Nr. 74: Flucht in nördlicher Richtung nach Gelingen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Erlebnisbericht des Bauern Wilhelm Jaekel aus Lienfelde (Liniewo), Kreis Berenti. Westpr.

Original, 28. Mai 1952.

Am 6. März 1945 wurde unser Heimatort Lienfelde, Kreis Berent, durch russische Panzertruppen überrollt (aus Richtung Alt-Kischau1), und erst gegen Sonnenuntergang konnten sich die einzelnen Trecks in Richtung Karthaus— Neustadt in Bewegung setzen. Leider gelangten nur wenige zum Ziel. (Deckart, Meyer, Huhnke und Jaekel.) Der größte Teil wurde schon in der Heimat, unterwegs oder im Raum Danzig—Gotenhafen von den Russen überrannt.

Ich selbst verließ mit meiner Mutter, 70, einem Onkel, 79, und einem Ostarbeiter (Russe), 20, gegen 16.30 Uhr den Hof, der schon seit den Mittagsstunden unter schwerem Panzerbeschuß lag, und war gegen 4 Uhr am 7. März in Karthaus. Unterwegs war ich durch deutsche Truppen von den Nachbarn getrennt worden, fuhr gegen 10 Uhr in Richtung Neustadt weiter und bezog dann um 16 Uhr in Pommersdorf (Pomietschin), Kreis Karthaus, Quartier. Weiterfahrt am 8. März in schwerem Schneesturm über Lesno—Schönwalde, dort umgeleitet nach Gr. Kölln — Blücherode, Kreis Neustadt, nach Goten-


279

hafen. Unterwegs bei Kollendorf gegen 17 Uhr durch Feldgendarmerie bei dem Siedler August Koch in Abbau Kollendorf in Quartier gewiesen, da die Straßen schon vom Feinde bedroht.

In der Nacht vom 8.—9. März wurde Kollendorf von den Deutschen geräumt, und bestand keine Möglichkeit, uns auf dem Abbau zu benachrichtigen. In den frühen Morgenstunden des 9. entwickelten sich dann schwere Panzerkämpfe um Kollendorf und in den umliegenden Graf Keyserlingk'schen Wäldern, welche bis zum 11. März an Heftigkeit nicht nachließen. Eine weitere Flucht war nicht möglich. Drei ostpreußische Trecks, die es versuchten, wurden unter unseren Augen zusammengeschossen. Unsere Unterkunft, in einer Schlucht am Walde gelegen, entging den Russen bis zum 11. März. Da, gegen 9 Uhr früh, schlug auch unsere Stunde, und 20—25 Russen stürzten ins Gehöft. Mit Kolbenstößen wurden wir in ein Zimmer zusammengetrieben und nach Wertsachen (Uhren) und Waffen durchsucht. Mußten uns dann mit erhobenen Händen an die Wand stellen, die MP. natürlich auf der Brust. Frau N. N., 38, und ihre beiden Töchter, 16 und 14, wurden herausgegriffen, über die Betten geworfen und — nicht von einem Russen verschont. Nebenbei wurde dann unser und auch Kochs Fluchtgepäck geplündert und der Rest zerfetzt und in den Dreck getreten. Brauchbar war nicht mehr ein Stück. Dann, gegen 17 Uhr, zogen die Banditen weiter.

Wir machten unseren Treck wieder (soweit möglich) fahrbereit, um in der Nacht auszubrechen. Da, gegen 22 Uhr, klopft es wieder an Fenster und Tür, zu unsrer ungeheuren Freude war es eine deutsche Panzerdivision im Durchbruch von Stolp auf Gotenhafen begriffen. Jetzt schnell anspannen und anschließen. Um Mitternacht vom 11. zum 12. März ging der Vormarsch auf Gotenhafen los. Doch schon nach 2 km war mein Wagen zusammengeschossen. Es wurde schnell vom eben verlassenen Hof Ersatz geholt, und weiter rollte der Treck über Felder und durch Wälder unter schwerstem feindlichen Beschuß, die Panzerdivision zum Igel geballt. Im Morgengrauen hatte uns der Russe wieder fest, und erst mittags gings wieder unter schwersten Kämpfen schrittweise weiter. Haufenweise blieben Flüchtlings- und Wehrmachtsfahrzeuge zerschossen zurück. Die Opfer an Menschen unbeschreiblich. Gegen 14 Uhr brach mein Wagen zum zweiten Mal zerschossen zusammen. Zum Glück Menschen und Pferde unverletzt. Es gelang uns, von einem nahe gelegenen Hof noch fahrbaren Ersatz zu beschaffen und endlich über Groß- und Klein-Katz, wo wir nochmals einen Feuerüberfall erlebten, hierbei wurde ein Pferd und ich leicht verwundet, gegen 2 Uhr am 13. März mit meiner Familie und Familie Koch [Gotenhafen] zu erreichen. Dort Quartier im Keller der Stadthalle. Nie hätte ich dieses Ziel erreicht, da ich beinbehindert bin, wenn nicht mein Ostarbeiter (Russe) so treu zu uns gehalten hätte. Leider mußte er, als wir am 25. März nach Dänemark eingeschifft wurden, in Gotenhafen zurückbleiben. Ende Februar 1948 kamen meine Mutter und ich aus Dänemark und erhielten hier Wohnung.

Im folgenden führt Vf. noch an, was ihm über das Schicksal von Dorfbewohnern durch Bekannte zugetragen wurde.


280