Nr. 71: Flucht nach Pommern und zurück nach Danzig, Seetransport nach Dänemark.

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Erlebnisbericht des Landwirts Johannes Wiens aus Altfelde, Kreis Ma r i e nburg i. Westpr.

Beglaubigte Abschrift, 26. August 1952.

Als am Abend des 23. Januar 1945 russische Panzer in Elbing eingedrungen waren, entschlossen wir Altfelder uns, ebenso auch die Nachbargemeinden, unsere Heimat zu verlassen; einen offiziellen Räumungsbefehl hatten wir noch nicht, und in der Nacht vom 23. zum 24. Januar verließen die Treckwagen Altfelde, denen sich noch viele fremde Flüchtlingswagen, die in Altfelde Quartier gemacht hatten, anschlossen. Erst am 24. mittags passierte unser Treck die Nogatbrücke in Marienburg, da die Straßen vollständig verstopft waren und das Tempo ungemein behinderten, außerdem der zurückflutenden Wehrmacht das Vorfahrtsrecht eingeräumt werden mußte.

Wie der Treck an der Kreisleitung Marienburg vorbeifuhr, war diese immer noch der Meinung, daß wir zu früh losgefahren seien. Was hatte es uns genützt, daß monatelang vorher alles bis ins Kleinste ausgearbeitet worden war, der Abtransport der Viehbestände und Herdbuchherden, die Marschwege, Quartiere festgeigt usw., und nicht ein Stück Vieh aus dem ganzen Kreise Marienburg ist herausgekommen, ganz abgesehen von den Tausenden von Zentnern Getreide, die dort geblieben und den Russen verfielen. In der Zuckerfabrik lagerten noch ca. 40 000 Ztr. Zucker.

Volkssturmmänner, verschiedene ältere Leute, die keine Lust verspürten, sich auf die vereisten Straßen zu begeben, und sich nicht entschließen konnten, die Heimat zu verlassen, blieben zurück. Auch ich blieb mit meinem Melkermeister im Hof, um den Viehbestand notdürftig zu füttern und nach dem Rechten zu sehen.

Eine Panzerabwehrkompanie, ca. 140 Mann stark, hatte sich schon zwei Tage, von Osten kommend, in Altfelde einquartiert, und als am Mittag des 24. Januar von Posilge, aus Richtung Christburg kommend, vier russische Panzer gemeldet wurden, übernahm diese Truppe die Verteidigung an der Chaussee Notzendorf — Posilge. Das Gefecht begann ungefähr um 3 Uhr nachmittags, in dessen Verlauf auch die gemeldeten Panzer abgeschossen wurden.

Um diese Zeit verließen mein Melker und ich die heimatliche Scholle zu Fuß querfeldein in Richtung Jonasdorf—Schadwalde, um über die Nogat zu kommen. Vf. beschreibt im einzelnen die militärische Besetzung des Dorfes durch die Russen. Nachdem wir in Schadwalde etwas gegessen, gingen mein Melker und ich Richtung Kalthof—Dirschau, um unseren Treck einzuholen, den wir auch in Sobbowitz trafen. Herr Hauptmann Jacob mit seinen Kameraden schloß sich uns an bis Kalthof, wo ihr Troß lag. Als wir gegen Kaminke waren, wurde der Flugplatz Königsdorf gesprengt.

Der ganze Treck der Gemeinde Altfelde war auseinandergerissen, aber jeder kannte ja das Ziel, Kreis Karthaus. In Neusitz wurden wir von einem


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Schneesturm, der zwei Tage anhielt, überrascht und mußten dort vier Tage bleiben, bis die Straßen wieder fahrbar waren. Dann fuhren wir bis Kamehlen, rasteten wieder einige Tage und kamen dann in unser vorgesehenes Quartier nach Schmellen. Hier lagen wir untätig bis Ende Februar, als der Weitermarsch nach dem Westen hinter die Oder befohlen wurde. Die Trecks zogen weiter Richtung Lauenburg-Stolp und liefen dem Russen, der inzwischen über Schlawe bis zur Ostsee durchgestoßen war, direkt in die Arme. Wenn der Weiterzug nur acht Tage früher befohlen wäre, hätten die meisten ihre Fahrzeuge, Pferde und den nötigsten Hausrat hinübergerettet. So ging noch das Letzte verloren, und die Russen machten reiche Beute. Arbeitsfähige Männer, die noch beim Treck waren, und viele junge Frauen und Mädchen verschleppten die Russen, u.a. Landwirt Winter, Otto Schwarz, Martha Warsen, Lotte und Anna Hermann aus Altfelde. Alles andere wurde zu Fuß in die Heimat zurückgeschickt, da Pferde und Wagen von den Russen beschlagnahmt wurden. —

Mittlerweile hatten die Russen den Ring um Danzig geschlossen, und uns blieb nur der Weg nach Danzig offen, das wir dann auch auf Umwegen über Neustadt erreichten, weil Karthaus am 9. März schon von den Russen besetzt war.

Von Danzig konnten wir am 18. März mit Dampfer „Westpreußen” mit noch ca. 5000 anderen Flüchtlingen nach Dänemark fahren. Hier wurden wir nach der Kapitulation interniert und kamen Ende Januar 1947 mit einem Flüchtlingstransport nach Ristissen in die französische Zone. —