Nr. 67: Über See von Stettin nach Stolpmünde. Einnahme Stolpmündes durch die Russen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Erlebnisbericht des B. A. aus Stolpmünde i. Pom.

Original, 31. Mai 1950, 8 Seiten. Teilabdruck.

Am 5. März 1945 wurde ich auf meinen Antrag hin von Oberst Räther für drei Tage beurlaubt, um meine wegen der Bombenangriffe nach meinem


263

Geburtsort „Ostseebad Stolpmünde” umquartierte Familie auf dem Wasserwege nach Stettin zurückzuholen. Die Landverbindung nach dort war bereits unterbrochen, da die Russen schon bei Cammin den Kessel in Pommern geschlossen hatten. Nur die Städte Kolberg, Rügenwalde, Stolpmünde und Leba selbst waren noch feindfrei. Über die Data-Leitung sprach ich fernmündlich noch mit meiner Frau und erfuhr, daß im Hafen bereits verschiedene Schiffe zum Abtransport der Zivilisten bereitlägen und die Verladung schon begonnen hätte. Sie selbst hätte ebenfalls schon Schiffskarten für Dampfer „Ernst”, der in den nächsten Tagen in See gehen würde. Ich teilte meiner Frau mit, daß sie auf mich warten möge, da ich am 6. März 1945 mit dem Dampfer „Martha Geiß” dort eintreffen würde und sie somit sicherer zurückbringen könnte.

Am 5. März 1945 6 Uhr morgens fuhren wir von Stettin ab, um am Leitholm noch zu kompensieren. An Bord befanden sich noch drei weitere Offiziere, die ihren Truppenteil im Osten suchten, und ein Fliegermajor, welcher bei dem Kommandanten vom Schießplatz Stolpmünde für Stettin eine Maschine in Empfang nehmen wollte. — Das Schiff hatte Order, in Kolberg eine Ladung Sprit zu löschen und dann in Stolpmünde ebenfalls Zivilisten an Bord zu nehmen. — Um 6 Uhr abends kamen wir in der Kaiserfahrt an, wurden durch ein Patrouillenboot angehalten und durften erst am Morgen des 6. März 1945 6 Uhr weiter nach Swinemünde dampfen. Dort lagen bei unserer Ankunft eine Anzahl Schiffe, die bereits auf das öffnen der Sperre warteten. Über die Notbrücke wurden gerade Truppen von Wollin nach der Insel Usedom übergeschleust. Endlich wurde das Signal gegeben, daß die Schiffe, sich dem Konvoi nach dem Osten anschließend, die Sperre passieren können. Auf der Reede vor Swinemünde sollte sich der Geleitzug formieren. Unsere Ahnung, eventuell schon zu spät zu kommen, ließ uns einfach entgegen der Anordnung des Hafenkommandanten in Swinemünde unsern Weg „alleine” nehmen. Mit Volldampf passierten wir den vor dem Hafen liegenden Schiffsfriedhof, ein Wagnis, das der Kapitän des Schiffes nur auf Grund seiner genauen Kenntnis des Fahrwassers als Tourenfahrer zwischen Stettin und Stolpmünde mit Lotsenpatent auf seine Kappe nehmen konnte. Außerdem war ja Krieg, und das Schiff stand im Marineeinsatz.

Auf der Höhe von Kolberg kam ein Regierungsdampfer aus dem Hafen und gab uns Signal, daß der Hafen nicht mehr angelaufen werden könne, da er bereits von den Russen belagert und beschossen würde. Eine gute Aussicht

für unsere Fahrt gen Osten!------Wir dampften also weiter und begegneten

bereits einige Seemeilen weiter ostwärts mehreren Landungsbooten mit Flüchtlingen aus Stolpmünde und Rügenwalde. Durch gegebenes Flaggenwinksignal versuchte ich zu erfahren, ob sich vielleicht an Bord schon meine Familie befände. Es wurde immer abgewinkt! — Es war bereits dunkel, und da wir wegen der Minengefahr dicht unter Land fuhren, konnten wir den Hafen von Rügenwalde und den Leuchtturm von Jershöft bereits brennen sehen. Unsere Hoffnung, Stolpmünde noch feindfrei anlaufen zu können, schwand immer mehr.

Kurz vor Stolpmünde kamen wir in einen Schneesturm und auf Grund. Mit eigener Kraft konnten wir uns glücklicherweise nach einer halben Stunde wieder freimachen und gingen etwas von Land ab. Um 11 Uhr abends nahmen


264

wir Kurs auf die Molen von Stolpmünde. Jetzt kam der spannende Augenblick. Noch vor dem Passieren der Hafeneinfahrt erbaten wir durch Lichtsignal Anlegeerlaubnis. Würde die deutsche Marine antworten oder der Russe bereits Übergabebefehl geben? Stolpmünde war noch nicht besetzt!

Am Kai standen die Menschen schon seit Stunden, auf unsere Ankunft wartend. Meine Familie war nicht darunter. Wir bekamen Order, am 8. März 1945 vormittags 11.30 Uhr wieder auszulaufen. Ich hatte danach also noch einen Tag, um von meinem Geburtsort und den Gräbern meiner Eltern und sonstigen Angehörigen Abschied zu nehmen, wenn —, ja, wenn man uns über die wahre Lage informiert hätte. Ich ging also von Bord zu unserer Villa und fand meine Familie und beide Schwestern bereits mit fertigem Gepäck zuhause vor. Am nächsten Tage ging ich mit meinem Urlaubsschein zur Anmeldung auf die Hafenkommandantur, wo ich erfuhr, daß meine Familie nach dem Westen fahren könne, ich aber zur Verteidigung des Ortes dort bleiben müsse. Ich protestierte unter Hinweis, daß ich in Stettin ebenfalls eingesetzt wäre und nur für drei Tage Urlaub bekommen hätte. Es half mir nichts, ich mußte zum ca. 6 km entfernt gelegenen Schießplatz, um mir von dem Kommandanten, Oberstleutnant Gürcke, die Rückkehr nach Stettin bescheinigen zu lassen. Auf der Kommandantur herrschte ein aufgeregtes Durcheinander, trotzdem gelang es mir nach längerem Warten, die Bescheinigung zu erhalten. Während der Kommandant selbst die Erlaubnis auf die Rückseite meines Urlaubsscheines schrieb, hatte ich Gelegenheit, die große Wandkarte mit den erschreckend nahe an Stolpmünde steckenden roten Fähnchen zu sehen. Also doch!

Noch eine Nacht Ruhe, dann sollte die beschwerliche Fahrt losgehen. Am nächsten Morgen in der Frühe wurden wir mit dem Hinweis geweckt, mit dem Gepäck sofort „gen Osten” zu fliehen, der Ort würde geräumt! ! Während sich meine Angehörigen fertigmachten, lief ich zum Hafen, um nach unserm Dampfer Ausschau zu halten. Auf dem Wege über die Kurpromenade sah ich „das letzte Schiff bereits im Westen verschwinden!” In der Nacht war der Russe „aus dem Westen” überraschend angerückt, die Kommandantur verschwunden und die Schiffe eiligst ausgelaufen. —

Von dem noch anwesenden Korvettenkapitän Wolff erhielt ich bei meinem Eintreffen am Hafen den Befehl, mit einem Polizei- und Panzeroffizier zu Dritt das Bollwerk von den zurückgebliebenen Menschen zu säubern, da Sprengungen vorgenommen werden sollten. Die Ausführung dieses „letzten deutschen Befehls” verzögerte meine Flucht um mehrere Stunden. Endlich mittags um 12.15 Uhr konnte ich das Notgepäck auf einen auf dem Hof stehenden Karren laden und mit meiner Frau, meinen fünf Kindern, von denen zwei noch im Kinderwagen lagen, und meinen beiden Schwestern die Flucht nach dem Osten antreten. Man wollte versuchen, in Leba noch ein Schiff einlaufen zu lassen, das uns nach dem Westen bringen sollte.

Nachmittags um 3.30 Uhr des 8. März 1945 fiel der Russe in Stolpmünde ein und erschien um 9.30 Uhr abends 17 km östlich bei unserm Treck. Ich hatte meine Angehörigen in einem leerstehenden Haus in Gambin zu einer kurzen Rast untergebracht, als ich das Geschrei „Urri” hörte. Da ich immer noch in Uniform und bewaffnet war, mußten wir uns schnellstens unter Zurücklassung des Gepäcks ins nahe Wäldchen zurückziehen. Dort entledigte ich


265

mich meiner Uniformstücke usw. Während der ganzen Nacht irrten wir im Schneegestöber in der Gegend umher, bis wir im Morgengrauen von einem Bauern etwas Stroh bekamen und, mit alter Kleidung versehen, auf dem einzigsten Weg ins Moor gewiesen wurden, wo wir vorläufig sicher sein sollten. Am nächsten Tag fanden wir eine Waldhütte, die sich ein Gutsbesitzer als Zuflucht vor den Russen hat bauen lassen. Dort hausten und hungerten wir acht Tage. Nachts schlich ich zu den Bauern, um für die Kinder etwas Milch und Brot zu erhalten. Am 15. März teilte uns der Bauer mit, daß alle Flüchtlinge unter Anlegung einer weißen Armbinde in ihren Heimatort zurückgehen sollten. Man würde sie ungehindert ziehen lassen. Nach mehrmaligen Versuchen glückte der Marsch zurück. Am 17. März trafen wir wieder in meinem Heimatort ein. Unser Haus war zwar von den Russen durchwühlt, im allgemeinen aber noch heil.

Fast zwei Wochen mußten wir für die Russen am Hafen arbeiten. Während dieser Zeit wurden Nacht für Nacht von betrunkenen Soldaten die Häuser, in denen Deutsche waren, nach Frauen durchsucht und diese von ihnen in Gegenwart der Angehörigen vergewaltigt.

Im folgenden berichtet Vf. über seine Verhaftung und den Aufenthalt im Lager Graudenz, die Rücktkehr nach Stolpmünde und die Ausweisung im Juni 1946.