Nr. 66: Die Räumung der Stadt Stolp und der Einmarsch der Russen.

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Bericht der E. B. aus Stolp i. Pom.

Original, ohne Datum, 4 Seiten. Teilabdruck.

Von deutschen zivilen Stellen wurde in der Nacht vom 6. zum 7. März 1945 die völlige Räumung der Stadt angeordnet. Die Bevölkerung sollte sich auf eigene Faust in Richtung Danzig in Sicherheit bringen. Es setzte ein großes Durcheinander ein, da alles versuchte, zu fliehen. Sämtliche Ausfallstraßen (Ritzower-, Reitzer- und Gumbinner Chaussee) waren vollkommen von Flüchtlingen und Trecks verstopft, so daß es unmöglich war, fortzukommen. Die Trecks usw. sind auch fast ausnahmslos unterwegs den Russen in die Hände gefallen, und es haben sich grausige Szenen abgespielt. So wartete ich ab, da man es nicht fassen konnte, daß der Russe so schnell kommen würde, auch mußte ich bis zum 7. März mittags noch Dienst in der Stadtverwaltung tun. Am 8. März frühmorgens versuchte ich allein mit wenigen Habseligkeiten die Stadt zu Fuß zu verlassen, kam aber nicht mehr weit, da die Herzogbrücke und auch die anderen gesprengt waren, von wem, kann ich nicht sagen. So kehrte ich in meine Wohnung zurück, bald darauf rückten ja auch die Russen ein.

Die Bevölkerung wurde zum großen Teil von den Russen überrascht und mußte den Einfall über sich ergehen lassen.

Am 8. März 1945, morgens 7 Uhr, konnte ich vom Fenster meiner Wohnung beobachten, wie die ersten russischen Panzer aus Richtung Bütow von der Kublitzer Chaussee — Bütower Straße in die Stadt Stolp einrückten. Sie stießen auf keinen Widerstand, da sämtliche deutschen Truppen in Richtung Danzig abgezogen worden waren. Zu Kampfhandlungen kam es daher nicht, nur einige russische Panzer schossen planlos in deutsche Wohnhäuser hinein. Es folgten nunmehr weitere russische Einheiten, motorisierte und bespannte Verbände. Einige lose Truppenteile lösten sich und begannen die Häuser und Wohnungen zu durchsuchen. Abends zwischen 6 und 7 Uhr zog der russische Stab in einige Häuser der Franz-Nitzschke-Straße ein.


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Ich habe in Stolp keine Kämpfe beobachtet, auch sind mir keine bekannt geworden. Es befanden sich außer einigen verwundeten deutschen Soldaten keine weiteren deutschen Truppen in der Stadt.

In der Nacht vom 8. zum 9. März 1945 ging die Innenstadt fast vollständig in Flammen auf. Die Russen steckten die Häuser planlos aus reiner Zerstörungswut an. Deutsche Männer wurden von den Russen mit vorgehaltener Maschinenpistole gezwungen, gefüllte Benzinkanister in die Häuser zu werfen und in Brand zu setzen. Angesichts der brennenden Stadt konnte ich vom Fenster beobachten, wie aus der Weidenstraße kommend ein großer Zug deutscher Frauen und Kinder in die Franz-Nitzschke-Straße und auf unseren Hof von russischer Soldateska getrieben wurde. Kurz darauf fuhren zwei russische Lastkraftwagen vor, Frauen und Kinder wurden voneinander getrennt und auf die Wagen verladen. Es war ein furchtbares Bild, Mütter schrien verzweifelt nach ihren Kindern, Kinder schrien in Todesangst nach ihren Müttern, der Schein der brennenden Häuser gab diesem Bild einen schaurigen Rahmen. Von den unglücklichen Menschen habe ich nie mehr etwas erfahren.

Jeden Augenblick bewußt, daß auch mir und meinen Angehörigen dieses Schicksal bevorstehen würde, wollten wir mit einer starken Dosis Veronal unserem Leben lieber vorher, wie es so viele andere taten, ein Ende setzen. Wir lagen vier Tage bewußtlos und entgingen dadurch den furchtbarsten Schreckenstaten der Russen, und diese Zeit des Grauens ist einem somit nicht zum Bewußtsein gekommen. Nach vier Tagen war es meinen Verwandten unter verzweifelten Anstrengungen geglückt, uns dem Leben wieder zurückzugeben.

In den darauffolgenden Tagen wurden wir Frauen oft zur Arbeit geholt. Frauen und Männer mußten unter starker russischer Bewachung „Straßenaufräumungsarbeiten” leisten. Wir mußten die Zeugen der Schreckenstaten beseitigen. U. a. mußten wir auch viele Leichen, die schon einige Tage auf den Straßen lagen, deutsche Männer, Frauen und Kinder, die ermordet wurden, in den Häusern verbrannten oder sonstwie umkamen, fortschaffen. Wir luden die Leichen auf Handwagen und Karren und fuhren sie zum Friedhof, wo sie alle ohne Unterschied in eine große Grube hineingeworfen werden mußten. Niemand weiß, wen alles dieses und andere Massengräber aufgenommen haben. Zu all diesem kommen noch andere Zwangsarbeiten, Verladen der Eisenbahnschienen der abgebauten Strecken usw.

Anschließend berichtet Vfn. ausführlich über zahlreiche Vergewaltigungen und Verhaftungen sowie über die polnische Verwaltungszeit bis zur Ausweisung.