Nr. 78: Erlebnisse in Danzig während der Eroberung der Stadt durch die Rote Armee.

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Erlebnisbericht von Frau Klara Seidler aus Danzig.

Beglaubigte Abschrift, 10. April 1951, 11 Seiten. Teilabdruck.

Vfn. beschreibt eingangs Vorgänge, die in der Stadt Danzig durch das Näherrücken der russischen Truppen ausgelöst wurden. Sie fährt dann fort:

Danzig wurde aufgefordert, sich zu ergeben. „Lieber sterben” war die Antwort. Wir wurden nicht gefragt und wollten doch so gern leben.


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Nun ging es los. Bombenhagel und Ari ballerte wie verrückt. In unserer Nähe fiel ein Haus nach dem andern in Schutt und Asche. Unserer Kaufmannsfrau ihr Haus (sie gab bis zuletzt nichts ohne Marken ab) fiel in fünf Minuten bis zum Keller herab. Die Nacht ein Flüchten aus der Stadt. Unser Nachbar G. fuhr mit seinem Gespann nach der Hundegasse, um noch ein Faß Machandel zu holen. Er wurde samt Pferd und Wagen tief in die Erde bombardiert. Seine Angehörigen fanden nichts mehr zum Begräbnis. Herr Makowke starb am Herzschlag. Im Galopp wurde er zum Friedhof gebracht und schleichend, kriechend kamen Frau und Tochter zurück. Unser Hinterhaus erhielt einen Treffer. Wir waren alle Einwohner, ca. achtzehn bis zwanzig Personen, im Keller versammelt. Die Erde bebte, und das Haus schwankte wie ein Schiff auf hoher See, das Licht erlosch, wir waren mit Schutt bedeckt. Durch die Luke wurden wir hochgezogen, niemand hatte außer Abschürfungen großen Schaden davongetragen.

Vfn. beschreibt die Löscharbeiten, die von Hilfskolonnen geleistet wurden und schließlich doch vergeblich blieben, da kurze Zeit später erneuter Artilleriebeschuß einsetzte.

Ein furchtbarer Treffer riß die Tür ein. Ein Flammenmeer kam uns entgegen. Jetzt war es höchste Zeit. Nur mit einem nassen Handtuch vor dem Mund suchten wir einen Ausgang. Die Kellerluke war durch brennende Gebäudeteile versperrt. Durch eine Öffnung im Parterre gelangten wir mittels eines Stuhles auf die Straße. Es kann zwei Uhr gewesen sein. Trotzdem herrschte Finsternis, glühende, qualmende, unerträgliche Finsternis. Jetzt wohin? In die Johanniskirche. Alles überfüllt. Keiner kam hinein. Wieder über uns ein Bombenhagel. Wir suchen am Boden die kleinste Deckung. Nun zur Langen Brücke, ein Feuermeer, die Speicherinsel brennt. Hinein in ein Haus. Die Leute stehen im Türeingang und schieben uns nach hinten. Wieder ein Treffer. Fünf Personen aus dem Türeingang tot. Wir drüber weg und weiter die Häkergasse rauf zum Damm. Der große Bunker überfüllt, auch die Treppen, also weiter in glühender, sengender Finsternis zum Hochbunker. Dort furchtbares Grauen. Dort lagerndes Material hat sich entzündet, und brennende Menschen schieben sich als Feuersäulen heraus. Ein brennender Giebel stürzt auf uns. Wir lassen alles fahren, nur die Handtasche bleibt; weiter zur Gaskasse. Die Straße ist besät mit Koffern, Mänteln und Menschen, die gekrümmt, verbrannt, tot oder sterbend dort liegen.

Mit uns laufen viele, viele Menschen um ihr nacktes Leben. Endlich, nach öfterem Ausweichen, sind wir auf Hoheseigen angelangt. Das Gebäude der Gasanstalt ist massiv, mit Schiefer gedeckt, von zwei Seiten die Radaune, auch zwei riesige Abwehrgeschütze flankieren die Seiten. Aber gestopft voll. Uns wies man nach oben in die Amtsräume, wo wir uns am Fußboden unter die Tische lagerten. Nach mehreren Einschlägen waren wir mit Glas überschüttet. Da holte uns einer von der Aufsicht herunter in den Keller, wo wir uns auf ein paar Quadratzentimeter hinhockten. Hier im Keller waren ca. 2 000 Frauen und Kinder und alte Leute untergebracht. Ein trübes Licht brannte, die Luft war trotz der Entlüftung zum Ersticken. Die dauernden Einschläge brachten uns dem Wahnsinn nahe, aber immer wieder wurde die größte Gefahr abgewendet.


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Wir verbrachten den Sonntag dort eine ewig lange Nacht, dann auch Montag. Außer einem Stückchen Trockenbrot keine Verpflegung. Die Aufsicht verkrümelte sich allmählich. Außer Greisen und Kranken nur Frauen und Kinder. Ein Seufzen, Jammern, Stöhnen und Kindergeschrei. Wir waren auf dem feuchtkalten Zementboden ganz gelähmt. Das Austreten war eine Katastrophe. Diese Nacht war nicht zu ertragen.

Gegen zwei Uhr waren die Russen auf 100 m heran. „Wollen wir uns übergeben?” hieß es. „Ja!” schrien alle, und als erstes wurde in der Gasanstalt die weiße Fahne gehißt. Die Abwehrgeschütze stellten ihr Feuer ein, und wir warteten der Dinge, die kommen sollten. Es dauerte keine halbe Stunde, da erschien die russische Abordnung, ungefähr 20—24 Personen in neuen Uniformen, gutaussehend und deutsch sprechend.

Nun hieß es: „Männer heraus”. Da aber nur Kranke und Alte da waren, passierte ihnen nichts. Uns wurde bedeutet, wer noch ein Heim hätte, sollte dieses aufsuchen, es würde nicht mehr bombardiert. Wir suchten nun Walters Wohnung auf Rammbau auf. Sie war zwar verschlossen, aber wir öffneten gewaltsam. Und, o Wunder, wir kamen in eine gemütliche, gut aufgeräumte Wohnung. Sie war,zwar von Fremden belegt, die sich im Bunker befanden, aber auch als die Leute kamen, haben wir uns gut vertragen. Wir waren zehn Personen zusammen. Erst wurde Kaffee gekocht und gründlich gespeist.

Wir hofften, die Russen würden es gnädig mit uns machen; aber weit gefehlt! Schon gleich ging es los. Herr Bart stand in der Tür, der erste Russe riß ihm gleich die Uhr aus der Weste. Ein Wagen, mit Teppichen ausgelegt, fuhr bis glatt vor die Tür, vier russische Offiziere stiegen aus und verlangten von uns zu trinken, aber nur Wasser; Kaffee oder Tee lehnten sie ab aus Angst vor Vergiften. Sie waren höflich und freundlich und teilten auch Zigaretten aus. Herr Bart saß dauernd am Klavier und spielte mit bebenden Händen alles Russische, was ihm einfiel, aber das war vor Angst sehr wenig. Wir nähten Knöpfe an, stopften Risse an der Uniform, während die Offiziere ruhten. Das war unser Schutz, die Soldaten, die plündern wollten, verschwanden beim Anblick der Offiziere. Bei Dunkelheit fuhren die Offiziere fort, und nun waren wir geliefert.

In Rotten von fünf bis zehn Mann kamen jetzt die Soldaten plündern und schänden. Nun ging es nur „Uri, Uri„ und „Frau, komm”. Wir saßen bei einer Kerze zusammen. Ich hatte Binge Bart, ein strammes Mädel von dreizehn Jahren, auf dem Schoß, hatte ihr die Haare in steife Zöpfe geflochten und ihr angesagt, recht kindisch zu tun. Das schützte mich etwas. Frau F., eine große Blondine, mußte dem Ruf unter Püffen folgen und mußte sich von sechs Soldaten mißbrauchen lassen. Frau P. lag in Klaus' Kinderbett und ließ sich das Wasser aus dem Munde laufen und wimmerte, dafür ekelte sie die Leute von sich weg. Wir krochen sechs Personen in die zwei Betten und zitterten und bebten. Aber erst, als neuer Beschuß auf die Altstadt eintrat, hatten wir ein paar Stunden Ruhe. Schon zeitig standen wir auf, kochten Kaffee, machten Frühstück.

Doch um 12 Uhr begann die Totalzerstörung von Danzig. Pausenlos schoß die Ari, warfen die Bomber ihre Last und Benzinkanister ab. Wir füllten unsere Handtaschen mit Butter und Zucker, die beiden Männer aßen noch Fleisch, dann war es höchste Zeit für uns zu türmen. Nur ein Ausweg blieb uns


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durch die Spendhausengasse, jeder andere Weg durch brennende Gebäude versperrt. Wir rannten nun dem Wasser zu, aber da war es ganz schlimm. In einem stehengebliebenen Hause wollten wir rasten, wurden durch Russen so gequält, daß wir lieber in die brennende Hölle liefen. Wir hatten den Vogel vergessen zu töten. Herr Bart lief zurück. Da hatten die Russen schon das Rad vom Kleiderschrank geholt, das Büfett zertrümmert und saßen auf dem Klavier und hämmerten mit den Füßen auf die Tasten. Den Vogel hatten sie schon rausgeworfen. Aber lange dauerte der Spaß nicht, das Nebenhaus brannte schon.

Wir liefen nun mit brennenden Sohlen und suchten Unterkunft. Nirgends ein Fleckchen für uns. Überall Vernichtung und Feuer. Stundenlang irrten wir umher in dem Grauen. Schließlich fanden wir in der Häkergasse neben einem großen Abwehrgeschütz noch zwei Häuser, wo wir uns verkrochen. Aber unser Elend wurde noch größer. Die zweite Garnitur Russen war jetzt losgelassen, keine Frau wurde verschont. Vor den Augen der Männer, die mit der Maschinenpistole in Schach gehalten wurden, wurden die Frauen vergewaltigt. Wir versteckten uns, sie fanden uns doch. Ein vielleicht 18-19-jähriger hatte es auf mich abgesehen. Mit einer Flasche Wein bewaffnet, zwang er mich in die Telefonzelle. Ich sagte: „Alte Großmama ganz schrumplig.” Nun rief er immer: „Großmama muß —„. Eine junge Frau mit drei kleinen Kindern wollte noch schnell im Keller nebenbei verschwinden, als die Horde sie überwältigte. Die Kinder riefen: „Mutti, Muttilein!” Da nahm der eine Russe die Kinder und schlug sie an die Mauer. Das Knirschen vergesse ich mein Leben lang nicht. Dann nahm der nächste die Frau vor. Sie kroch nachher in die Mottlau, denn gehen, aufrechthalten konnte sie sich nicht mehr.

Wir waren jetzt noch acht Personen zusammen außer Fremden. Herr und Frau M. hielten sich eng umfaßt. Ein Trupp Russen riss die Frau weg über den Tisch, dem Mann wurde die Lederjacke ausgezogen, ebenso die Stiefel. Die Goldsachen hatte Frau M. im H. versteckt und hat sie trotz vieler Schändungen bis zuletzt behalten.

Ein Pole mit Mädel riß mir den Ring ab, der Trauring, schon dünn nach 40 Jahren Tragen, war fast eingewachsen. Da nahm der Kerl das Messer und wollte mir den Finger abschneiden. Natürlich riß ich nun den Ring mit der Haut herunter. Die Nacht über ging es aus und ein. Die Johanniskirche brannte, auch St. Katharinen und Marien. Wir lagen mit dem Mund zur Erde, ließen uns treten und rührten uns nicht.

Am Morgen wurden die letzten Teile Danzigs angezündet. Wir mußten machen, daß wir ins freie Feld kamen. Wir füllten den Geschäftswagen auf Gummirädern mit Kissen, Rucksäcken und vielen Kleidungsstücken, wie wir vorfanden, und über haushohe, rauchende Trümmerhaufen eilten wir durch die Häkergasse. In der Markthalle, ein rauchendes Stahlskelett, dachten wir, etwas Wasser zu bekommen. Aber in diesem Massengrab war nur Elend und Leichen. Frau Jacob, ein graues Gespenst nur mit einer Pferdedecke behängt, sagte nur immer: „Die Juwelen und Goldsachen sind im Keller.” Längst war ihr Grundstück ein riesiger Trümmerhaufen. Wir liefen durch diese rauchende Wüste und wollten nach Ohra raus. Da dort noch Kampfhandlungen waren, wandten wir uns zur Allee nach Langfuhr hin. . . .


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Die Hitze und der Rauch quälten uns durch Durst, die Augen waren kaum zu öffnen. Da wir den Wagen hatten, ging es uns verhältnismäßig gut, viele blieben liegen oder ließen jedes Gepäckstück zurück. In der halben Allee gerieten wir unter Beschuß, auch da wieder eine Menge Tote. Wir gingen auf den Trinitatisfriedhof und tranken aus den Regentonnen. Der Haufe der Flüchtenden war unübersehbar. Eine Abteilung Russen führte uns und nahm sich, was ihr gefiel, besonders Koffer durfte keiner haben. Nach langer Zeit ging es weiter nach Langfuhr. Hier wieder Kontrolle und Männer heraus. Auch Herr Mietke mußte trotz Alter und Krankheit mit, wir haben ihn nie wiedergesehen. Uns trieb man eine Straße hoch, wo Russen mit Küchenwagen lagerten. Dort bettelten wir um Kaffee und erhielten Brot und heißen Kaffee, d. h. die ersten, denn für alle war nichts mehr da.

Nun sahen wir zu, daß wir fortkamen, denn wir glaubten, eine Unterkunft zu finden, aber die Hauptstraße bestand nur aus Ruinen. Alle Häuser unserer Bekannten waren nicht mehr da. Wir gingen in die Nebenstraßen, wo noch viele Häuser standen. Aus Trudchen Angels Wohnung nahm ich eine gefüllte Kaffeekanne, alles war von den Bewohnern verlassen. Von Pageis Haus war die Vorderfront weggerissen, ein Abgrund tat sich davor auf, und mehrere Blindgänger lagen umher, also weiter nach Hochstrieß. Die Kasernen, wenn nicht ganz ausgebrannt, so doch sehr zerstört. Wieder weiter. Am Strießbach in der Nähe der Gärtnereien lagerten wir uns und schliefen ein, trotz Regen und Kälte auf der nassen Erde. Nach einer Zeit, es war schon dämmrig, ging Frau F. in ein Haus, die Ari schoß grade wie verrückt und entnahm aus einem Kaffeekessel auf dem Herd unsere Kanne mit Kaffee, und wir hatten alle etwas Warmes zu trinken. Der Regen wurde stärker, und wir froren sehr.

Da gingen wir in ein auch ziemlich zerstörtes Haus und setzten uns auf die Treppe, denn die Keller und unteren Räume waren mit Flüchtlingen überfüllt. Allmählich wurden wir dreister und untersuchten die Zimmer. Ein Zimmer war bis zur Decke mit allem Möglichen gefüllt. Die Russen hatten wahllos alles hineingeschleudert und beschmutzt. Wir klemmten uns durch die Tür. Ein Ofen war im Zimmer. Nun begannen wir alles zu verbrennen, um uns einen bescheidenen Platz für die Nacht zu sichern. Bis zur völligen Dunkelheit hatten wir soviel Platz geschafft, daß sechs bis sieben Personen auf der bloßen Diele liegen konnten, wenn man eng zusammenrückte. Wir wickelten uns in unsere Decken und streckten uns aus, froh, ein Dach überm Kopf zu haben, denn Schnee und Regen wechselten immer ab.

Wenn wir aber dachten, etwas Ruhe zu finden, so irrten wir uns. In Gruppen von fünf bis sechs Russen kamen die Soldaten und nahmen uns unser bißchen Essen und was ihnen sonst noch gefiel, und dann hieß es wieder: „Frau komm!” Wer nicht gleich mitging, wurde grausam geschlagen und letzten Endes doch gezwungen mitzugehen, meistens im Treppenflur oder auf der Treppe oder auch in den oberen zerstörten Stockwerken wurden die Frauen mißbraucht, tierisch die Brüste zerbissen und furchtbar gequält, gleich immer von vielen hintereinander. Besonders unsere Frau Mietke, eine 67-jährige, wurde immer wieder geholt. Sie hatte ein Capottmützchen auf und große Brille und hat immer so kläglich gebeten, nichts half. In einem Kinderbett suchte ich Zuflucht, ganz in alten Büchern und Schutt gewühlt. Die


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Arme hatte ich mir bewickelt, um den Mantel zu schonen. Da sagte der eine Russe zu mir: „Chory?” (krank?). Ich bejahte dies, und er ließ mich in Ruhe aus Angst vor Ansteckung. Von da ab war das immer meine Ausrede, ich bekam sogar öfter Zigaretten, die ich dann den anderen Frauen gab, die leidenschaftlich rauchten.

Immer waren noch große Schießereien, immer noch Kanonendonner, daß das Haus bis in die Grundfesten schaukelte. Wir waren schon gar nicht mehr zurechnungsfähig durch Hunger und Angst. Am zweiten Tage kam ein deutscher Dolmetscher und forderte eine Frau, beim Leutnant sauber zu machen. Wir wußten, was das bedeutete, und keine ging mit. Da kam der russische Leutnant selbst, und alle heulten und zitterten. Da sagte ich als die Mutigste:

„Ich komme mit, aber nur robotten, nicht-------„ und ging mit. Er brachte mich

nur drei Grundstücke weiter in ein halb zerschossenes Haus. Hier hatte sich die berüchtigte GPU. reingesetzt, ca. 20—24 Offiziere und ein paar Mädels als oberstes Gericht. Hier sollte gegessen werden, Vorräte waren genug zusammengetragen. In den Zimmern waren jedenfalls Gefechte gewesen, denn Einschüsse in Wände und Decke, große Blutlachen überall und Spritzer an Wänden und Türen. Ich nahm einen Eimer Wasser, das ich aus dem Strießbach holen mußte, und fing an zu säubern. Dieser Ekel und Übergeben waren der Anfang einer Reihe Tage mit immer greulicherem Erleben, aber ich mußte weitermachen. Auch Kartoffeln schälen und in der Küche die groben Arbeiten machen, wenn ich ein Zimmer notdürftig sauber hatte, war mein Los von früh 5 Uhr bis nachts. Dann gabs einen Teller Suppe und ein Stück Brot. Allmählich kam ich auch durch die Zimmer rum und half beim Kochen, Brotschneiden usw. Auch zum Bedienen der Offiziere bei Tisch wollte mich eine der Kommissarinnen anstellen, doch die russischen Offiziere lehnten das ab aus Angst vor Vergiften.

Allmählich füllten sich die umfangreichen Kellerräume mit Gefangenen, meistens Frauen und Mädchen, aber auch viele Männer, von Kindern an bis zu Greisen. Die Kommissare und Kommissarinnen, meistenteils aus KZ.-Lägern deutscher Zeit, wurden jetzt zur Untersuchung der Gefangenen eingesetzt.

Nachdem Vfn. einiges über personelle Veränderungen beim Küchenpersonal berichtet hat, fährt sie fort:

In den Kellern unter uns herrschte das Grauen. Auf engstem Raum eingesperrt waren dort viele Hunderte Menschen. Einmal des Morges wurden sie auf den anschließenden Hof geführt, um sich zu entleeren. Tote blieben einfach liegen, kaum daß die anderen sie zur Seite räumten. Einmal brachte mir der Dolmetscher Kartoffeln rauf, die ganz mit geronnenem Blut bedeckt waren. Auf mein Befragen sagte er, daß sie einen Deutschen kurz und klein geschlagen hätten, weil er sich widersetzt hätte. Ein anderes Mal warfen die russischen Aufsichtsposten einen Eimer brennendes Karbid unter die Frauen, weil sie ihnen nicht gleich willfährig waren.

Vier Zimmer, zwei mit Kommissaren, zwei mit Kommissarinnen, wurden zur Vernehmung der Gefangenen eingerichtet. Die Vernehmung war einfach: Du bist bei der SS., SA. oder BDM. oder HJ. gewesen. Natürlich leugnete jeder. Dann ein Schlag mit der Reitpeitsche: „Du lügst, Du warst PG.!” Bei weiterem


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Leugnen wieder Schläge. Dann das Ergebnis: Ab zum Transport nach Sibirien. Nur solche Männer und Frauen oder Jugendliche, die schon zusammengebrochen waren, durften nach Hause gehen, um an der nächsten Ecke wieder aufgegriffen zu werden. So wurden manche drei-, vier- auch fünfmal zur GPU. gebracht, ohne sich wehren zu dürfen. Wenn so 2—300 Personen zusammen waren, wurden sie abtransportiert.

Ich war in der Küche neben einem Vernehmungsraum. Da baten mich die Frauen um Essen und Trinken. Ich reichte ihnen auch etwas. Da ließ mir der Russe durch den Dolmetscher sagen: wenn ich einem Deutschen was gäbe, würde ich totgeschossen. Nun, es sind Leute um weniger Grund erschossen worden.

Frau Brückmann wollte ihre Tochter von 12 Jahren nicht vor ihren Augen schänden lassen. Sie hielt ihre Inge, ein hübsches Mädel mit langem Kraushaar, im Arm. Der enttäuschte Russe knallte beide runter.

Frau Paaps Tochter, Frau Lemke, wurde von einem Russen überwältigt, ein alter Offizier wartete als nächster darauf. Als sie sich sträubte und ihre Mutter anflehte, erschoß sie der Russe, die Mutter kam mit einem Rückenschuß davon.

Auf dem Trinitatisfriedhof war die Leichenhalle mit Menschen bewohnt. Zwischen den Gräbern wurden die Frauen vorgenommen, ins Gärtnerhaus hineingeschossen, dadurch die Leute, die sich verkrochen hatten, getötet.

Dies alles spielte sich vor unseren Augen ab.

Das Wasser mußten wir aus dem Strießbach holen, täglich haben wir erst die Leichen daraus entfernt. Die wenigen Gartenpumpen haben die Russen nur für sich in Gebrauch genommen und dann zerstört. Krank und elend waren wir zum Umfallen, die Ruhr hatten wir alle. Die Toiletten ein Seuchenherd. Wir gingen im Garten über die Stange, Männlein und Weiblein nebeneinander und oft.

Durch die schwere Arbeit und ohne Schlaf fiel ich nach ein paar Tagen buchstäblich beim Saubermachen auf die Nase, und das Blut floß aus Mund und Nase. Nur mühsam ging ich nach Hause, kroch ins Kinderbett und wurde bewußtlos. Der Obornik kam mich suchen, als ihm gesagt wurde, ich sei sterbenskrank, sagte er: „Laß sie sterben!” — Ich schlief ca. 10—12 Stunden. Da rappelte ich mich wieder auf und ging arbeiten, denn alle warteten auf das bißchen Essen, das ich brachte, sonst wären sie verhungert. Der Obornik war im Grunde nicht schlecht zu mir. Als mich polnisch sprechende Frauen verdrängen wollten, sagte er: „Frau gut arbeiten, Frau bleibt, so lange ich bleibe.” Er gab mir auch den Schlüssel zu dem Raum mit den Vorräten, gab mir auch reichlich Proviant mit. Er fragte, ob ich „famili” hätte. Ich gab sechs Personen an. Da gab er mir Brot (die Hauptsache), Fleisch, Zucker, Kaffee und Nährmittel soviel ich tragen konnte. Im Nebenraum war eine Wache von Russen. Als ich mit meinem Lebensmittelsack herauskam, räuberten sie mich aus. Das nächste Mal brachte mich der Obornik selbst bis zu unserer Gartenpforte. Das zweite Mal schickte er den einen Chauffeur mit, der trotz Kratzen und Schläge meinerseits gleich aufs Ganze ging. Dieser, ein ziemlich junger Kerl, hatte vier Finger jeder Hand mit Trauringen bis oben besteckt, aber abgeben tat er keinen, so oft ich ihm das auch bedeutete.


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Wir hatten uns einen kleinen Vorrat an Lebensmitteln angelegt und gaben auch den Bewohnern des Hauses ab. Viele Eimer Essen mußte ich vergraben, auch viel gekochtes und gebratenes Fleisch, nichts durften die verfluchten Deutschen kriegen.

So ging es zwölf Tage unter harter Arbeit tagsüber und Angst und Schrekken nachts. Die Keller waren von Gefangenen geräumt, ein Zimmer war 1/3 voll Brieftaschen und Geldbündel sowie Pässe. Da wurden mehrere Lastwagen gepackt, die GPU. fuhr weiter nach Pommern. Viel Vorräte blieben zurück, l Faß Fleisch, Schmalz und Zucker, Erbsen säckeweise, Essig, öl und vieles andere. Der Leutnant gab mir den Drücker zur Wohnung und sagte: „Alles für Frau.” Da haben wir dann geschleppt, was wir konnten, gaben auch anderen was ab, und auf ein paar Wochen dachten wir genug zu haben. Aber nun traten außer Russen die Polen in Erscheinung.

Vfn. setzt im Anschluß hieran die Schilderung ihrer Erlebnisse unter den Polen und bei der Austreibung fort1).