Nr. 70: Flucht aus Lauenburg in Richtung Danzig—Hela. Eindringen der Russen in Leba.

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Erlebnisbericht des A. S. aus Leba , Kreis Lauenburg i. Pom.

Original, 9. August 1950, 5 Seiten. Teilabdruck.

Am 8. März 1945 verließ ich Lauenburg, um zu Fuß nach Leba zu marschieren, da der Bahnverkehr nach dorthin stillgelegt war. An der Ecke Neuendorfer Straße—Bismarckstraße ein fast unentwirrbarer Knäuel von Trecks, meistens Flüchtlinge aus den Nachbarkreisen Bütow, Rummelsburg und Stolp. Bis hinter Neuendorf alle Verkehrswege mit Fuhrwerken verstopft, ein regel- und zielloses Durcheinander, dazwischen hastende Fußgänger, teilweise beladene Handwagen, Karren und auch Kinderwagen führend. Auf der vereisten Chaussee war nur langsames Fortkommen möglich, dazu wehte eine steife eisige Brise aus Nordost, vermischt mit Schneege-


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stöber. Am westlichen Horizont waren verschiedene Brände zu erkennen, in südwestlicher Richtung ein hoher, heller Feuerschein, wahrscheinlich Stolp.

Gegen 22 Uhr erreichte ich Landechow, die Zufahrtsstraße dorthin bis zu den Knien verschneit. Gastfreundliche Aufnahme in der Wohnung des Gärtners, am nächsten Morgen zu Fuß auf dem Schienenstrang weiter. Tiefe Stille links und rechts in den Waldungen, ein herrlicher, sonniger Märzmorgen, wie im tiefsten Frieden. Aber schon Bahnhof Freist zerstörte diese idyllische Stimmung. Soweit das Auge reichte, die Chaussee Vietzig—Kl. Massow mit Fahrzeugen und Menschen direkt vollgepfropft. Ein unübersehbares Bild des Rückzuges und der Planlosigkeit. Gefangene Russen, von deutschen Soldaten — meistens kaum ausgeheilte Verwundete — eskortiert, auf dem Marsch nach Osten, dazwischen Flüchtlingstrecks in gleicher Richtung, LKWs. und Motorräder der Wehrmacht nach beiden Richtungen fahrend, an den Straßenrändern hochbeladene, fahrunfähig gewordene Wagen aus den Trecks, das typische Bild eines Zusammenbruchs.

Ein LKW. nahm uns nach Leba mit. Auch hier alles in Bewegung. Einige wenige deutsche Soldaten traf ich, später einen Oberleutnant, dem der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter begreiflich machen wollten, daß Leba unbedingt unter allen Umständen verteidigt werden müßte! ! ! Ein heller Wahnsinn angesichts der geographischen Lage dieser kleinen unbefestigten Stadt, eine ideale Mausefalle für Verteidiger und Einwohner. Am späten Nachmittag verließ der Schoner „Herbert”, mit Flüchtlingen vollgepfropft, den Hafen. Einige wenige Lebaer verließen den Ort mit Auto oder Fuhrwerk in östlicher Richtung. Aber der überwiegende Teil der Bevölkerung blieb am Heimatort. In den späten Abendstunden „Feuerwerk” auf dem Bahnhof, weithin erkennbar; einige dort stehende, mit Marketenderware beladene Waggons waren angezündet worden. Einsichtige retteten aus den Flammen noch einiges, u. a. auch größere Mengen Tabak.

Gegen 22 Uhr traf ich bei dem Klempnermeister Franz F. zusammen mit dem Kaufmann Willi P. und dem Ackerbürger Emil P., dem Schwiegersohn des ersteren; der Schlossermeister Erich D. war aus Lauenburg eingetroffen — er war dort Waffenmeister beim Volkssturm gewesen. Er berichtete u. a. über den Tod des Kreisleiters. Man sah den kommenden Ereignissen mit Ruhe entgegen. Ca. eine Stunde später wurde die Anordnung der Stadtverwaltung bekanntgegeben, der Ort sei wegen Gefahr eines Artilleriebeschusses zu räumen. Weitaus der größte Teil der Bevölkerung leistete dieser Anordnung Folge, nur ein paar Unentwegte blieben in ihren Gehöften.

Ein langer Zug von Fuhrwerken, Schlitten, Karren, Hand- und Kinderwagen mit rasch zusammengerafften Bündeln Lebensmitteln, Betten, Kleidung beladen, dazwischen Fußgänger, hochbepackt mit Bündeln, und auch ein paar Autos bewegten sich im Dunkeln zum Dünenwäldchen östlich des Kurhauses. Dort stand man in Gruppen zusammen und harrte der kommenden Dinge. Die Unterhaltungen wurde leise geführt. Von den dort anwesenden Vertretern und Beamten der Stadt wurde bekanntgegeben, daß der Bürgermeister, der OGL.1) und noch einige andere Amtspersonen unter Mitnahme der Stadtkasse vor Mitternacht den Ort in östlicher Richtung verlassen


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hätten, vom Bürgermeister seien die Amtsgeschäfte und die Schlüssel des Magistratsgebäudes dem dienstältesten Ratsherrn Fritz Brüschke übergeben worden.

Die See und der Dünenwald rauschten ihr uraltes Lied. Vor uns die zugefrorene Fläche des Sarsener Sees. Nirgends ein Lichtschein. Die Augen waren naturgemäß nach Westen und in Richtung Leba gerichtet. Einige unternahmen Erkundungsvorstöße bis zum Ortsrand und teils sogar bis in den Ort hinein, konnten jedoch nur melden, daß noch keine Russen im Ort seien. Dann hörte man aus der Richtung des Hafens Motorengeräusch. Die Kutter waren in See gegangen. Nach Mitternacht setzten Explosionsgeräusche aus westlicher Richtung ein, wahrscheinlich Sprengungen in der V-Versuchsstation Rumbke. Etwa um zwei Uhr morgens in nächster Nähe heller, hoher Feuerschein, an- und abschwellendes Geknatter von Kleinmunition, dazwischen einige stärkere Detonationen. Zuerst nahmen wir an, daß ein Gefecht in nächster Nähe stattfände und der Ort in Flammen stände. Und schon zog der Menschen- und Wagentroß weiter ostwärts, z. T. bis in die Höhe von Uhlingen. Erst später stellte sich heraus, daß das Schülerlandheim, mit Lebensund Genußmitteln und Munition bis zum Dachstuhl angefüllt, von deutschen Soldaten angezündet worden war.

Die Kälte der Nacht und den scharfen Nordostwind hat damals wohl kaum jemand verspürt, man schickte sich in das Unvermeidliche, nirgends ein Anzeichen von Panik, Angst oder Verzweiflung, höchstens leises Bangen und Hoffnung, daß es nicht zum Schlimmsten kommen möge. Alle Standesunterschiede waren vergessen, keinerlei Haßausbrüche gegen die mit uns sozusagen zum letzten Gang angetretenen Parteigenossen, auch wenn es sich um bis dahin führende Pgs. und sogar um den kommissarischen SA-Sturmführer Hans Weith handelte. In diesen schweren Stunden waren alles nur Deutsche, leider zu spät.

Gegen fünf Uhr morgens sahen wir die letzten deutschen Soldaten, müde und langsam in den Dünen nach Osten ziehend. Wir gaben ihnen noch Ratschläge und Aufklärung über das von ihnen noch zu passierende Terrain. Einem vorüberkommenden Offizier, der unter seinem Militärmantel schon Zivilkleidung trug, wurde die Frage vorgelegt: „Was wird, wohin mit uns allen?” Achselzucken seinerseits. Dann die zögernde Antwort: „Am besten in Richtung Hela abrücken!” ... In südlicher Richtung hörte man dann ab und zu Gefechtslärm, etwa 20 km entfernt. Einige Bauern schlichen im Morgengrauen zum Ort zurück, um ihr Vieh zu versorgen. Bei ihrer Rückkehr meldeten sie, daß noch kein Russe im Ort sei. Nach Auskunft der im Ort Zurückgebliebenen mag es etwa 7 Uhr gewesen sein, als die ersten russischen Spähwagen den südlichen Ortseingang erreichten, ein Stück in den Ort hineinfuhren und dann wieder abdrehten. Dann folgten Kosaken, alles gedrungene, kräftige Gestalten auf kleinen sehnigen Pferden, alle ausnahmslos mit MP. bewaffnet. In den frühen Vormittagsstunden erreichte uns im Dünenwald die Parole, in die Wohnungen zurückzukehren. Jeder mußte ein weißes Taschentuch zum Zeichen der Unterwerfung in der Hand schwenken, später wurde das Tragen einer weißen Armbinde anbefohlen. Am Waldausgang zum Ort begegneten wir dann — die meisten wohl in stiller Angst — den Kosaken, die dort eine kurze Rast eingelegt hatten. Dazwischen einige gefangene deutsche Soldaten,


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anscheinend friedlich mit den Russen Zigaretten rauchend. Die Truppe verhielt sich ziemlich korrekt, kaum einer wurde belästigt, nur einige wurden hier schon ihre Uhren los.

Bis zur Mühlgrabenbrücke das altgewohnte Ortsbild, und dann entdeckte man überall offene und z. T. erbrochene Türen und Hoftore, stellenweise lag Hausrat usw. bis auf die Straße verstreut. Auf den Straßen und einigen großen Höfen parkte der Troß, die Pferde vorwiegend auf den Bürgersteigen an den Bäumen festgezurrt, überall Unrat, zerschlagene Gegenstände aller Art, herabgerissene Leitungsdrähte, Kabelrollen usw. Dazwischen Russen und ukrainische Zivilarbeiter mit ihnen vereint, welche die Wohnungen durchwühlten und Jagd auf Frauen machten. Auf dem großen Hof vor meiner Wohnung ebenfalls Panjewagen, Pferde, Rindvieh und Soldaten. Stallungen, Wohnungen und Schränke ebenfalls erbrochen, den Inhalt der Schränke herausgerissen. In dem einen Bett ein schlafender Soldat in voller Uniform. Die Küche ähnelte einem Schweinestall. Am Tisch Soldaten, schmausend und trinkend. Der Fußboden besät mit zerschlagenem Geschirr, Flaschen mit abgeschlagenen Hälsen, Papier, Wäschestücke usw. Ich wurde sofort meine Uhr los. Meine Stiefel waren schon vorher „requiriert” worden. Fast alle Anzüge fehlten und sogar Frauen- und Kinderkleidung. Sonst ließen mich diese Russen aber ungeschoren. Aber beim Verlassen der Wohnung wollte ein betrunkener Russe meine hochschwangere Frau und meine älteste, damals acht Jahre alte Tochter vergewaltigen; mit Reitpeitsche und Pistole hielt er uns in Schach. Ich wurde aus der Wohnung geworfen. Etwas später kehrte ich zurück. Inzwischen hatte es jedoch meine Frau, die Kinder eng an sich geklammert, fertiggebracht, das Haus ungeschoren zu verlassen.

Meine Angehörigen suchend, bin ich dann bei verschiedenen Bekannten in der Nähe meiner Wohnung umhergeirrt. Überall das gleiche Bild, durchwühlte und verunreinigte Wohnungen, Menschen in höchster Angst, flüchtende Frauen, dazwischen johlende Russen und Ukrainer. Im Hause Bublitz in der Marktstraße wurde z. B. ein 15 Jahre altes Mädchen mehrmals von Russen vergewaltigt. Im Laden des Kaufmanns Paetsch sah es fürchterlich aus. Allerlei Waren auf dem Fußboden bis auf die Straße verstreut. Die Filialleiterin der Firma Wilhelm Zeeck, Lauenburg, wollte sich der Plünderung des Ladens widersetzen. Sie wurde über den Verkaufstisch gelegt und dann in rohester Weise vergewaltigt. Beim Bauern Reinhold Fick verhielten sich die Russen zuerst ganz manierlich angesichts der ihnen vorgesetzten Schinken und Delikatessen. Und dann legten sich einige Unholde in die Betten und verunreinigten diese mit Kot und Urin. Im Mehllager der Bäckerei Börcke lag das Mehl stellenweise knietief auf dem Fußboden. In den Abendstunden verließ der Troß den Ort. Posten blieben nicht zurück.

Der ganze Ort bot ein Bild sinnloser Verwüstung. Nach und nach wagten sich die Einwohner wieder auf die Straße. Weitere Einzelheiten über das Wüten der Soldateska wurden bekannt.

Vf. zählt noch mehrere Fälle brutaler Gewalttaten der Russen auf und schildert abschließend die folgende Zeit unter russischer Besatzung bis zur Übergabe der Verwaltung an die Polen im Mai 1945.


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