Nr. 92: Greueltaten bei der Überrollung durch russische und polnische Partisanen, Rückkehr ins Heimatdorf, und die Leiden der Deutschen in der ersten Zeit der Besatzung.

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Protokollarische Aussagen der Sofje Jesko aus Penezniew, Kreis Turck i. Polen.

Original, 25. April 1951.

Am 18. Januar 1945 erhielten die Bewohner der Umgegend von Turek den Befehl, sofort nach Westen abzurücken. Zurückflutende Wehrmachtsteile, untermischt mit Flüchtlingen aus dem Gouvernement, hatten entsetzliche Greueltaten der Sowjets berichtet und hierdurch die allgemeine Panikstimmung noch erhöht.

Deshalb verließen wir ebenfalls fluchtartig unsere Heimat. Auf völlig vereisten, verstopften Straßen war nur noch im Schritt vorwärts zu kommen.

Westlich von Schroda wurde unser Treck plötzlich von deutschen LKWs. mit vermummten Zivilisten darauf: Männern, Frauen, Kindern überholt und wir zum Verlassen der Straße und Auffahren auf dem seitlich gelegenen Acker aufgefordert.

Sehr bald stellte es sich heraus, daß dies alles russisch-polnisch-jüdische Partisanen waren, die unsren unübersehbaren Wagenpark sofort umstellten und zu plündern begannen.

Kurz darauf trafen sowjetische Panzer ein. Ein General — ich selber spreche fließend russisch und polnisch — fragte nach der Zahl der vorhandenen deutschen Offiziere und gab den Befehl zur sofortigen Liquidierung aller irgendwie Verdächtigen.

Durch Abwerfen von Nebelbomben entstand eine entsetzliche Panik. In diesem künstlichen Nebel begann nun ein allgemeines Abschlachten, Plündern, Vergewaltigen. Man hörte die Schreie der Erschlagenen, Schießen, das Kreischen der geschändeten Frauen, die Hilferufe der Kinder und alten Leute.

Auf einem LKW. — uns gelang es im Gegensatz zu unsren nächsten Bekannten, einer Frau Natalie Lange mit ihrem Sohn und reichen polnischen


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Flüchtlingen, die hierbei ebenfalls erschlagen wurden, aus dem allgemeinen Hexenkessel zu entkommen, da wir allen Sowjets usw. erklärten, wir wären verschleppte Ostarbeiter — saß im offnen Pelz mit weißen flatternden Haaren eine alte Furie. Zu ihr stießen rohe Soldaten usw. junge verzweifelte schreiende Frauen mit ihren kleinen Kindern auf dem Arm. Diese alte Furie ergriff die Kinder und schlug sie mit dem Kopf auf die Kante des LKWs. „Engelchen!” Die zusammenbrechenden Mütter wurden weggeschleppt.

Die Nacht verbrachten wir zitternd in einem abseits gelegenen Waldwärterhaus. Nachts kam der Sohn, ein Pole, beladen mit Beute und erzählte, wie sie die zusammengeschleppten Leichen der Ermordeten hätten mit Benzin übergießen und anstecken müssen: „Wir nicht so dumm wie Hitler”, meinte er grinsend.

Wir zogen dann langsam zu Fuß in unsre Heimat zurück. Überall in den Waldstücken stießen wir auf niedergemachte Soldaten und Zivilisten, überall trafen wir Trupps von polnischen Bengeln, die mit deutschen Gewehren bewaffnet Jagd auf Versprengte machten und sich rühmten, wieviele sie schon ermordet hätten und wie sie sie gequält hätten.

Zu Hause angekommen, gingen die Verfolgungen der Deutschen, die hier geblieben oder leichtsinnigerweise zurückgekehrt waren, weiter. Die kleinste Kleinigkeit genügte, um erschossen oder nach schweren Mißhandlungen verschleppt zu werden. Das Denunziantentum blühte. Kein Deutscher hatte auch nur das geringste Recht mehr. Nacht für Nacht schleppten polnische Bengel betrunkene Russen in die Häuser, in denen sich deutsche Frauen und Mädchen befanden, oder verrieten diese in ihren noch so geschickt ausgesuchten Verstecken.

Wir Deutschen mußten nun unter menschenunwürdigen Bedingungen als Arbeitssklaven auf unsern eignen Besitzungen arbeiten. Nur wer in früheren Zeiten sich von jeglicher Politik ferngehalten, sein Deutschtum nicht andauernd provozierend in den Kriegsjahren betont hatte, konnte dies Dasein jetzt überstehen, die andern hatten einfach kein Leben mehr.

Berichterstatterin macht eine kurze Bemerkung über die Ausweisung und umreißt das allgemeine Schicksal der im Warthegau verbliebenen deutschen Bevölkerung.

Aber von all dem Erlebten war doch das Grausigste diese alte Frau, die erbarmungslos ihren Haß an den deutschen Kleinstkindern ausließ!