Nr. 65: Das Flüchtlingselend in der Stadt Stolp ab Mitte Januar 1945, die Lage der Stadt kurz vor dem Einbruch der Roten Armee, Flucht über See von Stolpmünde nach Swinemünde.

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Erlebnisbericht des früheren Superintendenten von Stol p i. Pom., Otto Gehrke.

Beglaubigte Abschrift, 7. März 1950.

Auf den einleitenden Seiten wird ein Überblick über die seelsorgerische Tätigkeit des Vfs. in Stolp gegeben.

Mitte Januar 1945 kamen die ersten „Flüchtlinge” aus Ostpreußen nach Stolp, es waren Menschen aus den Gebieten um Tilsit. In wohlgeordneten Transporten mit Eisenbahn kamen sie an und hatten auch reichlich Gepäck mitnehmen können. Sie wurden in Stolp und in den umliegenden Dörfern einquartiert und von den Bewohnern meist gern und willig aufgenommen. Dann aber setzte Ende Januar 1945 der große Flüchtlingsstrom ein aus Ost- und Westpreußen. In ununterbrochener Folge zogen die Wagen und Schlitten bepackt mit der mitgenommenen Habe der Flüchtlinge und mit Frauen und Kindern, auf den Chausseen durch Städte und Dörfer immer weiter nach Westen. Ein Elendszug erschütterndster Art war es. Müde, abgetriebene Pferde vor den Wagen, frierende, kranke und verzweifelte Menschen auf den Wagen oder neben den Wagen hergehend, über die Wagen als Schutz Teppiche und Pläne gespannt, so zogen sie in nie abreißender Folge weiter, immer weiter nach demWesten. An Straßenkreuzungen mußte meist gehalten werden. Dort gaben Polizeibeamte ihnen die Richtung an, wohin sie weiter fahren sollten. In der Nähe unseres Pfarrhauses an der Wilhelmstraße war solch eine Wegkreuzung. Von den haltenden Trecks kamen Frauen und Kinder in unser Haus, baten um heißen Kaffee oder heiße Milch oder um die Möglichkeit, sich Speisen aufwärmen zu können. Willig und gern wurde ihnen ihre Bitte erfüllt.

Andere Frauen und Kinder gingen während der Haltepause der Trecks in Geschäfte und kauften Brot und andere Lebensmittel. Dabei kam es häufig vor, daß sie zurückkommend ihre Wagen und Angehörigen nicht mehr fanden. Inzwischen mußte die Wagenkolonne in verschiedenen Richtungen weiterfahren, ohne Rücksicht auf die Bitten der Wagenlenker, so lange zu warten, bis die Angehörigen zurück waren. So kam es, daß viele ihre Kinder und Frauen verloren, weil niemand diesen sagen konnte, in welcher Richtung ihr Wagen weitergeleitet worden war.


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Während der Nächte hielten die Trecks in Dörfern, in Wäldern, an geschützten Ecken in den Städten. Froh und dankbar waren diese Menschen, wenn sie einmal ein Bett angeboten bekamen und sich ordentlich mit warmem Wasser waschen oder gar baden konnten. Meine Frau hatte immer warmes Wasser, heißen Kaffee und andere warme Speisen bereit. Auf vielen Gütern des Landkreises, wo täglich Hunderte von Wagen mit Pferden gegen Abend um Nachtquartier baten, kamen sie in Scheunen und Ställen unter, wurden meistens ordentlich mit einer in großen Kesseln gekochten Erbsensuppe gespeist, die Pferde erhielten Futter. Manche Güter haben Hunderte von Zentnern an Hafer unentgeltlich ausgegeben für Pferdefutter. Aber wenn diesen fliehenden deutschen Brüdern und Schwestern auch nach Möglichkeit geholfen wurde, so nahm die Zahl der Kranken und Sterbenden in diesen Trecks doch erheblich zu. Immer mehr Wagen mußten aus dem heimatlichen Verbände der Trecks ausscheiden, weil sie entweder wegen Krankheit eines oder mehrerer Familienmitglieder nicht mehr weiter fahren konnten oder weil ältere Leute gestorben waren und nun beerdigt werden mußten oder Kinder erfroren waren und ein Grab finden mußten, oder weil die Pferde so ermattet waren, daß sie nicht mehr weiter ziehen konnten oder der Wagen zusammengebrochen war und auf die Reparatur gewartet werden mußte. Ich kann die Zahl der Toten nicht nennen, die auf der Flucht mit Trecks in Stolp und im Landkreise Stolp beerdigt werden mußten, sie ist aber sehr groß. Es wird immer, so lange ich lebe, dieser Elendszug der Flüchtlinge in der Erinnerung bleiben, so oft ich das Wort „Treck” höre, steht er mir wieder vor Augen.

Der Flüchtlingsstrom aus dem Osten kam aber nicht nur in Trecks, sondern auch in überfüllten Eisenbahnzügen. Tagelang hatten die Fliehenden auf ihren Heimatbahnhöfen oft warten müssen, bis sie in einen Eisenbahnzug hineinkommen konnten. Meistens bestanden diese Züge aus Güterwagen. In wochenlanger Fahrt waren diese armen Menschen in ungeheizten Waggons, die keine Sitzgelegenheiten hatten, unterwegs. Kranke und Sterbende und Tote wurden auf den Haltestellen ausgeladen. Meine Schwiegermutter, fast 80 Jahre alt, war von Marienwerder/Westpreußen bis Stolp acht Tage mit einem Zuge in einem Güterwagen gefahren. Sie kam sterbenskrank bei uns an und ist bald darauf auch heimgegangen. Dies ist nur ein Fall unter tausend ähnlichen. In Jeseritz, einer Bahnstation vor Stolp, einem Dorf, das zu meiner St. Petrigemeinde gehörte, fanden Bahnbeamte, nachdem ein Flüchtlingszug abgefahren war, der lange vor dem Haltesignal gehalten hatte, am Bahndamm 30 Kinderleichen, die aus dem Zuge herausgebracht waren. Diese 30 Kinderleichen habe ich auf dem Friedhof in Jeseritz beerdigt.

Weil Tag und Nacht die Trecks durch Stolp und die Städte und Dörfer von Ostpommern zogen und die Eisenbahnzüge mit Flüchtlingen dem Westen entgegenrollten, blieb es nicht verborgen, daß die deutsche Front im Osten zusammengebrochen war und es kein Aufhalten für die russische Armee bis zur Oder wohl geben würde. Unruhe, Angst und Furcht verbreiteten sich nun mehr und mehr unter der Bevölkerung, namentlich in der Stadt. Die Eltern der Konfirmanden baten um eine rechtzeitige Konfirmation. Wir Pastoren kamen überein, für diejenigen Konfirmanden, deren Eltern es wünschten, sofort die Konfirmation vorzunehmen. So habe ich am Sonntag Sexagesimae, dem 4. Februar 1945, in der St. Petrikirche in Stolp einen Teil der Konfir-


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manden eingesegnet. Mütter, die mit ihren Kindern aus Stolp „evakuiert” werden sollten, baten um die Taufe für die Kleinen, die eben geboren waren. So kam es, daß ich z. B. an einem Sonntag im Februar 1945 31 Taufen zu halten hatte. Täglich wurden Haustaufen erbeten. Es zeigte sich hierbei, wie stark die Stadt und der Landkreis mit „Flüchlingen” schon belegt war, zu denen noch Mütter und Kinder kamen, die aus dem Ruhrgebiet dorthin „evakuiert” worden waren und die nun drängten, dorthin zurückzukommen. Auf dem Bahnhof in Stolp wurden Eisenbahnzüge zusammengestellt, um diejenigen Personen, welche Stolp verlassen durften, nach dem Westen zu befördern. Teilweise haben diese Menschen bis zu 24 Stunden in den Zügen warten müssen, bis eine Lokomotive den Zug übernehmen konnte. Von Stolp bis Stettin sind diese Züge 3—4 Tage unterwegs gewesen, eine Strecke, die mit normalem Personenzug in sechs Stunden durchfahren wurde. Ein Zeichen dafür, daß die Eisenbahnstrecke völlig mit Militärtransportzügen in Anspruch genommen war und zum Teil verstopft war bei der Fülle von Flüchtlingszügen.

Ende Februar 1945 hatten die Russen von Süden über Pyritz—Stargard vorbrechend die Ostseeküste erreicht und damit den Kessel Elbing—Schneidemühl—Kolberg gebildet, der nur zur Ostsee hin offen war. Es bestand keine Möglichkeit mehr, zu Lande über die Oder hinauszukommen. Von Süden und Westen her drängte der Russe auf Danzig zu. Der mit viel Mühe und Arbeit errichtete „Pommernwall” erwies sich als zwecklos, denn nicht von Osten her kam der Russe, sondern er kam vom Westen her gegen den „Pommernwall”, in dem dann kaum ein Soldat zur Verteidigung angesetzt war. Wer nun noch dem Russen entrinnen wollte, konnte es nur noch mit Schiff über die Ostsee. Noch waren die Chausseen vollgestopft mit den Trecks, die sich nun immer noch vermehrten aus den der Front naheliegenden Orten. Aber wohin sollten sie noch? Nach Westen ging es nicht mehr, nach Süden und Osten auch nicht. Ratlos fuhren viele Wagen hin und her. Auf den Chausseen und Landstraßen entstand ein fürchterliches Durcheinander. Zwei Kolonnen zogen nach Westen nebeneinander, zwei Kolonnen fuhren nebeneinander nach Osten. Niemand wußte mehr wohin. Die Eisenbahn fuhr noch zwischen Stolp und Danzig. Viele versuchten mit Schiffen von Stolpmünde, Leba oder Gotenhafen aus dem Kessel herauszukommen.

Kurze Angaben über kirchliche Handlungen in der letzten Zeit vor der Katastrophe.

Am Dienstag, dem 6. März, verließen viele Einwohner, mit Koffern und Rucksäcken bepackt, die Stadt. Sie drängten in die Eisenbahnzüge, welche in Richtung Danzig noch fuhren, oder gingen zu Fuß in Richtung Lauenburg— Danzig. Viele zogen Handwagen hinter sich her oder schoben Kinderwagen. Bald war die ganze Stadt im Aufbruch. Am Mittwoch, dem 7. März 1945, wurde früh gegen 8 Uhr der Räumungsbefehl gegeben. Ich fragte beim Standortältesten, dem Oberst v. Kleist, an, ob tatsächlich der Räumungsbefehl aufrecht erhalten würde und die Stadt verteidigt werden sollte. DerAdjutant, Major Wagner, gab mir die Antwort: „Es ist leider der Befehl vom Oberkommando gegeben worden, die Stadt räumen zu lassen und sie bis zum letzten Mann zu verteidigen. Doch außer einigen wenigen Volkssturmmännern und zusammengewürfelten Truppenverbänden haben wir nichts, vor allem keine Artillerie.” Ich begab mich darauf zum Landratsamt, um zu erfahren,


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welche Maßnahmen dort getroffen wären. Ich fand das Landratsamt in heller Auflösung. Der Kreisoberinspektor Bachmann stand auf der Treppe, konnte kein Wort über die Lippen bringen, die Tränen liefen ihm die Wangen herunter. Keiner konnte eine vernünftige Anordnung mehr treffen. Durch die Stadt Stolp fließt das Flüßchen die Stolpe. Die Brücken über diesen Fluß waren in der Stadt für eine Sprengung vorbereitet. Es hieß, bis zur Dunkelheit müßte die Stadt geräumt sein, da dann sämtliche Brücken gesprengt würden und dann keine Möglichkeit mehr wäre, etwa aus dem westlichen Teil der Stadt herauszukommen.

Mit diesen Nachrichten kam ich nach Hause, konnte noch einige Pastoren telefonisch benachrichtigen und mit ihnen auf Grund unserer Besprechungen vom Montag, dem 5. März, verabreden, uns in Richtung Stolpmünde aus der Stadt zu begeben. Meine Frau, unsere beiden Töchter, die wir in Stolp zu Hause hatten, und alle unsere Hausgenossen bereiteten die Flucht vor und packten Koffer und Rucksäcke. Ich begab mich zum Friedhof, wo ich an diesem Vormittag drei Beerdigungen halten sollte. Ich fand die Friedhofskapelle verschlossen, niemand von den Friedhofsangestellten war mehr da, keine Leichenträger und keine Totengräber. Nur l—3 Angehörige der Toten waren vor der Friedhofskapelle. Es gelang uns, die Kapelle zu öffnen und die betreffenden Särge unter den vielen anderen herauszufinden. Ich habe nacheinander drei kurze Trauerfeiern gehalten, aber zu Grabe konnte ich keinen Toten mehr geleiten, da niemand da war, der die Särge zu den vorbereiteten Gräbern bringen konnte. Etwa 30 Särge, vorwiegend mit verstorbenen Soldaten, standen in der Friedhofskapelle oder außen um sie herum. Sie sind erst nach dem Russeneinfall beigesetzt worden.

Als ich vom Friedhof zurückgekehrt war, brachte ich die Kirchenbücher, wichtige Archivalien und Rechnungsbücher in den Keller des Pfarrhauses. Das älteste Aktenstück war die Matrikel vom Jahre 1590, die von der Kirchenvisitation berichtete, welche damals in fast allen Kirchengemeinden in Ostpommern stattgefunden hatte und davon kündete, daß die Reformation Martin Luthers überall festen Fuß gefaßt hatte. Die Vermögensstücke der Kirchengemeinde, wie Sparkassenbücher, Wertpapiere u. a. packte ich in einen Koffer, den ich auf die Flucht mitnahm. Ich verständigte noch den Kirchenältesten Wolff, der mir gegenüber wohnte, und gab ihm auch einen Hausschlüssel. Der Kirchendiener Knop hatte schon morgens an diesem Mittwoch den Kirchenschlüssel gebracht und sich verabschiedet mit dem Bemerken, er wolle in Richtung Glowitz, um dort bei Verwandten das Weitere abzuwarten.

Es war mir bisher immer gestattet worden, mein Auto zu benutzen, weil ich umfangreiche Vertretungsdienste im Landkreis zu leisten hatte und als Standortpfarrer viel unterwegs sein mußte. In dieses Auto packte ich nun Koffer und Rucksäcke z. T. oben auf das Verdeck, wo sie fest verschnürt wurden, und alsdann stiegen meine Frau, unsere beiden erwachsenen Töchter, unsere Hausgehilfin, eine alte Tante meiner Frau und ich, also 6 Personen, in diesen 4-sitzigen Hanomag-Kurier-Wagen ein. So schwer beladen fuhren wir ab, verließen unser sehr behagliches Heim mit 10 vollständig möblierten Räumen, all die Dinge, an die sich so schöne Erinnerungen banden, Bilder und Kunstgegenstände, Bücher und alte Familienstücke, schauten über den herrlichen zwei Morgen großen Garten hinweg und nahmen Abschied von der


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lieben St. Petrikirche. Liebe Gemeindeglieder traten an uns im Vorbeigehen heran, als wir ins Auto stiegen — sie selbst mit Rucksäcken und Koffern bepackt und Handwagen ziehend — und verabschiedeten sich. In den Tagen vorher kamen immer wieder liebe Gemeindeglieder und drängten uns, vor allem unsere beiden erwachsenen Töchter hinter die Oder zu schaffen, damit sie nicht den Russen in die Hände fielen. Aber alle Versuche, diese beiden Töchter mit Eisenbahn, Flugzeug oder anderen Gelegenheiten aus Stolp herauszubringen, waren fehlgeschlagen. Sie blieben bei uns. Jetzt verließen wir gemeinsam unser liebes Stolp. Wann würden wir zurückkehren können? In welchem Zustande würden wir unser Pfarrhaus und unsere Kirche wiedersehen?

Wir fuhren nun durch die Wilhelm-, Wasser-, Hindenburg- und Amtsstraße zur Stolpmünder Chaussee, vorbei an fliehenden Menschen, fahrenden Trecks und einzelnen Soldaten. Die Chaussee war voller Wagenkolonnen, die teils nördlich teils südlich zogen, dazwischen unendlich viele wandernde Menschen. Es gelang mir, das Auto durch alle Hindernisse hindurch in verhältnismäßig kurzer Zeit den 18 km langen Weg von Stolp nach Stolpmünde unbeschädigt zu lenken. Ich hielt in der Nähe des Hafens, in dem einige Schiffe lagen, die mit Soldaten, Arbeitsdienstmännern und Flüchtlingen beladen wurden. Die Inhaberin einer Reederei, Frau Geiß, empfing uns mit den Worten: „Gott sei Dank, daß Sie da sind. Wir haben versucht, Sie noch telephonisch über eine Militärdienst-Telephonleitung zu bekommen.” Wir hofften, daß auch die andern Pastoren aus Stolp verabredetermaßen dorthin kommen würden. Nur Pastor Lic. de Boor mit Frau kam noch.

Es ist unklar geblieben, weswegen die beiden anderen Pastoren, Wernicke und Spittel, mit ihren Frauen und Angehörigen nicht den Weg nach Stolpmünde genommen haben. Der eine ist in Richtung Lauenburg und der andere in Richtung Schmolsin gezogen. Beide sind umgekommen.

Frau Geiß hatte einen ihrer kleinen Dampfer mit den Angehörigen ihrer Reederei beladen lassen, und ein zweiter kleiner Dampfer „Martha” wurde mit Flüchtlingen besetzt in solcher Fülle, daß jeder auf seinem Flecken stehen mußte. Eine meiner Töchter und unsere Hausgehilfin hatten in einem Rettungsboot Platz gefunden, das der Dampfer mit sich führte. Frauen mit kleinen Kindern wurden in den Laderaum gebracht, wo Stroh aufgeschüttet war. Wir bekamen an Deck Stehplätze. Da es sehr stürmisch geworden war und ein starker Frost herrschte, zögerte der Kapitän mit seinem mit etwa 700 Menschen beladenen Schiff den Hafen zu verlassen. Als es dunkel geworden war und wir ringsum die Feuerscheine von brennenden Dörfern sahen und die Schüsse der Panzer immer näher kamen aus Richtung Schlawe, entschloß sich der Kapitän doch auszulaufen. Es wurde eine grausige Fahrt! Sobald wir in die offene See gekommen waren, kamen die Brecher über das Vorderschiff, die Mäntel und Decken, welche die Menschen schützen sollten, waren schnell mit einer dicken Eiskruste versehen. Natürlich war alles seekrank. Der Kapitän hielt Kurs in der Nähe der Küste auf Swinemünde zu. Unsere Fahrt längs der pommerschen Ostseeküste in dunkler Nacht bei abgeblendeten Lichtern werden wir nie vergessen. U-Boot und Minengefahr auf der einen Seite, den Blick auf die Küste hin, vorbei an brennenden Ostseedörfern, vorbei an dem lichterloh brennenden Kolberg, und auf der anderen Seite ein Spielball der


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stürmischen See, waren wir alle dennoch ruhig und gefaßt. Ich habe keinen Laut der Klage gehört. Wir spürten es: Wir sind ganz in Gottes Hand. Wir wußten aber auch: „Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl.”

Ohne einen Unfall fuhren wir am 8. März 1945 nachmittags gegen 14 Uhr in den Hafen von Swinemünde ein. Das Schiff legte an, aber es durfte nicht ausgeladen werden. Swinemünde war übervoll von Flüchtlingen, der Kapitän sollte weiter nach Stralsund fahren. Er konnte sich nicht entschließen, wegen der Minen- und U-Boot-Gefahr auf offener See weiterzufahren, vielmehr steuerte er das Haff hinauf bis Uckermünde, und von dort wurden wir durch die Peene nach Stralsund gelotst. Hier kamen wir am 9. März abends bei Dunkelheit an. Erst am nächsten Morgen konnte das Schiff verlassen werden.

Abschließend skizziert Vf. kurz seinen weiteren Fluchtweg bis Mecklenburg.