Nr. 81: Die Situation der Flüchtlinge im belagerten Gdingen und auf der Halbinsel Hela.

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Erlebnisbericht des ehemaligen Kriegsmarinepfarrers Arnold Schumacher aus Gdingen i. Westpr.

Original, 23. März 1950.

Bereits Anfang Januar 1945 begann der Flüchtlingsstrom, sich vom Osten gen Westen durch Gotenhafen (Gdingen) zu ergießen. Der Januar war besonders kalt und schneereich. Man muß wissen, daß Gotenhafen völlig frei liegt. Der Pole liebt Bäume nicht, so war in Gotenhafen immer ein besonders scharfer Nordostwind. Dieser Nordostwind in der Winterkälte war eine schwere Belastung für die Flüchtlinge, die in dauernd wachsender Zahl einströmten. Januar/Februar war es meist so, daß die Flüchtlinge Gotenhafen in Richtung Pommern durchzogen. Wochenlang zog Treck um Treck von Danzig her durch Gotenhafen in Richtung Lauenburg. Ein erschütternder Anblick, wie die Menschen aus dem Osten in einem kleinen Pferdewagen ihr Hab und Gut zusammengebracht hatten, um noch ein Weniges zu retten. In dem Augenblick, als die Hauptkampflinie immer näher kam, wurde die Situation entsprechend ernster. Im Hafen von Gotenhafen lagen ältere Kriegsschiffe der Marine, die pausenlos ihre Munition in Richtung der russischen Front abschossen.

Der evangelische Ortspfarrer hatte sich rechtzeitig nach Westen abgesetzt. In dieser Zeit übernahm ich in meiner Tätigkeit als Marinepfarrer auch noch die Verwaltung der verwaisten evangelischen Zivilgemeinde. Es war ein typisches Bild der damaligen Zeit, daß die Gottesdienste, je größer die Gefahr wurde, desto stärker besucht wurden. Über der ganzen Stadt lag eine unheimliche Spannung, die sich in manchem Verzweiflungsakt auswirkte. Ich entsinne mich noch sehr genau des 30. Januar 1945, als ich am Morgen meinem Admiral begegnete, der mir in tiefster Erschütterung erzählte, daß er soeben die Nachricht erhalten habe, daß die „Wilhelm Gustloff” untergegangen sei. Ich hatte noch am Tage vorher bei zwei Familien, die mit dem Dampfer gen Westen fuhren, getauft, und eine unendliche Zahl von Bekannten war mit diesem Dampfer abgefahren und nun ein Opfer des Krieges geworden.

Anfang März wurde die Lage immer bedrohlicher, als der Russe den Durchzug durch Pommern abgeschnitten hatte. So trat bald das grauenvolle Bild ein, daß die Menschenmassen vom Osten nach Gotenhafen kamen und vom Westen große Menschenmengen wieder zurückströmten. Gotenhafen war der einzige größere Hafen, aus dem noch eine Rettung zum Westen möglich war. Die Marine hat in dieser Zeit wirklich Großes geleistet. Schiff um Schiff jeder Art und Größe wurde mit Flüchtlingen gefüllt und fuhr ab. Im März nicht sehr lange vor dem Zusammenbruch kam der endgültige Befehl zur Räumung der Stadt von der deutschen Zivilbevölkerung. Auch hier wieder ein seltsames Spiel der Wiederholung alles Geschehens. In eiligster Flucht rettete sich die Zivilbevölkerung in die bereitstehenden Schiffe. Über Nacht war Gotenhafen, eine Stadt mit über 100 000 Deutschen, entleert. Totenstille in den Straßen bis auf die Trecks, die unentwegt hindurchzogen. Nach diesem


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Tage zogen Flüchtlinge, die nun nicht mehr so schnell wegkonnten, in die leeren Wohnungen ein. Über Nacht waren wieder viele Zehntausende in Gotenhafen, die in den leeren Wohnungen Unterschlupf suchten.

Das Bewegendste dieser aufregenden Zeit war dies: Das Pfarrhaus stand im Mittelpunkt des Geschehens. Täglich wurden 30 bis 50 Menschen beerdigt, Alte und Junge, die die Strapazen der Flucht nicht mehr überlebt hatten. Pfarrer kamen mit großen Teilen ihrer Gemeinde durch Gotenhafen. Manche blieben noch einige Tage bei mir, besuchten Kranke, beerdigten mit, fuhren nach Hela hinüber und halfen dort auch noch im Gemeindedienst mit. Auf Wunsch der Flüchtlinge fand an jedem Morgen und an jedem Abend eine Andacht in der Kirche statt. Die Gottesdienste waren überfüllt. Es mußten extra Bibel- und Gebetsstunden eingerichtet werden, die immer wieder die Menge der Herumirrenden und nach Trost Suchenden nicht aufnehmen konnten. Die Beerdigungen waren mit die schwerste seelische Belastung. Särge gab es nicht mehr. Die Leichen wurden in Papiertüten gepackt und lagen auf dem Friedhof nebeneinander, Große und Kleine, Alte und Neugeborene. Zahlreiche erschütterte Menschen an den Gräbern, Mütter, denen die Tränen versiegt waren, weil das Leid über ihre Kraft gegangen war. Herzzerreißende Szenen spielten sich gerade in diesen Wochen an den Gräbern ab. Ins Pfarrhaus kamen besonders die Kinderreichen, die verzweifelt nach einer Möglichkeit suchten, mit ihrer großen Familie auf einem Schiff Platz zu finden. Gottlob gelang es uns immer wieder, Plätze zu chartern und die Marinestellen willig zu machen, den Alten und Schwerbeweglichen sowie den Müttern mit ihren Kindern, die ja zumeist ohne Vater die Flucht antreten mußten, Platz auf unsern Schiffen zu besorgen. Je mehr es in den März hineinging, desto geringer wurde die Zahl der Flüchtlinge, desto kleiner aber auch die Möglichkeit zur Flucht.

Mitte März rückte der Russe dann näher an Gotenhafen heran. Danzig war umstellt. Keile seiner Formationen rückten auf Adlershorst vor. Die Marine räumte weithin Gotenhafen und zog sich nach Oxhöft zurück. Die Gruppen des Heeres übernahmen die Verteidigung Gotenhafens. Zurückflutende Soldaten, eine aufgelöste Ordnung, Standrecht wurde erklärt, Soldaten, die desertiert waren, erschossen. Es wurden Zivilisten erschossen, die geplündert hatten. Ein Bild von völliger Auflösung von Sitte und Ordnung in der Stadt. Das Stichwort „sauve qui peut” hatte alle Ordnung zerbrochen. Die ersten Granaten schlugen in der Stadt ein, und dann ging es pausenlos. Nachts kamen Flieger und warfen Bomben ab.

Am 23. März ist es mir möglich, noch vier Schiffskarten für eine befreundete Familie nach dem Westen zu erhalten. Bis zum Mittag erfolgt heute kein Tieffliegerangriff, auf die Arieinschläge achtet man nicht so sehr scharf, und so ist es mir möglich, gegen l Uhr ziemlich rasch die Adolf-Hitler-Straße zu erreichen. Für 2 Uhr habe ich einen Elektrokarren zur Beförderung des Gepäcks bestellt. Gegen 13.30 Uhr setzt der erste Tieffliegerangriff ein, dem laufend weitere in Abständen von 5—10 Minuten folgen. Gleichzeitig erfolgt in nächster Nähe eine schwere Detonation, die ich anfangs für einen Bombeneinschlag halte. Fünf Minuten später eine weitere, noch schwerere Erschütterung. Es handelt sich um zwei schwere Arieinschläge in die Adolf-Hitler-Straße, der erste ca. 400 m, der zweite nur ca. 200 m entfernt in der Nähe


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der Stadtverwaltung. Große Staubwolken liegen über der Straße, anscheinend sind die oberen Stockwerke der sechs- bis siebenstöckigen Häuser abrasiert worden. Pferdegespanne jagen im Galopp die Straße entlang, Wagen mit verwundeten Gefangenen auf Stroh gebettet, einzelne Truppen mit Gefangenen zu Fuß dazwischen. Sie kann das alles nicht stören, sie laufen ihren ruhigen Trott.

Da das bestellte Fahrzeug nicht kommt, laufe bzw. jage ich von Haus zu Haus zurück zum Adolf-Hitler-Platz. Frisch gefallene Pferde liegen an verschiedenen Stellen des Platzes. Es sind in der halben Stunde mindestens vier Aritreffer in die Häuserreihe Deutsches Café — Hansa-Café erfolgt. Kaum bin ich da angelangt, startet ein Bombenangriff. Bei den ersten Bomben flüchte ich in den Luftschutzkeller von Bleck. Nach einer Viertelstunde ist es wieder ruhiger geworden, aber kaum bin ich draußen, ein neuer Tieffliegerangriff. Erst gegen 3 Uhr ist es möglich, den Fahrer zu bewegen, loszufahren. Ich gehe inzwischen zur Verwaltung zurück, um mich dort umzusehen. Da nichts vorliegt, gehe ich zum Hafen. An der Ecke Tirpitzstraße auf dem Fußsteig hat eine Granate eingeschlagen. Zwei tote Flüchtlingsfrauen mit ihrem Gepäck und einem Kinderwagen mit Säugling liegen vollkommen zerfetzt da. Bei einer Frau vermisse ich den Kopf. Tiefflieger sind von Kielau aus im Anflug, im Hausflur Hafendrogerie muß ich Deckung nehmen. Die MGs. knattern, Glas splittert. Nach 5 Minuten kann ich weiter, man watet durch Glasscherben. Im Polizeipräsidium muß ich wieder Deckung nehmen, die MGs. knattern wieder in verdächtiger Nähe.

Ein ziemlicher Strom von Flüchtlingen, hauptsächlich Frauen mit Kindern, mit Kinderwagen, allen anderen Fahrzeugen, zu Fuß und auf Pferdegespannen flüchtet die Straße entlang nach dem Hafengebiet. Auch sie stürzen alle paar Minuten in die Hausflure. Vom Polizeipräsidium komme ich gerade zwei Häuser weiter bis zur Bäckerei, wo eine Granate den dritten Stock z. T. zerstört hat. Wie ich die freie Strecke von der Hafenstraße bis zur Hafensperre schaffen soll, weiß ich noch nicht. Es gelingt mir aber, von da bis zur Brücke im Laufschritt zu kommen. Über Oxhöft und Kielau schwirren Dutzende von Fliegern herum. Der nächste Sprung von der Brücke bis zu den ersten Häusern gelingt, wo ich Deckung finde. Gegen 1/2 4 Uhr kommt der B-Karren mit dem Gepäck, ich fahre mit. In der Hamburger Straße kommen wieder Tiefflieger an, wir lassen uns nicht stören, in voller Fahrt geht es weiter, nur die Köpfe ziehen wir ein. Zehn Minuten später sind wir an Hafenbecken V. wo die „Walter Rauh” liegt, die die Flüchtlinge nach Kopenhagen bringen soll. Rund 3—4 000 Menschen drängen sich auf dem Kai, das Einschiffen geht langsam vor sich. Größeres Gepäck wird mit Seilen hochgezogen. Dreimal kommen Tiefflieger in bedrohliche Nähe, im Anflug sieht man das aufblitzende MG.-Feuer. Die Menschen brüllen, Kinder schreien und versuchen, hinter allen möglichen Gegenständen Deckung zu nehmen. Die zwei Vierlinge1) auf der „Rauh” zwingen die Angreifer aber immer zum Abdrehen. Langsam tritt wieder Beruhigung ein.

Punkt 13 Uhr werden die Brücken hochgenommen, da die Abfahrtszeit herangekommen und das Schiff voll besetzt ist (6000 Mann). Rund 2—3000


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Menschen müssen zurückbleiben. Betteln, Weinen, Schreien, Pfeifen, Johlen der Zurückbleibenden, jeder möchte noch mit. Die Sirene heult auf, die „Rauh” legt ab. Es ist inzwischen dunkel geworden. Im Osten leuchtet der Himmel blutrot, Zoppot brennt, ein grausig schönes Schauspiel. Ich gehe mit einem Kollegen zurück zur Stadt. Der Beschuß hat nachgelassen, nur einzelne Granaten schlagen in meiner Nähe ein.

Ich treffe noch Hunderte von Flüchtlingen auf dem Wege zum Hafen, sie wollen alle noch mit dem Dampfer wegfahren. Es ist ihnen nicht gesagt worden, daß die „Rauh” bereits um 13 Uhr ablegt. Die Letzten haben erst um 16 Uhr Nachricht bekommen, sie kommen weither, z. T. aus Adlershorst und Kielau. Man weint, man flucht, man brüllt, muß sich aber letzten Endes fügen und sich irgendwo in einem Schuppen ein Plätzchen für die Nacht suchen. Zurücklaufen wollen sie den Weg nicht mehr. Die Menschen sind verzweifelt.

Am Palmsonntag, dem 25. März 1945, verließ ich als fast letzter der Marine die Stadt, nachdem die Marine, wie bereits oben gesagt, nach Oxhöft verlegt worden war. Es war ein schauriger, kalter, klarer Palmsonntag. Die beiden Marinepfarrer sprangen von Haus zu Haus zum Hafen hin. Der Einschlag der 21-cm-Granaten und Beschuß von allen Seiten machten ein Gehen durch die Stadt unmöglich. Auf der Straße lagen tödlich getroffene Menschen und verendete Pferde. Erschütternd war der Anblick gerade der seufzenden Kreatur, die zum Teil angeschossen langsam verblutete, ohne daß sich ein Mensch um sie kümmern konnte. In der Frühe des Palmsonntags war ich noch in zwei Kellern und taufte dort Kinder von Marineangehörigen, deren Mütter infolge der Geburt nicht auf die Flucht gehen konnten. Es waren ergreifende Feiern innerster Beteiligung aller Anwesenden. Die Feiern selbst durch harte, dumpfe Einschläge in nächster Nähe unterbrochen, die uns alle daran mahnten, daß zwischen uns und dem Tode nur ein kleiner Schritt war.

Die Marine tat ihren Dienst in selbstloser Weise. Die Fähre nach Oxhöft hinüber wurde in Betrieb gehalten. Im Laufe des Vormittags, nach stundenlangem Marsch zum Hafen, der sonst in kurzer Zeit zurückgelegt war, kamen wir nach Oxhöft hinüber. Von der Fähre aus führte ein gerader Weg zur früheren U-Boot-Divisionskaserne. Auf dem Wege dorthin erlebten wir einen schauerlichen Tieffliegerangriff, der immer wiederholt wurde und bei dem sich die feindlichen Flieger die Mühe oder den Spaß machten, die sich im Grase Duckenden und in die Erde Einkrallenden durch Beschuß zur Strecke zu bringen. Oxhöft angefüllt mit Tausenden von Marinesoldaten. Oxhöft liegt in einem Kessel. Der Russe hatte die Oxhöfter Kämpe erreicht und schoß gnadenlos seine Granaten in die zusammengeballten Massen, die sich kaum mehr wehren konnten. Die Haupttätigkeit war für mich jetzt nur noch das Beerdigen und das Besuchen der schwerverwundeten und sterbenden Soldaten. Nur wenige Tage dauerte der Aufenthalt in Oxhöft, dann kam der Befehl, daß sich die gesamte Marine absetzen sollte. Wieder einmal hat die Marine das Meisterstück fertig gebracht und in einer Nacht mit Pontons und kleinen Booten ohne Verluste 35 000 Menschen von Oxhöft nach Hela übergesetzt.

Am Karfreitag kamen wir in Hela an. Hela einst ein altes deutsches Fischerdorf mit einer großen Kirche. Die Fischergemeinde eine kirchlich bewußte Gemeinde. Die Kirche stand in Hela buchstäblich im Mittelpunkt des


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Lebens. Jetzt war Hela ein totes Stück Erde geworden. . . . Die Häuser waren leer, zum Teil zerstört durch Fliegerangriffe. Nun kam Leben in dieses kleine Dorf, das einst etwa 800 Menschen beherbergt hatte. Im April waren es über 150 000 Menschen, die sich hier auf engstem Raum zusammendrängten mit der bangen Frage im Herzen: Gibt es noch eine Rettung? Täglich kamen Flieger und warfen wahllos ihre Bomben ab, die Menschen trafen. Tote blieben auf dem Felde liegen.

Was ist der Mensch? Diese Frage legte sich einem immer wieder in diesen Wochen auf Herz und Gewissen. Ging man durch den Hafen, so lagen dort tote Soldaten, verstümmelte Leichen. Jeden Tag fanden zahlreiche Beerdigungen statt. Immer wieder unbekannte Soldaten, niemand kannte sie, niemand wußte ihren Namen, niemand wird je erfahren, was aus ihnen geworden ist. Gerade dieses Erlebnis ist mit das bitterste des ganzen Krieges gewesen, daß in den letzten Monaten der Flucht ungezählte Menschen den Tod fanden, die nirgendwo registriert waren und deren Tod niemand erfährt. So warten irgendwo in Deutschland Menschen mit einer Hoffnung im Herzen, daß ihre Angehörigen doch noch eines Tages auftauchen. In Wirklichkeit sind sie als Unbekannte beerdigt oder im Meer versunken.

Ans Herz ging ganz besonders der Besuch auf den Lazarettschiffen, die von der Kurlandküste und der Nehrung hier täglich in großer Zahl einliefen. In den verschiedenen Decks der Schiffe lagen Mann neben Mann mit eiternden Wunden, stöhnend, seufzend, sterbend. Wenn ich hier durch die Decks hindurchging und zu den Einzelnen hintrat, da spürte ich etwas von der Schönheit des Trostamtes der Kirche. Wie dankbar waren die Männer für ein gutes Wort, für einen einzigen Blick, für einen Händedruck. Sie lagen ja völlig hilflos und verlassen da, jeden Augenblick in Gefahr, mit ihren Schiffen unterzugehen. Wie viele sind mit zerschossenen Gliedern, ohne sich noch retten zu können, mit ihrem Lazarettschiff in die Tiefe gesunken.

Am Ostermorgen predigte ich in der kleinen katholischen Kapelle, da die evangelische Kirche zerstört war, vor einer kleinen Schar von Soldaten. Alle andern waren in Alarmbereitschaft. Je mehr es dem Ende zuging, desto düsterer war das Bild in Hela. Große Mengen von Soldaten und Zivilisten retteten sich nach Hela auf Fährprähmen und kleinen Kriegsschiffen. Zehntausende standen am Kai und warteten darauf, daß sie ein Schiff mitnahm. Sobald die russischen Flieger kamen, flüchteten die Menschen unter die Bäume, in die Dünen und vergruben sich, um das Leben zu retten.

Gauleiter Forster tauchte noch einmal in diesen letzten Tagen in Hela auf, er redete dort sogar und verschwand dann aber sogleich1) mit seinem Gefolge auf einer Yacht gen Westen, ohne aber auch nur wenigstens der Form halber einen von denen mitzunehmen, die am Ufer standen und sich die Augen aussahen nach Schiffen, die vielleicht noch kommen konnten, um sie zu retten.

Im folgenden Abschnitt schildert Vf. die Bestattung eines Marineangehörigen auf See.

Wir fuhren zurück in den Hafen und blieben noch eine Weile zusammen. Plötzlich Alarmsignal. Höchste Alarmstufe. Wir eilten an Deck, über uns große


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Mengen feindlicher Flieger. Das kleine Boot schoß mit äußerster Kraft voraus aus dem Hafen und aus der Gefahr der herunterstürzenden Bomben. Dann sahen wir von See aus ein schauriges Bild, wie in das kleine Dorf Hela die Bomben fielen und wie Brand um Brand wie Leuchtfeuer in den Himmel stieg. Fast ganz Hela stand in Flammen. Das war der Untergang dieses kleinen Fischerdorfes, das einst fleißige und ehrbare Fischer beherbergt hatte und nun auch ein Opfer des Krieges wurde. Als ich in der Frühe des nächsten Morgens das mir lieb gewordene Hela durchzog, bot sich mir ein tieftrauriger Anblick dar. Überall Tote, die noch gehofft hatten, sich retten zu können, und nun doch noch den Tod gefunden hatten. Plötzlich kam von Gotenhafen herüber Beschuß der schweren Langrohr-Geschütze. Augenblick um Augenblick sausten die Granaten durch die Luft und schlugen in der Nähe ein. Hier heulten Menschen auf, dort wanden sich Sterbende im Todeskampf. Untergangsstimmung. Die Marine suchte mit ihrer kleinen Schar in den ehemals polnischen Bunkern Unterschlupf zu finden.

Am 4. Mai 1945 kam der Befehl, daß sich der Rest der Marine am nächsten Tage abzusetzen hätte. In zwei Minenräumbooten fand der Rest der Marine Aufnahme und fuhr am Sonnabend, dem 5. Mai, also drei Tage vor der Kapitulation, nach Westen.