und die Energie erloschen. Nur durch Härte konnte ich es erreichen, daß sie nach einem Ohnmachtsanfall von einem Chausseestein zum andern gehen konnte. Endlich kamen wir in das Dorf, in dem wir etwas zu essen bekamen und meine Frau bei einem Bauern zurückließen, wo sie gleich einen tiefen Schlaf fand. Ich selbst ging mit zwei Begleiterinnen weiter nach Wedellshof, wo wir abends eintrafen und den Hühnerstall noch brennen sahen.

Im weiteren Verlauf berichtet Vf. seine Erlebnisse unter russischer Verwaltung und von seiner Ausweisung im Dezember 1945.