Nr. 79: Erlebnisse nach dem Einmarsch der Russen in Danzig.

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Erlebnisbericht der Frau Brigitte Pajain aus Danzig-Langfuhr.

Original, März 1952.

Es war am 27. März 1945 gegen 3 Uhr früh. Eine unheimliche Stille lag über Langfuhr. Wir hatten etwa drei Wochen nur im Keller gehaust und warteten, äußerlich ruhig und gefaßt, aber im Innern furchtbar erregt, auf die erste Begegnung mit den Russen. Wir spürten, daß sie an diesem Morgen kommen würde. Ich schaute ängstlich die Straße entlang und sah weit hinten den ersten russischen Panzer die Bahnhofstraße herunterkommen. Diese Nachricht ließ die Leute im Keller noch gespannter werden. Und dann war es so weit. Erste Durchsuchungen der Keller. Uns geschah nichts, man suchte nur nach versteckten Soldaten und Waffen. In Abständen kamen immer neue Soldaten in die Keller. Wir wurden etwas froher, denn uns geschah ja nichts. Wir trauten uns nun, da es heller wurde, zum ersten Mal auf die Straße. Außer vorbeifahrenden Panzern sah man nichts, die Front war nun in Richtung Danzig, und von dort hörte man das Dröhnen der Geschütze.

Ich besah mir unser Haus, es war auf der Straßenseite recht demoliert, denn ein großes Geschoß der Schiffsartillerie war vor etwa vier Tagen genau vor unserm Haus mitten auf der Straße eingeschlagen. Durch die Splitterwirkung wurde unser Haus sehr mitgenommen. Immerhin, die Zimmer unserer Wohnung waren einigermaßen erhalten, und wir waren Gott dankbar, daß nun der Krieg bei uns vorbei war. . . .

Es mochte so gegen 8 Uhr früh des tragischen 27. März gewesen sein. Wir begannen gerade, befreit aufzuatmen, als die ersten Panjewagen in unserer Straße hielten. Und ehe wir recht begriffen, gingen 10, 20, 30 plündernde Russen durch Haus und Keller. Alle Einwohner flüchteten aus ihren Woh-


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nungen wieder zurück in die Keller. Was sich nun unseren Augen auftat, läßt sich kaum beschreiben. Unzählige Horden von Russen zogen raubend, plündernd, singend durch die Keller, alle waren sie betrunken, sinnlos warfen sie Eingemachtes von den Regalen herunter, zerschnitten sie Betten, Wäsche, Kleider, zerschlugen sie Kisten, Koffer und Schränke. Was ihnen gefiel, schleppten sie auf ihre Wagen, alles andere wurde zertreten, zerrissen, verwüstet. Koffer, Taschen und Rucksäcke wurden uns aus den Händen gerissen; Uhren, Ringe und Schmuck hatte längst keiner mehr. Verzweifelt, hilflos, verloren sahen wir dem Werk der Zerstörung zu.

Und dann begann für die Mädchen und Frauen die furchtbarste Zeit. Ich war damals 19 1/2 Jahre alt. Als ich sah, wie unter Schreien und Weinen die Frauen in einen Keller gezerrt wurden, flüchtete ich auf den Hof. Hier wimmelte es von Russen, Pferden und Wagen. Die Garagen waren erbrochen, Fahrräder und Autos herausgeholt, jede Ecke, jeder Winkel wurde durchstöbert, alles wurde zerschlagen und zerbrochen oder weggeschleppt. Im Nu war ich umringt von diesen Horden, ich sah keinen Ausweg, es gab einfach nirgends ein Versteck für mich. Hilflos jagte ich hin und her, überall verfolgt. Und dann sah ich eine der Grauen Schwestern, die im Nachbarhaus eine kleine Kapelle und ein Altersheim hatten. Sie nahm mich mit, versah mich mit einem alten langen Mantel und versteckte mich bei den Alten aus dem Heim. Nur selten drangen in diesen Keller Russen ein, mit Lampen leuchteten sie die Alten an und gingen dann meist. Wir beteten hier laut und inbrünstig, stundenlang. Vielleicht würde ein Wunder geschehen, und wir würden befreit werden!

Als es Nacht geworden war, mußten wir den Keller verlassen und uns im Kellergang aufhalten. Meine Mutter hatte mich inzwischen dort gefunden. Sie hatte mich mit alten Decken und Kisten zugedeckt, und sich schützend vor mich gestellt. Es kam eine grausame Nacht. Stundenlang hörte ich aus dem Keller die Hilfeschreie der Frauen, Mädchen und Grauen Schwestern. Unentwegt schoben sich die Russen den Kellergang entlang, immer neue Opfer suchend. Meine Mutter wich nicht von mir, obgleich sie gestoßen und geschlagen wurde. Nur ihr habe ich zu verdanken, daß ich nicht gefunden wurde.

Gegen 5 Uhr früh wurde es endlich ruhiger. Die Russen waren schlafen gegangen, und ich wagte mich aus meinem Versteck. Die stickige Kellerluft trieb uns ins Freie. Ein unvergeßliches Bild bot sich uns: Unser Haus war ein Feuermeer! Ergriffen, verstört, ja, verständnislos sahen wir in die Glut. Nur Augenblicke, dann begannen wir vor Kälte zu zittern trotz der ungeheuren Hitze, die uns entgegenstrahlte. Wir gingen zurück in den Keller.

Später begann auch das Schwesternhaus zu brennen, die Russen vertrieben uns aus der kleinen Kapelle, in der wir auf unser Ende warten wollten. Im Nu waren wir ein endloser Menschenzug, der sich vorwärtswälzte, begleitet von Russen, die mit Schießen und Brüllen zur Eile antrieben. Alle Männer wurden aus dem Zug herausgesucht, sie wurden gesammelt und später in Lager gebracht. So waren wir nur noch Frauen, Kinder und Greise. Ich hatte weder einen Rucksack noch eine Tasche oder irgendwelches Gepäck, so wie ich aus unserer Wohnung davongeeilt war, über dem Kleid eine Schürze und dann den alten, langen Mantel, den mir die Schwester gegeben hatte, so zog ich mit meiner Mutter in diesem Elendszug mit. Viele der Flüchtenden schlepp-


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ten noch einige Habseligkeiten mit, welche sie aber von Zeit zu Zeit fortwarfen, weil sie zu schwer wurden. Je länger wir gingen, desto mehr schrien die Kinder und blieben Greise liegen, von den Russen getreten und geschlagen. Wir zogen oft nur durch brennende Straßen, es sah so aus, als ob manche Straßenzüge gewaltsam angesteckt worden waren, denn die Häuser brannten gleichmäßig und zur gleichen Zeit. Ich sah auch Kabelschnüre, die von Haus zu Haus gezogen waren.

Wir kamen bis Oliva, dann gings nicht weiter, und es hieß: Zurück. Es kamen immer mehr Menschen hinzu, Tausende waren wir. Bis zur Dunkelheit wanderten wir auf unbekannten Pfaden, durch Wälder. An uns vorbei rollten Geschütze, Panzer. Es fing an zu regnen, vielleicht war es 23 Uhr, keiner von uns hatte ja eine Uhr. Wir mußten uns auf der Stelle niederlegen. Der Waldboden war naß und kalt, jedoch keiner widersetzte sich. Dann kamen unzählige Russen, unsere Begleitposten. Sie traten über unsere Körper und suchten sich mit Lampen ihre Opfer aus. Schreie gellten durch die Nacht, wenn die Frauen zum Lagerfeuer gezerrt wurden. Zwischendurch schossen die Russen durch die Luft, wenn sie sich wehrten. Ich wurde wie ein Wunder wieder nicht entdeckt, obgleich die Stiefel der Russen auf Kopf und Arme drückten.

Ich weiß nicht, wieviel Tage dieser Marsch gedauert hat, uns schien er eine Ewigkeit. Immer mehr Frauen, Kinder und Alte blieben liegen, immer wieder kamen Lastautos, in welche junge Mädchen hineingestoßen wurden, um sie für Sibirien zu sammeln. Grausam die hilflosen Schreie dieser Mädchen. Hätte ich nicht von einer Nachbarin ein ganz kleines, zwei Wochen altes Kind getragen, wäre ich sicherlich auch dabeigewesen.

Unvergeßlich, wie wir uns vor einer Reihe Stalin-Orgeln aufstellen mußten und diese dann plötzlich losdonnerten. Man quälte und peinigte uns, wo es nur ging.

Und eines Tages wurden wir ohne Bewachung weitergeschickt. Es hieß: „Nach Hause!” Bis zum Dunkelwerden wanderten wir, in einer Scheune legten wir uns nieder. Aber auch hier fanden wir keine Ruhe, Russen kamen und suchten Frauen und Mädchen heraus, unsere Hilfeschreie erstarben in der endlosen Verlassenheit, es gab nirgends Schutz oder Rettung.

Wir kamen später nach Oliva zurück und blieben eine Woche in irgendeinem Keller, der stockfinster und bereits überfüllt war. Tag und Nacht hier dasselbe, Vergewaltigen und Plündern der letzten Habe. Ich blieb wieder verschont, da ich mich tagsüber in einem Kohlenkeller unter den Kohlen versteckt hielt. In der letzten Nacht fand man mich. Meine Mutter versuchte mit den letzten Kräften den Russen von mir abzubringen, dafür schlug und würgte er sie. Dann ging er, um noch einen Kameraden zu holen. In der Zwischenzeit flohen wir aus dem Keller.

Auf dem Wege nach Langfuhr wurde ich von einer Streife angehalten, von meiner Mutter fortgerissen und mit etwa 30 anderen Mädchen in einen Keller gesperrt. Zwei Tage blieben wir dort, Hunger, Durst und Kälte quälten, sitzen konnten wir nicht, da der Keller voller Kohlen und ganz finster war. In der zweiten Nacht wurden wir von einem NKWD.-Offizier einzeln


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verhört. Je nach den Aussagen kam man in besondere Keller. Ich war nahe dem Zusammenbrechen, und konnte kaum auf die Fragen antworten. Auf Grund meiner körperlichen Verfassung kam ich am anderen Morgen mit etwa fünf Mädchen frei. Die anderen sollen später nach Sibirien gekommen sein. Auf dem Wege nach Hause wurde ich öfters zum Schuttaufräumen herangezogen.

Mit Aufbietung letzter Kräfte gelangte ich zum Schwarzen Weg zu Bekannten. Hier war das Haus voller Russen. Die Bekannten brachten mich auf den Boden, wo ein Pole bereits seine Braut, eine Berlinerin, versteckt hielt. Er versuchte jedesmal, die Russen von einer Durchsuchung des Bodens abzulenken. Meistens gelang es aber nicht, und wir mußten auf das völlig abgedeckte Dach klettern, wo ich dann zwei Nächte zugebracht habe.

Die Sorge um meine Mutter trieb mich dann nach Hause. Was ich von den drei Häusern vorfand, waren nur ausgebrannte Ruinen. Wann die beiden Gartenhäuser abgebrannt waren, weiß ich nicht.

Meine Mutter fand ich in der Baumbachallee in einem Keller. Zwei Wochen mußte ich mich noch versteckt halten, dann wurde das Vergewaltigen und Plündern verboten. Aber nun kamen die ersten Polen, sie setzten das grausame Spiel fort.

Es folgen noch einige abschließende Bemerkungen über das willkürliche und gewalttätige Benehmen der Polen.