Nr. 64: Flucht aus Bütow über Stolp, Lauenburg nach Cdingen (Gotenhafen), Fahrt mit der „Goya” nach Swinemünde (Anfang März 1945).

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Erlebnisbericht von Frau Charlotte Dölling aus B ü t o w i. Pom.

Original, 10. Januar 1953, 38 Seiten. Auszugsweiser Abdruck.

Auf den ersten Seiten ihres Berichts schildert Vfn., wie die Nachrichten von der Front und die durchziehenden Flüchtlinge aus dem Osten eine sich ständig steigernde Angstpsychose unter der Bevölkerung Bütows auslösten, zumal diese noch keinen Evakuierungsbefehl erhalten hatte. Nach langem vergeblichen Warten sei endlich in der Nacht zum 3. März der Räumungsbefehl ergangen.

Wir traten nunmehr endgültig — am Morgen des 3. März 1945, es war Sonnabend — den Weg zur Flucht an! Meine Mutter ging als erste, sehr schnell und sehr aufrecht, daß es fast auffiel, daß ihr in Wirklichkeit ums Herz ganz anders zumute war. Die bange Frage „Ist es für immer oder nur für einige Wochen?” lag unausgesprochen in der Luft und bewegte uns so, daß jedes gesprochene Wort furchtbare Wirkung gehabt hätte. So sagten wir gar nichts, schleppten unser Gepäck, spürten nicht, wie schwer es ist. Hinter meiner Mutter stiefelten die beiden Jungen, jeder mit einem kleinen Rucksack — sie hatten vorher immer drum gebeten, wenn wir „verreisten”, wollten sie auch einen auf dem Rücken haben —, der Kleinste hatte noch sein kleines Kopfkissen unter dem Arm, von dem er sich nicht trennen wollte. Dann kam Frau W., dann ich. Keine von den beiden Frauen hat sich auch nur ein einziges Mal umgedreht, ich tat es allerdings noch schnell an der letzten Ecke, wo ich unser Haus noch einmal ganz vor mir sehen konnte. Mit einem Blick erfaßte ich das Haus mit der großen Veranda und Balkon und Sonnenplatz, Garten und Obstbäume, letztere alle von meinem Vater mit meinem Bruder zusammen gepflanzt, den Teich dazu mit seinen fröhlichen Angelstunden an Sommerabenden, das alles, wo wir noch Weihnachten 1944 und das Jahresende 1944/45 still und froh im trauten Familienkreise gefeiert hatten, daß ich es an diesem Morgen einfach nicht glauben konnte und wollte, daß dies für immer verloren gehen sollte! Dieser Blick des Abschieds ist dann bei mir der letzte Augenblick gewesen, wo Gefühl und Besinnlichkeit die Oberhand gewannen. Dann trat die rauhe Wirklichkeit an mich, an uns alle heran, und damit galt es fertig zu werden!

In der Stadt herrschte ein tolles Durcheinander, die Schäden und Trümmer der Luftangriffe waren in keiner Weise beseitigt, aus allen Häusern kamen Frauen, Kinder, Alte und Gebrechliche und rüsteten zum Aufbruch. Da-


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zwischen fuhren Wehrmachtsautos in wilder Hast umher, liefen Soldaten herum, von uns allen betrachtet, als könnten sie uns helfen. Aber die Soldaten waren im Grunde genau so hilflos wie wir, sie wußten genau so wenig und sahen in die nächste Zukunft genau so ungewiß wie die Zivilbevölkerung. Wo sie konnten, sprangen sie ein und halfen das Gepäck tragen, zogen Schlitten, auf dem Kinder saßen usw. Bei unserm Weg durch die Stadt, wobei wir kaum rechts noch links sahen, rutschte meine Mutter auf der Straße aus und stürzte. Mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken, den Taschen in jeder Hand, den vielen Sachen, die sie anhatte, konnte sie sich einfach nicht rühren, geschweige denn, selber aufstehen. Sie lag da, sagte kein Wort, ich glaube, sie hat gar nicht ganz begriffen, daß sie hingefallen sei und ohne fremde Hilfe nicht wieder aufstehen könne. Bis ich mein Gepäck abgesetzt hatte, um ihr zu helfen, sprang schon ein Soldat hinzu, zog sie hoch und begleitete sie noch ein Stück den Weg hinan. Auf ihre bange Frage, wo denn heute früh die Russen seien, hatte er nur ein Achselzucken. Wahrscheinlich wollte er nichts sagen, um die Angst, die ja auf ihrem Gesicht so deutlich zu lesen war, nicht zu vergrößern, vielleicht aber wußte er wirklich nichts, wie wir ja alle trotz der bedrohten Lage, in der wir seit Wochen lebten, völlig im Ungewissen geblieben waren. Auch an diesem Morgen also wußten wir nur, daß wir unsere Heimat verlassen müßten bzw. dürften — denn es war ja nicht angeordnet, daß die Bevölkerung das Gebiet verlassen muß —, wie und wohin war allen unbekannt. Auch wie der Abtransport vor sich gehen sollte, ob es überhaupt eine Möglichkeit gab, anders als zu Fuß weiterzukommen, konnte auch niemand sagen.

Wild und durcheinander ging es an diesem Morgen auf den Straßen Bütows zu, die möglichsten und unmöglichsten Fortbewegungsgegenstände sah man, in erster Linie Kinderschlitten und Handwagen, mit Gepäck beladen, die dann von den zugehörigen Parteien geschoben und gezogen wurden. Meistens hatten sich Hausgemeinschaften zusammengetan, um sich besser helfen zu können.

Ich hatte nur den einen Gedanken und den einen Wunsch, daß die Lastautos, die an diesem Morgen bereitstehen sollten, nicht durch den Räumungsbefehl der letzten Nacht einen anderen Einsatzplan bekommen hätten. Am Krankenhaus, das oberhalb Bütows lag, waren schon schrecklich viel Menschen, unsere Hoffnung, fortzukommen, schwand von Minute zu Minute. Von Autos war außerdem nichts zu sehen, statt dessen näherten sich russische Flugzeuge, und wir warfen uns alle auf die Erde, gerade dorthin, wo wir standen, ohne Rücksicht auf Schnee und Dreck. Das hätte gerade noch gefehlt, daß in diesen Menschenhaufen einige Bomben fielen, der Schrecken ging aber bald vorüber. Da wir immer noch nichts erfahren konnten, wie der Abtransport gedacht sei - es ließ sich niemand von einer Dienststelle sehen -, machten sich manche zu Fuß auf den Weg und zogen einfach los. Ich muß gestehen, hätten wir nicht die Kinder bei uns gehabt, ich wäre mit meiner Mutter dort auch nicht länger stehen geblieben. Dieses Warten erschien uns unerträglich, die Russen kamen immer näher, und wir standen immer noch da und warteten.

Schließlich fuhren tatsächlich einige Lastautos vor, das Einsteigen und Verteilen der Plätze ging ziemlich rasch und verhältnismäßig geordnet vor sich, wenn auch jeder froh war, daß man überhaupt auf dem Auto war. Es


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waren große Lastwagen, mit Anhänger, ohne Bänke oder Sitzgelegenheit, z. T. auch ohne jegliche Schutzplane und auch ohne Stufen oder Leiter, um überhaupt nach oben zu kommen. Kinder und Kinderwagen wurden heraufgehoben, die Fahrer halfen, und wer sonst oben war, zog die anderen einfach nach. Die älteren Frauen kletterten über die Räder hinweg nach oben und stiegen über die Kastenbretter, als seien sie es gewöhnt. Es ging alles sehr schnell, wir selbst waren auf den Anhänger des 3. oder 4. Lastautos gekommen, die Kinder wurden auf die Rucksäcke gesetzt, bekamen eine Decke über den Kopf — es setzten starke Schnee- und Graupelschauer ein —, und wir Erwachsenen hockten uns irgendwo hin, wo wir gerade standen. Ich selbst habe auf dem Außenrand gesessen, neben mir stand ein Kinderwagen, ebenfalls vollkommen zugedeckt, das kleine Kind hat bis zum späten Abend darin und darunter gelegen, ohne etwas zu trinken zu bekommen, nicht einmal geschrien hat es die ganze Zeit und während der ganzen Fahrt. Ahnte es, in was für eine Ungewisse Zukunft wir alle fuhren?

Endlich ging es los, ein letzter Blick zum Himmel, ob vielleicht wieder feindliche Flugzeuge erschienen? Es ging gut, und wir atmeten auf. Uns war inzwischen gesagt worden, wir sollten 8 km weitergebracht werden, die Autos sollten uns dort abladen und dann wieder zurückfahren. Es leuchtete uns wohl ein, daß alle erst einmal aus der Stadt heraus sollten und wir, die wir zu den Ersten gehörten, nicht gleich sehr weit gefahren werden konnten. Doch was nützten schon 8 km, dann standen wir dort vermutlich herum, und bald hatten die Russen uns doch eingeholt. „Wäre es da nicht besser gewesen, gleich zu Hause zu bleiben?”, diese Frage beschäftigte uns alle, wenn auch kaum ein Wort gesprochen wurde. Wir saßen, standen oder hockten auf den offenen Autos, es war bitterkalt, der Fahrtwind tat sein übriges, immer wieder schneite es, hörte dann mal wieder auf, und wir ergaben uns in unser Schicksal, wir froren nicht einmal bzw. spürten es nicht.

Es ging in nordwestlicher Richtung, die Straßen waren belebt von Flüchtlingen, zu Fuß und per Rad, auf den Bauernhöfen, an denen wir vorbeifuhren, rüstete man sich, mit Pferd und Wagen loszuziehen. Volkssturmmänner sah man mitunter an manchen Straßenkreuzungen, sie sahen uns nur kopfschüttelnd nach. Bedauerten sie uns oder sich selber? Einige Kilometer von Bütow entfernt sahen wir plötzlich an der Straße eine gute Bekannte von uns mit ihrem Gepäck stehen. War sie bis hier zu Fuß gegangen? Sie winkte heftig, man sah ihr an, daß sie sonst etwas drum gegeben hätte, säße sie ebenfalls mit auf diesem Lastauto. Aber es ging ja alles viel zu schnell, wir hätten auch keine Gelegenheit gehabt, das Auto zum Anhalten zu bringen.

Als wir das Dorf Gustkow hinter uns hatten — hier wäre ungefähr die 8-km-Grenze gewesen —, waren wir jedesmal froh, wenn wir wieder durch ein Dorf fuhren, ohne anzuhalten, vergrößerte sich doch dadurch unser Vorsprung immer mehr. Allerdings wurde die Fahrt auf den glatten und vereisten Chausseen immer beschwerlicher, des öfteren rutschten wir zurück, einmal bis dicht an eine sehr hohe Grabenböschung, Schrecksekunden für uns alle, die wir den tiefen Abhang vor uns sahen. Im Nu sprangen wir alle hinab, ein entsetzliches Unglück drohte. Aber gerade vor dem Grabenrand bekam der Fahrer wieder Gewalt über den Wagen, allerdings mußten nun alle absteigen, damit erst einmal die glatte, ansteigende Straße überwunden werden


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konnte. Es gab einen unfreiwilligen Aufenthalt, aber mit Schieben und Unterlegen von Decken ging es Zentimeter um Zentimeter voran. Wir waren froh, daß es überhaupt geschafft wurde und weiterging. Erst nach diesem kleinen Zwischenfall löste sich unter uns ein wenig die Erstarrung, wenn auch immer noch keiner etwas essen konnte, selbst die Kinder hielten bis zum Abend aus.

Es ging weiter und weiter, wir fuhren durch die Stadt Stolp, mehr als 60 km von Bütow entfernt, dort war alles noch ziemlich ruhig. Wohin wir nun aber eigentlich sollten, wurde uns immer unverständlicher! Einige meinten, wir würden wohl bis nach Stolpmünde gebracht werden und von dort aus entweder unmittelbar an der Küste längs Richtung Westen weitergebracht werden, denn der andere Weg durch Pommern über Neustettin weiter westwärts war ja bereits durch den Einbruch der Russen bei Schlochau, Baldenburg, Pyritz usw. versperrt, oder aber per Schiff über die Ostsee fort. Letzteres erschien uns ebenso ungeheuerlich wie unmöglich, dieser Weg kam für uns doch überhaupt nicht in Frage. Hinzu kam, daß uns Gerüchte über den Untergang der „Gustloff” zu Ohren gekommen waren, die uns damals zwar niemals bestätigt worden sind, aber wir hatten davon gehört und waren so doppelt mißtrauisch.

Hier muß ich erwähnen, daß die aus Westfalen in Bütow und Rummelsburg untergebrachten Frauen, die einige Stunden vor uns per Bahn fortgebracht werden sollten, tatsächlich nach vielen Aufenthalten auf der verhältnismäßigen kurzen Strecke und sonstigen Schwierigkeiten in Stolpmünde gelandet sind, allerdings erst dann, als es nur noch den Ausweg über die See gab. Inzwischen war der Russe nämlich bis Köslin vorgestoßen und wandte sich von dort westwärts. Selbstverständlich waren gar nicht genügend Schiffe bereit; die Szenen, die sich im Hafen zu Stolpmünde abgespielt haben, müssen entsetzlich gewesen sein. Kinder wurden von den Müttern getrennt und umgekehrt, die Schiffe fuhren ab, und die Mütter waren drauf, die Kinder blieben zurück oder umgekehrt. Mir ist bekannt, daß ein damals 10-jähriger Junge mit seiner 4 Jahre jüngeren Schwester zurückblieb, später von den Russen oder Polen in ein Waisenhaus gesteckt wurde und nach langer Zeit, als der Krieg zu Ende war, beide sich über Westpommern herausgeschlagen haben, immer auf der Suche nach der Mutter, die ohne Wissen über das Schicksal ihrer Kinder in Westfalen lebte. Sie haben sich dann auch gefunden. Allerdings berichten andere, die von Stolpmünde weggekommen sind, daß sie die oder jenen am Hafen hätten stehen sehen, seitdem fehlt von diesen aber jede Spur.

Als wir nun durch Stolp durchgefahren waren, ging es Gott sei Dank nicht nach Stolpmünde, sondern in östlicher Richtung weiter. Unser Ziel war und blieb uns unbekannt. Am späten Abend wurden wir endlich in einem größeren Dorf ausgeladen. Die Bevölkerung war hilfreich, es war alles gut vorbereitet, das erste warme Essen war vor allem für die Kinder schnell fertig, die Verteilung auf die Sammel- bzw. Einzelquartiere ging auch verhältnismäßig schnell vor sich. Wir fünf konnten auch zusammenbleiben und kamen zu einem Arzt, wo wir überaus hilfreich aufgenommen wurden.

V/n. beschreibt eingehend, wie sie in den nächsten Tagen teils zu Fuß, teils auf Wehrmachtswagen dem allgemeinen Flüchtlingsstrom im nördlichen Pommern folgte und in kleinen Etappen weiter nach Osten gelangte.


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So ging es auf ostpommerscher Landstraße immer weiter Richtung Osten, dahin, von wo eigentlich die Russen kamen. Wir waren wirklich völlig eingekreist, denn bei Köslin waren die Russen bis an die Ostsee vorgestoßen, unsere engste Heimat war bereits besetzt, von Neustettin aus stießen sie nach Westen vor, bei Pyritz — Greifenhagen waren starke Kämpfe im Gange, bei Schneidemühl standen die Russen schon eine ganze Zeit und drangen auch von dort westlich weiter und auf die Oder zu. Und wann würden sie vor Stettin erscheinen? Wohin also sollten wir noch? Nur weiter nach Osten konnten wir, wielange noch, war uns gleichgültig. Wir kamen erst mal weiter, wenn auch fremd unter uns völlig unbekannten Soldaten; ob wir jemals wieder Bütower sahen, wußten wir auch nicht; wieweit diese Fahrt ging und wielange sie währte, war genau so dunkel.

Das Bild, das sich uns jetzt auf den Straßen bot, war nicht dazu angetan, in uns den Gedanken aufkommen zu lassen, hier irgendwo zu bleiben. Immer mehr Menschen waren es, die zu Fuß weiter zogen, auch marschierende Soldaten trafen wir, allerdings in entgegengesetzter Richtung, deprimierend aber war der Anblick von umgekippten Treckwagen oder totem Vieh, das wir mitunter in den Straßengräben sahen. Der Strom der Autos und Fahrzeuge wurde immer dichter, mitunter fuhr alles kreuz und quer, ich paßte außerdem nur auf, die vor uns fahrenden Fahrzeuge nicht zu verlieren, denn in einem fuhr ja meine Mutter. Wenn ich mich umdrehte, sah ich in dem hinter uns fahrenden Auto in die großen, erschreckten Augen von Frau W., die ihre beiden schlafenden Kinder im Arm hielt und sich nicht rührte. Was wohl sie, was meine Mutter denken mochten? Ich hatte Angst vor deren Frage nach dem „Was nun?”. Bisher hatte ich ihnen immer Mut zusprechen können, aber nun war mir selbst so hoffnungslos zumute, daß ich kaum noch zu einem Lächeln, geschweige denn zu einem Wort fähig war.

Es wurde immer kälter, die Dunkelheit immer stärker, der Abend brach herein, wir fuhren immer noch. Meiner Schätzung nach mußten wir schon längst im Lauenburger Kreis sein, aber wo? Der Fahrer neben mir wurde immer müder, so müde, daß ich dauernd auf ihn einreden mußte, damit er nur nicht einschliefe! Und meine Mutter hat es ähnlich gemacht.

Endlich ein größeres Dorf, Licht in den Häusern, viel Wehrmacht, aber wenig Zivil auf der Straße. Wir hielten endlich, hier sollte Quartier gemacht werden. Schon während der Fahrt hatte ich mit dem Fahrer vereinbart, daß er uns benachrichtigt, sowie er und seine Kameraden irgendeinen Befehl bekämen, der die Lage änderte. Vor allem beschwor ich ihn, uns bei einer Weiterfahrt ja wieder mitzunehmen. Dasselbe hatte meine Mutter mit dem Spieß1) verabredet, als wir uns in diesem Dorf im Lauenburger Kreis ziemlich spät trennten, nicht ohne den Soldaten das Haus gezeigt zu haben, in dem wir die Nacht verbringen wollten. Es war auch hier nicht leicht gewesen, überhaupt noch ein Plätzchen zu bekommen. Endlich fanden wir in einer warmen Küche auf einer langen, schmalen Bank ein bissei Sitzgelegenheit, die Kinder hatten wir auf zwei Stühlen hingelegt. Wir hatten gerade etwas gegessen und wollten den Kopf nur mal auf den Tisch legen, als einer der Fahrer erschien, um uns mitzuteilen, daß sie sofort weiter müßten, wenn wir also wieder mit wollten,


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müßten wir sofort bereit sein. Was blieb uns weiter übrig? So schwer es uns wurde, die Wärme, das Dach über dem Kopf mit der Landstraße zu vertauschen, brachen wir doch sehr hastig auf, wir wußten ja nicht, ob und wie wir am nächsten Tag weiterkommen würden, und diese Soldaten kannten wir nun schon, sie waren anständig, freundlich, hilfsbereit und voller Verständnis für uns.

Mit unbekanntem Ziel ging es weiter, immer Richtung Osten, es war nichts bekannt, wo der Russe eigentlich war. Die Hauptsache war uns, wir kamen weiter, ganz gleich, in welcher Richtung, nur vorwärts. Die Soldaten wußten auch nicht, ob und wo sie zum erneuten Einsatz kämen, auch ihre Gedanken waren in der Heimat bei ihren Lieben, ihr eigentliches Schicksal war genau so ungewiß wie das unsrige, es hing ebenso von dem Vordringen der Russen ab wie unser Schicksal auch.

Mitten in der Nacht, es war sternenklar und bitterkalt, hielten wir plötzlich an, links ein Wald, rechts eine Scheune, vor uns anscheinend ein Dorf, man hörte unbestimmten Lärm. Hier wurde eine Ruhepause eingelegt.

Nach Wiedergabe der allgemeinen Trostlosigkeit und Verzagtheit unter den Flüchtlingen während der Marschpause fährt Vfn. fort:

Gegen Mittag ging unsere Fahrt dann weiter, nun allerdings ziemlich forsch und ohne Anhalten. Mir wurde an diesem Tage, also am Donnerstag, doch ein bissei sehr angst vor unserm eigenen Mut und auch vor unserm eigenen Schicksal. Sicher kamen die Soldaten irgendwo und vielleicht bald zum Einsatz, dann standen wir wieder auf der Straße. Ein Ausweichen vor dem Russen gab es nicht mehr, denn er war ja doch schon überall, und der Kessel, in dem wir uns noch befanden, wurde auch täglich kleiner. Wir mußten ja an einer Stelle mit ihm zusammentreffen, und wie furchtbar würde das dann sein? Langsam kamen mir Zweifel, ob es nicht doch richtiger gewesen wäre, auch wieder nach Hause zu gehen und dort zu versuchen, sein Geschick zu meistern? Dort hätten wir immerhin noch eine Weile etwas zu essen gehabt, wir hätten uns vielleicht verstecken können — es ging doch zum Frühjahr —, und hier waren wir nun so weit weg von zu Haus, daß wir es nicht mehr geschafft hätten, zu Fuß zurückzugehen.

Was sich an diesem Tag auf den Straßen zeigte, war grauenvoll und absolut nicht dazu angetan, die Hoffnung auf ein Entrinnen aus diesem Hexenkessel zu verstärken. Wir kamen schon gar nicht mehr so schnell vorwärts, im Gegenteil, immer mehr Wagen von Trecks, immer mehr zu Fuß laufende Menschen, immer mehr herrenloses Getier versperrte und verstopfte die Straßen, vor allem sah man immer häufiger totes Vieh in den Straßengräben, z. T. war die Haut abgezogen, das Fleisch offensichtlich für Genußzwecke verwandt. Solche Anblicke waren entsetzlich, dazu die müden, vergrämten Menschen, viele Soldaten dazwischen, häufig allerdings solche, die in entgegengesetzter Richtung zogen, sie sollten offensichtlich an die Front „zum Einsatz”; daß es hierbei nicht viel mehr Zusammenstöße, viel mehr Unglücksfälle gegeben hat, ist eigentlich ein Wunder gewesen. Denn an ein Ausweichen war überhaupt nicht zu denken. Und je später der Abend wurde, umso dichter wurden die Ströme der Menschen, der Autos, der Fahrzeuge, die vom Pferd gezogen wurden, selbstverständlich auch sehr viel Handwagen dabei, die von Hunden gezogen wurden, usw.


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Plötzlich hieß es, wir sind bald vor Gotenhafen. Wer das gesagt hat und woher wir es wußten, weiß ich nicht, es stand jedenfalls fest. Und plötzlich wußte ich auch, was es für uns zu tun gab, welcher Weg uns nur noch blieb: der von Gotenhafen über See wegzukommen.

Vfn. schildert ihre angstvollen Überlegungen beim Gedanken an einen Seetransport und berichtet dann weiter über die Flucht, die kurz vor Gotenhafen durch einen russischen Luftangriff nochmals verzögert wurde.

Wir erreichten Gotenhafen gegen Mittag des 10. März. Da mir nur immer vorschwebte, zum Hafen und dort ein Schiff zu finden, baten wir den Fahrer, uns in der Nähe des Hafens abzusetzten. Wir blieben somit die letzten Mitreisenden auf dem Lastauto, die übrigen hatten sich schon eher irgendwo mitten in der Stadt — es waren auch alles nur Flüchtlinge, allerdings aus Ostpreußen — absetzen lassen. Wir standen an der Straße, wußten nicht, wohin und was man nun am besten anfinge und beratschlagten erst einmal, was wir tun wollten. Irgendwer hatte uns auf dem Auto gesagt, daß man sich ein Schiff selbst suchen könne, daß man nur mit dem Kapitän sprechen müsse, die nehmen einen dann schon mit; andere wieder hatten erzählt, daß es in Gotenhafen beim Roten Kreuz Schiffskarten gäbe, sonst dürfe man gar nicht auf ein Schiff herauf. Was also sollten wir nun tun? Ich ließ meine Lieben zurück und zog allein los, um eine Dienststelle des Roten Kreuzes zu suchen. Einer der Einwohner wußte Gott sei Dank Bescheid, es war sehr weit, aber zum Hafen hinunter noch weiter. So schärfte ich meiner Mutter ein, an dieser Stelle auf mich zu warten und nicht wegzugehen, denn sonst fände ich sie nie wieder; ich trennte mich sehr ungern und hätte sie am liebsten alle mitgenommen, aber wir hatten ja das Gepäck noch bei uns, und außerdem konnten weder die beiden Älteren noch die Kinder viel laufen.

Nach vielem Suchen fand ich auch die bewußte Dienststelle, traf dort sogar noch Bütower, die mir aber sagten, daß sie schon seit Tagen auf eine Karte warteten, allerdings bestätigten sie mir auch noch, daß man ohne Karte nicht auf ein Schiff käme. — Die Praxis sah dann später doch anders aus. — Und dazu ein tolles Durcheinander hier in diesem Haus. Es war zwar noch etwas von einer Organisation zu merken, aber die Menschen stürmten und drängten, daß es von vornherein aussichtslos erschien, überhaupt jemand zu fragen, ob man eine Karte bekäme, es war einfach sinnlos. Selbstverständlich wurde nicht gerade freundlich untereinander verkehrt, viele bekamen Schreikrämpfe, hatten ihre Kinder bei sich, ich glaube, es haben sich hier schon böse Szenen abgespielt.

Bald war ich wieder draußen, ich war entsetzt und mutlos zugleich; nun war alles ohne Widerstand seitens meiner Mutter gut gegangen, wir waren hier nun so dicht vor dem Ziel, sollte es nun doch alles umsonst gewesen sein? Ich wollte das einfach nicht wahr haben, mußte aber doch etwas unternehmen, der Abend brach bald herein, meine Lieben warteten doch auf mich. Da sprach ich einen Kriegsbeschädigten an, der gerade aus eben dieser Dienststelle kam und mit seinem einen Bein sehr eilig weitergehen wollte, er hatte also irgendein Ziel. Ich fragte ihn, ob er nicht einen Rat wisse, er sei doch wohl aus Gotenhafen? Nein, das sei er nicht, aber schon seit Tagen hier, ich wolle wohl auch mit einem Schiff weg? Fast wagte ich an ein Wunder zu glauben, ja, das wollte ich, aber es schien ja wohl völlig aussichtslos. Er bestätigte es mir,


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und nach einem kurzen Überlegen fragte er dann, wieviel Karten ich denn brauche? Ich wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, es war ja wohl kaum zu glauben. Ich fing dann sehr vorsichtig an zu stottern und sprach von meiner Mutter. Ja, für zwei könne er vielleicht sorgen. Und als ich dann von noch einer Mutter mit zwei kleinen Kindern sprach, verneinte er es sehr entschieden, das ginge nun wirklich nicht. Mein bestürztes Gesicht mag ihn gedauert haben, er lenkte dann doch wieder ein und wollte tun, was er tun könne. Aber wir mußten ja nun irgendwie in Verbindung bleiben, er konnte allerdings nicht mit mir mitkommen, denn wir standen ja noch irgendwo an der Straße. Kurz entschlossen gab er mir dann seine augenblickliche Wohnung an, gab mir Schlüssel mit und sagte nur, wir sollten es uns dort bequem machen und alles benutzen, was dort wäre, er käme abends spät nach Hause, wir sollten nicht auf ihn warten.

Noch ganz benommen über soviel Menschenfreundlichkeit und soviel Glück suchte ich dann meine Mutter. Den Zettel mit der Anschrift hütete ich wie ein Heiligtum, behalten hätte ich den Namen nicht können, obwohl ich versuchte, ihn mir einzuprägen, aber ich vergaß entweder den Namen bzw. die Straße.

Endlich kam mir die Gegend dann auch wieder bekannter vor, und ich wußte, daß meine Mutter hier irgendwo sein müsse. Da setzte plötzlich ein furchtbares Schießen ein, es gab einen fürchterlichen Donner und noch einen, es hörte gar nicht mehr auf, sondern wurde immer unheimlicher. Kein Mensch war mehr zu sehen, ich bin an den Häusern lang gesprungen, mich immer wieder duckend, mich hinwerfend, ich mußte zu meiner Mutter. Sollten das schon die Russen sein? Denn es war ein Schießen von ganz beträchtlichen Geschützen, das war mir klar, aber wo kam es her, was hatte es zu bedeuten? Völlig verstört fand ich Mutter und Bekannte in einem Hauseingang sitzend, sie glaubten, ihr Ende sei gekommen. Später erfuhren wir, daß es deutsche Schiffsgeschütze gewesen sind, die russische Stellungen beschossen haben.

Doch das interessierte mich nicht, ich zog mit meinen Lieben gleich los, war viel zu aufgeregt, um ihnen zu berichten, was mir widerfahren sei, ich wollte nur fort in die Wohnung, um von der Straße wegzukommen. Es war ein entsetzlich langer Weg, mittlerweile war es schon ganz dunkel geworden, wir trafen kaum noch jemanden, den wir fragen konnten. Aber wir waren dann in der Straße und standen dann auch vor der Wohnungstür; in der Dunkelheit hatten wir erkennen können, daß die Häuser rundherum doch schon einige Beschädigungen aufwiesen und die Umgebung anscheinend ziemlich menschenleer sein müsse. — Als wir die uns angegebene Wohnungstür aufschließen wollten, war unser Gastgeber bereits da, hatte schon Tee für uns gekocht und war aufgeregt, daß wir noch nicht kamen.

Nun gab es erst mal ein Erzählen, meiner Mutter erschien es wie im Traum zu sein, denn warum sollte ein so fremder Mann uns einfach aufnehmen und dann noch für Schiffskarten sorgen wollen? Des Rätsels Lösung war dann sehr einfach, die Wohnung hatte er von einer Ärztin übernommen, die Hals über Kopf abgereist und froh war, daß überhaupt jemand in ihrer Wohnung sich aufhielt, ehe irgendwelche völlig fremde Menschen dort einzogen. Er selbst war als Kriegsbeschädigter Leiter in einem Heim der Kinder-


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landverschickung in Ostpreußen gewesen und sollte nun ca. dreihundert 12 bis 13-jährige Jungen — es waren meiner Erinnerung nach Berliner Kinder — aus diesem Kessel heimbringen, er selbst wollte dann in Mecklenburg bleiben, wo seine Frau auf ihn wartete. Und uns konnte er als Begleitpersonen mitangeben, wegen der beiden kleinen Jungen von Frau W. meinte er auch, es käme auf die beiden nicht drauf an. Natürlich machte er uns an diesem Abend keine bestimmten Versprechungen, wußte auch nicht, wann er ein Schiff bekommen würde usw., sondern tröstete uns nur in der Gewißheit, daß er uns nicht im Stich lassen würde.

Nachdem Vfn. geschildert hat, daß sie am nächsten Morgen die versprochenen Schiffskarten erhielten und sich auf den Weg zum Hafen machten, heißt es weiter:

Endlich sahen wir dann Wasser und Schiffe vor uns. Aber noch ein grausiger Blick bot sich uns, Frauen und Kinder nebeneinanderliegend in großen Hallen, auf ihren Bündeln sitzend, wartend, schimpfend und ganz verbittert, es war wirklich ein Anblick des Elends. Sauber und ordentlich sah kaum eine von diesen aus, sie hatten schon tagelang hier herumgelegen und warteten auf die Gelegenheit, daß sie auf ein Schiff kämen. Das soll schon seit Wochen so in den Hallen bei Gotenhafen zugegangen sein, und immer mehr Menschen strömten hier zusammen, und immer weniger fanden Gelegenheit, überhaupt wegzukommen. Wir mochten gar nicht hinsehen und waren doch wie gelähmt, als wir dies alles beobachten mußten, denn womit hatten wir es verdient, daß uns das hier erspart blieb, daß wir sogar bald fortkamen. „Nur fort”, war daher auch unser Wunsch, als wir auf einmal von Bütowern umgeben waren, die ebenso ein Schiff suchten und erst alle mit einem Lastauto aus dem Stolper Kreis — von dort, wo wir uns selbständig gemacht hatten — hier angekommen waren.

In unserer Aufregung verließ uns die Überlegung, wir erzählten, daß wir Schiffskarten hätten. Wir wurden bestürmt, gefragt und beinahe gelyncht, als wir es nicht verraten wollten und konnten, wo denn nun unser Schiff läge, das gäbe es ja nicht, daß einige fortkämen, schon gar nicht so junge und gesunde Menschenkinder (damit war ich persönlich gemeint), und was sie uns alles an den Kopf warfen. Andere wieder fragten nach dem Weg zum Roten Kreuz, sie wollten es auch versuchen, eine Bekannte war dort gewesen und war regelrecht hinausgeworfen worden, erst müßten mal die Mütter mit den Kindern fort usw. Kurz vor dem rettenden Schiff sah ich uns zurückbleiben, aber das konnte doch nicht sein, die beiden Jungen waren schon ein Stück weitergegangen, sie hatten unser Gepäck bei sich, da bin ich einfach nachgestürzt, ohne Rücksicht auf die Umstehenden, und zog meine Mutter mit mir mit. Wir wurden die aufgeregten Menschen so los, wenn auch ein Teil nun hinter uns herkam, sie sagten sich sehr richtig, da muß ja irgendwo ein Schiff sein, also können wir vielleicht auch wieder mit.

Am Schiff stand dann unser Betreuer schon sehr aufgeregt, daß wir denn immer noch nicht kämen, auch Matrosen hatte er schon organisiert, die uns auf das Schiff hinaufhelfen sollten. Wir mußten eine ganz steile Treppe hinaufklettern, das Schiff reckte sich riesengroß vor uns in den Himmel, mir schwand aller Mut, dort mit meiner Mutter und den Kindern hinaufzukommen. Auch das wurde überstanden, mit Hilfe der Matrosen klappte es


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dann sogar ganz gut. Und wir standen dann oben an Deck, es war die „Goya”, ein ziemlich großer Kasten, ehemaliger Frachter, nun wohl für Truppentransporte benutzt.

Abschließend wird geschildert, wie die Fahrt in der mit 3000 Flüchtlingen beladenen „Goya” nach Swinemünde glatt vonstatten ging und wie Vfn. mit der Mutter nach neuen Strapazen schließlich im Juni 1945 nach Hamburg gelangte.