Nr. 59: Flucht aus Treptow am Ostseestrand entlang nach Dievenow.

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Erlebnisbericht von Max Krüger aus Treptow, Kreis Greifenberg i. Pom.

Original, 17. September 1950, 46 Seiten. Teilabdruck.

Auf den ersten Seiten berichtet Vf. über die ständig bedrohlicher werdende Lage in Treptow im Januar und Februar 1945. Ende Februar wurde die Regierung von Köslin in unsere Kreisstadt Greifenberg verlegt. Das war ein deutliches Zeichen, daß unsere Abschiedsstunde bald kommen mußte. Am Sonnabend, dem 3. März 1945, War trotz aller Besorgnis noch Schulunterricht gehalten worden; auch wurden schon die Kranken der Treptower Lazarette in einem Zuge abtransportiert.

Als wir am Sonntag, dem 4. März 1945, morgens erwachten, hörten wir von der Straße her den Ruf: „Die Stadt muß geräumt werden, sie wird beschossen!” In größter Eile begab ich midi zur Schule und sorgte mit meinem Hausmeister für die Fortschaffung der Aktenkisten. Wir stellten sie im Rathaus ab und baten, sie den fortzuschaffenden Stadtakten beizufügen. Die Stadt war von Fahrzeugen aller Art, zivilen und militärischen, mehr als überfüllt. Allerlei Stauungen entstanden im Verkehr; Rufe der Kutscher, Peitschenknallen und Hupen der Autos und Lastkraftwagen tönten durcheinander; die Men-


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sehen irrten wie Ameisen in einem zerstörten Haufen durcheinander; das Rathaus war von einem Menschenknäuel besetzt, da jeder zur Flucht noch die Lebensmittelkarten haben wollte.

Was war am Morgen des 4. März geschehen? Der Feind war mit Panzerspitzen bis in die Nähe des Bahnhofes vorgedrungen und hatte ihn beschossen. Ein Zug mit Müttern und Kindern war der Beschießung zum Opfer gefallen. Die Mütter konnten nur in größter Eile mit ihren Kindern aus dem Bahnhofsgelände entfliehen; zur Rettung ihres Gepäckes fanden sie keine Zeit. Bald hörten wir die Einschläge von Granaten; die Kirche der altlutherischen Gemeinde, die etwa 300 m von unserer Wohnung entfernt war, erhielt einen Treffer. Am Vormittage sprach ich noch den Bürgermeister vor dem Rathaus. Er gab mir seine Zustimmung, daß ich mich mit meiner Frau in Sicherheit bringen sollte. Als ich mich verabschiedete, sagte er: „Wir haben uns heute zum letztenmal gesehen.” Sein Plan stand wohl fest. Er verließ den Ort seiner Wirksamkeit nicht und hat noch am selben Tage — wie ich später erfuhr — sein Leben durch Freitod beendet. Gegen Mittag hatten schon die meisten Bewohner unserer Straße das Weite gesucht. Immer wieder fielen Schüsse, und starke Einschläge zeigten an, daß die Beschießung ihren Fortgang nahm.

Vf. schildert ausführlich den Abschied von Treptow und fährt dann fort: Da die zur Oderlinie führende Hauptstraße mit Fahrzeugen der Trecks völlig verstopft war, kam sie für unsere Flucht nicht in Frage; wir mußten die Wege an der Küste wählen, um vorwärtszukommen. Mit unsrern reichlich bepackten Handwagen schlängelten wir uns durch die Anlagen zur Straße nach Horst hindurch. Es war mildes, nebliges Wetter; die Straße war von einer schlammigen Schmutzschicht bedeckt. Da ich meinen Körper mit 2 Anzügen und 2 Mänteln bekleidet hatte, ließ ein Schweißausbruch nicht lange auf sich warten. Aber ungeachtet der Gefahr für den Körper nahm der Marsch seinen Fortgang. Die Straße war von einem Flüchtlingsstrom bedeckt, alles eilend, hastend, einander überholend, vorbei an Fahrrädern, die voll bepackt waren, an zweirädrigen Karren, an Hand- und Kinderwagen, an Flüchtenden, die nur ein kleines Gepäckstück trugen und die mitleidig auf die Schwerbelasteten sahen, an Bekannten, die mit kleinen Kindern ihre Schritte verlangsamen mußten, vorbei an dem Auto des Kreisleiters, der in entgegengesetzter Richtung in letzter Minute noch einmal nach Treptow fahren wollte, vorüber an dem Superintendenten Schulz, der ebenfalls mit dem Fahrrade den Weg nach Treptow eingeschlagen hatte, um — trotz aller Gefahr — seine Gemeinde, wie er sagte, nicht im Stiche zu lassen. Alles in allem: Ein Bild des Grauens und Schauderns, des Erbarmens! Der Abend brach herein; wir bewegten uns zwischen den Gehöften des Straßendorfes Mittelhagen. Für ein Nachtquartier mußte gesorgt werden; wir fanden es bei sehr freundlichen Bauern.

Nach Angaben über die Herkunft verschiedener unterwegs angetroffener Flüchtlinge berichtet Vf. weiter: Gegen Morgen wurden Sprengungen in der Ferne und Schüsse in der Nähe hörbar. Das war für uns das Signal zum Aufbruch. Es war ½ 4 Uhr, als wir mit unseren Habseligkeiten den Ort wieder verließen. Die Mitführung des Handwagens machte es nötig, daß wir auf möglichst festen Wegen zu einem neuen Teilziel, dem Dorf Ninikow, zu ge-


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langen suchten. Dort trafen wir am Nachmittage des 5. März ein, und hier wollten wir bis zum nächsten Morgen rasten. Das Dorf war fast ganz entvölkert. Im Gasthause erfuhren wir, daß der Bürgermeister und der Ortsbauernführer als erste den Ort verlassen hatten, daß viele Wirtschaften unbewohnt waren und wir uns ein beliebiges Quartier aussuchen könnten. So wurde die Behausung des Ortsbauernführers unser Quartier. Wir trafen die verlassenen Räume dieses Gehöftes in größter Unordnung an. Sie zeigten an, in welcher Hast und Aufregung Hof und Haus verlassen worden waren. Auf den Tischen standen noch die Reste der letzten Mahlzeit: Eine halbgefüllte Schmalzbüchse, Butterreste, Brotstücke, Teile von Heringen und Wurst usw. Die Betten lagen in Unordnung, Schmutz und Unsauberkeit überall. Die Speiseschränke waren noch reichlich mit gefüllten Weckgläsern besetzt.

Trotz größten Unbehagens mußten wir hier eine Nacht verbringen. Eine polnische Magd und ein polnischer Knecht waren in der Wirtschaft zurückgeblieben; sie schienen während des Krieges hier beschäftigt worden zu sein. Wir konnten beobachten, wie der Knecht in den Räumen nach Raub suchte; insonderheit hatten es ihm die mit Fleisch gefüllten Weckgläser angetan. In den späten Abendstunden stieß ein Schwärm von Flüchtlingen zu uns und nahm Besitz von den benachbarten Räumen. In der Nacht weckten uns wiederholt überlaute Geräusche von der Dorfstraße her. Von diesem Quartier nahmen wir am nächsten Morgen gern Abschied. Am dritten Tage unseres Fluchtmarsches passierten wir ein Dorf, das restlos von Menschen verlassen war, noch zurückgelassene Lebensmittel in den Geschäften halfen manchem Flüchtling bei der Stillung des Hungers. Wir erreichten den kleinen Badeort Rewahl und sahen uns schon dort genötigt, unser Wagengepäck zu erleichtern. Am Ausgang des Dorfes stellten wir zwei Koffer mit Kleidern und Wäsche in einem Hause ab. Mit dem Rest des Gepäckes ging die Reise weiter nach Westen.

Imer wieder hörten wir auf den schlechten, durchgefahrenen Wegen von Mitflüchtenden die Bemerkung: „Mit Ihrem Handwagen werden Sie nicht weit kommen!” Wir erreichten aber an diesem Tage mit dem Wagen doch die ausgedehnte Wochenendsiedlung Poberow. Entgegenkommende Menschen wiesen uns in ein verlassenes Wochenendhäuschen. Wie vorteilhaft war es eingerichtet und wie sorgfältig gepflegt! Wie anziehend für einen Erholungsurlaub in Friedenszeiten, von Wald umgeben und das nahe Meer fast vor der Tür! Der Feind hatte das vor der Siedlung gelegene Gut bereits besetzt; indes war uns die Situation, ganz dicht am Feind zu sein, noch nicht klar. Wir wagten es daher noch, uns in die gepflegten Betten zu legen, wurden aber schon nach ganz kurzer Zeit durch Schüsse aufgeschreckt.

Am Mittwoch, dem folgenden Tage, schlossen wir uns mehr an ein Ehepaar aus Berlin an, das das gegenüberliegende Wochenendhäuschen bewohnte. Wir erfuhren, daß am Nachmittage ein Treckzug und viele Flüchtlinge unter militärischem Schutz nach Westen durchbrechen wollten. In diesen Zug reihten wir uns ein, immer noch mit dem Handwagen ausgerüstet. Schon nach Zurücklegung von einigen Kilometern mußte der Zug halten; man stellte fest, daß der Feind zu stark und daher der Rückmarsch notwendig sei. Als ich in dem sehr sandigen Wege im Gewühl der Menschen mit meinem Handwagen


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kehrtmachte, brach die Deichsel, und ich brachte den Wagen nur mit großer Mühe in unser Quartier zurück.

Vf. schildert einige Erlebnisse in Poberow, vor allem die Tatsache, daß sich die ersten russischen Truppen in allernächster Nähe des Strandes befanden.

Der Freitag, der 9. März, — es war der Geburtstag unserer Tochter — brachte aber doch Anzeichen für eine mögliche Befreiung aus dieser trüben Situation. Ein deutscher Spähtrupp näherte sich unserem Hause; er empfahl uns, möglichst schnell und ruhig am Strande nach Rewahl zurückzugehen, da von dort aus die angestaute Masse der Flüchtlinge unter militärischem Schutz nach Westen durchgeschleust werden sollte. Man empfahl, hart an den Dünen am Strande zu gehen, da aus den Dünen Beschießung durch feindliche Soldaten wahrscheinlich sei. Wir ließen den größten Teil unserer Habe in Poberow zurück und machten uns sofort auf den Weg, nur noch mit einem kleinen Handkoffer und einem Rucksack ausgerüstet. Schon nach kurzer Zeit bewahrheitete sich der Sinn der Mahnung des Spähtrupps. Zischend sausten mehrfach Kugeln an unseren Ohren vorbei; eine Granate schlug im Strandwasser auf und schickte die Spritzer zu uns herüber. Wir erreichten aber unversehrt die bei Rewahl stehende deutsche Truppe.

Schon eine Stunde später setzte sich von hier aus ein Flüchtlingsstrom unter militärischem Schutz in Bewegung. Unterwegs traten Ruhepausen ein, in denen vorfühlende Trupps die Stärke des Feindes prüfen und die Möglichkeit eines Durchbruches erkunden mußten. Gegen 23 Uhr wurde nach langem Warten bekannt, daß infolge zu starker feindlicher Kräfte das Durchbrechen der Linien nicht möglich sei, und wieder hieß die Losung: „Kehrt marsch!” Wir verbrachten die Nacht in einem Arbeiterhaus des Gutes Hoff. Das kleine Zimmer beherbergte außer dem Arbeiter-Ehepaar etwa zehn Flüchtlinge und nahm dann noch sechs bis acht deutsche Soldaten von Panzern auf, die dringend des Schlafes bedurften. In diesem niedrigen Raum und der Menschenfülle mit allem, was sich aus dieser Zusammenpferchung ergibt, wurde die Nacht zu einer Zeit großer Pein. Es war am nächsten Morgen wie eine Erlösung, als wir im Freien wieder frische Luft atmen konnten. Wir gingen wieder nach Rewahl, das jedoch unter Beschuß lag, weshalb wir unseren Weg am Strande über Rewahl hinaus fortsetzten und Unterkunft in einem Kinderheim fanden, das bereits von Flüchtlingen stark überfüllt war. Wir trafen hier viele Bekannte aus Treptow/R., die zum Teil willens waren, in den Heimatort zurückzukehren, da sie an eine Befreiung aus der Umklammerung nicht mehr glaubten. Die Nacht brach herein; wer ein geschütztes Plätzchen erhäschen konnte, legte sich zur Ruhe. Der Gedanke, was diese Nacht uns bringen würde, ließ uns jedoch nicht zum Schlafen kommen. Irgendeine Wendung mußte für diesen Menschenstrom der Flüchtenden ja in Kürze eintreten.

Nachts gegen 2 Uhr erging Befehl an alle, sich in größter Ruhe zu dem ersehnten Abmarsch bereitzuhalten. Wieder sollte der Durchbruch der feindlichen Linien unter militärischem Schutz versucht werden, und wieder entstand die bange Frage: „Wird es uns diesmal gelingen, den Weg zur Odermündung freizubekommen?” Gegen 3 Uhr brachen wir auf; dauernd wurde


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im Zuge zu größter Ruhe gemahnt. Nach einer längeren Pause vor Rewahl gelang es, den Ort ohne Störung zu passieren. Hinter Rewahl breitet sich zur Küste hin ein ausgedehntes freies Feld, ein aus der Ferne gut überschaubares Gelände. Als der Flüchtlingsstrom dieses Gebiet überquerte, setzte plötzlich eine Beschießung des Zuges - mutmaßlich mit Geschossen feindlicher Panzer -ein, die bis in das Gut Hoff fortgesetzt wurde; auch das Gut Hoff lag unter Beschuß. Dabei waren natürlich Tote und Verwundete zu beklagen. Diese Lage machte es notwendig, daß der Weg hart am Strande fortgesetzt werden mußte. Der Strand war feucht, aber das Meer wenig bewegt. Immerhin kamen Menschen und Fahrzeuge nur sehr schwer vorwärts. Eine Völkerwanderung am Ostseestrande! Welch ein schauriges Bild! Wieviel wertvolles Gut ließen die Flüchtenden hier noch zurück: Da lagen Fahrräder, denen die Luft ausgegangen war, geöffnete Koffer mit wertvollen Kleidungsstücken, Reisekörbe, Federbetten, abgeworfene Kleider, zerbrochene Handwagen und viele andere noch brauchbare Gegenstände. Wieviel Leid hing da an jedem Stück! Wieviel Überwindung hatte es die Menschen gekostet, sich auch noch von dem letzten geretteten kleinen Besitz zu trennen! Und dieses höchst seltsame Strandgut mehrte sich dauernd, weil die Beschwerden der Flucht die Last allmählich unerträglich machten. In dieses überaus traurige Bild fügte sich vereinzelt auch noch ein toter Feldgrauer ein, dem die Stiefel ausgezogen worden waren.

Einige Kilometer hinter dem Gute Hoff ließ die Beschießung nach, und wir glaubten, der schlimmsten Gefahr entgangen zu sein. Mir war es durch Hergabe eines Päckchen Tabaks gelungen, meinen kleinen Handkoffer auf einen militärischen Bagagewagen zu legen. Mit diesem Fuhrwerk mußte ich natürlich gleichen Schritt halten. Da kamen plötzlich Schüsse aus dem Dünengelände. Die deutschen Soldaten schwärmten aus und nahmen das Dünengefecht auf. Die Erregung in dem Menschenstrom wuchs ins Ungemessene. Die Pferde rasten in dem Gewehrgeknatter mit den Fuhrwerken davon, Verwundete schrien auf und hemmten den Fortgang der Eilenden; sie wurden verbunden und auf Wagen geborgen. Ich hatte große Mühe, bei meinem Bagagewagen zu bleiben. Meine Frau war in der Hast hingefallen, und es dauerte einige Zeit, bis wir uns wieder fanden. Da das Fuhrwerk, dem ich angeschlossen war, Verwundete aufnehmen mußte, war ich genötigt, meine kleinen Koffer wieder in die Hand zu nehmen, und daher wurde ich von meiner Frau allmählich eingeholt. Die deutsche Abteilung hatte den Feind zurückgedrängt und damit unseren Durchbruch nach Westen erzwungen.

Am späten Nachmittag des 11. März erreichten wir die Odermündung bei Dievenow. Wir hatten an diesem Tage - seit dem Abmarsch vom Kinderheim -etwa 35 km zurückgelegt. Im Hafen von Dievenow nahmen kleine Einheiten der deutschen Flotte Flüchtlinge auf, um sie nach Swinemünde zu bringen. Wir wurden durch ein Schnellboot befördert. Die Besatzung des kleinen Fahrzeuges war außerordentlich hilfsbereit, höflich und entgegenkommend. In den behaglich eingerichteten Räumen des Bootes überfiel alle das Gefühl der Geborgenheit; die kurze Seefahrt war eine wohltuende Erholung nach der körperlichen und seelischen Belastung der letzten Tage.

Abschließend berichtet Vf. über sein weiteres Ergehen bis zum Eintreffen in Bayern.


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