Nr. 68: Eindringen der Russen in die Stadt Lauenburg.

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Bericht des Pfarrers Barckow aus Lauenburg i. Pom.

Original, 9. Juli 1946, 6 Seiten. Teilabdruck.

In den ersten Märztagen 1945 rückten uns die Russen immer näher, und zwar von Westen her. Am Mittwoch, dem 7. März, hieß es: „Stolp brennt schon; in zwei Tagen sind sie hier!” Donnerstag war Lauenburg voll vom Volkssturm: „Die Truppen halten nicht stand, wir können sie auch nicht aufhalten.” Freitag schon Panikstimmung. Viele Geschäfte verteilen ihre Waren, die Eierverwertung z. B hatte ihre Türen geöffnet, und die Frauen ließen sich nicht nötigen. Fröhlich gingen sie mit ihren vielen Eiern nach Hause. Auf den Straßen immer wieder die Frage: „Bleiben Sie?” und die Antwort: „So schlimm wird es nicht werden.” Viele waren schon nach Gotenhafen und Danzig gefahren, um mit Schiff der Gefahr zu entrinnen, viele mit Auto, zu Fuß, mit Pferden auf die Dörfer im Kreise — hoch in den Norden — in der irrigen Annahme, dorthin würden die Russen nicht kommen.

In der Nacht zum Sonnabend (9./10. März) fortwährende Explosionen; man wußte nicht, woher sie kamen, vielleicht schon von den Russen. In der SS-Kaserne (frühere Irrenanstalt) wurde die Munition gesprengt. Im Morgengrauen sahen wir die Bahnstrecke vom Bahnhof nach Neustadt im Gänsemarsch russische Soldaten gehen, eine unablaßbare Kette. Aber auch vom Norden und Nordosten kamen russische Kolonnen, und Lauenburg war im Nu überschwemmt von den feindlichen Horden. — Die Obrigkeit war bis auf den letzten Mann verschwunden, von den Maulhelden nicht einer zurückgeblieben, die Stadt blieb ihrem Schicksal überlassen. Am Nachmittag des


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10. März ergossen sich russische Truppen in die Häuser zum Plündern. „Die Urren” (Uhren), dieser Klang blieb monatelang in den Ohren haften, tönte er doch überall uns entgegen. Kaum hatte eine Bande von etwa zwei bis vier Mann die Wohnung verlassen, kam die andere, räumte Schubladen und Schränke und Behälter, warf den nicht gefallenden Inhalt auf den Fußboden, so daß die Wohnung binnen kurzem einer Räuberhöhle glich!

Dann kam die Nacht, jene furchtbarste aller furchtbaren Nächte!!! Man hatte die Alkoholvorräte bei Koch und Kaspar entdeckt, die uns vorenthalten waren (Wein etc. ''ausverkauft!”), ihn in ungeheuren Mengen getrunken und warf sich nun mit satanischen Begierden auf die Frauen und Mädchen. In Rudeln standen sie vor jedem Haus, bis zu 45 vergewaltigten sie eine deutsche Frau, ohne Rücksicht, ob sie schließlich im Sterben lag. 78-jährige Frauen, 9-jährige Kinder fielen ihnen zum Opfer — es ist zu verstehen, wenn in jener schrecklichen Nacht etwa 600 Einwohner freiwillig in den Tod gingen.

Am Sonntagmorgen Fortsetzung von Plünderung und Vergewaltigung. „Frau, komm!” — wer nicht Folge leistete, wurde erschossen. Dabei erzählten alle, die etwas deutsch sprechen konnten, ihre Frauen und Schwestern wären noch viel schlimmer von deutschen Soldaten behandelt worden, wohl gar mit Benzin begossen und verbrannt, in den Häusern eingesperrt und verbrannt, erschossen etc.

Am Sonntag traten auch die russischen Flintenweiber in Aktion, die im Durchsuchen der Schubladen und Wohnungen eine wunderbare Kenntnis besaßen. Junge mongolische Soldaten waren die rüdesten (etwa im Alter von 18—19 Jahren). Sie ließen uns strammstehen, stießen mit Knien vor den Bauch, durchsuchten die Taschen, steckten das Gefallende ein und warfen das andere im Bogen aus dem Fenster, zertrümmerten die Bilder an den Wänden mit dem Pistolenlauf und stießen die Menschen mit dem Gewehrlauf zu Boden.

Am Montagmorgen wanderten wir mit dem Rucksack aus, um den dauernden Mißhandlungen zu entgehen. Unten vor dem Hause sagte ein Flüchtlingsbauer auf die Schreie, die aus dem Hause tönten: „Hören Sie? Sie haben meine 13-jährige Tochter heute morgen schon zum fünften Male vor!”

Wir wanderten mit etwa 20 anderen am Bahnhof vorüber, bei der SA-Siedlung an der Strecke entlang ins Lischnitzer Moor, empfangen und begleitet von den Rufen: „Urr!” Als ich keine mehr zu geben hatte, schoß ein Russe seine Pistole dicht neben meinem Ohr ab, daß mir das Feuer ins Gesicht schlug. Die dadurch verursachte Taubheit ist bis heute nicht vergangen. Im Lischnitzer Moor fanden wir schon ein Lager von Ausgewanderten, bauten uns aus Zweigen im Gebüsch eine notdürftige Hütte, holten in der Morgen- und Abenddämmerung aus dem Graben Wasser, aßen am Tage nur einmal ein Stück Brot und lagen den ganzen Tag im Verborgenen aus Furcht vor Entdeckung. Nachts sahen wir Lauenburg brennen, hörten die Beschießung von Gotenhafen und Danzig und — hofften auf Befreiung durch unsere Truppen! Man erzählte von abgeworfenen Flugblättern: Hitler ließ sagen: „Haltet noch 14 Tage aus, dann sind unsere Soldaten dort!”


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Am Sonntag gingen wir nach Lauenburg zurück. Noch länger, und wir hätten nicht mehr Kraft genug gehabt. In Lauenburg fanden wir unser Haus verwüstet. Nicht nur die Russen, leider, leider auch die eigenen Volksgenossen plünderten nach Herzenslust. Drei Tage wohnten wir in unserer Wohnung, dann mußten wir räumen. Der russische Stab beschlagnahmte die Straßen. Und nun kam eine furchtbare Zeit, in einer engen Wohnung viele Personen zusammengepfercht, auf die Straße wagte man sich nicht, Lebensrnittel waren kaum vorhanden, jede Nacht bummerten die Russen an die Tür und durchsuchten die Wohnung nach Frauen und vergewaltigten sie, mochten auch die eigenen Kinder der Frau und 20 andere Personen zuschauen. Wurde nicht geöffnet, klirrten die Fensterscheiben, und man stieg hindurch, schlug auf die Deutschen ein, oder die Türen wurden mit dem Kolben zertrümmert. Sechs Wochen schlief man nur in Kleidern. Tags untersuchten die Russen immer wieder jeden Winkel bis unters Dach und gingen kaum ohne Beute fort. Am begehrtesten war Schnaps.

Wohl waren durch das Feuer viele Häuser, ganze Blocks zerstört, z. B. der Markt ganz, die Stolper-, Danziger-, Neuendorfer-, Markt-, Kloster- und Mühlenstraße, ein trostloser Anblick die Ruinen, fast schlimmer noch die Straßen der sonst so hübschen und sauberen Stadt. Überall verstreute Bettfedern, auch ganze Bettstücke, krepierte Pferde, Autowracks, unbrauchbare Räder, Wagenteile, Hausgerät, jeder Laternenpfahl umgefahren, jedes Schaufenster zertrümmert, Sessel, Stühle, Sofas lagen zerbrochen umher, dazu versperrten eingefallene Hauswände die Geh- und Fahrwege — ein Bild der Verwüstung.

Bald wurden deutsche Arbeitskräfte mit Gewalt geholt. Es mußten Kartoffeln geschält, russische Lazarette bedient, Wäsche gewaschen, Aborte gereinigt werden etc. Mit WCs. wußte man nichts anzufangen. Man füllte sie bis zum Überlaufen an, spülte nicht, sondern ließ den Unrat durch Deutsche jeden Morgen entfernen. Der russische Stab bewohnte Häuser mit modernen Einrichtungen, neue Bauten mit WCs., ließ sich trotzdem im Garten Aborte zurechtzimmern, in denen man stehend in gewohnter Weise seine Bedürfnisse verrichten konnte.

Nach etwa vier Wochen wurde das Plündern verboten, das Verbot wurde nicht beachtet. Die Vergewaltigung der Frauen nahm auch seinen Fortgang. Plünderung am hellen Tage und auf offener Straße war keine Seltenheit.

Im folgenden berichtet Vf, über die allgemeinen Zustände und seine Beobachtungen und Erlebnisse in Lauenburg bis zum Sommer 1945.