Nr. 69: Ein Erlebnis beim Einbruch der Russen.

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Bericht der Frau E. H. aus Luggewiese, Kreis Lauenburg i. Pom.

Original, 13. Juni 1951.

Am 9. März 1945 mußten wir auf Befehl des Bürgermeisters unser Dorf Luggewiese räumen und nach dem Nachbardorf Gr. Damerkow flüchten, das nur 4 km von uns entfernt, aber mitten im Walde lag. So machte ich mich mit meinen beiden Kindern, meiner Mutter und meiner 25-jährigen Schwester


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Käte auf den Weg und fanden Unterkunft bei meinen Schwiegereltern, die in Gr. Damerkow wohnten. Dort waren schon mehrere von unseren Verwandten und Bekannten hingeflüchtet. — Am nächsten Tag, dem 10. März, stürmten die Russen auch diesen Ort. Im Laufe des Tages waren noch viele Flüchtlinge aus den Nachbardörfern gekommen, so daß wir wenigstens 30 Personen in einem Zimmer waren. Die ersten Russen, die in die Häuser kamen, verlangten Uhren, Ringe und sonstige Wertsachen. Wer es nicht freiwillig gab, dem rissen sie es einfach weg. Auch unseren Koffer mit Lebensmitteln hatten sie uns schon weggenommen. So ging es etwa zwei Stunden lang. Da die Uhren inzwischen schon längst alle abgegeben waren und immer neue Russen kamen, so fingen diese an zu suchen und zu fluchen. Mit aufgepflanztem Gewehr schrien sie immer: „Urr, Urr!”

Plötzlich kam eine Nachbarin schreiend angelaufen, die Russen wollten sie mitnehmen. Da kamen auch schon zwei Russen bei uns rein und sagten: „Frau komm!” und griffen zwei Frauen bei den Händen. Diese schrien und baten soviel, so daß die Russen sie losließen und weitergingen.

Gleich darauf kam ein großer Russe rein. Er sagte kein Wort, guckte sich im Zimmer um und ging bis nach hinten durch, wo alle jungen Mädchen und Frauen saßen. Er winkte nur einmal mit dem Finger nach meiner Schwester. Als diese nicht gleich aufstand, trat er dicht vor sie hin und hielt seine Maschinenpistole gegen ihr Kinn. Alle schrien laut auf, nur meine Schwester saß stumm da und vermochte sich nicht zu rühren. Da krachte auch schon der Schuß. Ihr Kopf fiel auf die Seite, und das Blut rann in Strömen. Sie war sofort tot, ohne nur einen Laut von sich zu geben. Der Schuß war vom Kinn aus bis zum Gehirn gegangen, die Schädeldecke war völlig zertrümmert.

Der Russe guckte uns alle an und verließ, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer.

Auf dem Friedhof in Gr. Damerkow haben wir meine Schwester zur letzten Ruhe gebettet.