Nr. 93: Die Situation vor der Flucht, Treck bis vor Schrimm, Abschneiden des Fluchtweges durch russische Panzer, Rückkehr ins Heimatdorf.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Erlebnisbericht des Bauern Wilhelm Schmidt aus Kornaty (Kornau), Kreis Wresehen i. Posen.

Original, 26. September 1952, 16 Seiten, Teilabdruck.

Vf. skizziert zunächst die Zeit von 1940—1945 und fährt dann fort: Der unheilvolle 20. Januar 1945 kam. In der Nacht kam Bescheid, alle Frauen, die kleine Kinder hatten, sollten sofort packen und mittags 12 Uhr in Wreschen auf dem Bahnhof zwecks Abfahrt (Flüchten) sein. Schweren Herzens verabschiedeten wir uns von unserer Tochter Erna und Kind.


352

Bei uns übernachteten schon Flüchtlinge aus der Koniner Gegend. Früh kam Nachricht: Die Bauern alle packen, um 2 Uhr nachmittags Abfahrt Richtung Schrimm, hinter der Warthe. Wir packten unsere Habseligkeiten auf unsere Wagen und spannten zwei Pferde davor. Doch es kamen unsere polnischen Nachbarn und baten uns, doch dazubleiben. Sie wollten für unsere Sicherheit sorgen. Es kamen Gorny, Rachelski, Frau Olek, Frau Tarczewska usw. Wir überlegten uns die Sache und ließen ausspannen. Doch nachmittags fuhr unser Nachbardorf, u. a. unser Ortsbauernführer, und wir schlossen uns diesem Zuge an. Doch wegen Entlastung der Autostraße fuhren wir über Paruszewo, Gostowo, Richtung Wreschen, also auf großen Umwegen. Wir nächtigten in Jugendfeld (Mlodziejewice). Wir waren zusammen mit König, Mekling, August Ganter. Doch wie wir am Morgen 5 Uhr losfuhren, waren schon alle weg.

Am Sonntag, 21. Januar, nächtigten wir bei Schroda gegenüber dem Flugplatz; schon dröhnte Kanonendonner. Wir sahen, daß alles schon zu spät ist, und entschlossen uns, umzukehren oder abzuwarten. Wir bogen nach rechts, kamen auf leere Seitenwege und waren im Begriff, nach Trzek (Deutscheck) bei Schwersens zu Onkel Christoph zu fahren, wir hofften, er würde auf keinen Fall sein Anwesen verlassen. Doch als wir in die Nähe kamen, erzählten uns die Polen, gestern, also den Tag vorher, hätten sie gesehen, daß alle von dort wegfuhren, jedoch nicht nach Schrimm, sondern in anderer Richtung. Wir drehten um und fuhren nach Schroda, auch dort mußten wir zwei Stunden warten, um in die Reihe zu kommen, alles überfüllt. Am Ausgang der Stadt wurde gerade Wehrmacht auf Autos verladen, und ein Offizier regelte etwas den Verkehr. Er war sehr unhöflich und schimpfte, wo denn die Flüchtlinge alle hinwollten, und reihte unsere Wagen auf die Chaussee nach Kurnik — Richtung Posen, da nach Schrimm alles verstopft war.

Nachts kamen wir in Kurnik an, übernachteten dort mit Pustow, Niemeier, Orlowski und fuhren morgens 5 Uhr ab Richtung Schrimm. Es dauerte nicht lange, stießen wir auch hier auf verstopfte Kolonnen und mußten warten. Nachmittags 2 Uhr kamen wir vor Schrimm. Von weitem sahen wir schon Qualm und Rauch und Kanonendonner und hörten MG. Auf der Brücke gingen noch ganze Verbände von Wehrmacht, HJ., Autos usw. Alle diese hatten den Vorzug, und von den zusammenlaufenden Straßen wurden immer zu 10 bis 20 Wagen die Straße durchgeschleust. Doch gegen Abend, so gegen 4 Uhr, sahen wir die ersten Wagen vor uns, die schon auf der Brücke waren, machten kehrt, und schon besetzte ein kleiner russischer Tank die Brücke, und an 300 Wagen waren abgeschnitten.

Uns blieb weiter nichts übrig, als kehrtzumachen. Wir übernachteten in einem danebenliegenden HJ.-Lager, dort waren noch an 300 Gewehre, Munition, Kohlen, Lebensmittel, Kleiderkammern vollgestopft, Schuhe, Fahrradmäntel usw. Am nächsten Morgen wollten wir zurück, jedoch die Straße kilometerweit verstopft. Von Schrimm kam ein russischer Offizier in einem kleinen Tank und sagte uns, wir sollten ruhig in unsere Dörfer fahren, Rußland führt nicht Krieg gegen Zivilisten, sondern lediglich gegen den Faschismus. Wir suchten uns gegen Abend einen Feldweg und fuhren querfeldein zurück, kamen bis Santomischel; hier stießen wir auf einige russische Tanks und


353

sahen schon wieder die Sehrecken des Krieges. Zerschossene Flüchtlingswagen und Pferde, die toten Flüchtlinge hatte man schon weggeschafft. Je weiter wir kamen, desto mehr Spuren des Krieges, in Schroda brannte noch die Dampfmühle, die Zuckerfabrik, die Polen raubten die Lager und zogen schon auf ihre alten Stellen.

Bis Schroda ging noch alles so allerwege, doch hinter Schroda kamen wir durch einen Wald und stießen auf die russischen Verbände! U. a. traf ich Familie Kehlb, der sagte, vorn im Walde stehen schon die Russen, und es dauerte nicht lange, begegneten wir russischen Panzern. Die Bedienung war ausgestiegen und nahm uns zuerst die Uhren, dann Stiefel und Pferde und Lebensmittel usw., jeder brauchte etwas. Die Straßen rechts und links weggeworfene Gewehre, Radios, Fahnen, Krippen, hin und wieder ein Toter usw. Auf einmal stockte alles. Es kamen Russen und suchten Pferde, auch meine kamen dran; so kam es, daß unsere Pferde dreimal umgetauscht wurden, und zuletzt hatten wir zwei Krepierer, aber stumpf, wir kamen nicht mehr vorwärts.

An einem Wäldchen stockte wieder alles. Polnische Banden versperrten den Weg und raubten und plünderten den Wagen. Im Graben lag ein Pferd, ich lief hin, und es stand auf, gleich spannte ich einen Krepierer aus und spannte dieses vor meinen Wagen; ja, ein Stück ging und taumelte es, dann wollte es auch nicht. Bemerken will ich, es war überall ein spiegelglatter Weg, Pferde und Menschen konnten sich nicht halten. Auch unser Max mußte daran glauben; es kam ein Kosak und verlangte ein Pferd, ich beteuerte ihm, daß Max lahm und noch zu jung ist. Er legte Sattel darauf und wollte nur probieren, doch er zog los und war in wenigen Augenblicken verschwunden. Seinen 3jährigen Schimmel überließ er mir; der verstand nicht zu ziehen, ich mußte es ihm erst noch lernen. Und ein Frost zum Gotterbarmen, unter viel Mühen kamen wir nach Kroczika Wielka. Dort wurde uns ein kleiner Koffer mit sämtlichen Papieren und Dokumenten gestohlen. Die Feuerpolicen, Sparbücher, Hofkarte, Photos, arischer Nachweis, kurzum, sämtliche Dokumente.

Mit Mühe schleppten wir uns nach Wreschen. Auf Zawodzie machten wir halt und suchten so unter 20 Wagen. Doch es dauerte nicht lange, inzwischen war es dunkel geworden, kamen Russen, einer wollte dieses, der andere jenes. Die letzten Stiefel wurden mir ausgezogen, und ich bekam ein Paar Filzstiefel. Wir sahen, daß wir dort nicht bleiben konnten, und fuhren mit unserem Wagen weiter nach Wreschen. Dauernd wurden wir von Posten angehalten, und ich sagte durchweg, wir wären Polen, bis wir am Ausgang der Stadt als Deutsche erkannt wurden. Wir mußten absteigen, zuerst mußten wir alles dort lassen und zu Fuß nach Hause gehen. Als ich dann dagegen protestierte, wurde ich geschlagen, ich glaubte, ich hätte alle Zähne raus, alles vorn an der Joppe voll Blut. Der Gertrud riß ein Offizier die Brille weg und warf sie in Schnee nachts 2 Uhr. Alles wurde auf dem Wagen durchsucht, bis der russische Offizier irgendwo abberufen wurde, wir aber schnell weg, um wegzukommen. Doch jede Minute wurden wir von Posten angehalten bis vor Wilhelmsau. Dort kam eine polnische Patrouille, sie besorgte uns ein Quartier auf dem Hofe des Besitzers Wilb in Jagenau.


354

Der Morgen graute schon, wir standen auf der Ecke des Schmiedes Schieve. . . . Auf einmal kam ein russisches Lastauto mit Anhänger, alles voll Russen. Wir bemerkten schon von weitem, wie es in einem Zickzack hin und her fuhr, dieses fuhr direkt in den Flüchtlingswagen vor uns hinein, tötete Pferde, eine Frau mit Kindern und raste an uns vorbei in den Chausseegraben. Beide Autos kippten um, ein ohrenbetäubendes Gebrüll entstand.

Ich bog sofort in einen Feldweg, um nicht gelyncht zu werden, und fuhren über Jagenau. Auch dieses schöne, reiche Dorf, wie sah es aus, die Kühe brüllten vor Hunger in den Ställen, in den Stuben lag Stroh, Heu, die Tische voll Einmachgläser, halb ausgefressen, vergossen, verschüttet, die Möbel kopfgestellt, Federbetten aufgeschlitzt, ein Elend, wie Fenster und Türen zerschlagen, alles voll Russen. Weit kamen wir nicht, wir wurden wieder von Patrouillen angehalten, und ich mußte wieder vom Wagen und wurde von den Russen verhaftet. Die Frau und Tochter konnten nach Hause, doch ich verlangte einen Offizier, stellte ihm alles vor, unter anderem, daß ich aus dem nächsten Dorf bin usw. Wir fuhren über die Autostraße nach Walken (Chwalkowice) nach Staw, wo wir noch einmal bestohlen wurden, und kamen am Abend des Sonnabend in Kornaty an. Als wir bei Jahnke vorbeikamen, fiel er mir vor Freude um den Hals und jammerte, was sie dort alles erlebt haben.

Bemerken will ich, daß nicht alle geflüchtet sind, es blieben in Kornau Tietsch, Sommerfeld, Jahnke, Renz und Bittner. . . . Spät am Sonnabendabend kamen wir in unser Haus. Welcher Anblick, ein gemauerter Pfeiler vor dem Tor war umgebrochen. Marinia und Bogdan1) so schüchtern, im Hause alles durchgewühlt, es stank nach Schnaps und Russen.

Im Anschluß schildert Vf. die Zeit nach der Wiederherstellung des polnischen Staates und den Hergang der Ausweisung1).