Nr. 82: Die Situation der Flüchtlinge auf der Halbinsel Hela.

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Bericht des Oberst a. D. Eberhard Schöpffer aus Elbing i. Westpr.

Original, 22. März 1952.

Nach den harten Kampftagen auf den Oxhöfter Kämpen kam ich mit meinem kleinen Stabe nach Hela und erhielt von dem damaligen Befehlshaber, General Specht, den Auftrag, die auf Hela landenden Flüchtlingsströme und Verwundetentransporte unterzubringen, zu verpflegen und für möglichst schnellen Abtransport nach dem Westen zu sorgen. Dieselbe Aufgabe hatte ich ebenso für diejenigen Truppen, wie Volkssturm und angeschlagene Verbände, die für den Kampf auf Hela nicht mehr in Frage kamen. Zur Durchführung dieser Aufgabe stand mir eine Anzahl äußerst tatkräftiger Unterstäbe zur Verfügung, denen allein ich es zu verdanken habe, daß das Ziel erreicht wurde.

Es war die Zeit, in der noch im Samland und in der Danziger Niederung mit Verbissenheit gekämpft wurde und in der die im Rücken dieser Kampfgruppen zusammengedrängten Flüchtlingsmassen auf Wasserfahrzeugen aller Art und Größe den rettenden Häfen von Hela zustrebten.

Zwei Häfen standen zur Verfügung: Der Fischereihafen für die Zivilbevölkerung und der Marinehafen für Truppen und Verwundete. Die größeren Schiffe mußten auf der Reede außerhalb des Hafens ankern der Wasserverhältnisse wegen und um den russischen Luftangriffen besser ausweichen zu können.

Da die Transporte nur in den späten Abendstunden wegen der Feindeinwirkung ihre Abfahrtshäfen verlassen konnten, trafen sie im Laufe der Nacht oder in den frühen Morgenstunden vor Hela ein, und nie konnten wir vorher


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erfahren, um welche Zahlen es sich handelte. Leider sind die genau geführten Kriegstagebücher verloren gegangen. Um aber ein Bild von den Massen zu geben, die in den schwersten Zeiten in einer Nacht in den Hafen von Hela ausgeschifft wurden, führe ich aus meinem Notizbuch eine Aufzeichnung an, die nicht vereinzelt dastand, sondern sich oft stoßweise alle zwei bis drei Tage wiederholte. Am 15. April lautet .die Morgenmeldung: „Neu eingetroffen: 18000 Verwundete, 33000 Flüchtlinge und 8000 Volkssturmmänner!”

Daß bei diesem Massenandrang nicht an eine ordnungsmäßige Unterbringung gedacht werden konnte, war klar, und es wurde dann nach folgender Anordnung verfahren:

1.) Die Lazarette, Schulen, ein Teil der Kasernen, Baracken und größeren Räume wurden den sehr umsichtig arbeitenden Ärzten für die Schwerverwundeten überlassen. Ein besonders dafür ausgesuchter Sanitätsoffizier mit seinem Stabe hatte die Verpflichtung, alle transportfähigen Verwundeten mit dem nächsten Geleitzug nach dem Westen abzuschieben, so daß am Abend möglichst viel Raum für Neuaufnahmen geschaffen wurde. Es war selbstverständlich, daß die Verwundeten den Vorrang auf den Transportschiffen hatten, und dank der Tatkraft des betreffenden Arztes und der starken Willenskraft der Verwundeten ging dieser Abschub auch reibungslos vor sich.

2.) Allen Flüchtlingen, mit Ausnahme der Kranken, Greise und Mütter mit kleinen Kindern, wurden Quartiere in den mit Kusseln bestandenen Dünen angewiesen, und ebenso kamen die abzutransportierenden Truppenreste und Volkssturmbataillone in das dünne Waldgelände. Diese Maßnahme erschien anfangs vielen als Härte, sie war aber bei den gewaltigen Zahlen, die nächtlich anfielen, notwendig und erwies sich auch als äußerst zweckmäßig, denn bei den warmen Nächten, die wir in der Zeit hatten, war ein Kampieren unter Zelten und Decken angenehmer als im stickigen engen Quartier, und vor allem waren diese Waldbewohner vor den Luftangriffen der Russen, die regelmäßig bei klarem Sonnenschein einsetzten, viel sicherer, da sie sich besser tarnen und durch Erdlöcher und Bunker vor Splitterwirkung schützen konnten. So erlebten wir es, daß die den Greisen und stillenden Müttern zugewiesenen Unterkünfte im Dorf Hela oft leer standen und die Einquartierten in den Wald gezogen waren. Wenn auch in diesen furchtbaren Schicksalsmonaten1) alle Mächte sich gegen das deutsche Volk gewendet hatten — — der Wettergott hatte Mitleid und milderte durch einen frühen und warmen Frühling die seelische Not des aus der Heimat vertriebenen Volkes.

Schwieriger als die Unterbringung war für mich die Durchführung der Verpflegung dieser in der Zahl täglich schwankenden Flüchtlingsmassen. Aber im Laufe weniger Tage wurde auch dieses Problem gelöst dadurch, daß alle auf Hela befindlichen Dienststellen uns unterstützten und die Vertriebenen selbst bei der Zubereitung und Verteilung der Kost halfen. Zunächst wurden alle großen Küchen und Waschkessel beschlagnahmt, in denen früh, mittags und abends Suppe gekocht wurde. Ein zufällig im Hafen entdeckter Verpflegungsprahm der Gauleitung Danzig mit drei gewaltigen Kochkesseln mit je 6 000 Portionen wurde ebenfalls in den Dienst der Kommandantur gestellt und ist uns wertvoll gewesen.


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Die Verpflegungsämter des Heeres und der Marine sorgten für Lieferung von Bohnen, Erbsen, Gemüse und vor allem Frischfleisch, das aus den Schlachthäusern der Danziger Niederung allnächtlich herübergeführt wurde. Dort war ja ein Teil der Trecks aufgelöst und wertvolles Zuchtvieh und Pferde in großen Mengen zum Schlachten freigegeben worden.

Da bei dem strahlenden Frühlingswetter die Russen fast täglich ihre Luftangriffe auf Hela machten und mit einigen Geschützen in unregelmäßigen Zeitabständen den Südzipfel der Halbinsel beschossen, mußten größere Ansammlungen von Menschen an den Ausgabestellen vermieden werden. Das brachte uns auf folgenden Einfall: Aus den Marine- und Privatwohnungen wurden die Badewannen herausgenommen und an geschützten Stellen im Walde verteilt aufgestellt. Dort wurden sie eingemauert und mit einer Feuerung versehen, die es ermöglichte, die in den Kesseln gekochte Suppe warmzuhalten. Es war also nur notwendig, das Essen mit Wagen von den Kesseln in den Wald zu fahren und die Badewannen zu füllen. Das klingt heute alles so einfach, und doch mußten diese Erfahrungen mit vielen Opfern erkauft werden, denn bei einer Ansammlung von Zigtausenden von Menschen gibt es natürlich Unvernünftige, die, verlockt durch das schöne Wetter, trotz Verbot ihre Waldlager verließen und an den Kochstellen im Dorf und den Barackenlagern Schlange standen. Wenn dann die russischen Flugzeuge ohne Warnung von See her erschienen und ihre Bomben in diese Ansammlungen warfen, gab es trotz der überall ausgehobenen Splittergräben Verluste, und die Waldbiwaks mit ihren Ausgabestellen wurden wieder geschätzt.

Aber die schwierigste uns gestellte Aufgabe war doch der Abtransport der sich auf Hela stauenden Massen. Sie war eine Sorge, die mit jeder glücklichen Landung neu angekommener Flüchtlinge wuchs und die uns Tag und Nacht nicht verließ. Und dabei war es rührend, zu beobachten, mit welchem Sicherheits-, ja, fast Glücksgefühl ein großer Teil der von Haus und Hof Vertriebenen die Küste von Hela betrat. Die armen Menschen waren tage- und wochenlang von der Angst und Sorge um ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder und kranken Eltern gepeinigt auf den Straßen Ost- und Westpreußens hin und her getrieben worden. Rückblickend hatten sie ihre Heimatdörfer brennen sehen und von ihrer mitgenommenen Habe ein Bündelchen nach dem andern verloren oder freiwillig geopfert, um schneller vorwärts zu kommen. Im Samland, auf der Frischen Nehrung oder irgendwo in der Danziger Niederung von Panzern und Artillerieeinschlägen gejagt, hatten sie auch ihren Wagen, ihre treuen Pferde, vielleicht den geliebten Hundebegleiter verlassen müssen und waren dann, nur mit dem Nötigsten bekleidet, in die Boote an der Ostseeküste gesprungen. Man muß das Durcheinander der Verbände, das Zerreißen der Trecks und das Umherirren von Kindern und Kranken gesehen haben und sich in die bangen Seelen der Frauen und alten Männer versetzen, um das Gefühl der Geborgenheit zu verstehen, das die Angehörigen einer Familie oder Sippe beim Landen in dem Hafen von Hela empfanden.

Nicht alle, aber ein großer Teil der geflüchteten Familien und Dörfer war noch beieinander, sie zählten die Häupter ihrer Lieben und waren glücklich, wenn sie nach diesen unruhigen Trecktagen vollzählig die Sanddünen von Hela erreicht hatten. Die Angst vor dem Tode und vor Sibirien verfluch-


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tete sich in einer Nacht, und vor ihnen strahlte die Sonne und belebte die Herzen mit neuem Mut. Der Gedanke: Nun sind wir gerettet und alle Not ist vorbei, beherrschte die Gemüter und ließ manches Ungemach auf Hela besser ertragen. Daß für sehr viele durch den Abtransport nach dem Westen durch russische Bomber und Seeminen noch schwere Gefahren zu überwinden waren und Trauer in viele Familien einzog, ahnten bei der Landung nur wenige.

Der Abtransport von Hela erfolgte auf Schiffen der verschiedensten Größe und Geschwindigkeit. Diese sammelten sich außerhalb der Danziger Bucht, wurden in Geleitzügen zusammengestellt und fuhren bei Einbruch der Dunkelheit, gesichert von Einheiten der Kriegsmarine, ohne Licht und Zeichen. Das alles erforderte natürlich eine sehr genaue Organisation, denn schon das Herbeiholen der großen und kleinen Seedampfer mußte so geschehen, daß der von den Russen besetzten Pommernküste diese Bewegungen möglichst verborgen blieben und das Sammeln des Geleits sowie das Anbordgehen der Flüchtlinge und Truppen so schnell wie möglich gingen. Jeder kleine Fehler auf diesem Gebiet rächte sich furchtbar. Sofort setzten russische Fliegerangriffe ein, die Verwirrung in die zur Verschiffung bereitgestellten Menschenmassen und in die Flotte brachten. Schwere Verluste an Menschen und Material traten ein und stellten oft den Abtransport vieler Tausender in Frage.

Eine solche umfassende Organisation konnte nur von Sachverständigen der Marine vorgenommen werden, die einen für diese Zwecke besonders geeigneten Stab zusammengestellt hatten. Ich stand mit ihm in dauernder engster Verbindung und kann nur sagen, daß er mustergültig gearbeitet hat und unsere Aufgabe entscheidend unterstützt hat. Da die Schiffe aus Tarnungsgründen ihr Eintreffen auf der Reede von Hela durch Funkspruch nicht melden konnten, wußte der Transportoffizier bis in die Mittagsstunden selbst noch nicht die Anzahl und den Laderaum. Dann wurden diese Zahlen durch Meldung eines Marinefahrzeuges plötzlich bekannt, und schon begann eine fieberhafte Arbeit im Marine- und in meinem Stabe. Es galt, die Flüchtlinge in solchen Mengen zur rechten Zeit an den kleinen Fischerhafen zu bringen, daß die Leichter, die zum Transport vom Hafen zu den Schiffen erforderlich waren, in ununterbrochenem Hin- und Herfahren blieben.

Andererseits durften keine großen Menschenansammlungen sich am Hafen und im Ort Hela wegen der häufig um diese Zeit erfolgenden Fliegerangriffe zeigen. Man wird verstehen, daß ein zügiger Ablauf bei den Zigtausenden von Flüchtlingen nicht leicht war.

Wie glücklich waren wir, wenn am Abend eines solchen Transporttages die zur Abfahrt alarmierten und bereitgestellten 20 000 Menschen ohne Zwischenfall auf die Dampfer gesetzt waren und die Schiffe in der Dämmerung nach Westen fuhren. Aber welches grauenhafte Schicksal mußten die unglücklichen Menschen erleiden, die während der Verschiffung in einen Bombenangriff hineinkamen. Bei dem schmalen Mohlensteg, der zu den Leichtern führte, war es unvermeidlich, daß beim Sprung in die kleinen Boote Familien auseinandergerissen wurden. Mütter und Kranke waren unterwegs zu den großen Schiffen, während die Kinder noch auf der Mole auf den nächsten Leichter warteten. Wenn dann der gefürchtete Luftangriff einsetzte und eins dieser überladenen Zubringerboote durch Bomben versenkt wurde oder die


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Transportflotte durch die Wucht des Angriffs gezwungen wurde, in See zu gehen, und nur mit halber Ladung den Kurs nach Westen nahm, dann war das Elend furchtbar. Kinder liefen umher und suchten ihre Mütter, und Frauen riefen nach ihren Kindern und beklagten den Tod ihrer Angehörigen, die vor ihren Augen den grausamen Tod in den Wellen gefunden hatten. Dann war es schwierig, die enttäuschten zurückgebliebenen Menschen in ihre Waldquartiere zurückzubringen und sie für den nächsten Tag zu vertrösten. Und welche Aufgaben mußten von den Dienststellen der Kommandantur außer der Feststellung der Stärken in den einzelnen Unterkünften, der Sicherstellung der Verpflegung für den kommenden Tag, der Bergung der Toten und der Überführung der Kranken und Verwundeten in die Lazarette an den Abenden solcher Unglückstage bewältigt werden.

Da fand z. B. die Streife auf dem Friedhof an der Dorfkirche ein in Windeln und Decken gewickeltes Kind von etwa neun Monaten. Es war kerngesund und schrie nur vor Hunger. Jetzt lag es auf dem Tisch des Kommandanten, der sich die größte Mühe gab, die Mutter ausfindig zu machen. Ein junges Mädchen in Schwesterntracht, die schon alte und kranke Leute betreute, nahm sich auch dieses Kindes an, und da die Mutter auch in den nächsten Tagen nicht zu finden war und die hilfreiche Schwester mit ihren Schützlingen abtransportiert werden sollte, bat sie mich, das elternlose Kind ohne Namen mitnehmen zu dürfen, und auf ihren Wunsch stellte ich ihr eine Bescheinigung aus, daß sie nicht die Mutter dieses Kindes sei.

Oder ich denke an die junge verzweifelte Mutter, die ihre beiden halbwüchsigen Kinder bei einem Fliegerangriff verloren und in einem Grabe auf dem Flüchtlingsfriedhof beerdigt hatte. Nacht und Tag saß sie an diesem kleinen Hügel und weigerte sich auf das entschiedenste, Hela zu verlassen.

So erlebte man bei jedem Rundgang durch die Lager Tragödien, die unbeschreiblich waren und die einem deshalb so nahe gingen, weil man zu schwach war, um wirklich helfen zu können. Denn schon kamen wieder die Morgenmeldungen mit den Zahlen der in der Nacht neugelandeten Flüchtlinge und Verwundeten, und die Aufgaben des anbrechenden Tages mußten gelöst werden. Vielleicht die schwerste Arbeit hatte der pflichttreue und pietätvolle Gräberoffizier mit seinen unermüdlich arbeitenden Männern. In den Sanddünen hinter dem Marinelager hatten wir einen neuen Friedhof angelegt, auf dem von früh bis zum Abend Massengräber ausgeschaufelt wurden, zweimal am Tage fanden Beerdigungen der in den Lazaretten gestorbenen schwerverwundeten Soldaten und der durch die Bombenangriffe gefallenen Flüchtlinge und Soldaten statt, nachdem die Namen durch die Erkennungsmarken und durch Ermittlungen bei den Angehörigen der Flüchtlinge festgestellt waren. Geistliche sprachen an den Gräbern, und in ruhigen Stunden wurden Kreuze errichtet und die Hügel mit Blumen geschmückt. Dort liegen auch viele meiner getreuen Mitarbeiter, die im Dienst um das Wohl und Wehe ihrer Mitmenschen ihr Leben dahingaben. Da gedenke ich besonders des Oberstleutnant Fritz mit seinem Stabe, der bei einem Fliegerangriff darum bemüht war, Kinder und Kranke von den Straßen in die Deckungsgräben und Bunker zu bringen. An seine eigene Sicherheit dachten er und seine Männer nicht, und so fiel er mit drei Unteroffizieren seines Stabes durch einen Volltreffer in dem Augenblick, in dem seine Aufgabe erfüllt war.


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Mit der Aufgabe des Samlandes und der Einengung des Kampfraumes in der Danziger Niederung flaute der Zustrom der Flüchtlinge und der Verwundeten merkbar ab. Wir konnten jetzt genaue Bestandsaufnahmen machen und auch einzelnen Menschen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Dabei stellte es sich heraus, daß die Zahl derjenigen, die Hela nicht verlassen wollten, nicht gering war. Die Gründe waren verschiedener Art. Zunächst waren es die eingesessenen Fischer, die nicht zu bewegen waren, Haus und Hof und ihren Beruf aufzugeben. Vielleicht mit einem gewissen Recht sagten sie sich, daß auch die Russen und Polen gerne Fische äßen, und sie deshalb hofften, der Gegner würde sie wieder fischen lassen.

Schwieriger waren schon die Fälle, in denen Flüchtlingsfamilien aus Ost- und Westpreußen nach monatelangem Umherirren nun auf Hela in irgendeiner Bretterbude oder in einem Waldbunker Zuflucht gefunden hatten. Sie hatten sich unter primitiven Verhältnissen aber doch ganz behaglich eingerichtet und wollten unter keinen Umständen ihr dürftiges Leben mit der Unruhe eines erneuten Trecks vertauschen. Die Unwissenheit über die militärische Lage und der Glaube an die Menschlichkeit der Sieger unterstützten ihren Willen, auf Hela das Ende des Krieges abzuwarten. Man wollte möglichst bald wieder in die Heimat zurück, denn da diese unschuldigen Menschen von Jalta nie etwas erfahren hatten, konnten und wollten sie nicht glauben, daß rechtlich denkende Christenvölker wie die Engländer und Amerikaner es dulden würden, daß ganze Provinzen, die seit Jahrhunderten von Deutschen besiedelt waren, nun restlos von diesen Deutschen geräumt würden. Wenn man sie auf ihr mögliches Schicksal in Sibirien aufmerksam machte, lachten sie und hielten das für „Goebbels-Propaganda”. Es war erschreckend, mit welcher Unkenntnis und mit welchem Vertrauen in den Rechtssinn der Anglo-Amerikaner diese Menschen in ihr grausames Schicksal gingen, das nur durch einen frühen Tod sein Ende fand.

Ein zwangsweiser Abtransport war weder beabsichtigt noch durchführbar, denn wer den kurzen Augenblick der Einschiffung verpassen wollte, hatte Gelegenheit genug dazu. Immerhin gelang es mit ganz wenigen Ausnahmen, die Reste der Flüchtlinge in den ersten Tagen des Mai abzutransportieren, und ebenso waren in den Lazaretten nur noch Verwundete, die nicht transportfähig waren und die von der schmalen Helafront neu eingeliefert wurden.

Vf. erwähnt hier ein persönliches Erlebnis, welches die Mentalität mancher Soldaten in den letzten Kriegstagen charakterisieren soll.

Am 7. Mai stellte der Stab der Armee v. Saucken fest, daß die mir gestellte Aufgabe erledigt sei, und erteilte mir am 8. Mai mittags den Befehl, Hela zu verlassen. Ich durfte allerdings nur fünf Soldaten meines Stabes mitnehmen. Da alle verfügbaren Schiffe bereits mit Truppen überladen waren und niemand mehr an Bord nahmen, blieb uns nur noch die früher zwischen Pillau und Neutief hin und her pendelnde Fähre übrig, die sich im Helaer Hafen eingefunden hatte. Dieses tapfere Boot hat uns trotz Seegang und russischen Fliegerangriffen, ohne Karte und Kompaß und mit einer Besatzung, die weder das Zeugnis für hohe See hatte noch die Ostsee kannte, sicher in die Kieler Bucht gebracht.


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Zusammenfassend kann gesagt werden, daß Hela das Schicksais-Sprungbrett für Hunderttausende deutscher Menschen wurde. Sie kamen hier an Land, gehetzt und geschunden, beraubt aller Habe und jeden Besitzes. Ihr Vertrauen und Glaube an die Menschheit und ihre Führung war bei der Mehrzahl verloren gegangen, und mit traurigen, leeren Augen gingen sie in ihre Ungewisse Zukunft. . . .