Nr. 75: Die Entwicklung der militärischen Lage in der „Festung Danzig”, das Verhältnis von Partei und Wehrmacht sowie die Situation der flüchtenden deutschen Bevölkerung.

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Bericht des Journalisten Friedrich v. Wilpert aus Danzig, ehemals Rittmeister und Ordonnanzoffizier des Befehlshabers im Raum Danzig-Gdingen.

Original, Februar 1953. Der Bericht stützt sich auf Tagebuchaufzeichnungen.

Um die Jahreswende 1944/45 war es allen Einsichtigen klar, daß die Übermacht der sowjetischen Heere mit den uns zur Verfügung stehenden militärischen Kräften nicht aufgehalten werden könne; die deutsche 2. Armee, die für die Verteidigung Westpreußens in Frage kam, hatte keine Aussicht mehr, von Westen her Ersatz zu bekommen. Andererseits setzte der Russe nach und nach nicht weniger als 10 kampfkräftige Armeen, darunter erstklassige Panzer-Armeen, gegen die 2. deutsche Armee ein. Eine geringe Aussicht, den Danziger Raum noch für einige Zeit zu schützen, hätte sich dann geboten, wenn die oberste Führung sich entschlossen hätte, von vornherein die 2. Armee auf Danzig zurückzunehmen und sie dort gewissermaßen in einer Igelstellung mit Nachschubmöglichkeiten über See zu belassen. Dann hätten die in Ostpreußen und Kurland stehenden Armeen über See nach Danzig zurückgeführt werden können, und es wäre den Russen nicht ganz leicht geworden, diese Igelstellung an der Weichselmündung zu überwältigen.

Die oberste Führung aber entschied anders: Die 2. Armee wurde wie ein Gummiband auseinandergezogen, um den gegen Berlin vorstoßenden russischen Kräften Flankenschwenkungen nach Norden gegen Westpreußen und Pommern zu verwehren. Diese Aufgabe war unlösbar, denn der Russe konnte, wo er wollte, die auseinandergezogenen dünnen deutschen Linien durchstoßen und die Armee aufspalten. Das geschah denn auch prompt. Anfang März 1945 stieß der Russe östlich von Köslin bis über die Bahn vor und verwandelte damit Westpreußen mit Ostpommern in einen Kessel, dessen Verbindung mit dem Reich nur noch über See möglich war. Einige Tage später folgte ein tiefer Einbruch in Richtung Pr. Stargard, das nach Straßenkämpfen genommen wurde.

Nun versuchte die Führung der 2. Armee (Generaloberst Weiß), die Reste der Armee doch noch in den Danziger Raum zurückzuführen. Die Durchführung begegnete aber größten Schwierigkeiten, da nicht mehr genügend Treibstoffe vorhanden waren, um Panzer, Sturmgeschütze usw. zu versorgen. Viele dieser schweren Waffen mußten daher gesprengt werden. Als an den Feldbefestigungen des äußeren Verteidigungsrings von Danzig—Gotenhafen die ersten Panzer auftauchten, waren sich die Verteidiger durchaus im unklaren darüber, ob es sich um zurückgehende deutsche Panzer oder angreifende sowjetische handelte, denn vielfach waren die russischen Panzer den


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deutschen Trossen und der zurückgehenden deutschen Kampftruppe weit voraus — ein heilloses Durcheinander, das sich nur unter schwersten Verlusten unsererseits allmählich klärte.

Im Bereich der zu Festungen erklärten Städte Danzig und Gotenhafen (Gdingen) gab es außer dem Volkssturm eigentlich nur Genesungskompanien, im Erdkampf eingesetzte Marine und andere Formationen, deren Kampfkraft sehr gering war. Dazu wurden noch kampffähigere Formationen wie die „Feldherrnhalle” weniger aus militärischen als politischen Gründen auf dem Seewege von Danzig abgezogen, um mit ihnen im Reich neue Truppenverbände aufzustellen. General der Infanterie Specht, der Befehlshaber im Festungsbereich, war darüber verzweifelt; seine Einwendungen blieben aber erfolglos. So hatte er u. a. von vornherein schwerste Bedenken gegen die Erklärung von Danzig und Gotenhafen zu Festungen, denn alle Voraussetzungen dafür fehlten. Weit zweckmäßiger wäre es gewesen, die kämpfende Truppe auf die Weichsellinie zurückzunehmen und im Verein mit den ostpreußischen Truppen das Weichsel-Nogat-Delta und die weiter östlich gelegenen Landstriche unter Zuhilfenahme von Überschwemmungen der tiefliegenden Gebiete zu halten. Alle diese Vorschläge stießen auf Ablehnung. Die Festungen Danzig—Gotenhafen sollten laut Führerbefehl bis zum letzten gehalten werden.

Nicht nur Deutsche, sondern auch Ausländer wurden eingesetzt, um rings um Danzig Gräben auszuheben und Panzersperren anzulegen. Die Verpflegung dieser Arbeiter war sehr mangelhaft, ebenso ihre Unterbringung und Bekleidung. Das Wetter war bis weit in den März hinein winterlich und sehr kalt. Alle irgendwie verfügbaren Räumlichkeiten waren, soweit die Truppe sie nicht benötigte, mit Flüchtlingen, Fremdarbeitern undVerwundeten belegt. Beim Herannahen der Front aus dem Osten gegen das Weichsel-Nogat-Delta waren die dort befindlichen Ortschaften zum größten Teil evakuiert worden, und in bitterkalten Tagen auf schneeverwehten Wegen hatten die Trecks ihre Fahrt nach Westen angetreten. Sie folgten den z. T. bereits vorher abgegangenen ostpreußischen Trecks, kamen aber nicht weit. Trecks aus der Gegend von Neuteich und Tiegenhof gelangten nur bis in die Gegend von Mariensee und blieben dort wochenlang liegen, bis die vorstoßenden russischen Panzerspitzen sie zur Flucht nach Danzig hinein nötigten, um, wenn möglich, mit einem Schiff nach dem Westen zu gelangen. Dadurch verschlechterte sich die Ernährungslage im Danziger Gebiet schlagartig.

Wieviel Menschen sich damals in Danzig aufhielten, hat sich niemals zuverlässig feststellen lassen. Am 17. März wurde eine Volkszählung veranstaltet, die aber natürlich nur sehr unzureichend durchgeführt werden konnte. Der Gauleiter schätzte damals die Bevölkerung des Brückenkopfes Danzig-Gotenhafen auf 600 000 bis etwa l Million Menschen. Da es nicht gelungen war, die fruchtbaren landwirtschaftlichen Gebiete im Werder und in der Niederung in die Verteidigungszone einzubeziehen, reichten die Vorräte im Festungsbereich selbst natürlich nicht aus, um eine monatelange Belagerung — selbst wenn diese militärisch möglich gewesen wäre - durchzuhalten. Anfang März lagen in Danzig selbst rund 16 000 Verwundete, im gesamten Festungsbereich rund 20 000. Täglich kamen aus Ostpreußen und Kurland rund l 000 Verwundete hinzu und weitere rund 800 aus West-


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preußen. Ein Teil von ihnen wurde zusammen mit Flüchtlingen täglich über See weggeschafft, aber der Zugang war erheblich größer als der Abgang.

Unvergeßlich wird mir der Eindruck sein, den ich Ende Januar gewann, als ich meine Frau und meine jüngste Tochter an Bord der „Deutschland” brachte, die mit Flüchtlingen überfüllt auf den Befehl zum Auslaufen wartete. Dieser für den 30. Januar erwartete Befehl verzögerte sich, weil die am Vortage aus Gotenhafen ausgelaufene „Wilhelm Gustloff” einem sowjetischen Unterseeboot zum Opfer gefallen war. Die Flüchtlinge an Bord der „Deutschland” und zweier anderer gleichgroßer Schiffe wußten nichts davon. Nur die militärische Führung war unterrichtet.

Ein eisiger Wind, der den Schnee aufwirbelte, pfiff über die Holm-Insel im Danziger Hafen und über den Troyl, wo die Flüchtlingsschiffe lagen. Der Abend brach herein; der kilometerlange Weg zum Troyl war gekennzeichnet durch übermüdete, verzweifelte Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, die nicht weiter konnten, sich auf ihre mitgeschleppten Koffer oder Rucksäcke in den Schnee setzten und auf irgendeine Hilfe warteten. Andere zogen ihre in Säcken verstauten Habseligkeiten an Stricken wie einen Handschlitten hinter sich her. Eine Tragödie, die umso erschütternder war, als man nur ab und zu ein leises Wimmern hörte, sonst aber nur der eisige Wind pfiff und heulte. Mit der „Deutschland” wurden u. a. die Angehörigen des Lehrkörpers der Technischen Hochschule und die Frauen und Kinder der in Danzig befindlichen Stäbe fortgeschafft. Die „Deutschland” landete unbehelligt in Kiel; sie ist erst später versenkt worden.

In den ersten Märztagen hatte das Generalkommando des stellvertretenden XX. A. K. (General Specht) die Kaserne am Weißen Turm in Danzig verlassen und war in das Gebäude der polnischen Marine-Schule in Adlershorst übergesiedelt. Am 18. März ging es hinüber in die Bunker an der Spitze von Hela, wohin später auch der Führungsstab der 2. Armee folgte. Generaloberst Weiß war inzwischen durch General von Saucken ersetzt worden. Das Hauptquartier von Weiß befand sich zunächst in Pelonken bei Oliva, wurde dann nach der Westerplatte und nach Bohnsack verlegt, konnte aber natürlich auch dort nicht bleiben, als Danzig in Flammen aufgegangen war.

Am 22. März erreichten die sowjetischen Truppen über Groß-Katz das Meer zwischen Adlershorst und Zoppot. Damit war die „Festung Gotenhafen” von der „Festung Danzig” getrennt. Der Endkampf beider „Festungen, die keine waren”, vollzog sich von nun an gesondert. Am 24. März 1945 ließ der russische Marschall Rokossowski ein Flugblatt aus der Luft über Danzig und Gotenhafen abwerfen, in dem es hieß:

Marschall Rokossowski

an die Garnisonen von Danzig und Gdingen Generale, Offiziere und Soldaten der 2. deutschen Armee!

Meine Truppen haben gestern am 23. März Zoppot genommen und die eingeschlossene Kräftegruppe in zwei Teile aufgespalten. Die Garnisonen von Danzig und Gdingen sind voneinander getrennt. Unsere Artillerie beschießt die Häfen von Danzig und Gdingen und die Einfahrten zu denselben. Der eherne Ring meiner Truppen um Euch verengt sich immer mehr.


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Unter diesen Umständen ist Euer Widerstand sinnlos und wird nur zu Eurem Untergang sowie zum Untergang von Hunderttausenden Frauen, Kindern und Greisen führen.

Ich fordere Euch auf:

1. Unverzüglich den Widerstand einzustellen und Euch mit weißen Fahnen einzeln, gruppen-, zugs-, kompanie-, bataillons- und regimentsweise gefangenzugeben.

2. Allen, die sich gefangengeben, garantiere ich das Leben und die Belassung des persönlichen Eigentums.

Alle Offiziere und Soldaten, die die Waffen nicht strecken, werden bei dem bevorstehenden Sturm vernichtet.

Euch wird die volle Verantwortung für die Opfer der Zivilbevölkerung treffen.

Der Befehlshaber der Truppen der 2. Bjelorussischen Front Marschall der Sowjetunion K. Rokossowski Den 24. März 1945. (Original vorhanden)

Die Antwort darauf kam aus dem Führerhauptquartier in der Nacht vom 24. zum 25. März, dem Palmsonntag: „Jeder Quadratmeter des Raumes Danzig/Gotenhafen ist entscheidend zu verteidigen.” Dieser Befehl des Führers war das Todesurteil für Danzig. Schweres Artilleriefeuer lag auf der Stadt, zweimotorige russische Bomber warfen ihre Spreng- und Brandbomben in die engen Straßen. Mehrere Tage lang stand eine Wand aus Rauch und Feuer 4—5000 Meter hoch über Danzig. Im Hafen erhielten zwei Munitionsdampfer Artillerietreffer und brannten unter ständigen Explosionen aus. Der Danziger Hafenkanal wurde durch Versenkung eines großen Schiffes gesperrt, nachdem alle noch manövrierfähigen Schiffe ausgelaufen waren. Am 26. März wurden auch die Hafenanlagen in Gotenhafen gesprengt bzw. durch Versenkung von Schiffen unbrauchbar gemacht.

Die Oxhöfter Kämpe bei Gotenhafen, auf der sich beim Ausbruch des zweiten Weltkrieges die Polen verzweifelt gewehrt hatten, bis sie überwältigt wurden, sah jetzt den Endkampf der deutschen Truppen im Raum von Gdingen. Die Übermacht der russischen Artillerie war so groß, daß jeder Widerstand aussichtslos wurde. Es gelang in einer Nacht, die letzten Reste der in Oxhöft fechtenden Truppen nach Hela herüberzuholen. Damit war auch dieser Teil der Tragödie abgeschlossen.

Daß der Festungsbereich Danzig-Gotenhafen sich verhältnismäßig lange hat halten können, ist nicht nur auf anderweitige Dispositionen der russischen obersten Führung, sondern nicht zuletzt dem Einsatz der Marine-Flak im Erdkampf zu danken. Danzig-Gotenhafen war der „Luftschutzbunker der Marine”, wo monatelang die deutschen Kriegsschiffe eine fast ungestörte Zuflucht gefunden hatten. Die Flak in diesem Raum war sehr stark. Sie wurde nun zur Abwehr eingesetzt und hat gegen die russischen Panzer verheerend gewirkt. Mitte März erklärten mir russische Gefangene vom 1. Garde-Panzer-Corps, daß die 17. Brigade mit 35 Panzern von Heiderode aus vorgegangen sei. Jedes Bataillon habe damals noch 10 bis 12 Panzer (von ur-


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sprünglich 20 Panzern) gehabt, jetzt habe ihr Bataillon nur noch 3 heile Panzer, und die 16. Brigade, die mit ihnen zusammen vorgegangen sei, sei vollständig aufgerieben worden. Auch die Bedienung russischer Granatwerfer berichtete entsetzt, daß sie gegen die deutsche Flak, die unheimlich sicher getroffen hätte, nichts Gleichwertiges einzusetzen gehabt hätten.

In die Kämpfe um Zoppot, Danzig und Gotenhafen hat auch die Marine wiederholt eingegriffen. Am 15. März erhielt unser Stab eine Meldung der Marine, daß sie bis zu diesem Tage 5 600 Schuß aus den 12-cm-Geschützen und 19 000 Schuß aus den 10,5-cm-Geschützen abgefeuert habe.

Das Ende der Kämpfe im Raum von Danzig-Gotenhafen und an der Weichselmündung spielte sich wie folgt ab: Auf der Halbinsel Hela befanden sich nach der Aufgabe der Oxhöfter Kämpe annähernd 80 000 bis 100 000 Mann. Man hatte ursprünglich damit gerechnet, daß die Sowjet-Truppen in einem Großangriff die Halbinsel zu erobern versuchen würden, und zwar sollte das nach Aussage russischer Gefangener möglichst schon bis Ende März geschehen. In Wirklichkeit griff der Russe aber nicht an, und so gerieten bei der Kapitulation alle dort befindlichen Deutschen bis auf verhältnismäßig wenige, die auf allerlei kleinen Fahrzeugen sich über See zu retten vermochten, in sowjetische Gefangenschaft.

Auf der anderen Seite konzentrierten sich die deutschen Streitkräfte nach der Preisgabe Danzigs1) zwischen dem Haff und dem Weichsel-Durchstich. Von dort wurden bis zuletzt noch Flüchtlinge auf Sybelfähren und kleinen Fischerfahrzeugen nach Hela geschafft, dort auf der Außenreede von größeren Schiffen übernommen und nach Dänemark oder Schleswig-Holstein überführt. Die Truppe selbst geriet bei der Kapitulation in Gefangenschaft.

Das Verhältnis zwischen der NSDAP, und ihren Organisationen auf der einen Seite und der Wehrmacht auf der anderen Seite war ein gespanntes. Flüsterparolen der NSDAP, suchten die Verantwortung für den verlorenen Krieg auf „Verräter” in der Wehrmacht abzuwälzen, die angeblich die Pläne des Führers sabotiert hätten. Umgekehrt wuchs die Erbitterung der Truppe über das Verhalten gewisser führender Persönlichkeiten der Partei, die nach außen hin zwar den „Kampf bis zum Endsieg” propagierten und jeden für einen Verräter am deutschen Volk erklärten, der an diesem Endsieg zweifle oder sich den ihm auferlegten Verpflichtungen zu entziehen suche, die selbst aber gar nicht daran dachten, mit gutem Beispiel voranzugehen.

Verallgemeinerungen sind immer schädlich und irreführend. Es hat auch in der NSDAP, eine ganze Reihe von Männern und Frauen gegeben, die ihrem Ideal getreu sich selbst im Dienst für die Allgemeinheit aufgeopfert haben. Aber ausschlaggebend blieb doch das Verhalten der führenden Persönlichkeiten mit dem Gauleiter Forster an der Spitze. Ich hatte Gelegenheit, ihn auf Hela aus nächster Nähe zu beobachten, denn sein Sonderzug stand unmittelbar vor unserem Bunker, und jedes Mal, wenn die Halbinsel unter Beschuß lag oder ein Fliegerangriff kam, erschien der Gauleiter in unserem Bunker, „um sich nach der Lage zu erkundigen.” Als Gotenhafen zu einer wahren Hölle geworden war und verzweifelte Flüchtlingsmassen jede Gelegen-


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heit zu ergreifen suchten, um mit einem Schiff oder Boot das Land zu verlassen, da bekam Gauleiter Forster es fertig, ein solches Fahrzeug für sich mit Beschlag zu belegen, um noch seine Möbel abzutransportieren!1) Ein junger Marineoffizier weigerte sich dann allerdings, dem Befehl des Gauleiters zu folgen. Forster war ob dieser Weigerung empört und erklärte, der Marineoffizier werde schon noch merken, was es bedeute, sich gegen ihn, den Gauleiter, aufzulehnen.

Als über den Rundfunk die Weisung des Führers bekanntgegeben wurde: „Jeder Gauleiter kämpft bis zum letzten in seinem Gau”, da erklärte der Gauleiter dem General Specht, sein Gau sei ja jetzt in die militärischen Operationen restlos einbezogen, er habe daher hier keine Aufgabe mehr und werde den Führer bitten, ihn mit einem Sonderauftrag nach Süddeutschland zu beordern, wo er ja auch eigentlich zu Hause sei. General Specht war darüber so empört, daß er dem Gauleiter erwiderte: „Wir haben hier im Gegensatz zu Ihnen, Herr Gauleiter, noch sehr viel zu tun, nicht zuletzt auch mit dem Abtransport der Flüchtlinge. Sie gestatten, daß ich wieder an meine Arbeit gehe!”

Das Verhältnis zwischen NSDAP, und Wehrmacht wurde ferner sehr stark belastet durch die Werwolf-Propaganda und die Tätigkeit der nationalsozialistischen Führungsoffiziere, die für die Moral von Truppe und Bevölkerung zuständig war. Am Anfang der großen Allee in Danzig wurden Soldaten aufgehängt mit Plakaten wie etwa „Ich bin Dauerversprengter”, um abschreckend zu wirken. Wo es auf den mit Trossen und Flüchtlingswagen heillos verstopften Straßen zu Stockungen kam, wurden „Schuldige” herausgegriffen und aufgehängt. Wer sich vom Volkssturm drückte, wurde als „Verräter am deutschen Volk” und Deserteur behandelt. Dabei dachten aber die führenden Persönlichkeiten der NSDAP, durchaus nicht daran, sich auch im Volkssturm einzureihen; sie hatten alle die Gewißheit, im letzten Augenblick einen Platz auf einem Schiff zu erhalten, das sie in die Freiheit bringen würde. Der Gauleiter überreichte Anfang April General Specht auf Hela eine Liste, auf der eine ganze Reihe maßgebender Persönlichkeiten der NSDAP, aus der Begleitung Forsters verzeichnet standen, für die Specht die „Ausreisegenehmigung” erteilen sollte. Das war erforderlich nach den damals geltenden militärischen Bestimmungen. Nach außen hin hieß es, alle diese Männer wären kampfunfähig. In Wirklichkeit waren es fast durchweg kampffähige Männer, darunter u. a. sechs junge HJ-Führer, die z. T. als Offiziere Dienst taten.

Der „Werwolf” wurde von der Wehrmacht entschieden abgelehnt und als Verbrechen am eigenen Volk bezeichnet, weil die von ihm propagierte Heckenschützentaktik unweigerlich zu Repressalien unserer Gegner führen mußte. Der NSFO.2) unseres Stabes, ein junger Lehrer, erklärte ganz offen: „Wenn erst eine Reihe deutscher Geiseln als Vergeltung für die Werwolf-Taten umgelegt sein werden, dann werden auch die der NSDAP, ablehnend gegenüberstehenden einsehen, daß ihnen nichts anders übrigbleibt, als mitzumachen.”

Der Abtransport der Flüchtlinge erfolgte, solange wir noch die Häfen Gotenhafen und Danzig unter Kontrolle hatten, an Bord großer Schiffe, die


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in die Häfen selbst einfuhren. Die Verpflegung an Bord war gut und reichlich, die Unterbringung den Umständen entsprechend: in Kabinen, die für einen Deckoffizier beispielsweise bestimmt waren, lagen acht, zehn, ja, vierzehn Menschen und waren froh, wenigstens ihr Leben retten zu können. Als die Häfen verloren gingen, wurden die Flüchtlinge hauptsächlich von Nickelswalde — Schiewenhorst an der Weichselmündung eingebootet und nach Hela geschafft. Dort verbrachten sie meist einige Tage im offenen Hafengelände, hatten z. T. schwere Verluste durch Fliegerangriffe und durch Artillerie-Beschuß von der Küste, bis sie mit Sybelfähren auf die 2 bis 3 km außerhalb Helas ankernden Transporter geschafft werden konnten. Wiederholte Luftangriffe haben auch diesen Transportern gegolten. Hela war schließlich mit Menschen so überfüllt, daß die weittragenden Geschütze der Sowjets wahllos die Halbinsel abstreuen konnten und immer Treffer erzielten. Die Ernährungslage auf Hela war kritisch, aber es kam zu keiner Katastrophe, weil u. a. mehrere Tausend Pferde geschlachtet und aufgegessen wurden1).

Einen Überblick darüber, wieviele Flüchtlinge im Raum von Danzig-Gotenhafen und auf Hela durch Feindeinwirkung oder durch die Strapazen der Flucht ums Leben gekommen sind, wird man niemals zuverlässig gewinnen können. Nach der Besetzung Danzigs durch die Russen sind vor allem die dort befindlichen Frauen noch wochenlang mit der Bestattung menschlicher Leichen und tierischer Kadaver beschäftigt worden. Vergewaltigungen und Plünderungen waren an der Tagesordnung. Die Hoffnung, daß die Sieger Danzig und die Danziger anders behandeln würden mit Rücksicht auf die Freistaat-Vergangenheit, hatte getrogen. Eine ganze Reihe von Danzigern, die den Nationalsozialismus entschieden abgelehnt und den Verheißungen der feindlichen Rundfunkpropaganda, ihnen würde nichts geschehen, geglaubt hatten, nahmen sich, erschüttert durch die grausame Enttäuschung, die sie erleben mußten, das Leben.