Nr. 94: Flucht im Treck bis Czarnikau, Überrollung durch die Russen und Rückkehr ins Heimatdorf.

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Erlebnisbericht der Bäuerin Agnes Krause aus Renkawtschinek (Ännelau), Kreis M o g i l n o i. Posen.

Original, 5. August 1952, 6 Seiten. Teilabdruck.

Am 20. Januar 1945 treckte unser Dorf. In Gnesen kamen wir schon auseinander. Dort waren die Straßen schon so überfüllt, daß man nach langem Stehen nur schrittweise weiterfahren konnte. Wir kamen noch die Straße nach Obora raus, wo wir ungefähr 2 Uhr nachts ankamen. Dort wurde Rast gemacht, die Pferde zu füttern. Da mein Mann Mitte Januar zum Volkssturm einberufen wurde, fuhr ich selber einen Wagen und unser Deputatmann den zweiten Wagen. Bei mir auf dem Wagen hatte ich außer Lebensmitteln und Wäsche auch noch meine rheumakranke Schwester Elsa Lorke, 59 Jahre alt, in Pelz und Betten eingepackt liegen. Auf dem zweiten Wagen fuhr noch die Schwester von meinem Mann, Lina Krause, 52 Jahre alt, mit. Da hatte ich außer Sachen das Futter für die Pferde mit. Da hab ich schon drauf geachtet, daß unsre Wagen hintereinander fuhren.


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Hinter Wongrowitz hatten wir Sonntag zu Montag in der Nacht die Pferde paar Stunden in einem Stall zum Füttern untergestellt. Wie die Fahrt dann Montag früh weiterging, kam der zweite Wagen nicht gleich hinterher. Da hielt ich solange an, damit kein anderer Wagen dazwischen kam. Da war meine Schwägerin allein auf dem Wagen und sagte: „Der Juszak fährt nicht weiter mit.” Ein Stück kamen wir noch gemeinsam weiter. Dann war meine Schwägerin mit dem Wagen hinter einem Baum festgefahren, Rad kaputt. Da hoben wir dann noch das Wichtigste auf meinen Wagen, die Pferde abgespannt, der Wagen blieb liegen. Man sah auch umgekippte Wagen im Graben liegen, auch tote Menschen und Pferde. Wir fuhren dann über Rogasen weiter. Den andern Tag traf ich zufällig meinen Mann. Die Volksstürmer waren beauftragt, ihre Familien zu führen.

Eine Nacht sind wir dann noch gefahren. Dann waren wir vor Scharnikau. Da die Pferde schon schlapp waren, haben wir bei einem großen Hof haltgemacht und Futter geholt. Es standen dort viele Wagen, um die Pferde zu füttern. Mein Mann war ins nächste Haus gegangen, um heißen Tee zu bestellen. Wie der Wagen und Pferde fertig waren zum Weiterfahren, ging ich auch in das Haus, um meinen Mann abzuholen. Da mußten wir noch etwas warten. Wie wir dann gehen wollten, setzte plötzlich Maschinengewehrfeuer ein. Wir mußten alle Deckung nehmen. Wie die Russen dann ins Haus kamen, durfte keiner rausgehen, wurden alle nach Uhren und Ringen durchsucht. Sonst haben sie uns nichts gemacht, nur Uhr und Ringe weggenommen. Wie wir dann rausgehen durften, brannten viele Häuser in der Stadt. Auch angebrannte Wagen mit einem toten und einem lebenden Pferd konnte man sehen. Aber von der Stelle, wo unser Wagen stand, war nichts zu sehen. Die Pferde sind wohl den andern Wagen nachgegangen, wie die Schießerei losging. Meine Schwester und Schwägerin waren auf dem Wagen, habe bisher nichts feststellen können über ihren Verbleib.

Eine Nacht waren wir dann noch in Scharnikau. Da hatten die Polen dann schon ihre Wachen ausgestellt. Die Männer wurden alle verhört. Dann hieß es, jeder soll wieder zurück nach Hause. Im nächsten Dorfe haben wir dann auch noch Flüchtlinge angetroffen, die noch mit ihrem Wagen auf der Rückfahrt waren. Mit einem Bessarabien-Ehepaar sind wir dann noch bis vor Elsenau zusammen gewesen. Die Hauptstraßen konnte man gar nicht fahren. Da fuhr das russische Militär uns entgegen. Die guten Pferde nahmen sie gleich vom Wagen weg und gaben solche, die nicht mehr gut vorwärts konnten. Da haben wir in einem Dorf, wo die Deutschen alle weg waren, Rast gemacht auf zwei Tage. Da waren noch viele, die auf der Rückfahrt waren. Denn es war grad solch Schneetreiben gekommen, daß man gar nicht vorwärtskam.

Wie es dann weiterging, wurden die Pferde noch wieder umgetauscht. Es gab noch oft Hindernisse auf der Reise. Vor Rogasen mußten auf einem Gut die ganzen Sachen vom Wagen geladen werden. Die Polen haben sich dann ausgesucht und genommen, was sie wollten. Es blieb nicht viel übrig für das alte Ehepaar. Mit dem Wagen mußte dann mein Mann und noch paar andre Männer die toten Menschen, die am Wege lagen, aufladen und zum Friedhof fahren. Am Abend konnte dann der Rest von den Sachen auf den Wagen geladen werden.


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Die Fahrt ging weiter. Haben dann in einer Scheune genächtigt, da es wieder Schneetreiben war. Fast in allen Dörfern wurde dann der Wagen von Polen angehalten und untersucht, ob auch Schußwaffen drauf waren.

Am 7. Februar waren wir dann in unserm Heimatdorf Ärmelau, Kreis Mogilno, angekommen. Wie wir vor Abend ankamen, wurde mein Mann von den Posten, die im Dorfe waren, gleich aufgefordert, mitzugehen in die Schule, das war Kommandantur, zum Verhör. Dort wurde er sehr geschlagen aus Rache, daß mein Mann dafür sorgen sollte, daß um 22 Uhr jeder Pole zuhause sein sollte.

Am selben Abend mußte er noch nach Gembitz 8 km weit laufen zum Wotostwa1). War dort die Nacht durch mit paar Männern aus Gembitz in einem kleinen Raum. Wurde am nächsten Tag verhört. Da sie nun nichts Feindliches rausgefunden haben, kam er mittags zurück.

Dann schildert Vfn. ihr Leben in der Zeit nach der Wiederherstellung des polnischen Staates und geht abschließend auf das Verhalten der Polen im Jahre 1933 ein.


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