Nr. 72: Zusammentreffen mit russischen Truppen in Pommern.

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Erlebnisbericht von Frau Frida Volckmann aus Dambitzen, Kreis Elbing i. Westpr.

Original, März 1951.

Vfn. berichtet über ihre Flucht nach Pommern. Den Lastwagen, den sie dazu benutzte, beschlagnahmte eine Parteidienststelle. Dennoch versuchte sie, in westlicher Richtung weiter zu fliehen. Aber:

Der Vormarsch der Russen war inzwischen über Schneidemühl und Stargard soweit gelungen, daß ich nicht mehr über Stettin nach Westen konnte, zumal mein Lastzug weg war und ich mit den Meinen bewegungsunfähig war. Im letzten Augenblick holte ich mir meinen Lastzug in Lauenburg, konnte aber nicht mehr nach Danzig durchbrechen, da die Russen uns bei Neustadt überflügelten. Wir wurden restlos unseres Eigentums beraubt und ausgeplündert. In fußhohem Schnee bei starkem Frost gelang es uns, in einer Tannenschonung uns zu verbergen. Nach drei Tagen und Nächten erklärten die Frauen, nicht länger im Walde der Kinder wegen bleiben zu können, und so mußten wir auf die von Russen bevölkerte Chaussee. Es blieb uns kein anderer Weg, als zurück nach Occalitz. Ein Bauer aus dem Kreis Pr. Holland, der meinen Mann kannte und auch denselben Weg hatte, nahm meine Schwiegertochter und die Kinder auf seinen Wagen. In jedem Dorf


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wurden wir von den Russen mehrfach angehalten, durchsucht, und immer wieder fanden sie etwas, was sie zu brauchen glaubten, so auch unsere Kleider und Mäntel. Im dritten Dorf wurde mein Mann gefangen genommen und abgeführt. Mein Mann konnte mir nur noch zurufen: „Geht nach Occalitz zurück!”

Wir sind dann mit dem Bauern aus Pr. Holland weitergefahren. Auf dem Wagen lag die Tochter des Bauern, die die Russen während der Fahrt und beim Halten in den Dörfern mehrfach vergewaltigt hatten, und ihr, als sie sich wehren wollte, in den Rücken geschossen hatten. Der Mutter der Schwerverwundeten, die ihrer Tochter zu Hilfe kommen wollte, wurde durch die Hand geschossen. Meine Schwiegertochter und die Frau eines Danziger Kaufmanns, die sich uns angeschlossen hatte, wurden während der Fahrt von aufspringenden, jungen, russischen Soldaten mehrfach vergewaltigt und das in Gegenwart der sterbenden jungen Frau, der erwachsenen Tochter der älteren Danziger Dame und der anderen Personen. —

In Occalitz konnten wir nicht auf den Gutshof, da dort die Russen hausten. Wir fuhren deshalb nach der ca. l km entfernten Revierförsterei, wo wir den alten Revierförster Täger mit Frau und zwei verheirateten Töchtern und deren Kindern sowie eine Menge Flüchtlinge und Frauen und Mädchen aus dem Dorf antrafen. Die Russen erschienen jeden Abend, holten sich mehrfach eine Anzahl Frauen und Mädchen bis zu den jüngsten herunter, die mehrfach täglich geschändet wurden. Am vierten Tage erschienen plötzlich vier deutsche versprengte Soldaten, die sich Lebensmittel holen und sich verbergen wollten. Unglücklicherweise kam zur gleichen Zeit eine russische Patrouille, die einen der Deutschen sofort erschoß und die andern gefangennahm. Nun wurden die Russen noch rabiater, und die zahlreichen Frauen und Mädchen waren vor Angst vor den Gewalttaten der Russen halb irrsinnig. Ein Teil der jüngeren Frauen und Mädchen begingen bereits Selbstmord.

Dem Revierförster wurde, da er sich nach Ansicht der Russen stark spionageverdächtig gezeigt habe, mit Räumung des Hauses und Schlimmerem gedroht, so daß er alle Anwesenden aufforderte, die Försterei zu verlassen, zumal er und seine Familie beschlossen hätten, in den Tod zu gehen. Die eine Tochter, eine Ärztin, habe sich bereits mit ihren beiden Kindern vergiftet. Wer sich erschießen lassen wolle, für den sei eine Kugel auch da. Andernfalls müsse das Haus sofort geräumt werden. Es sind in der Försterei allein 62 Menschen von dem Gut und Dorf Occalitz daraufhin durch Ertränken in dem See, durch Erschießen durch den Revierförster Täger, durch Gift und durch Erhängen in den Tod gegangen. Zwei alte, überlebende Frauen, die Frau des Schmiedemeisters und des Treckerführers des Gutes haben meinem Mann erzählt, daß sie ein Massengrab hätten graben müssen und die Toten beerdigen, daher konnten sie meinem Mann, als er nach seiner Entlassung aus dem russischen GPU. nach Occalitz kam, um nach uns zu forschen, sagen, daß wir nicht, wie ihm im Nachbarort gesagt worden war, in der Försterei umgekommen wären. Wir hatten sofort nach der Aufforderung Tägers mit zwei Damen aus Ostpreußen zusammen, einer Frau Schmeling und Mutter, nebst einer kleinen Nichte die Försterei verlassen, um aus dem Bereich des Schreckens zu kommen.


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