Nr. 91: Flucht bis Kalisch, Überrollung durch die Russen, Rückkehr und die ersten Erlebnisse in der Heimat.

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Erlebnisbericht von Irene Kahl aus Königsbach (Bukowiec). Kreis Lodz i. Polen.

Original, 13. Juli 1952, 6 Seiten. Teilabdruck.

Am 18. Januar 1945 sind wir aus Königsbach bei Lodz/Polen, einem reinen Schwabendorf, geflüchtet. Wir kamen bis Kalisch, und dort haben uns die Russen eingekriegt, uns wurden Pferde und Wagen weggenommen, und so, wie wir standen, haben wir den Rückmarsch wieder nach Hause angetreten. . . . Auf dem Heimweg wurden wir jede l—2 km von der polnischen Miliz sowie von den Russen kontrolliert. Auf dem ersten Polizeirevier sofort fanden sie bei meiner Mutter ein Bild von meinem ältesten Bruder (als Hauptfeldwebel), da schrien sie gleich „Hitler”, da sagte der Russe zum Polen, er sollte die Pistole holen; meine Mutter sagte russisch zu ihnen — die sprach perfekt russisch — er sollte sie von hinten erschießen, damit sie es nicht sieht; ich war damals 19 Jahre alt, stand neben meiner Mutter und fing an zu weinen. Da sagte der Russe nur, sie solle keine Angst haben, er erschießt keinen, da war ich beruhigt. Nun hatten sie uns in so Kammern eingesperrt, von der einen Seite nach links ging eine Tür, und wir wurden rechts eingesperrt, aber nur alles Frauen. Die Männer kamen in eine andere Kammer, und links brannte ein helles Feuer. Nun gingen an der Wand Kanäle, und der Qualm kam von diesem Feuer in unsere Kammer. Alles fing an zu husten. Wir dachten, wir würden ersticken. Mit einmal ging die Tür offen, und man holte mich raus. Meine Mutter schrie, das half aber nichts; ich wurde vergewaltigt. Danach wurden alle rausgelassen, die Augen tränten ihnen vor lauter Qualm.

Da ging es weiter bis zur Warta1). Dort haben sie meinem Vater die Stiefel ausgezogen, die Füße waren angeschwollen, da wir ja schon acht Tage unterwegs waren und keine Stiefel aushatten. Da stellte sich ein Russe meinem Vater auf die Brust. Sie hatten ihn hingeschmissen, und der andere zog ihm


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die Stiefel aus. Ich hatte ein Kind von meiner Schwester auf dem Arm, die Schwester das andere. Nun haben sie den Kindern die Schuhe ausgezogen. Ich schaute mich um nach dem Polen, da schlug er mich mit dem Gummiknüppel über den Rücken, daß ich mit dem Kind zusammenbrach. Da hatten sie gemerkt, daß ich noch die Uhr am Arm hatte, da stürzten sich zwei Russen auf die Uhr, die hatte einen Sicherheitsverschluß und konnten es nicht offenkriegen. Beide wollten die Uhr haben, bis sie dieselbe kaputtgerissen hatten.

Von dort aus bekamen wir einen Schein und sollten uns auf dem nächsten Polizeirevier melden. Ich sagte zur Mutter: „Mutti, wenn das so weitergeht noch auf einigen Polizeirevieren, kommen wir nicht lebend nach Hause.” Zum Essen hatten wir nichts, und die Kinder schrien „Hunger”. Wir waren auf der Hauptstraße nach Litzmannstadt (Lodz). Nun kam uns ein LKW. entgegen. Ich stellte mich mitten auf die Straße und winkte. Der hielt, und ich bat ihn, uns mitzunehmen. Es waren Russen. Wir fuhren bis Ozorkow, 14 km vor Lodz. Den Kindern hatten wir Lappen um die Füße gewickelt, die wir auf der Straße gefunden haben, damit sie die Füße nicht erfroren. Mein Vater bekam ein Paar knochenhart gefrorene Schuhe und dazu eine Nummer kleiner, ohne Schnürsenkel, und so mußte sich mein Vater quälen.

Nun waren wir alle Mann (14 an der Zahl) bis Ozorkow gefahren. Dort schnappten sie uns gleich wieder auf und mußten zum Polizeirevier. Nun hatten wir durch die Fahrt 6—7 Polizeireviere überschlagen. Dort kamen wir mit den Wehrmachtsgefangenen zusammen. Dort waren ca. 100 bis 150 Mann Zivil und Wehrmacht. Wir konnten alle gut polnisch, da meine Eltern früher ein Geschäft hatten, und zuletzt hatte es mein ältester Bruder. Ich ging nach einem Polizisten und bat um Brot für die Kinder oder ging und brachte tatsächlich für je acht Mann ein Brot und für jeden einen Schluck Wasser. Da saßen wir die ganze Nacht auf dem Fußboden, aber Mann an Mann, man konnte sich nicht bewegen, so daß wir morgens steif waren. Dann sind wir transportiert worden nach Lodz, die Gefangenen vornweg, das Zivilvolk hinterher. Wir hatten die Kinder auf dem Arm und konnten nicht mitkommen. Da kam die polnische Miliz und jagte uns: „Los, los, sonst gibt's mit dem Knüppel.” 4 km vor Lodz wurden wir wieder festgehalten. Meine Mutter war so dick, die wußte gar nicht, wie mitzukommen, auch mein Vater in seinen kleinen Schuhen. Wir haben unsere Eltern dann noch so mitgezogen; denn unterwegs machten einige schlapp, die wurden mit dem Fuß in den Straßengraben gestoßen, und keiner durfte bei ihnen bleiben. Die lagen dann und waren auf sich selbst angewiesen.

Nun kamen wir nach Haus. Dort waren die Fensterscheiben ausgeschlagen, kein Möbelstück mehr in den Zimmern. Vier Tage später wurde unser Dorf von den Deutschen geräumt. Ältere Leute wurden vor einen Wagen gespannt, und zwar ganz nackt im Februar, und mußten den Wagen durchs Dorf ziehen bis zum Feuerwehrsaal. Dort sind sie reingetrieben worden, und so junge Bengels von 18—20 Jahren, natürlich Polen, haben gepfiffen und die mußten tanzen. Da waren meine Eltern auch mit bei. . . .

Zwei Tage später ging ich mit einer Freundin nach meinen Verwandten ins Nachbardorf. Als ich nächsten Tag wiederkam, waren meine Eltern weg mit noch vielen aus dem Dorf. Ich ging mich befragen, wo sie hingekommen wären. So hat man mir keine Auskunft gegeben. Ich fuhr zur Stadt nach meiner


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Schwester und gingen beide meine Eltern suchen. Die Mutter ist im Kleid weggeholt worden. Nun wollte ich ihr den Mantel hinbringen. Damit haben wir uns nachts zugedeckt, jeder mit seinem Mantel. Wir fanden aber die Eltern nirgends, in keinem Gefängnis. Zwei Wochen später kam ein Bekannter, der bei meinem Bruder im Geschäft eingekauft hat und meine Eltern gut kannte. Der war auch dort im Gefängnis. Der sollte nur Bescheid bringen, wer vom Flüchten wieder zurückgekehrt ist. Der mußte sich 24 Stunden später wieder im Gefängnis melden. Der kam zu mir so kaputtgeschlagen, daß man ihn gar nicht wiedererkannte, und sagte mir, ich sollte auf meine Eltern nicht mehr warten, die sind so geschlagen worden, daß die Mutti an den Folgen gestorben ist, und der Papa lebte wohl noch, als er rausging, aber er glaubt ganz bestimmt, daß er es nicht mehr lange aushält. Nun ist mein Papa aber noch bis vor Moskau verschleppt worden, und dort hat ihn ein Königsbacher begraben, der wiederkam.

Vfn. schildert im Anschluß noch einige Erlebnisse in der Zeit nach der Wiederherstellung des polnischen Staates.