Nr. 56: Flucht aus Wurow nach Norden, Überfall durch russische Vorhuten. Erneuter Fluchtversuch: entlang der Ostseeküste über Dievenow nach dem Westen.

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Brief der Frau Rohr aus Wurow, Kreis Regenwalde i. Pom.

Photokopie, 2. April 1946, 22 Seiten. Teilabdruck.

Die ersten Seiten enthalten persönliche Mitteilungen.

Ich entsinne mich noch genau des 3. Märztages, als wir unser liebes Wurow verlassen mußten. Wir sahen uns wohl zuletzt, als Sie uns auf der Chaussee hinter Schivelbein überholten, in Richtung Stolzenberg. Erst war ja verabredet, daß alle Wagen bis Neugasthof fahren sollten. Als wir nun mit unsern Wagen in Neugasthof ankamen, hörten wir von Krüger, daß wir noch bis Stolzenberg fahren sollten. Weil die Pferde aber ziemlich schlapp waren und wir auch alle sehr durchgefroren waren, machten wir in Neugasthof Halt. Jeder versuchte einen Unterschlupf zu finden. Lindloffs und ich hatten mit noch anderen Flüchtlingen ein Zimmer bei dem dortigen Inspektor. Wir wollten uns gerade aufs Stroh legen, da kam die Kunde, Neugasthof müsse geräumt werden, die Russen wären ein Dorf vor Neugasthof. Weil wir nicht wußten, wo wir im Dunkeln hin sollten, blieben wir dort. Mit der Ruhe war es vorbei. Jeder ging an seinen Wagen. Nach einer Weile hörten wir schon die russischen Panzer die Straßen lang rollen. Es nahm kein Ende, diese „Panzerspitzen”.


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Wir konnten es noch alle nicht fassen. Da wurden wir durch Bremsenquietschen aufgeschreckt. Der erste russische Panzer hielt. Bald schallte es durch die Nacht: „Ura, Ura!” Mein Herz schlug zum Zerspringen. Ich sprang in den Wagen und holte unsern schlafenden Rolfi raus. Dann blinkten überall Taschenlampen auf, die Russen kamen näher. Mir stockte fast der Atem, als die ersten zwei Russen vor uns standen. Sie verlangten die Uhren. Ich hatte meine Uhren im Koffer verpackt. Ich gab ihnen zu verstehen, ich hätte keine, da waren sie auch zufrieden und gingen an die andern Wagen. Von da aus zum Gasthaus. Es war wohl verschlossen. Da wurden die Türen und Fenster kaputt geschossen. Es dauerte nicht lange, da schallten furchtbare Schreie durch die Nacht: „Schießt mich nicht tot, ich bin eine gute Frau und habe niemand was getan.” Doch die Russen kannten wohl kein Mitleid. Ein Schuß, und die Frau war tot.

Wir waren von Entsetzen gepackt. Wir blieben die ganze Nacht in unsern Wagen. Morgens wollten wir dann wieder die Rückfahrt nach Wurow antreten. Die Russen waren auch, nachdem wir die weiße Fahne gehißt hatten, damit einverstanden. Wir sollten um 11 Uhr vormittags fahren. Um 11 kam der Kommissar persönlich und ging von Wagen zu Wagen. Ich sehe noch deutlich das höhnisch grinsende Gesicht, als er sagte, ihr müßt bis zum nächsten Tag noch bleiben, es kommen noch die Offiziere. Habt keine Angst, die Russen sind gut. Sie tun deutschen Frauen und Kindern nichts. Kaum war er ans unserm Wagen, da schrie es: „Feuer, Feuer!” Wir sahen aus dem Wagen, da stand das Gebäude, wo wir aufgefahren waren, von oben bis unten in hellen Flammen und drohte, jeden Augenblick auf die Wagen zu stürzen. Lindloffs sprangen runter, ich nach und riß Rolfi mit. Die Pferde waren nicht zu halten, es war ein fürchterlicher Anblick. Zum Unglück war vor uns noch ein hoher Zaun. Ich kam mit Rolfi nicht rüber. Da warf der Franzose Moritz Rolfi rüber. Ich sprang nach. Da standen unsere Leute an der andern Straßenseite, blaß vor Entsetzen und sahen in das Feuer. Zu gleicher Zeit kam ein Tiefflieger. Ich war von solcher Angst gepackt, nahm Rolfi an die Hand und lief in den nahen Wald. Mir kam Frau Bösel mit Manfred, Frau Müggenberg mit Horst und Hanni und Frau Fenner nach. Von einer kleinen Lichtung haben wir dann die Wagen beobachtet. Wir konnten aber nicht feststellen, ob unser Wagen verbrannt sei oder nicht.

Von einer maßlosen Angst gepackt, liefen wir dann weit in den Wald, haben uns unter Sträuchern versteckt und aßen Schnee, wenn wir Hunger hatten. Ich hatte nichts, nur Rolfi vom Wagen gerissen. Frau Bösel hatte ein klein wenig zum Essen, das blieb für die Kinder. Als es gegen Abend dunkelte, wagten wir es, aus unserem Versteck rauszukommen. Wir wollten nun auf einsamen Waldwegen zurück nach Wurow. Nur langsam tasteten wir uns vorwärts, wir wollten den Russen nicht wieder in die Hände fallen. Wir kamen an ein einsames Gehöft. Nachdem wir es eine Zeitlang beobachtet hatten, faßten wir Mut und gingen hin. Wir hatten Glück, es waren noch keine Russen da. Es waren nette Leute, wir konnten dort die Nacht verbringen.

Am Morgen sind wir dann zu Fuß losgegangen. Ein Stückchen ging es, dann konnte Rolfi nicht mehr laufen. Dann hab ich ihn getragen. Eine Weile ging es, dann war auch ich schlapp. Wir haben uns dann abgewechselt. Ich war mit Rolfi für die andern nur eine Last. Sie waren aber alle so nett zu mir und


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wollten mich mit Rolfi nicht im Stich lassen. Wir sind dann in Richtung Wurow gelaufen, mal vor und mal zurück. Hatten wir ein gutes Stück geschafft, mußten wir wieder zurück, denn wir waren oft bald wieder im Kampfgebiet. Es war furchtbar, aus allen Ecken kamen und hörte man Schüsse fallen. So waren wir denn ohne Essen gelaufen. Wie oft sagte Rolfi: „Ich hab' Hunger!”' Ich konnte ihm nichts geben. Dann hab ich nur die Tränen runtergeschluckt. Auf unserm Fußmarsch trafen wir auf einem einsamen Feldweg eine Frau mit ihren beiden Kindern. Ich kannte die Frau, sie war aus Bärwalde. Sie kam von Schivelbein und erzählte uns schreckliche und grauenvolle Dinge, was sie beim Einmarsch der Russen dort miterlebt hatte. Uns ging es kalt über den Rücken. Sie riet uns dringend ab, nach Wurow zurückzugehen, sondern zu versuchen, an der Küste rauszukommen, dort sollte noch ein kleines Stückchen frei sein. (Über meine Eltern konnte sie mir nichts Genaues sagen. Bärwalde war auch geräumt, aber sicher auch zu spät.)

Wir haben dann lange überlegt, was wir machen sollten. Für die andern wäre es ja nicht so schlimm gewesen, nur für mich mit Rolfi, dazu ohne Verpflegung. Wir kamen dann zu dem Entschluß, nicht nach Wurow zu gehen. Unsere Frauen versprachen mir, mich nicht zu verlassen. So kamen wir denn nach Semerow-Ausbau, wo wir von netten Leuten aufgenommen und bewirtet wurden. Da drang die Kunde durch, daß im Dorf deutsche Wehrmacht liege und noch Zivilisten mit rausnähme. Wir haben nicht lange überlegt, ich nahm Rolfi auf den Rücken, und im Dauerlauf gings zum Dorf. Dort buddelten sich schon überall die Soldaten ein. Als wir außer Puste im Dorf ankamen, sahen wir die vollgestopften LKW. der Wehrmacht. Wir bettelten, weinten und flehten, doch es half nichts, die Wagen waren zu voll , und vor unsern Augen sausten die Wagen ab. Als Trost sagte man uns, wir sollten zu Fuß weiter gehen, es kämen noch Wagen nach. Wir machten uns dann wieder zu Fuß auf den Weg. Eine Zeitlang ging es, doch wurde es, je weiter wir kamen, immer schwieriger. Das Tragen von Rolfi wurde bald zur Last.

Dann sahen wir auf ca. 100 m Entfernung zwei Landser, welche ein Rad bei sich führten. In meiner Not lief ich diesen Soldaten nach und bat, ob sie wohl Rolfi aufs Rad nehmen würden. Als Antwort bekam ich, wenn ich das Rad führen wollte, dann ja. Mir war ein Stein vom Herzen. Wir setzten Rolfi rauf, und ich schob das Rad. Ich war wohl 100 m geschoben, da fing ich an zu taumeln, die Kräfte verließen mich. Da hatten die Soldaten Mitleid und haben Rolfi mit dem Rad geschoben. Zwei Tage saß Rolfi tapfer auf der Lenkstange. Wir haben ihn nur bewundert, daß er so tapfer aushielt. Ich zog meine Trainingshose aus, wickelte sie um seine Füßchen, ebenso meine Schals, denn es war ja doch ziemlich kalt. Wir kamen durch die Gegend, wo der Krieg in seiner ganzen Grausamkeit getobt hatte und wo Flüchtlinge total ausgeplündert waren. Überall ein Bild des Schreckens. Es war nur ein schmaler Weg, welcher freigekämpft war. Rechts und links war die Knallerei in vollem Gange. Wir trafen viel Wehrmacht, die auf dem Rückzug war. Ganz zufällig sah ich einen früheren Klassenlehrer von mir aus Bärwalde, welcher Offizier im Volkssturm war. Die Freude war groß, als wir uns sahen. Auch er sagte mir, daß die Bärwalder raus sein sollten. Dann gings weiter. Nach zwei Tagen war es wohl den Soldaten über, sich mit uns rumzuschleppen. Ich konnte es ihnen auch nicht verdenken. Da legten sie ein gutes Wort für


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um bei der Wehrmacht ein. Wir hatten gerade einen Troß eingeholt. Da kam ich mit Rolfi auf einen Wagen, und die andern Frauen liefen zu Fuß nebenher, ebenso die beiden Soldaten. Nun hatten wir es doch etwas besser, vor allem, die Soldaten gaben uns Essen ab. So fuhren wir dann mit dem Wagen mit.

Eines Nachts, als wir in irgendeinem Dorf auf Stroh übernachteten (die Namen der Dörfer weiß ich nicht mehr), wurden wir geweckt. Es hieß, in 5 Minuten muß alles auf den Wagen sitzen, der Russe ist durchgebrochen. Als wir im Sturm zu unserm Wagen rannten, sausten schon die ersten Kugeln durch die Gegend. Im Galopp ging es ein Dorf zurück. Nach ungefähr l—2 Stunden kam die gleiche Parole. Nun war schon alles so aufgeregt, keiner wartete mehr auf den andern. Es hieß, rette sich, wer kann. Rolfi war gerade eingeschlafen, und ich konnte ihn gar nicht wach bekommen. Da nahm ich denn den schlafenden Jungen in die Arme, und los gings im Galopp. In der Dunkelheit konnten wir nicht den Wagen finden. Die Frauen waren alle schon übernervös und rannten zu Fuß los. Es war ein fürcherlicher Landweg. Wir stampften im tiefen Schnee. Nur mühsam kam man vorwärts, dazu das schlafende Kind im Arm. Bald konnte ich nicht mehr, dann nahm Frau Bösel Rolfi, wir wechselten uns ab. Zuletzt kam nur jeder noch ungefähr 10 m, dann waren wir schlapp. Es war furchtbar.

Als ein großer LKW. kam, stellten wir uns in den Weg, da mußte er ja halten. Es war ein Munitionswagen. Auf unser Flehen konnte ich mit Rolfi mitfahren. Ich sollte auf der Haltestelle warten, bis die Frauen zu Fuß nachkamen. Ich weiß den Namen nicht mehr. Ich hab jedenfalls gewartet und gewartet. Inzwischen wurde auch dort geräumt, und der Flüchtlingsstrom wurde immer gewaltiger, aber kein Wurower war zu sehen. Ich war ja so verzweifelt. Vor uns war ein großer Platz, dort machten sich die Wagen der Wehrmacht zum Kampf bereit. Es waren nur noch ein paar Zivilisten im Ort. Als die Not am größten war, kräppelten sie einfach auf die Verdecks der großen Wagen. Ich stand mutterseelenallein mit Rolfi da. Inzwischen setzten sich die Wagen in Bewegung. Es waren nur noch zwei Wagen da. Ich bat den Offizier, der den Verkehr dort regelte, uns doch mitzunehmen. Er lehnte ab mit der Begründung, im Kampf könnten sie keine Frauen und Kinder gebrauchen. Ich war der Verzweiflung nahe. Ich fing an zu weinen und Rolfi auch. Dann setzte ein fürchterliches Unwetter ein, man konnte kaum ein Auge aufmachen. Wir stellten uns an einen Telegraphenmast und weinten. Ich sagte dem Offizier, uns soll lieber eine Kugel treffen, als dem Russen in die Hände fallen. Nach einer Weile hatte er wohl Mitleid mit uns und sagte, wir sollen in einen Wagen einsteigen. Wir saßen dann in einem großen LKW.-Wagen neben dem Fahrer. Die Fahrt war fürchterlich. Es ging über Holzbrücken, wo man sich kaum traute, mit dem Handwagen rüberzuziehen, und dann die schmalen, aufgeweichten und aufgefahrenen Landwege. Es war furchtbar.

Mittags ging die Truppe in den Kampf. Wir wurden in einem Ort zurückgelassen und mußten dort warten. Nun hatten sich noch mehr Zivilisten eingefunden und wurden auf die einzelnen Wagen verteilt. Da hatten wir denn Glück, ich kam mit Rolfi in einen Wagen, dort war nur der Fahrer und ein junger Wachtmeister drin. Was waren wir da froh. Der Wachtmeister hat rührend für uns gesorgt, nun hatten wir wieder was zu essen. Rolfi hatten die


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Soldaten bald alle liebgewonnen und haben ihn sehr verwöhnt. Wir kamen durch Gegenden, wo der Russe grausam gehaust hatte. Überall ein Bild der Vernichtung. Nun kamen wir nach Ostseebad Horst, die Truppe ging dort in den Kampf, und wir sollten per Schiff rausgebracht werden. Uns packte das Grauen, als wir zum Strand runtergingen. Als wir am Strand waren, war weit und breit kein Schiff zu sehen. Von den Leuten erfuhren wir dann, daß es auch nicht Horst sei, sondern der nächste Ort sei erst Horst. In einem Heim bekamen wir Mittag, und dann tippelten Rolfi und ich zu Fuß nach Ostseebad Horst. Über uns kreisten dauernd die russischen Tiefflieger. Glücklich kamen wir in Horst an, nachdem ich Rolfi fast den ganzen Weg getragen hatte. Ich war müde zum Umkippen. In Horst hörten wir dann, daß es erst geplant sei, daß wir per Schiff raus sollten. In Horst war noch sehr viel deutsches Militär.

Ich entschloß mich, in Horst zu bleiben. Wir gingen von Hans zu Haus, doch keiner wollte uns aufnehmen. Ich brach bald auf der Straße zusammen, da ging denn eine junge Frau zu verschiedenen Leuten und fragte für uns um Obdach. Überall die gleiche Antwort. Da nahm uns die Frau mit zu ihren Eltern, dort konnten wir bleiben. Es waren einfache, aber sehr gute Leute. Wir hatten es dort gut. Am Nachmittag sah ich schon auf den Straßen, wie sich die Soldaten dort an allen Ecken einbuddelten. Ich ahnte nichts Gutes. Nachts um 12 Uhr wurden wir aus dem Schlaf geweckt, Horst müsse geräumt werden. Wir zogen uns schnell an und wollten versuchen, mit einem Wehrmachtsfahrzeug mitzukommen. Überall erhielten wir die Antwort, es sei schon alles überladen. Es waren dort sehr viele Verwundete, die alle mitgenommen werden mußten. Wir tappten im Stockdunkeln weiter.

Endlich nach langem Bitten nahm uns ein Kastenwagen, wo auch schon viele Verwundete drauf lagen, mit. Es war eine fürchterliche Fahrt. Die Wege furchtbar schlecht. Der Fahrer war alt und konnte nicht gucken. Jedesmal, wenn er über einen Stein fuhr, stöhnten und jammerten die Verwundeten. Im Laufe der Fahrt kamen noch mehr Zivilisten auf den Wagen. Einer lag auf dem andern. Rolfi schrie, er kriege keine Luft, und die Verwundeten stöhnten. Es war eine furchtbare Fahrt. Dann lag der Wagen auf der Kippe und drohte, eine Böschung runter zu stürzen. Alles mußte schnell raus, auch die Verwundeten mußten ausgeladen werden. Als diese Panne vorbei war, hatten wir im Dunkeln den Anschluß an die andern Fahrzeuge verloren. Es war rein doll. Gegen Morgen hatten wir wieder den ganzen Treck erreicht. Rolfi hatte ein Guckloch durch den Plan und sah plötzlich den jungen Wachtmeister. Er rief gleich: „Onkel Soldat, nimmst Du uns wieder mit?” Wir hatten Glück, nach einer Weile kam der Wachtmeister und holte uns in sein Fahrzeug. Was waren wir da froh!

Wir kamen dann nach Rewahl. Dort bot sich uns ein Bild der wahren Verwüstung. Hier hatten die Russen einen ostpreußischen Treck geplündert, es war furchtbar. Über Tag hatten wir hier Ruhe und konnten uns mal sogar waschen. Gegen Abend ging es wieder Hals über Kopf los, als die Kugeln schon durch die Gegend sausten. Wir fuhren in Richtung Dievenow, dort sollte noch ein Ausweg sein. Der freigekämpfteWeg war nur sehr schmal, und das Schießen wurde immer heftiger. Wir waren wohl schon einige Kilometer gefahren, da stockte auf einmal alles. Der Russe war mit aller Macht durchgebrochen. Die Hälfte der Fahrzeuge war gut durch, und die andere Hälfte, wo wir bei waren,


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war abgeschnitten, eingekesselt. Wir wußten nicht, was tun. Erst hoffte der Wachtmeister (er führte die Truppe) noch, daß Hilfe aus der Luft kommen sollte, denn die Munition war auch alle, oder sonst wollten sie die Fahrzeuge sprengen, und jeder sollte sich dann eben auf eigene Faust retten. Nun war noch ein Ausweg am Strand entlang. Da erbot sich ein Soldat, er wollte die Zivilisten am Strand entlang nach Dievenow bringen. Ich wußte erst auch nicht, ob ich bei den Soldaten bleiben sollte oder ob ich mich den Zivilisten anschließen sollte. Nach einigem Überlegen entschloß ich mich, mit am Strand entlang zu laufen. Es war stockdunkle Nacht. Als ich mich mit Rolfi durch den Wald getastet hatte und die Dünen glücklich runter geklettert war, war von den Zivilisten keine Seele mehr am Strand zu sehen. Ich war ja so verzweifelt, ich hätte laut schreien können. Es war stockdunkel, von rechts schoß unsere Schiffsartillerie, und von links ballerte der Russe in einer Tour, dazu das grauenhafte Rauschen der Ostsee. (Wenn es im Sommer auch noch so schön sein mag, jetzt war es furchtbar.)

Uns blieb nun weiter nichts übrig, als zu Fuß los zu laufen. Dies war die furchtbarste Nacht, die ich erlebt habe. Das Schießen wurde immer gewaltiger. Wir liefen so schnell wir konnten, doch bald konnte Rolfi nicht mehr. Es ging sich furchtbar schwer, denn die See war sehr stürmisch und überschwemmte immer den Dünensand. Ich hatte quatschnasse Füße, dann hab ich Rolfi getragen, doch ich hielt es nicht lange aus, dann setzten wir uns in den nassen Dünensand. So ging es abwechselnd bis zum Morgengrauen, von einer entsetzlichen Angst gejagt. Im Dämmerlicht sahen und erkannten wir die unzähligen deutschen Soldaten. Der Tod hatte reiche Beute gehalten. Uns durchlief ein Grausen. Gut, daß es Nacht war und wir die Toten nicht eher sahen. Nach langem Laufen hörten wir einen Wagen am Strand lang kommen. Die Pferde waren wie Skelette, und die Soldaten schoben den Wagen. Ich konnte Rolfi auf mein Bitten drauf setzen, mußte aber mitschieben.

Vor Dievenow hatte sich der Russe festgebissen, und wir lagen bis nachmittags auf dem Bauch in Deckung. Die Kugel sausten unentwegt über uns weg. Den Kopf durfte man nicht heben. Nachmittags war der Weg nach Dievenow frei gekämpft. Wir mußten noch wieder eine Stunde ungefähr durch einen Waldweg laufen, kamen aber gut nach Dievenow rein. Hier war zum Unglück die Fähre kaputt, welche uns übersetzen sollte. Nun mußten alle Wagen und Flüchtlinge über eine lange Holzbrücke, die aber unter dauerndem Beschuß lag. Es war ein fürchterlicher Betrieb, unzählig waren die Menschen und Fahrzeuge, die über die Brücke wollten. Ach, was haben wir uns hier in den Dreck geworfen, wenn die Kugeln über uns sausten. Es war ganz furchtbar. Manch einer hat hier sein Leben gelassen. Nun ging die Bettelei wieder los, keiner wollte uns mitnehmen, keiner wollte unnütze Last haben, weil jeder im Galopp über die Brücke jagen mußte. Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben. Man kam nicht zur Besinnung, dann mußte man sich wieder in den Dreck schmeißen. Wenn wir wieder hoch waren, bat Rolfi: „Mutti frag doch wieder!”

Nach langem Warten kam endlich ein kleines Auto, welches mit Pferden bespannt war. Es war nur ein Soldat drin, und der nahm uns mit. Als wir auf der Brücke waren, sausten die Kugeln wieder durch die Luft, aber zum Glück ins Wasser. Bis zum Abend fuhren wir mit dem „Auto” mit, dann waren


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wir glücklich aus dem Gefahrengebiet raus. Am andern Tag, als wir auf der Suche nach einem Fahrzeug waren, trafen wir ganz zufällig Frau Neitzel mit ihren zwei Kindern and Willi Hilgendorf. Die Freude war groß, endlich einen Wurow'er zu treffen.

Wir blieben dann zusammen und kamen mit viel Mühe nach Misdroy, von dort mit Lastwagen nach Swinemünde. Von Swinemünde aus benutzten wir die Bahn. Frau Neitzel konnte sich erst nicht entschließen, wo sie hinfahren sollte. Schließlich entschloß sie sich, nach Berlin zu fahren. Wir schlugen dann Richtung Helmstedt ein. Wir hatten noch oft Fliegeralarm, aber es ging gut. So kamen wir am 17. März nachmittags arm, aber doch reich in Helmstedt an, die Freude war riesengroß, als wir bei unserm Pappi im Lazarett waren.