Nr. 58: Mißglückte Flucht entlang der Küste Richtung Treptow, die ersten Wochen der russischen Besatzungszeit und die Rückkehr ins Heimatdorf.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Bericht des Pastors der Gemeinde Garrin , Kreis Kolberg i. Pom., Siegfried Bublitz.

Photokopie, 20. Februar 1950, 8 Seiten. Teilabdruck.

Schon im Februar 1945 berührten die Kriegsereignisse immer unmittelbarer meine pommersche Gemeinde Garrin, Kreis Kolberg, die seit 1926 meine Gemeinde und seit 1903, als mein Vater dort Pastor wurde, meine Heimat war. Immer häufiger kamen durch das Dorf die Trecks der aus Ost- und Westpreußen Vertriebenen. Wochenlang war Garrin täglich der Rastort für sie. Die Pferde wurden in Pfarrstall und -Scheune untergestellt, Heu und Hafer für sie und Brot für die Menschen gab der Bürgermeister aus, neben der Schule war der kirchliche Gemeindesaal am Pfarrhaus das Nachtlager, in unserer Waschküche kochte unsere Pfarrpächterin eine kräftige Suppe mit Fleisch und Kartoffeln, einzelne Gäste suchten und fanden im Pfarrhaus Unterkunft— unser Gästebuch, neben Bibel und Gesangbuch das einzige Buch, das wir gerettet haben, nennt aus dieser Zeit unter vielen anderen: Superintendent Krause-Zempelburg, einen katholischen Pfarrer aus dem Kreise Heilsberg, Graf Lehndorff-Preyl. Erschütternd das Bild der Trecks auf der Straße wie ein Strom des Elends, erschütternd die Berichte von der Fahrt über das brechende Eis des Haffs unter dem Beschuß der Russen. So waren oft alle 10 Zimmer unseres Pfarrhauses zur Nacht belegt, manchmal mit über 60 Menschen. Außer meiner Frau und mir und unserer Tochter mit ihren beiden Kindern lebte hier eine Evakuierte aus dem Rheinland, die den zweiten Winter bei uns verbrachte, unsere Schwiegertochter aus Kulm mit Sohn und Mutter, ihre Schwester aus Berlin mit Sohn und zwei ihr bekannte Familien aus Kulm, die mit dem Treck bei uns gelandet und geblieben waren, so daß wir wochenlang über 20 Personen im Hause und am Tische hatten.

Obwohl die Russen immer näher kamen, waren meine Frau und ich uns einig, daß wir nicht freiwillig die Gemeinde verlassen, sondern bei ihr bleiben wollten. So hatte ich meine Predigt vorbereitet für Okuli 4. März und wollte früh nach der Gemeinde Simötzel fahren, wo ich die Kriegsvertretung hatte. Da ging am Nachmittag des 3. März der Befehl durch das Dorf, sich zur Räumung bereit zu machen. In aller Eile wurden Betten, Lebensmittel und dergleichen in einige Säcke gestopft, für jeden wurde ein Rucksack gepackt mit den nötigsten Lebensbedürfnissen und den wichtigsten persönlichen und amtlichen Sachen, Sparkassenbüchern usw. Der alte eiserne Kirchenkasten nahm die Abendmahlsgeräte auf, die Kirchen- und Kassenbücher und die wertvollsten Akten und wurde in den gewölbten, feuersicheren Keller geschafft, da wir wegen der Nähe der Festung Kolberg


226

mit Beschießung und Brand des Hauses rechnen mußten; im Keller waren schon viele Kisten und Truhen mit Wäsche und dergleichen von uns, unseren Verwandten und Bekannten untergestellt. Mit einem Kulmer Treckfuhrwerk brachte meine Frau abends unsere Tochter mit den Kindern nach Kolberg, von wo sie mit einem Transportzug der Genesenden-Kompanie unseres Schwiegersohnes weiterkommen sollte; sie hat später mit dem Schiff in letzter Stunde Kolberg noch verlassen können. Inzwischen traf bei uns ein Neffe meiner Frau ein, den wir als verwundeten Offizier (Kopfschuß) nun auch noch zu hüten hatten; er hatte, aus dem Lazarett entlassen, seine Familie in Neustettin gesucht und nicht mehr gefunden.

Gegen 2 Uhr kam meine Frau aus Kolberg zurück und berichtete von ihrer Fahrt durch die unheilschwangere Nacht und dem schweren Abschied auf dem Bahnhof. Wir hatten uns eben zur Ruhe begeben, da wurden wir durch eine Nachbarin geweckt mit der Nachricht: Die Räumung von Garrin ist befohlen. Unsere Kulmer Trecks machten sich als erste fertig und fuhren gegen 6 Uhr früh ab; sie sind noch durchgekommen, haben aber bei Cammin die Mutter unserer Schwiegertochter verloren. Wir brachten die letzten Sachen in den Keller, Kranken-Abendmahlsgerät, einige Akten usw., und schafften unser „Reisegepäck” zu unserer jüngsten Schwiegertochter, die mit ihrem 9 Wochen alten Töchterchen und ihrer Mutter, einer Garriner Bauersfrau, es auf ihrem Treckwagen mitnehmen wollte; sie und ihre Mutter baten uns, sie nicht zu verlassen. Nachdem ich die Gemeindekasse, die ich seit einigen Wochen vertretungsweise führte, dem Bürgermeister abgeliefert hatte, verließen wir unsere Pfarre mit dem Gebet: „Unsern Ausgang segne Gott ...„. Mit dem Rad fuhren wir ständig am Treck der Gemeinde entlang, von vielen freudig begrüßt: „Unser Pastor ist auch bei uns”, und hatten Gelegenheit, einzelnen stärkende Worte zuzurufen; besonders Paul Gerhardts „Warum sollt ich mich denn grämen ... Unverzagt und ohne Grauen ...„ hat an diesem Morgen uns begleitet.

Wir zogen nach Westen, in Richtung auf das Städtchen Treptow/Rega, das von Garrin etwa 25 km en.tfernt ist. Aber bald stockte der Zug immer häufiger und immer länger, die Straße war völlig verstopft. Von allen Seiten hörte man Schießen, besonders heftig und nahe in Richtung Treptow, und als ich mit dem Rad bis dicht an die Stadt vorgefahren war, stellte ich fest: Mit dem Rad kommen wir durch, für die Fuhrwerke ist es aussichtslos. So standen wir wieder vor der Entscheidung und entschlossen uns abermals, bei der Gemeinde zu bleiben, wieder im Gedanken an Joh. 10, 12f. Als nun noch Schneetreiben einsetzte, schlug die Mutter unserer Schwiegertochter vor, im nahen Gützlaffshagen bei ihren Verwandten vorläufig Unterkunft zu suchen. So kehrten wir um und fuhren mit andern, die uns folgten, in das seitwärts von der Straße gelegene Dorf, wo wir von der Familie Lietzke sehr freundlich aufgenommen wurden. Hier verbrachten wir, alle 6 in einem Zimmer untergebracht, die erste Nacht in der Fremde.

Sehr bald wurde uns deutlich, daß wir durch die Russen abgeschnitten waren; als die Stromversorgung aufhörte und damit der Rundfunk versagte, waren wir völlig auf Gerüchte angewiesen, und so ist es über ein Jahr geblieben. Von allen Seiten waren in Gützlaffshagen Detonationen zu hören, besonders heftig von Norden, wo Kolberg lag; aber ob es Artillerieschüsse oder


227

Bombeneinschläge oder Sprengungen waren, konnte keiner sagen. Bald hatten wir die ersten Berührungen mit den siegreichen Feinden: Schwerbewaffnete russische oder polnische Soldaten suchten in den Häusern nach Ringen und Uhren, bei einer solchen Gelegenheit nahm mir ein Flintenweib den Trauring, den ich kurz vorher in die Westentasche gesteckt hatte. Eine junge Frau meiner Gemeinde kam aus dem Nachbarort und berichtete verzweifelt von ihrer Vergewaltigung durch Russen. Unser Bürgermeister, zugleich Kirchen-ältester, und sein Bruder, Molkereiverwalter in Garrin, wurden in Gützlaffshagen von Soldaten abgeholt und mitgenommen, der eine ist später in Buchenwald gestorben, der andere in Sibirien. Daß mir persönlich nichts geschah, ist vielleicht auf das gute Zeugnis der polnischen Arbeiter in Garrin zurückzuführen, denen ich immer freundlich begegnet war, besonders als sie bei Holzarbeiten im Garriner Pfarrwald beschäftigt waren.

In Gützlaffshagen, einem Kirchen- und Pfarrdorf, dessen Pastor eingezogen war, fand ich von Anfang an manche Gelegenheit zu amtlicher Arbeit: ich taufte Kinder aus meiner und der dortigen Gemeinde, wurde zum Krankenabendmahl in das Nachbardorf geholt, machte Besuche bei Garrinern und Kranken der Gemeinde und hatte mehrere Beerdigungen zu halten. Zu den abendlichen Andachten sammelten sich alle Hausbewohner und Leute aus dem Dorf, um an Gottes Wort und den alten Tröstern des Gesangbuches sich zu stärken. Den Gottesdienst am Sonntag, 11. März, hielt ich auf Wunsch von Frau Pastor und den Kirchenältesten nicht in der Kirche, sondern in der Küche des Pfarrhauses. Bei der sich anschließenden Taufe erschien ein Russe mit vorgehaltener Maschinenpistole, als wir gerade das Vaterunser beteten, ging aber dann doch still davon.

Nach 14 Tagen, am 18. März, wurde auch Gützlaffshagen geräumt. Die erste Nacht verbrachten wir im Treckwagen, dann gingen wir mit einer Garriner Familie zu ihren Verwandten nach Sternin Abbau, etwa 15 km südlich von Garrin, wo wir gleich beim Eintreffen auf dem Gehöft von Soldaten ausgeplündert wurden. Tage darauf wurde auch dieses Gehöft geräumt, während ich gerade auf dem Berg im benachbarten Walde Ausschau hielt. So habe ich vier Tage und Nächte im Freien zugebracht, im Tannendickicht verborgen, bis meine Frau und die andern nach furchtbaren Erlebnissen zurückkehrten und wir unserm Herrgott danken konnten für wunderbare Bewahrung und Zusammenführung. Hier in Sternin waren wir dann noch 3 Wochen, in drangsalvoller Enge zusammengepfercht, dauernd von Polen und Russen geängstet, die plündernd oder nach Frauen suchend das Gehöft durchstöberten. Auch hier konnte ich als Pfarrer tätig sein, in seelsorgerlichen Gesprächen, mit Andachten besonders in der Osterzeit und bei Begräbnissen.

Als immer zuverlässigere Nachrichten kamen, daß Garrin nicht zerstört sei, die meisten Familien dorthin zurückgekehrt seien und dort ganz leidlich lebten, entschlossen auch wir uns, vier Garriner Familien, zur Rückkehr. Wie freuten wir uns, als am Sonntag, 15. April, wir schon von weitem den hohen Garriner Kirchturm sahen und die ersten Gemeindeglieder uns begrüßten mit gerührter und rührender Freude: Unser Pastor ist wieder da. Aber welch Bild, als wir von hinten durch den Garten dem Pfarrhaus uns näherten. Mitten im Garten der eiserne Kirchenkasten aus dem Keller, erbrochen, die alten Kirchenbücher im Schmutz, die Wege mit Papier besät. Über den


228

Zustand des Pfarrhauses selbst steht in meinem Tagebuch das eine Wort: „wüst”. Zwar die Bücher und Akten, wohl weil schlecht zu Geld zu machen, waren verhältnismäßig unversehrt, aber in den Zimmern, vor den Fenstern und besonders im Keller: Berge von Papier, Scherben, Bildern, Federn, Wäscheresten und Schmutz. Der Kirchhof um die Kirche, der als Munitionslager gedient hatte, war zerfahren, die Pfeiler der Eingangspforte umgestürzt. Auf dem Kirchhof waren die frischen Gräber von 49 polnischen und 2 russischen Soldaten, die bei der Belagerung von Kolberg gefallen waren; die alten Kreuze und Gräber waren unzerstört, so die meiner Eltern und Schwestern. Die Kirche hatte einen Grauattreffer im Dach, von dem Splitter bis in den Kirchenraum gedrungen waren und noch in den Bänken steckten. Die Gedenkkränze der Gefallenen lagen draußen auf den neuen Gräbern, die Schleifen auf den Kirchenbänken, dabei auch die unseres ältesten Sohnes.

Im Dorf hatten sehr viele Bewohner Kolbergs und der umliegenden Orte Unterkunft gefunden, unter ihnen Frau Pastor Hinz-Kolberg und mit ihr Pastor Meyer aus der Gegend von Bromberg, der von seinem Treck und der Familie abgekommen war; er hatte inzwischen mit Hausbesuchen, Andachten und Begräbnissen den Pastor von Garrin vertreten. Freilich fehlten nur zu viele Gemeindeglieder, von den Russen erschossen, gestorben, durch Selbstmord aus dem Leben geschieden, und vor allem all die Männer, die von den Russen verschleppt waren; einige sind später zurückgekommen, die meisten sind noch heute verschollen, so auch unser treuer Organist und Hauptlehrer.

Anschließend werden die Lebensunistände unter russischer und polnischer Verwaltung und die Ausweisung geschildert.