Nr. 57: Flucht über Kolberg an der Küste entlang bis Vorpommern und Rückkehr in die Heimat.

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Erlebnisbericht des Pfarrers von Mu11rin und Damen im Kreis Belgard i. Pom., Herbert Venske.

Photokopie, 5. Januar 1950, 4 Seiten. Teilabdruck.

Am 28. Februar erlebten wir den ersten russischen Tieffliegerangriff, jedoch ohne Verluste an Menschenleben. Die Panzerspitzen standen bereits etwa 12 km vor Muttrin. Jeder Bauer hatte seinen Treck fertig und wartete auf das Signal zum „Aufbruch.

Am 3. März wurde das Dorf geräumt. Es war zu spät. Es gab kein Entkommen mehr. Den einzelneu Dorfgemeinschaften gelang es wohl noch, etwa 30 bis 40 km nördlich bis in den Südteil des Kolberger Kreises vorzudringen1). Aber schon nach wenigen Tagen wurden sie von den russischen Panzern und nachrückender Infanterie erreicht. Diese erste Berührung mit den feindlichen Truppen brachte wohl kaum Verluste an Menschenleben, dafür aber umso mehr das, worüber man am liebsten schweigt. Unsre Frauen und Mädchen erlebten von nun an für Wochen und Monate die Hölle auf Erden. Ich habe später eine 82-jährige Greisin besucht, die sich von dem, was man ihr angetan hat, nicht mehr erholt hat. Schulmädchen und Konfirmandinnen erfuhren zum Teil das gleiche Schicksal. Andererseits wußten aber auch viele von wunderbaren Bewahrungen und Gebetserhöruugen zu berichten. Ich weiß von mehreren Morden an jungen Frauen, die sich gewehrt haben. Einer jungen Frau und Mutter, einer ehemaligen Konfirmandin von mir, ist buchstäblich der Schädel eingeschlagen worden, als sie dem russischen Soldaten nicht zu Willen sein wollte.

Für mich selbst, meine Familie und zahlreiche Hausgenossen bestand keine Möglichkeit, auf den vollbesetzten und vollbepackten Trecks mitgenommen zu werden. So schloß ich mich mit meinen Angehörigen einem Transport an, der die zahlreichen Evakuierten aus dem Westen und sonstigen Flüchtlinge mit der Eisenbahn herausbringen sollte. Dieser Zug endete in


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Kolberg. Der Ring um diese Stadt schloß sich zusehends. Wir versuchten nun, in einer vieltausendköpfigen Flüchtlingssäule am Ostseestrand nach Westen zu entkommen. Fast alles Gepäck mußte in Kolberg zurückgelassen werden. Auf dem ganzen Fluchtweg längs des Strandes sah man weggeworfene Gepäckstücke, ganze Koffer mit Inhalt, wertvolle Kleidungsstücke, die im raschen Vorwärtskommen hinderten, und vor allem — Uniformen und Waffen und brennende Autos der in völliger Auflösung befindlichen deutscheu Wehrmacht.

Wieviele deutsche Zivilisten haben auf dieser Flucht den Tod gefunden! Wir gerieten in die Kämpfe um das Ostseebad Hoff (zwischen Kolberg und Swiuemünde) hinein. Einmal gerieten wir in die Hände einer berittenen russischen Streife. Fast als einziger Manu entging ich dem Schicksal, mitgenommen und verschleppt zu werden. Aber unsere Uhren und sonstigen Schmuck waren wir los. Mehrmals wurden wir mehrere Kilometer am Strande zurückgedrängt und gaben schon die Hoffnung auf, den Ring zu durchbrechen. In der Morgenfrühe des 11. März, eines Sonntags, begann eine deutsche Division, den Weg nach Westen freizukämpfen. In diesem Kampf fielen nicht nur kämpfende Soldaten. Unser Fluchtweg führte uns vorbei an toten und verwundeten deutschen Zivilisten, darunter Frauen und Kinder. Wir kamen am Abend des 11. März nach einer sechstägigen, abenteuerreichen Flucht in dem damals noch unbesetzten Deutschland, in Swinemünde, an. Völlig erschöpft und doch dankbar für die Rettung aus vielen Gefahren!

In der Mittagsstunde des 12. März erlebte die Stadt Swinemünde einen schweren anglo-amerikanischen Luftangriff. Das Pfarrhaus, in dem ich mit meinen Angehörigen untergekommen war, erhielt einen Volltreffer. Aus den Trümmern wurde ich als einziger meiner Familie lebend mit einer schweren Beinverletzung geborgen. Meine Frau, mein fast vierjähriges Söhnchen und fünf Verwandte fanden den Tod.

Nachdem die Russen bis nach Mecklenburg vorgedrungen waren, wurden alle Flüchtlinge aus dem Gebiet östlich der Oder aufgefordert, in ihre Heimat zurückzukehren. Nach einem mehrwöchigen Lazarettaufenthalt befand ich mich in dem westpommerschen Städtchen Grimmen. So erlebte ich das merkwürdige Schauspiel, daß russischer Befehl uns in unsere Heimat, die den Polen bereits zugesprochen war, zurücktrieb und daß wenige Monate später die polnischen Behörden mit russischem Einverständnis aus derselben Heimat für immer uns vertrieben. So kam ich Anfang Juni wiederum auf abenteuerlichen Wegen — denn die Verkehrsverhältnisse und vor allem die öffentliche Sicherheit ließen noch alles zu wünschen übrig — in meinem Pfarrdorf an.

Welch verändertes Bild! Völlig ausgeplündert waren die Trecks nach etwa 8 bis 14 Tagen nach Hause zurückgekehrt. Teilweise waren inzwischen die Häuser in Ruinen oder Halbruinen verwandelt worden. In den Wohnungen ein Bild der Verwüstung und Plünderung! Aus den Ställen wurde das Vieh fortgetrieben. Mein Pfarrhaus fand ich fast völlig ausgeraubt vor. Nur meine Bibliothek war unbeschädigt erhalten. Im übrigen lag das letzte Erleben und die gegenwärtige Angst wie ein schwerer Druck auf den Menschen. Im April sind sämtliche Männer von 16 bis 60 Jahren verschleppt worden. Viele


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sind von ihnen an Entkräftung gestorben, nur wenige konnten bis jetzt zu ihren Angehörigen zurückkehren.

Anschließend wird das Leben unter der russisch-polnischen Verwaltung und die Ausweisung geschildert.