Nr. 55: Flucht nach Norden, Überrollung durch die Russen und Rückkehr.

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Erlebnisbericht von Frau H. P. aus dem Kreis Naugard i. Pom.

Original, 16. September 1952, 12 Seiten. Teilabdruck.

Vfn. schildert eingangs die sich verschärfende Lage im Januar und Februar 1945, die u. a. zur Einberufung ihres Mannes zum Volkssturm führte.

Die russische Walze ließ sich nun nicht mehr aufhalten, denn die ersten Trecks kamen und fuhren weiter. Auch einzelne kleinere Trupps Soldaten kamen mit Handwagen, Kutschwagen, belegten Quartier, aßen sich satt, schliefen aus und zogen wieder weiter. Angeblich sollten sie sich in Stettin sammeln. Von meinem Mann erhielt ich die erste Nachricht aus Neustettin, später aus Tempelburg und Brotzen. Um die Wirtschaft konnte ich mich nur sehr wenig kümmern. Der Pole von der Nachbarwirtschaft half uns, so gut und viel er konnte. Und ich wußte, ich konnte mich auf ihn verlassen. Ich selbst hatte alle Hände voll zu tun, um die durchziehenden Trecks, die auf unserm Hof ausspannten, zu betreuen. Dann kam noch zwischendurch Einquartierung.

Der Februar ging zu Ende. Am 28. Februar erschien meine Schwester, die schon seit Anfang Februar von Stargard/Pom. nach Greifswald evakuiert war, bei mir, um noch Betten zu holen. Ich machte es möglich, daß wir mit einem LKW. der SS. von Naugard nach Stargard fuhren und noch alles Wichtige aus ihrer Wohnung holten. Stargard hatte schon russischen Panzerbesuch gehabt, und während wir alles packten und auf den LKW. luden, kreisten über der Stadt die russischen Flieger. Wir kamen aber wohlbehalten wieder in Naugard bzw. K. an.

Am 2. März erhielt ich durch einen Volkssturmmann einen Kartengruß meines Mannes. Der V.-Mann erzählte nur, daß der Volkssturm in Brotzen aufgelöst und mein Mann auf dem Wege nach K. sei. Ich könnte stündlich mit ihm rechnen. Mein Mann kam nicht, statt dessen rückte aber der Russe immer näher. Mein Wagen, mit dem ich trecken wollte, war immer noch nicht fertig. Mir wurde noch ein Franzose zugeteilt, der aber keine Lust zur Arbeit zeigte. Um mich alleinstehende Frau auf der Wirtschaft kümmerte sich kein Mensch. Die Hauptsache war, daß jeder Bauer seinen Wagen fertig hatte.


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Ich beschwerte mich beim Amtsvorsteher, und er selbst wollte wohl etwas gutmachen: Er schickte mir seinen Polen. Dieser machte den Wagen sehr gut startbereit. Am 3. März früh bekam ich noch eine Nachrichten-Abteilung ins Haus. Und nun begann ein Hasten und Jagen. Im Dorf stauten sich die Trecks, Fahrzeuge der Wehrmacht hatten Vorrecht, es war ein haltloses Durcheinander. Ein junge Frau, in meinem Hause evakuiert, 14 Tage vor der Niederkunft, konnte ich nachmittags noch mit einem LKW.-WM. mitschicken. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.

Gegen 18 Uhr kamen dann noch 35 Volkssturmmänner auf unsern Hof. Scheune , Ställe, Hof, alles war dichtgedrängt voller Menschen und Tiere und Wagen. Ich entschloß mich, im Eß- und Herrenzimmer Stroh zu schütten, damit die Männer liegen und schlafen konnten. Und wie haben sie geschlafen! 4. März morgens 7 Uhr sollte Wecken sein, aber um 5 Uhr war Alarm, und ab ging es. Die Nacht über hörte man schon ganz dicht Detonationen in Richtung Plathe-Greifenberg und Wilhelmsfelde-Massow-Daber, alles ein Feuer. Jeder versuchte nun, so schnell wie möglich fortzukommen. Wir Dorfbewohner warteten auf den Bescheid, daß wir anspannen sollten. Aber hier versagte wieder einmal unser Amtsvorsteher. Er hatte es vorgezogen, heimlich mit seinem Treck, den er schon 14 Tage in einem verschlossenen Wagenschuppen zu stehen hatte, zu verschwinden. Seine Nachbarin, Frau C. Fr., die bestimmt den Hof und alles so voll hatte, daß sie niemand mehr aufnehmen könnte für die letzte Nacht, hatte eine Frau und Kind zu ihm zurückgeschickt. Er drohte Frau Fr. mit Erschießen, falls sie sich weigere, die beiden Menschen aufzunehmen. In der Nacht vom 3. zum 4. März war ganz plötzlich die Nachrichtenabteilung verschwunden. Nachdem nun die Volkssturmmänner vom Hof waren, machte auch ich meinen Treck fertig.

Was ich bis dahin nicht fertigbrachte, in der Stunde größter Gefahr schlachtete ich meine Zuchtgänse, -puten und -enten sowie Hühner ab und warf alles in einen Sack, den ich außen am Wagen aufhing. Dann ließ ich die Pferde anspannen. Ein altes Ehepaar, die Eltern des Hotelbesitzers M. in Naugard, das bei uns untergebracht war, ließ ich auf den Wagen klettern. Noch einmal ging ich durch alle Räume, nahm alles in mich auf und von jedem Stück Abschied. Mit zusammengebissenen Zähnen ging ich über den Hof und durch die Stallungen. Wäre es besser gewesen, ich hätte das Stroh, das ich für die V.-Männer im Hause geschüttet, angezündet und das ganze Anwesen wäre in Schutt und Asche den Russen in die Hände gefallen?

Gegen 8 Uhr stieß ich dann auf der Chaussee Naugard—Gülzow zu der langen Reihe Trecks. Leider hatte ich Pech. Ich mußte erst den großen Treck des Jugendgefängnisses Naugard vorüberlassen und konnte mich dann einreihen. Ich selbst fuhr neben meinem Wagen mein Rad. Der Franzose kletterte auch in den Wagen und nahm die Zügel in seine Hände. Immer wieder wurden wir von LKWs. überholt, auf denen Soldaten, Volkssturmmänner, Zivilpersonen, teils verwundet, teils erschöpft lagen. Aus allen Wegen, die von den Ortschaften zur Chaussee führten, kamen neue Trecks und versuchten, sich einzureihen. Wiederholt gab es Stockungen. Kurz vor der Stelle, wo die Chaussee von Greifenberg/Pom. in die Gülzower Chaussee einmündet, gab es ein großes Halt. Hier hielt plötzlich der PKW. des Kreisleiters Stark-Naugard neben meinem Treck. Da niemand wußte, wohin es ging, fragte ich


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Herrn Stark nach dem Ziel. Mir wurde zur Antwort: „An die Weser.” Ich konnte mir die Bemerkung: „Hoffentlich liegt die Weser nicht noch vor der Oder” nicht versagen. Und ich sollte recht behalten.

Nach einstündigem Halten ging es weiter. Und nun wurde aus den Pferden herausgeholt, was sie konnten. In der Nacht ging es durch Gülzow durch. Hier wurden die Trecks wechselnd geleitet gen Pribbernow und gen Pölitz. Und plötzlich kam der Augenblick, der das ganze Trecken sinnlos machte. Ich war etwa 200 m vor dem Bahnhof Rackitt. Da fuhren von links aus dem Walde 3 russische Panzer auf und versperrten die Chaussee. Mittels Sprachrohre wurden wir aufgefordert, umzukehren und wieder in unsere Heimatorte zu fahren. Dort sollten wir von ihren Kommissaren weitere Weisungen erhalten.

Und nun spielten sich Szenen ab, die man nicht so leicht vergißt, aber auch nicht mit Worten wiedergeben kann. Darum will ich von der Schilderung einiger Szenen Abstand nehmen und überlasse es dem Leser, eich ein Bild vor sein geistiges Auge zu zaubern. Mit anderen Trecks fuhr ich auf eine große Weidefläche, um die Pferde zu füttern und selbst etwas zu essen bzw. für die Nacht Eßbares fertigzumachen. Meine beiden Altchen sowie der Franzose stiegen vom Wagen, ich dagegen nahm Platz im Wagen, um für unser leibliches Wohl zu sorgen. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel brausten plötzlich etwa 10 Maschinen im Tiefflug über uns hinweg und beschossen uns. Mit eingezogenem Kopf saß ich im Wagen und hörte das Aufprasseln der Geschoßhülsen auf den Plan. Wie ich zur Besinnung kam, konnte ich nur noch ein Pferd mein eigen nennen, das andere lag auf der Seite und mußte verenden. Es war getroffen. Aber ein langes Besinnen gab es nicht, wieder nahten die 10 Flieger im Tiefflug. Ich konnte noch gerade unter meinen Wagen kriechen. Wieder gab es Tote und Verwundete. Wir krochen aus unseren Deckungen hervor und mußten leider feststellen, daß die Flieger zum dritten Tiefangriff wendeten. Alles, was noch laufen konnte, suchte Schutz in den Gräben. Es gab keine Feinde mehr, nur noch Menschen, die um ihr Leben liefen. Franzosen, Bulgaren, Engländer usw. usw. lagen mit uns und neben uns in den Gräben. Und manch einer, der wohl keinen Gott mehr gekannt hatte, konnte plötzlich ein „Vater unser” beten.

Nach diesen drei Angriffen beruhigte sich die Luft, aber wie sah es zwischen unseren Trecks aus: eine einzige Wüstenei. Wie ich zu meinem Wagen zurückkam, mußte ich feststellen, daß auch das zweite Pferd getroffen war, aber noch lebte. Ich schnitt ihm die Siele durch und versuchte, das Pferd hoch zubekommen; leider war ein durchgehendes Gespann über seine Beine gerast und hatte die Gelenke gebrochen. Ich konnte aber auch Einschüsse in den Rücken feststellen. Mein Franzose verabschiedete sich nun von mir mit den Worten: „La guerre est finie” und war nicht mehr zu sehen. Das Notwendigste nahm ich nun vom Wagen und ging mit meinen Altchen in den Wald. Mein Rad nahm ich mit, und wir konnten es noch gut beladen. Allmählich kam die Nacht. An Schlaf dachte niemand. Einer fragte den anderen: „Was nun?” Immer wieder zog es mich zu unserem „Braunen”, noch höre ich das todwunde Stöhnen, und niemand war da, der ihm den Gnadenschuß gab. Hinzu kam das Stöhnen und Röcheln verwundeter Menschen, hier rief ein Junge nach seiner Mutter, dort wollte noch ein Mensch leben, und den Rahmen


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gaben auf einer Seite ein Fliegerangriff Swinemünde—Peenemünde und auf der anderen Seite die Feuersbrünste Greifenberg—Treptow—Labes—Naugard—Regenwalde—Massow—Daher—Gollnow—Stargard. Es war eine Nacht, die ich nie vergessen werde.

Und wieder wurde es Morgen. Ich versuchte nun, mich mit meinen Altchen übriggebliebenen Naugardern anzuschließen. Wir entschlossen uns zu einem Marsch über die Dörfer in Richtung Naugard. Die Chausseen wollten wir meiden. Aber schon tauchten überall Russen auf, die systematisch den Wald durchkämmten. Die beiden ersten Russen, die ich zu sehen bekam, nahmen sich meiner sehr „liebevoll” an, und ich glaube, man sah mir den Kampf und die Schändung an. Mehrere Tage und Nächte, nachts schliefen wir auf dem hartgefrornen Waldboden, irrten wir nun umher, unser Häuflein wurde kleiner, und endlich kamen wir in Zarnglaff an. Hier suchten und fanden wir Unterkunft in einem Bauernhause und richteten uns häuslich ein. Zu essen fanden wir genügend vor. Ich mußte mich aber besonders versteckt halten, weil die Russen im Dorf gerade in diesem Hause abends zusammenkamen. Ein Pole hatte mir dies verraten. Wir hatten uns unter das Dach zurückgezogen. Mir ist hier nichts passiert.

Vom 8.-11. März hielt ich hier aus. Sonntags, 11. März 1945, kamen etwa 15 Personen auf den Hof, und ich konnte erfreut feststellen, daß es Einwohner aus Damerow, Kreis Naugard, waren, die wir uns gegenseitig kannten. Sie übernachteten bei uns, und montags früh schloß ich mich ihnen an. Meine beiden Altchen mußte ich zurücklassen, da der alte Herr M. infolge einer Fußverletzung nicht gehen konnte. Die Nacht verbrachten wir in einem Hause in der Nähe von Altmühl. Hier trafen wir noch mehr Damerower. In einem Raum von ungefähr 16 qm hatten wir uns mit 28 Personen gesammelt. Alle Jahrgänge vom Greis bis zum Säugling waren vertreten. Die alten Leute mußten sich über die noch vorhandenen Betten legen, und wir anderen lagen auf dem Fußboden. Uns wurde die Härte unseres Lagers gar nicht bewußt, denn jeder trug des andern Last. Am nächsten Morgen ging es dann nach Damerow. Hier traf ich dann mehrere K.er Familien, und wir blieben zusammen. In unser Dorf durften wir noch nicht, da K. an der Durchgangsstraße lag und die russischen Truppen in endloser Reihe weiter nach Westen zogen. In Damerow blieben wir dann unter der Obhut von russischen Posten, denen sich einige Tage später polnische Soldaten zugesellten. Tagsüber hatten wir einigermaßen Ruhe. Aber kam die Nacht, dann galt es wachsam zu sein. Die Türen durften und konnten wir nicht versperren. Und es verging nicht eine Nacht, in der die Russen mit Kerzenlicht oder Taschenlampen sich ihre „5-Minuten-Lieben„ aussuchten. Wenn wir aber durchaus das „Frau, komm” nicht verstanden, dann boten sich uns Szenen, die uns die Schamröte in die Gesichter trieben. Rücksichtlos wälzten die Russen ihre Körper über uns Frauen, zerrissen uns die Wäsche, die wir noch am Körper hatten, und ließen ihre Lust an uns aus. So ging es bis zum 1. April 1945.

Da hieß es: Die K.er dürfen in ihr Dorf zurück. Und wir gingen alle, wurden sofort registriert und mußten uns nun eine Bleibe suchen. Ich konnte in unser Haus nicht zurück, da dieses von russischen Offizieren besetzt Avar. Auf dem Hof stand eine Gulaschkanone, in der dauernd die Verpflegung kochte, und ein LKW.,dessen Rückwand meine Chaiselongue-Decke zierte.


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Auch einige Kleinmöbel standen auf dem LKW. Sämtliches Vieh war aus den Stallungen verschwunden. Möbel, Geschirr usw. stand überall herum, teils unter freiem Himmel, teils in der Scheune. Betten, Wäsche, Geschirr, Kleinmöbel, alles lag bunt durcheinander unter Asche und Dung. Diesen Anblick und meine Empfindungen in Worte zu kleiden, vermag ich nicht. Was war aus dem „Dornröschenschloß”, wie es viele genannt hatten, geworden!

Ich siedelte zu meiner Nachbarin, Frau E. M., über. Es kamen nun bittere Wochen für uns: Wir hatten nichts zu essen. Die beiden Kinder der Frau M., Junge und Mädchen, bekamen von den Russen Brot und Zucker. Aber wir konnten ihnen doch nichts wegnehmen. Die Russen warfen die Kartoffelschalen fort, und oft haben wir diese aus dem Mist wieder heimlich herausgekratzt, gewaschen und abgekocht, damit wir unserm Magen etwas anbieten konnten. Dann änderte sich plötzlich unsere Verpflegung. Die Schweine, die frei im Dorf umherliefen, wurden in unserer Scheune täglich zusammengetrieben, und drei Stück wurden täglich erschossen, abgesengt und aufgeteilt. Hier erbten wir, Frau M., ihre Kinder und ich, immer die Leber und Lunge sowie Kopf. Nun hatten wir zu essen und gaben auch noch anderen. Man konnte unser Drohnenleben nicht mehr mitansehen. „Rabotti” hieß es eines Tages. Wir wurden morgens von LKWs. um 6 Uhr abgeholt und zur Aufräumung eingesetzt.

Es folgen Darstellungen der Ereignisse und Zustände unter Russen und Polen bis zur Ausweisung im Dezember 1945.