Nr. 89: Überblick über die Räumungsaktion im westlichen Polen (ehemals Gau Wartheland).

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Bericht des Generals a. D. Walter Petzel aus Posen.

Original, 15. Juni 1949.

Schon im Verlauf der Vorbereitungen zur „Grolmann„-Aktion während des Jahres 1944 war dem Gauleiter die kalendermäßige Vorbereitung einer planmäßigen Räumung des Warthegaues im Falle der Not angeraten worden. Dem Wehrkreiskommando kam es vor allem darauf an, zu verhindern, daß eintretendenfalls ein großes Durcheinander entstand. Für jeden Kreis mußten die Straßen für die Räumungstrecks festgelegt werden unter Freilassung der Hauptdurchgangsstraßen für die Bewegungen der Wehrmacht. Das mußte allen verantwortlichen Stellen von Partei und Verwaltung eindeutig klargemacht werden. Bei der Ideologie der Partei allerdings ein sehr heikles Thema. Schon der Gedanke an die Möglichkeit, daß die Front einmal bis in denWarthegau zurückverlegt werden könnte, war Landesverrat. Aber schließlich kam es doch zu einer Abrede und Zusage des Gauleiters, alles in dem vom Wehrkreis gewünschten Sinne vorzubereiten. Das ist wohl auch geschehen. Als die Sache nach Beginn der Russenoffensive am 12. Januar in den Bereich der Möglichkeit rückte, fanden fast täglich Besprechungen mit der Gauleitung statt. Es schien alles in Ordnung zu gehen. Aber —!

Am 12. Januar war der Staatssekretär Naumann vom Reichspropagandaministerium in Posen und hielt vor einer tausendköpfigen Zuhörerschaft eine Ansprache, in der er die Lage in den rosigsten Farben schilderte und den nahe bevorstehenden Endsieg prophezeite. Greiser betonte in seinem Schlußwort, daß kein Fußbreit Boden des Warthegaues preisgegeben würde. Es war psychologisch sehr verständlich, daß Greiser sich nun mit allen Fasern dagegen sträubte, so unmittelbar nach diesen Ausführungen den Befehl zur Evakuierung zu geben, wozu nüchterne Erkenntnis ihn drängte und was Vertreter der Wirtschaft und das Generalkommando immer wieder rieten. Schließlich fuhr er in den Ostteil des Gaues und sah den Strom der Flüchtlinge aus dem Generalgouvernement. Und da brachen wohl alle Illusionen, in denen er und alle Parteistellen bisher gelebt hatten — und die von den obersten Parteistellen immer wieder genährt wurden — zusammen. Aber auch jetzt nur halbe Maßnahmen! Am 16. Januar gab er das Stichwort „Florian Geyer”


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aus für das Gebiet ostwärts der Bl-Linie1). Das bedeutete lediglich Abtransport der Kranken, Kinder, Gebrechlichen usw. Ob der Befehl für völlige Räumung des Ostteiles vor dem 20. überhaupt gegeben worden ist, kann ich in meinen Unterlagen nicht feststellen2). Tatsächlich setzte nach dem Vorstoß der Russen auf Görnau3) am 17. abends eine regellose Flucht aus diesen östlichen Teilen ein, die sich sehr bald auch auf die westlich anschließenden Teile übertrug. Von einem Einhalten der zwischen Wehrkreis und Gau getroffenen Vereinbarungen war natürlich keine Rede mehr. Straßenverstopfungen waren die Folge, sie behinderten die Truppenverschiebungen, wie z. B. die nach Warthbrücken marschierenden Verstärkungen, die einen halben Tag zu spät dort anlangten.

Am 20. Januar vormittags erschien Gauleiter Greiser mit dein Gauleiter-Stellvertreter Schmalz und Ministerialdirektor Jäger beim Generalkommando zu einer Besprechung über die nunmehr brennend notwendig gewordene Anordnung der Räumung. Auf Grund der Erklärung des Generalkommandos, daß keinerlei Verstärkungen in Aussicht ständen und daß das Generalkommando mit seinen geringen Kräften, die obendrein zum Teil schon aufgerieben wären, nicht in der Lage wäre, den russischen Vormarsch aufzuhalten, auch in der C-Linie nicht, entschloß sich Greiser nun endlich, am 20. Januar um Mittag den Räumungsbefehl für den ganzen Gau zu geben. Aber auch er selbst verließ noch am gleichen Tage gegen 18 Uhr mit allen seinen Mitarbeitern seinen Gau und gab dadurch allen Dienststellen der Partei und der Verwaltung das Signal zur Flucht. Eine Ausnahme bildeten erfreulicherweise Oberbürgermeister Dr. Schefflet und der Polizeipräsident Montua.

Bedauerlicherweise hatte Greiser in der Eile seines Aufbruches es vergessen, die Evakuierung der Festung Posen von den Polen zu befehlen, wie es seine Pflicht gewesen wäre. Durch die Evakuierung aller Deutschen blieben schlagartig alle Fabriken und Betriebe stehen, und 150 000 polnische Arbeiter waren ohne Arbeit und ohne Lohn. Sie durften schon aus Ernährungsgründen nicht in der Festung bleiben, mit deren Einschließung man bald rechnen mußte, bedeuteten u. U. auch eine ernste Gefahr. Das Generalkommando erließ deshalb einen Aufruf an die polnische Bevölkerung, in der sie im eigenen Interesse aufgefordert wurde, Posen zu verlassen. Die Reichsbahn stellte dafür zu bestimmten Zeiten Züge zur Verfügung. Die Aktion verlief reibungslos, konnte aber wegen der Entwicklung der Feindlage nicht bis zum


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Ende durchgeführt werden. Aber auch die zurückgebliebenen Polen haben sich, von einigen fanatischen Kommunisten abgesehen, loyal verhalten. Auf dem flachen Lande begegnete man sogar oft großer Hilfsbereitschaft. Auch die Polen sahen voll banger Sorge dem Herannahen der Bolschewisten entgegen. Was Avürde die Zukunft ihnen bringen? Sie ahnten, daß es auch für sie nichts Gutes sein würde.

Durch den Abzug Greisers war auch in den Kreisen die deutsche Zivilverwaltung mit einem Schlage verschwunden. Man fühlte sich in einem polnischen Lande. Stellenweise hatten auch schon verständige Polen die Führung übernommen, um für Ordnung zu sorgen.

Die Räumung des Westteiles des Gaues vollzog sich im allgemeinen ordnugsmäßig, wenn auch hier bei früherer Ausgabe des Befehls manches Menschenleben und manches wertvolle Kulturgut hätten gerettet werden können.