Nr. 60: Flucht aus der Stadt Regenwaide und Einfall der Russen.

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Bericht des Fleischermeisters 0. G. aus Regenwalde i. Pom.

Original, 19. Oktober 1952, 28 Seiten. Teilabdruck.

Um unseren Familien das Flüchtlingselend in den Trecks auf der Landstraße zu ersparen, hatten mein Bruder Paul, Schwager Reinhold Ebel und ich beschlossen, nicht unsere Heimat zu verlassen, zumal wir politisch nicht führend [waren] und auch unsere ausländischen Arbeitskräfte menschlich behandelt hatten. Die durch Zeitung und Rundfunk verbreiteten Berichte über Greueltaten der Russen konnte ich als anständig denkender und handelnder Mensch nicht glauben und hielt diese für Goebbelssche Propaganda. Meine Gutgläubigkeit sollte jedoch bald arg enttäuscht werden.

Unsere meisten Nachbarn und viele Regenwalder verließen Freitag, den 2. März 1945 nachmittags, abends und in der Nacht zum Sonnabend unsere Stadt. Auch unsere weiblichen Verkaufskräfte zogen Freitagnachmittag mit abrückendem Militär mit, so daß Paul und ich Sonnabend allein im Laden verkauften. Unsere Frauen bezogen mit zwei Mädels aus der Küche, drei polnischen und zwei französischen Gesellen das in Aussicht genommene Gehöft von Arthur Reinke, Niederhagen-Abbau, um hier evtl. Kampfhandlungen aus dem Wege zu gehen. Bis gegen 11 Uhr vormittags war im Laden noch ein sehr reger Betrieb, alles wurde ohne Marken abgegeben. Von Einheimischen wie auch von durchziehenden Trecks wurde viel Wurst und Speck gekauft. Gegen Mittag flaute das Geschäft plötzlich ab. Paul und ich standen vor der Tür, da kam Gerhard Gauger mit zwei Kanistern Brennstoff vorbei: „Na„, sagte er, „wollen Sie nicht mit, wir fahren jetzt los.” Ein Kopfschütteln — wir bleiben in der Heimat.

Auf der Straße wird es merklich stiller, der Fuhrwerksverkehr hört ganz auf. Es kommen keine Kunden mehr in den Laden. Uns wird unheimlich zu Mute. Wir gehen beide auf die Straße, auf den Markt, keine Menschenseele, auch kein Hund ist zu sehen, die Stadt ist wie ausgestorben, wir gehen zurück. Uns packt ein gewisses Grauen; unruhig gehen wir durch die Stuben, den Laden, die Kühlräume, die Werkstatt, Räuchereien und Pökelkeller, wo noch überall viel, viel Ware lagert. Es mögen wohl an 150 Ztr. sein, die wir zurücklassen müssen, aber nicht das hat uns gehalten, sondern die Liebe zur Heimat.

Gegen 4 Uhr nachmittags wird die furchtbare Stille für uns unerträglich. Wir machen uns marschfertig, jeder ein Fahrrad, in Alltagskleidung und altem Mantel, denn wir wollten keine Kapitalisten sein, die Taschen vollgesteckt von Schokolade, Rosinen, Zigarren, Zigaretten, die Paul aus Ernst Rogges Werkstatt, wo ein großes Verpflegungslager von der Militärverwaltung errichtet war, geholt hatte. So verließen wir um 4 Uhr nachmittags, jeden Augenblick die einrückenden Russen erwartend, die Stadt. Sämtliche Türen offen lassend, gingen wir über die Straße, durch Hans Radtkes Haus, in den Schloßgarten, dann über die Kleinbahnbrücke zu Arthur Reinke. Hier trafen wir: Dr. Arndt mit Frau und Tochter, meinen Bruder Walter mit Frau, Frau Meta Voigt mit ihren Töchtern, Hugo Manthey mit Frau und Töchtern, Frau


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Dolge, Ernst Niesert und Frau, Ernst Steinkraus, Marie Paries, Reinhold Ebel, Frau und Tochter, die alte Frau Ebel, meine Mutter mit Martha, Pauls Frau mit ihrer Mutter, Frau Buss und andere.

In den Abendstunden hören wir von der Labeser Chaussee herüber Motorengeräusch der vorbeirollenden russischen Panzer, unaufhörlich, die ganze Nacht hindurch. Überall heben sich am Himmel große Brände ab. Auch in unserer Stadt lodern bald die Flammen empor. Ohnmächtig, in stiller Wut mußten wir dem grauenvollen Schauspiel von weitem zusehen, ohne irgendwie helfen zu können. Stolz und majestätisch stand unser schöner Kirchturm in dem Flammenmeer, von allen Seiten hell erleuchtet, da. Der Sonntag und Montag vergehen in Erwartung der Russen in großer Aufregung. Auf der Chaussee nach Niederhagen sahen wir ständig lange Kolonnen fahren. Deutsche Infanteristen kamen auf den Hof und zogen wieder ab in den nahen Wald, wo es bald zu lebhaftem Feuerwechsel kam.

Dienstagvormittag peitschten plötzlich Schüsse auf unserm Hof, berittene Russen — wie wir nach einer Weile herauskommen, sind sie verschwunden, aber unsere Pferde auch. Am Nachmittag folgt weiterer Besuch — Uri, Uri — ist das erste, was sie verlangen, des weiteren Ringe und Schmuck. Handtaschen und Koffer werden nachgesehen, wo sie nicht gleich aufgehen, wird mit dem Messer das Leder aufgeschnitten. Wäsche, Strümpfe, der ganze Inhalt wahllos herausgeworfen.

Schon am Montag, also bevor die Russen auf unserm Hof waren, fühlten sich die Polen als Herren der Lage. Unsere Frauen wurden in einer Stube zusammengepfercht, während wir Männer im Stall übernachteten. Auch die Verpflegung übernahmen sie. Für uns Deutsche gab es zum Abendbrot nur recht dürftig belegte Brote. Sie selbst aßen große Pfannen voll in der Butter schwimmende Rühreier. Am Dienstagabend begann dann das Martyrium für unsere Frauen. Nach Eintritt der Dunkelheit kamen mehrere Russen und leuchteten mit Taschenlampen. Mit vorgehaltener Pistole suchten sie sich ihre Opfer aus. „Frau, komm mit” hieß es, und jeder Widerstand wäre Selbstmord gewesen. Da mehrere junge Mädchen anwesend waren, kamen unsere Frauen, die sich durch Kopftücher alt gemacht hatten, mit dem Schrecken davon. Mittwoch früh kamen weitere Russen, sahen erneut alle Koffer nach Wertsachen nach. Der ganze Garten am Hause war ein großes Warenlager, es wird alles wüst durcheinandergeworfen. Kurz nach Mittag wird plötzlich der Befehl erteilt: „Das Gehöft ist sofort zu räumen, jeder geht zurück zur Stadt an seine Arbeit.”

Meine Frau hatte noch einen kleinen Handwagen, wo zwei Koffer Platz fanden, alles andere, was man nicht tragen konnte, mußte zurückbleiben. Sämtliche Lebensmittel sowie die meisten Sachen blieben zurück. Im Schneematsch geht es übers Feld an die Chaussee. Beim Paatziger Weg, Gehöft Albert Lüdtke, gebietet man uns Halt. „Alle Männer auf den Hof”, heißt es, man schließt den Torweg — und wir sind von unsern Frauen getrennt, ohne ein Wort des Abschieds zu nehmen; denn für die meisten war es ein Abschied für immer.

Wir werden auf den Boden eingesperrt, warten einige Stunden und kommen einzeln vor einen gut deutsch sprechenden russischen Kommissar. „Zigarette gefällig”, sagt er, „Bitte, nehmen Sie Platz.” Die Personalien werden


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sehr genau aufgenommen, Beruf, Parteizugehörigkeit. Er liest vor, ich muß unterschreiben. Dann sagt er: „Sie brauchen keine Angst zu haben, es passiert Ihnen nichts, ein jeder wird wieder in seinem Beruf weiterarbeiten.”

Von einem Soldaten werde ich hinausgeführt, es geht wieder auf den Boden; er öffnet die Räucherkammer, welche völlig dunkel ist — hinein. Mit einem von Grauen entsetzten Gesicht schreit mich mit unartikulierten Lauten jemand an, auf Strümpfen, die langen Stiefel hatte man ihm ausgezogen, die Füße naß vom Schneeschlamm — Otto, Otto, höre ich zur Not — Schwager Reinhold. Schon über eine Stunde saß oder vielmehr hukte er in der von Ruß geschwärzten Kammer. Wir glaubten jetzt, daß unser letztes Stündlein geschlagen hätte, und fanden uns auch mit diesem ab. Die eine Stunde allein und in der dunklen Kammer hatte ihn beinahe irrsinnig gemacht. Draußen hörte man Schritte, die Tür wird aufgerissen, und mein Bruder Paul ist der dritte. Nun, zu dreien läßt es sich schon leichter sterben. Er versteht es, uns wieder aufzurichten. Wir werden ruhiger. Nach einer weiteren Stunde bringt man uns wieder zu den andern auf den Boden. Plötzlich vernehmen wir auf der Treppe eine uns allen so wohlbekannte Stimme. „Reinhold, Reinhold” hören wir. „Doktor, Doktor” ruft dieser zurück, aber Dr. Arndt wurde wohl von den Posten zurückgehalten, und damit war auch leider seine Rettungsaktion fehlgeschlagen.

Unter strengster Bewachung wurden wir gegen 11 Uhr nachts mit brennenden Fackeln durch die Stadt geführt. Ein Entrinnen war unmöglich. Wir zogen vorbei an unserm brennenden Grundstück, mein ganzer Stolz, das Lebenswerk zweier unzertrennlicher Brüder ging in Flammen unter. Im Schaufenster hingen noch mehrere Rinderkeulen, und auf dem Hof sahen wir noch zwei Rehe hängen. Wie wir bei Herlingers um die Marktecke bogen, warfen Paul und ich einen letzten Blick zurück und nahmen Abschied von unserm schönen, einst so stolzen Geschäft. Obwohl bei der Einnahme der Stadt kein Schuß gefallen ist, haben die Russen systematisch einzelne Häuser sowie ganze Stadtteile in Brand gesetzt. In der Prustschen Garage gegenüber der Viehrampe am Bahnhof-Nord wurden wir untergebracht.

Im folgenden berichtet Vf. über seine Verschleppung nach Rußland.