Nr. 90: Vergebliche Flucht. Ermordung des Ehemannes durch die Polen in den ersten Tagen der Besetzung.

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Erlebnisbericht der Bauersfrau Marie Buchholz aus Alt-Felicjanow . Kreis Tómaszów i. Polen.

Original, 4. Januar 1952.

Da der Verkehr zwischen Polen und uns Deutschen der gleiche blieb wie vor dem Kriege, das Verhältnis also längst nicht so gespannt war wie im Warthegau, waren wir der Meinung, wir hätten nichts zu befürchten. Wir besuchten Polen, und Polen wiederum gingen bei uns ein und aus. Ja, mein Mann, der mehrmals den Posten des Bürgermeisters (Wojt) unsrer Gemeinde abgelehnt hatte, nahm diesen schließlich auf Drängen der Polen an. Wir lebten friedlich nebeneinander und merkten nicht viel vom Unheil, das bald über uns hereinbrechen sollte. Als wir am 16. Januar 1945, mein Mann feierte gerade Geburtstag, die Nachricht bekamen, daß wir weg müßten, gingen wir nach reiflicher Überlegung dennoch ans Packen. Am nächsten Tag fuhren wir ab; die auf dem Hofe versammelten Polen weinten. Nachdem wir ca. 20 Kilometer gefahren waren, mußten wir einsehen, daß es keinen Zweck hatte. Die Russen waren uns auf den Hauptstraßen schon weit voraus. So kehrten wir um. Gleich in den ersten Tagen holten die Polen alles, was nicht nagelfest war, weg. Die Deutschen wurden zu schmutzigen Arbeiten herangezogen, viele bestialisch erschlagen.

Wir wurden in den ersten Tagen etwas rücksichtsvoller behandelt. Am 3. Februar aber wurde mein Mann in unserer Wohnung von polnischer Polizei und russischen Soldaten verhaftet und in Koluszki in Gewahrsam genommen. Mein Ehemann verließ die Wohnung allein mit der Polizei und den russischen Soldaten. Wie ich am anderen Tage feststellte, wurde mein Ehemann von der polnischen Polizei zu Arbeiten verwendet. Seitdem habe ich von meinem Ehemann nichts mehr gehört, bis mir am 6. Februar 1945 von polnischen Zivilisten berichtet wurde, daß mein Ehemann vier Kilometer westlich von Felicjanów tot aufgefunden worden sei. Ich begab mich daraufhin an den bezeichneten Ort im Walde und fand meinen Mann erschossen,


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neben zwei anderen bis zur Unkenntlichkeit zugerichteten Deutschen, liegen. Es waren dies der Stellvertreter meines Mannes, Fr. Tierling, und der Bierverleger Edmund Baum. Ein paar Schritte von ihnen entfernt lagen die Leichen von neun ermordeten deutschen Soldaten. Am gleichen Tage, nachdem ich beim polnischen Kommandanten die Genehmigung erhalten hatte, begaben sich mein Schwager und mein jüngster Sohn mit einem Handwagen an den Ort des Grauens und holten den Leichnam meines Ehemannes ab. Wir wollten ihn nach Hause bringen und schnell noch einen Sarg zusammenzimmern, aber da kam die polnische Miliz dazwischen und erlaubte es nicht. So begruben wir den Leichnam so auf unserem Friedhof. Das war am 8. Februar 1945.

Im allgemeinen war es bei uns so, daß die polnische Intelligenz sich nicht recht traute, der Pöbel aber wütete und mordete. Ob schuldig oder nicht, danach fragte man nicht. Die vermögenden Deutschen oder diejenigen unter uns, die bei einer deutschen Dienststelle beschäftigt waren, wurden erschossen oder langsam zu Tode gequält. Aber auch die anderen Volksgenossen blieben nicht verschont.