Nr. 76: Fluchtereignisse auf der Frischen Nehrung (westpreußischer Teil), Schiffstransport über Hela nach Bornholm, Ausweisung nach Kolberg (Pommern) und Rückkehr in die Heimat.

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Bericht des ehemaligen Bürgermeisters von Kahlberg (Frische Nehrung), Kreis E l b i n g i. Westpr., Helmut Mietz.

Original, 26. Juni 1952.

Am Abend des 23. Januar erreichte uns die letzte Nachricht von Elbing: Der Russe ist in der Stadt.

In der Nacht kamen die Flüchtlinge aus dem gegenüberliegenden Tolkemit über das Eis. Die ersten Tragödien begannen sich abzuspielen, als ein Eisbrecher der Fa. Schichau durch die dicke Eisdecke des Frischen Haffes eine Fahrrinne brach, um noch mit einigen anderen Schiffen in die See zu gelangen. Über die Fahrrinne wurden schmale Bretter gelegt, über die gerade immer eine Person gehen konnte. Alles andere blieb auf der anderen Seite liegen und stehen, denn die Stege durften nicht belastet werden.


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Doch der Herrgott hatte Einsehen. Wenn es auch hart war, daß er so eine Kälte schickte, aber er baute doch damit eine Brücke über das Wasser. Ohne diese Brücke wären doch Millionen nicht mehr aus Ostpreußen gekommen, da dadurch, daß Elbing so schnell in die Hände der Russen gelangte, dieser Weg ins Reich vollständig gesperrt war. Diese Brücke wurde vielen das Grab und vielen der Weg ins Ungewisse1).

Am 26. Januar wurde die Bevölkerung von Kahlberg-Liep mit Kriegsschiffen abgeholt. Die Abschiedsstunde hatte also schnell geschlagen. Die See war ruhig, als wäre sie mit der Einschiffung einverstanden, und sie begann dann auch gleich am Vormittag. Aber auch noch am späten Nachmittag wurden Nachzügler zu den Schiffen gebracht, die sich bis dahin nicht entschließen konnten, die Heimat zu verlassen und dann es doch taten, da schon erste Nachrichten aus Tolkemit eintrafen, daß der Russe dort auch schon war. Die See war inzwischen unruhig geworden, als hätte sie die Geduld verloren, immer noch mehr Leid und Abschiedsschmerz auf ihren Schultern hinwegzutragen. Gegen Abend wurde dann losgemacht. Noch einmal standen sie alle an der Reling. Die alten Fischer mit den harten zerfurchten Gesichtern, die etwas erzählen konnten vom Kampf mit den Stürmen und Wogen. Die alten Mütter, müde und voll Angst in die Zukunft blickend. Die Jugend, der es etwas Neues war, auf Kriegsschiffen zu fahren. Sie alle standen und sahen hinüber zu ihrer Nehrung. Der Leuchtturm von Kahlberg sandte keinen Gruß mehr über das Meer. Nur der dunkle Wald und die hellen Dünen grüßten herüber. Wie ein Streifen, immer schmäler werdend, verschwand die Nehrung ihren Blicken im Meer, und immer standen sie noch und sahen und schauten. Wahrscheinlich sahen sie hinter die Dünen und hinter den Wald in ihr Dorf, das jetzt verlassen dalag und das sie wohl nicht mehr sehen würden. Die Fischerboote trieben herrenlos auf dem Meer herum, denn es war ja niemand da, der sie noch einmal an Land brachte. Als wollten sie ihren Herren nachfahren, die doch ein Leben lang mit ihnen gefahren waren und sie jetzt einfach dem Meer überließen. —

Inzwischen war es in dem stillgewordenen Dorf nicht mehr so still. Zurückflutende Soldaten in aufgelösten Haufen streiften durch die verlassenen Häuser. Die ersten Flüchtlinge aus Ostpreußen kamen und machten Quartier, und ich als zurückgebliebener Bürgermeister mit noch ca. dreißig Personen hatte Mühe, etwas Ordnung zu halten. Die nächsten Tage nahm der Strom der Zurückflutenden bedenklich zu. Militär-Auffangstellen wurden eingerichtet. Der Kampf um Elbing war anscheinend im Gange, man hörte es. Kriegsschiffe schossen von See aus über die Nehrung in die Stadt hinein.

Die folgenden Wochen bis Anfang März zogen unaufhörlich die ostpreußischen Trecks über die Nehrung. In fünf Ketten, auf dem Eis des Haffes, die Dorfstraße, die Waldchaussee, einen Dünenweg, der noch gebaut wurde, und am Strand entlang zogen sie dahin. In den Gesichtern der Menschen saß der Abschiedsschmerz, aber noch mehr die ausgestandene Angst beim Überfahren des Haffes. Neben ihnen hatten die Geschosse der Ari eingeschlagen, die von Frauenburg und Tolkemit die Trecks auf dem Eis beschoß. Das Eis wurde dadurch immer brüchiger, und manch einer fand in dem Eisgrab den


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Tod, oder wenn er sich rettete, sah er sein letztes Hab und Gut, oft noch mit lieben Menschen, in den Fluten versinken. Russische Tiefflieger jagten die Reihen der Wagen entlang, und oft mußten die Wagen mit den angeschossenen Pferden stehen gelassen werden, und es ging zu Fuß weiter.

Die Menschen wurden abgestumpft gegen das Leid der anderen und auch bald gegen ihres, denn es blieb ihnen nicht einmal Zeit, ihre Toten, die unterwegs durch Beschuß, Kälte oder Entkräftung gestorben waren, zu beerdigen. Täglich fand man Tote an den Wegen und in den Häusern liegen. Es hieß immer: nur weiter, weiter, nur nicht den Anschluß verpassen. Wenn man einmal hinten blieb, fand mau nicht mehr die, mit denen man diesen Weg zusammen gehen wollte.

Von der NSV. waren an den Straßenkreuzungen, in Hotels und Schulen Verpflegungsstätten eingerichtet, die laufend Brot und Suppen verteilten. Die Wohnhäuser, Ställe, Fischräuchereien usw. waren jede Nacht gerammelt voll, denn jeder sehnte sich danach, die kalte Nacht wenigstens in einem Raum zu sein. Jeder wäre noch gern einen Tag länger im Quartier geblieben, wenn er eines gefunden hatte, denn es war zu der Zeit noch verführerisch ruhig auf der Nehrung, aber die Polizei setzte jeden Tag wieder alle in Bewegung, denn Tausende und aber Tausende kamen doch noch.

Ich als Bürgermeister hatte in diesen Tagen viel zu tun. Mit noch drei Kahlbergern übernahm ich die Leichenbestattung, denn wenn 'auch die Lebenden vorgingen, um die Toten mußte sich auch gekümmert werden. Auf dem Friedhof in Kahlberg wurde ein großes Massengrab geschaufelt, da etwas anderes zu machen bei der Kälte gar nicht möglich war. Dort kamen sie alle herein, alt und jung, arm und reich, Zivilisten und Soldaten, 170 Personen. Später wurden Reihengräber gemacht. Über die Namen der Toten, die zu der Zeit beerdigt wurden, kann ich leider keine Angaben machen. Ich hatte die Namen, soweit ich sie erhalten konnte, mit noch anderen Personalien in einer Aufstellung festgehalten. Zu dieser erhielt ich in den letzten Tagen, die wir in der Heimat waren, noch eine Aufstellung eines Heerespfarrers über die Soldaten, die in Kahlberg von der Wehrmacht beerdigt wurden. Alle beiden Aufstellungen sind mir während der russischen Besatzungszeit abhanden gekommen.

Weiter mußte ich die Bestände aus den Geschäften sicherstellen, um sie den Verpflegungsstellen zu übergeben und somit eine gerechte Verteilung zu gewährleisten. Für die einheimische Bevölkerung mußte auch gesorgt werden, denn die hatte sich schnell vermehrt. Die Schiffe, die die Bevölkerung abgeholt hatten, wurden in Neufahrwasser ausgeladen, und dort wurden die Familien in Privatquartieren untergebracht. Jeder tat nun, was er für richtig hielt. Ein Teil fuhr per Schiff und Bahn nach Westen weiter. Ein Teil blieb noch da, und ein Teil kehrte zu Fuß nach Hause zurück, so daß im April wieder 120 Personen im Dorf waren.

Ende Februar wurden in Kahlberg in die See noch zwei Seestege gebaut, da von Danzig bzw. Hela laufend Schiffe kamen, um die Flüchtlinge, verwundete Soldaten und Kranke abzutransportieren. Der Strand glich oft einem Schlachtfeld, wo alles zurückgelassen war, was einmal Menschen als ihr eigen betrachtet hatten.


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Von Tolkemit schoß ab Ende Februar laufend die russische Ari zur Nehrung. Die Nehrung war gespickt voll von Wehrmacht sämtlicher Truppenteile. Dieselbe begann nun mit dem Bunkerbau im Wald. Die ehemalige Adolf-Hitler-Straße, deren Gebäude z. T. schon alle getroffen waren, wurde restlos abgebrochen und das Holz zum Bunkerbau verwendet. Der Wald lichtete sich stark, und es entstand eine gewaltige Bunkerstadt. Jeder Berg war gespickt voll mit großen, sehr stabilen Bunkern. Die Soldaten fühlten sich im Moment noch ganz gut auf der Nehrung, die Schießerei war nach ihren Begriffen nicht zu wild. Verpflegung gab es genug. Nur ein anderer Teil ahnte aber auch, daß die Nehrung doch eine sogenannte Mausefalle war und für viele von ihnen das Grab werden würde, und letzten Endes war jeder froh, wenn es hieß: Wir setzen uns über See nach Westen ab. Das war aber bei nicht vielen der Fall.

Anfang März hörten auch die Trecks auf, die Wehrmacht war kein wilder Haufen mehr, so daß es in dieser Beziehung ruhig war. Dadurch ließen sich auch ein Teil Kahlberger dazu verleiten, wieder nach Hause von Danzig zurückzukommen. Der Ari-Beschuß und der nächtliche Besuch der „Nebelkrähe” (russisches Flugzeug) wurden in Kauf genommen, denn man war ja immer noch zu Hause. Zu essen gab's. Ich hatte mein Lebensmittelgeschäft ausverkauft und holte Verpflegung von Stutthof. Dort war das Vieh aus der überschwemmten Niederung zusammengetrieben, und es gab alles in Hülle und Fülle, was Wochen später in weite Ferne gerückt war.

Wir hörten das Grollen der Geschosse bei den Kämpfen um Heiligenbeil, Königsberg und Danzig und saßen immer noch auf unserem Eiland. Auf demselben wurden die Truppen hin und her geschoben, denn der Kreis wurde immer enger.

In der Nacht vom 26. zum 27. April landete der Russe an zwei Stellen auf der Nehrung bei Neutief und Möwen-Haken. Nun schoß die Ari fast schon den ganzen Tag, und die „Nebelkrähe” kam die ganze Nacht. Noch einmal kamen Schiffe, um die Bevölkerung und verwundete Soldaten zu holen.

Am 1. Mai stand der Russe vormittags bei Schmergrube. Nun ließ die Wehrmacht nicht mehr locker. Am Nachmittag ging ich mit ca. achtzig Personen los. Zwanzig Personen blieben in Kahlberg und haben den Einfall der Russen mitgemacht. Drei Frauen davon wurden wahrscheinlich bei Vergewaltigungen getötet, da dieselben einen Tag später nur noch verscharrt aufgefunden wurden. Vier alte Personen werden seitdem vermißt. Ein großer Teil der Bevölkerung war von Danzig mit Zügen weggefahren, zum größten Teil nach Mecklenburg und Pommern gekommen, wo sie der Russe auch wieder erwischt hat. Die am 1. Mai Kahlberg verließen, wurden an der Weichsel noch verschifft und kamen über Hela nach Dänemark, Lübeck und Kiel. Meine Familie und ich sowie einige andere Heimatgenossen wurden am 5. Mai abends in Nickelswalde/Weichsel mit Kampffähren nach Hela transportiert. Hier an der Weichsel stauten sich die Soldaten zu Tausenden und aber Tausenden mit Wagen, Autos, Geschützen und sonstigem Zubehör. Es sah aus wie ein riesiges Schlachtfeld, auf dem die Kämpfer alles stehen und liegen gelassen hatten. Jeder wollte auf so eine Fähre und damit auf den Weg nach Westen. Der Russe war an diesem Tage schon über Kahlberg hinaus, und die Kämpfe


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waren bei Pröbbernau in vollem Gange. Man hörte fernes Grollen und Detonationen. In Kahlberg hatte der Russe von Land aus und gleichzeitig vom Haff mit Booten angegriffen.

Am 6. Mai kam ich mit meinen wenigen Genossen aus der Heimat auf Hela an. Dort bot sich dasselbe Bild, Militär, wo man hinsah und -trat, und auch noch Zivilisten. Ein großer Teil von ihnen bemühte sich nicht, weiterzufahren. Es wurde so viel geredet von untergegangenen Schiffen usw. Es war hier verhältnismäßig ruhig, außer einigen einzelnen Angriffen. Verpflegung gab es genug, da hier viele Verpflegungsläger der Wehrmacht lagen. Um mit einem Schiff mitzukommen, gab es Bescheinigungen der Ortskommandantur für Alte und Kranke. Aber wie überall in diesen Tagen konnte und wurde auch hier nicht mehr genau nach Vorschrift gehandelt. So kamen auch wir mit einem alten Frachter, der aus Königsberg stammte und der diese Tour zum ersten Male fuhr, mit. 800 Personen waren auf demselben. Ein Teil lag im Laderaum und die übrigen auf Deck. Das Geleit bestand aus sieben Schiffen bzw. Fähren, die schwarz von Menschen waren. Die Fahrt an sich war ruhig. Nach zwei Tagen gerieten wir in Nebel, so daß ein Schiff vom anderen nichts mehr sah. Unser Frachter ankerte, da er jegliche Orientierung verloren hatte. Eine Nacht lagen wir auf dem Meer. Am Morgen des 9. Mai, wie der Nebel verschwand, lagen wir nicht weit vor der Insel Bornholm/ Dänemark. Wie wir im Hafen anlangten, wurde uns vom deutschen Hafenkommandanten mitgeteilt, daß in der vergangenen Nacht der Waffenstillstand vollzogen war.

Uns wurde freigestellt, ob wir die Weiterfahrt antreten oder dableiben wollten. Lange zu überlegen blieb uns nicht, denn am Horizont tauchten plötzlich kleine Punkte auf, die sich schnell näherten und bald im Hafen anlegten: sechs russische Schnellboote. Unter den Leuten sah es aus, als sollte eine Panik ausbrechen, das sich jedoch bald legte, da die Russen es vorerst nur auf das Militär abgesehen hatten.

Die Insel Bornholm wurde, wie uns von den Russen mitgeteilt wurde, mit Einverständnis der anderen Siegermächte von den Russen besetzt, um die Deutschen, die darauf waren, herunter zu transportieren. Es waren dieses nach Angaben 20 000 Soldaten und 4 000 Zivilisten. Die ersten Stunden kümmerte sich niemand um uns. Am zweiten Tag kamen wir vom Schiff in die Stadt Roenne. Die Dänen, die uns zuerst ziemlich ablehnend gegenüberstanden, wurden um vieles freundlicher, als sie die Russen sahen.

Wir wurden in einem Massenlager untergebracht und vom Dänischen Roten Kreuz betreut.

Inzwischen hatte der Russe sämtliches Militär zusammengezogen, und es ging an den Abtransport.

Bornholm verfügte über eine große Fischkutterflotte und auch mehrere große Passagierschiffe, die, man weiß nicht, wo sie es hier erfahren haben, kurz bevor der Russe kam, hinüber zum dänischen Mutterland gefahren waren. Dieselben mußten nun zurückkommen und den Transport der Deutschen nach Pommern übernehmen.

Nachdem das Militär abtransportiert war, kamen auch die Zivilisten dran. Verschiedene äußerten ganz heimlich den Wunsch, dazubleiben, aber dazu bestand keine Möglichkeit. Am 13. Mai wurden wir auf einem großen Passa-


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gierschiff nach Kolberg in Pommern gebracht. Dann pfiff schon ein anderer Wind, wie wir dänischen Boden verlassen hatten. In Kolberg lag viel russisches Militär. Der Hafen und das Stadtgebiet waren ein Trümmerhaufen.Wir wurden in halbkaputte Häuser eingewiesen, die wir uns zurechtmachten. Aus anderen Häusern wurde noch Brauchbares zusammengeholt, und es wurde etwas wohnlich gemacht. Hier hörte man schon von den wenigen Deutschen, die in der Stadt geblieben waren, vom Leben unter den Russen. Dann mußten wir jeden Morgen antreten, l—2 Stunden stehen, ehe man sich besonnen hatte, wo wir heute hinsollten. Meistens wurden Häuser ausgeräumt. Das bestand darin, daß wir die Wohnungen ganz leer machten, alles durchs Treppenhaus von oben in den Flur warfen und von dort in den Keller. Eine andere Gruppe mußte Keller ausräumen, die vollgepfropft waren mit allem Möglichen. Alles wurde vernichtet.

Eßbares haben wir uns noch herausgesucht, denn wir bekamen hin und wieder ein Stückchen Brot, sonst nichts. Fünf Tage später kam der Befehl des Räumens. Es ging 2 km aus Kolberg in eine Siedlung, deren Häuser schön ganz waren, leider leer. Wieder ging es ans Zugammensuchen. Hier verlebten wir auch das Pfingstfest am 20. und 21. Mai. Arbeiten gingen wir in die Stadt. Auch dort war unseres Bleibens nicht lange. Am 25/26. Mai kam die Parole: Alles geht nach Hause. Jeder konnte sich einen Passierschein ausstellen lassen, wo er hinwollte, aber wer wollte nicht nach Hause! Also hatten wir nun einen Weg von 360 km in die Heimat vor uns. Wir kamen an ausgestorbenen Dörfern vorbei und an solchen, die noch zum Teil von Deutschen bewohnt waren, die aber alle ängstlich nur herbeikamen und sogleich verschwanden, wenn sie eine Uniform in der Nähe auftauchen sahen. Zur Nacht wurde in leeren Häusern oder bei Deutschen Quartier gemacht. Kartoffeln gab es genug in den Mieten, und Rhabarber wuchs überall. Das war das einzige, was der Russe gelassen hatte. Überfälle der Russen des Nachts und auch am Tage mußte man sich gefallen lassen und auch, daß sie sich nahmen, was ihnen gerade gefiel. Man war nur froh, daß sie einen noch davongehen ließen. Nach zwölftägigem Marsch langten wir in der Heimat an.