Nr. 73: Flucht in westlicher Richtung über Pr. Stargard, später nördlich nach Danzig. Zusammentreffen mit den Russen und Rückkehr in die Heimat.

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Erlebnisbericht der Kaufmannsfrau Charlotte Hedrich aus Rospitz , Kreis Marienwerder i. Westpr.

Original, 27. Januar 1952, 5 Seiten. Teilabdruck.

Am 22. Januar 1945 verließ ich mit unserem Treck das kleine Dorf Rospitz bei Marienwerder. Mein Mann wurde zum Polizeidienst bestimmt und mußte zurückbleiben. Ich fuhr mit einer Familie, die bei uns wohnte, und einem Polen in die kalte Winterlandschaft hinaus. Es herrschte Glatteis, und schon nach kurzer Zeit gab es zerbrochene Wagen und Verletzungen bei den Pferden. Wir kamen trotzdem gut weiter und übernachteten in einer Molkerei, deren Besitzer auch schon geflüchtet war. Die Räume waren von Leidensgenossen überfüllt. Eine junge Frau war wahnsinnig geworden und versuchte, sich und ihre Kinder umzubringen, und wir hatten Mühe, sie davon abzuhalten. Es war die erste Schreckensnacht.

Ganz früh ging es weiter der Weichsel zu, doch erst am 24. Januar waren wir so weit, da die Straßen verstopft waren. Nie hätte ich mit den fremden Leuten die Überfahrt über den steilen Weichseldamm gewagt, doch plötzlich stand mein Mann vor mir, und alles ging gut. Wir hatten nun jenseits der Weichsel in einem Bahnwärterhaus Unterkunft gefunden, doch schon nach einer Stunde gab es russischen Artilleriebeschuß und die ersten Verwundeten, wir sahen Feuerschein in Marienwerder. So mußten wir dann wieder in die kalte Nacht hinaus und fuhren stundenlang durch einen tiefverschneiten Wald und mußten im Freien übernachten, da sonst nirgends Platz war. Am anderen Tag fanden wir endlich in einem Bauernhause Unterkunft und waren gezwungen, zwei Tage zu rasten, da die junge Frau und ihr zwei Monate altes Kind auf unserem Wagen krank wurden. Dadurch kamen wir von unserem Treck ab. Im größten Schneegestöber mußten wir weiter und sahen Pr. Stargard unter Bombenhagel in Flammen aufgehen und entkamen 10 Minuten vor dem Großangriff auf den Schönecker Bahnhof, dem ein langer Verwundetenzug und viele Flüchtlinge zum Opfer fielen. Schaurig tönten die Schreie der Menschen durch den frühen Morgen, und viele irrten halb entkleidet auf den Feldern umher. Die Straßen waren plötzlich von Militär überflutet, und wir wurden mitgetrieben. Dann wurde uns das Fahren bei Tage verboten, und wir mußten nachts fahren, und tagsüber gab es keine Unterkunft. Immer sehe ich noch den Blick unserer braven Pferde vor mir, als wollten sie fragen: „Wann kommen wir in unseren Stall?” Endlich nahm uns ein großes Gut auf, wo wir fast eine Woche ausruhen konnten. Die Familie mit dem kleinen Kind übernahm ein Wehrmachtsauto.

Noch zweimal machten wir längere Rast im Freistaat Danzig und bei Karthaus. Als wir dort durch einen Wald fuhren, bot sich uns ein grauenvoller Anblick. Die Straße war von Wagentrümmern und toten Pferden übersät, die Leichenfetzen hingen bis auf die Bäume. Unsere Pferde rasten bis zum nächsten Ort. Dort hörten wir, daß ein großer Treck von russischen


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Bombern total aufgerieben worden war. Vierzig Tote waren schon beerdigt, und viele Schwerverletzte lagen im Sterben.

In Karthaus mußten wir eine Nacht auf einem freien Platz übernachten. Die Pferde standen bis an die Knie im Schneematsch, hatten sich dann vor Müdigkeit hingelegt. Als es gegen Morgen fror, waren sie festgefroren. Als ein alter ostpreußischer Bauer seine Pferde so sah, war er so verzweifelt, daß er weinte. Er bekam Herzschlag und fiel neben seinen Pferden tot hin.

Ich suchte eine Baracke auf, um etwas Kaffee zu besorgen; doch da waren gerade die Überlebenden vom Haff angekommen, und es spielten sich so furchtbare Szenen ab, daß ich das Kaffeeholen aufgab und fortging. Etwa 30—40 km vor Danzig machten wir wieder längere Rast. Mein Mann hing zu sehr an der Heimat und wollte sich nicht zu weit entfernen. Das wurde ihm zum Verhängnis. Wir wurden von Russen eingeholt, im Keller unserer Wertsachen beraubt und mit ungefähr 20 Menschen eingeschlossen, während es draußen tobte, als wenn die Welt unterging. Plötzlich bekamen wir unsere Freiheit wieder, und bei stärkstem Sperrfeuer liefen wir 2 ½ Stunden über tiefverschneiten Sturzacker und überquerten schließlich die Hauptstraße, die von den Russen überflutet war. — Wir wollten wieder in die Heimat. In einem Hohlweg hielten uns einige Russen an, und mein Mann mußte mitgehen. Als er sich von mir verabschieden wollte, wurden wir mit Kolbenschlägen der Russen auseinandergetrieben, und ich mußte zurückbleiben. Mein Mann rief mir noch zu: „Gehe nach Hause und warte auf mich!” Es war der 13. März 1945, und ich sah meinen Mann zum letzten Mal.

Ich versuchte nun, die Vorauseilenden einzuholen, doch erst am späten Abend erreichte ich den Trupp am Waldesrand. Wir wollten zur Försterei, da wir hofften, keine Russen vorzufinden. Doch plötzlich ertönte ein vielstimmiges „Stoi”, und Gewehrläufe blitzten uns entgegen. Gleich darauf hörte ich die Frauen vorne aufschreien und Schüsse fallen, und um den Russen nicht in die Hände zu fallen, lief ich allein in den Wald. Da noch immer geschossen wurde, lief ich wie gehetzt immer weiter, bis ich erschöpft in einem Tannendickicht liegen blieb.

Als es zu tagen anfing, suchte ich nach einer Lichtung, vermied die Hauptwege, und erst als es Abend wurde und ich schon damit rechnete, die zweite Nacht im Walde zu verbringen, hörte ich Hähne krähen, ging dem Schall nach und sah zwei Gehöfte vor mir liegen. Es regnete. Hungrig, total zerrissen und zerkratzt und von Angst gepeinigt, daß es Polen sein könnten, schlich ich mich auf ein Gehöft und bat um Unterkunft für die Nacht. Sie wurde mir gewährt. Der Besitzer, ein Bessarabien-Deutscher, war auch schon beim Packen, man erwartete jeden Augenblick die Russen und den früheren Besitzer, einen Polen. Beide trafen auch ein, die Russen plünderten und erschossen Zuchtvieh usw., trotzdem der Pole kniefällig um Schonung für das Vieh bat. Bei dem Bessarabien-Deutschen bedankte er sich für die gute Wirtschaft, die noch verbessert worden war. Ich stellte mich den Russen gegenüber stumm und blieb unbehelligt.

Am frühen Morgen zogen die Familie mit sieben Kindern und ich wieder auf die Landstraße hinaus. Wir trafen noch mehrere Flüchtlinge, diese wurden dann im Wald von den Russen ausgeplündert (Ich besaß nichts mehr). Wir kamen wieder in ein ehemaliges englisches Gefangenenlager in Karthaus.


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Dort waren schon mehrere Leidensgefährten. Wir mußten schwer arbeiten, Russenwäsche waschen und erhielten dafür die Speisereste der Russen. Drei Wochen furchtbaren Erlebens brachten wir dort zu, von Ungeziefer gepeinigt, ohne Trinkwasser und nachts ohne Schlaf. Türen und Fenster wurden eingeschlagen, und wir waren rettungslos diesen Bestien ausgeliefert. Nie werde ich das Wehgeschrei einer jungen Lehrersfrau vergessen, die unterwegs ihr erstes Kind geboren und an der Brust operiert war. Immer wieder rissen die Russen ihr den Verband ab, da sie Tarnung vermuteten, trotzdem die Schwiegermutter kniefällig um Gnade bat. Ein Bauer aus Ostpreußen, dessen Frau unterwegs verstorben war, hatte drei Töchter. Die jüngste Tochter war 13 Jahre alt. Er warf sich immer wieder den Russen entgegen, um seine Kinder zu schützen. Da beseitigten ihn diese Unmenschen, wir sahen ihn nie wieder. Die Frauen wurden besinnungslos geschlagen, um sie gefügig zu machen, sogar alte Frauen über 80 Jahre waren dabei. Eines Nachts kamen 30 Mongolen, total betrunken — es ist nicht wiederzugeben, was sich da abspielte. Ich wurde stets vor dem Ärgsten bewahrt, da ich keine Furcht zeigte und die Gefahr mir ungeahnte Kräfte gab. Wenn auch die Pistole mir auf die Brust gesetzt wurde, ich gab nicht nach — was hatte ich denn noch zu verlieren!

Dann kamen zwei furchtbare Tage, an denen die Polen die Herrschaft hatten. Es war am Karfreitag 5 Uhr früh. Vier Miliz, fanatische Burschen, holten uns vom Lager zur Arbeit. Zehn Frauen wurden gebraucht — ich als erste. Als sie dann zählten, war eine zu viel, und ich wurde als Älteste zurückgestellt. Die anderen Frauen wurden ohne Essen in den rauhen Regentag hinausgetrieben. Die Männer, alte ostpreußische Bauern, mußten unter Fußtritten mit den Händen die Aborte leeren. Wir Zurückgebliebenen waren glücklich, bei der Wäsche bleiben zu dürfen. Als es dunkel wurde, waren wir um die Frauen sehr besorgt. Die Kinder weinten, und da es immer später wurde, zweifelten wir an dem Zurückkommen. Endlich, kurz vor Mitternacht, kamen sie völlig durchnäßt und verhungert an. Das von uns aufgesparte Essen verschmähten sie und warfen sich todmüde, weinend auf ihr armseliges Lager. Viele fanden nicht einmal die erlösenden Tränen, sie waren wie versteinert. Zwei Frauen bekamen Krämpfe, und drei andere bekamen Schüttelfrost und lagen am nächsten Tag im hohen Fieber, eine starb davon. Die Polen hatten sie 20 km bis kurz vor Berent getrieben, dort mußten sie Stämme schlagen und die Straßen ausbessern. Sie waren den ganzen Tag ohne Nahrung geblieben, und abends mußten sie wieder die 20 km zurückgehen. Wer die Arbeit nicht schaffte, wurde schwer mißhandelt. Dieses meldeten wir einem höheren russischen Offizier, und die Polen blieben fort. An Ostern denke ich auch mit Schaudern zurück.

Jeder Tag brachte neues Leid, bis drei ostpreußische Familien und die vorhin erwähnte Bessarabien-Familie und ich zu flüchten beschlossen. Mit einer Drahtschere wurde der Stacheldraht durchschnitten, und wir kamen ungesehen fort. Doch schon in der Stadt wurden wir angehalten und mußten die russische Kommandantur säubern, bekamen Essen und durften weitergehen. Im Wald suchten wir Deckung und versuchten, die Dörfer mit den Polen zu umgehen, aber immer wieder wurden wir aufgegriffen und mußten arbeiten. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit flohen wir wieder, bis


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wir nach Dirschau kamen. Wollten wir in die Heimat, mußten wir über die Weichselbrücke, und die war zerschossen. Zwei Tage lang trieben wir uns in der Nähe in Bunkern herum, und endlich hatten wir Glück. Eine Fähre wurde in Betrieb gesetzt. Wir konnten uns heraufschleichen und wurden übergesetzt. Unsere Freude war unbeschreiblich. Lachend und weinend umarmten wir uns, denn der Weg zur Heimat war frei — so glaubten wir. In Marienburg wurden wir einen Tag aufgehalten. Wer noch deutsches Geld besaß, mußte es abliefern, dann erhielten wir Ausweise. Bis kurz vor Stuhm wanderte ich mit den Ostpreußen zusammen. Von dort ging ich allein durch den Wald nach Marienwerder. Im Stuhmer Wald wäre ich fast das Opfer eines Irrsinnigen geworden, da kam ein russischer Wagen und befreite mich.

Am 20. April abends wanderte ich bei strömendem Regen durch das zerstörte Marienwerder, ging den Liebendamm entlang bis zu meinem Dorf. Die Hälfte der Häuser war abgebrannt, darunter auch unser Haus. (Bemerken möchte ich noch, daß die Häuser nicht durch Kriegsereignisse zerstört waren, sondern, wie ich selbst später sah, schossen betrunkene Russen sie beim Feiern ihrer Orgien in Brand.) Aus den unversehrten Häusern wehten rote Fahnen. Unbemerkt schlich ich mich an unsere Ruine in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von meinem Mann vorzufinden — doch nichts. Als es völlig dunkel war, suchte ich die Häuser ohne rote Fahne auf, und zu meiner großen Freude entdeckte ich Bekannte, von denen ich hörte, daß ungefähr zwanzig Familien zurückgekehrt waren.

Abschließend berichtet Vfn. über ihre Erlebnisse unter Russen und Polen.